Im Schatten der Mauer

Liste Rechtzeitig zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls in Berlin, hat der "Guardian" eine Liste der zehn besten Bücher über die Berliner Mauer veröffentlicht

Mit dem Entrollen von Stacheldraht begann am 13. August 1961 um ein Uhr in der Frühe der Bau der Berliner Mauer, die die Stadt für mehr als ein Vierteljahrhundert teilen sollte. Am 9. November werde ich anlässlich des 20. Jahrestages ihres Falls vor Ort sein. Unabhängig davon, ob auch Sie in der Stadt sein werden oder nicht, können Ihnen die folgenden Bücher ein besseres Verständnis von der Geographie, der zugrunde liegenden Geschichte sowie des Kollateralschadens vermitteln, den dieses Monument der Perversionen, zu denen die Menschheit fähig ist, verursacht hat.

Den Anfang macht für mich Frederick Taylors Die Mauer, weil hier die Einzelheiten, die zu Bau und Abriss der Mauer geführt haben, in großartiger Manier dargestellt werden. Dieses lebhafte und zum Nachdenken anregende Buch ist ein Muss, wenn man das geteilte Berlin nicht nur über Politgrößen wie Willy Brandt, John F. Kennedy und Lyndon B Johnson kennen lernen will, sondern auch durch die Massen derjenigen, die eines Morgens erwachten um festzustellen, dass Freunde, Nachbarn und sogar Familienangehörige plötzlich eine Welt entfernt waren.

Die mit Zwölf Jahre überschriebenen Erinnerungen des jüdisch-amerikanischen Kommunisten Joel Agee an seine Kindheit im Vor-Mauer-Berlin, veranschaulichen, was „drüben“ alles anders war und mit welcher Verachtung man Republikflüchtlingen begegnete. Als er 1960 Deutschland verließ, hat der ehemals begeisterte Kommunist bereits den Schmerz und das Pathos erfahren, mit dem seine Mutter und sein Steifvater sich in einer Partei einsetzen, die außer ihren überzeugtesten Anhängern bereits alle enttäuscht hatte.

Das bereits geteilte Berlin vor dem Bau der Mauer steht in Unschuldige im Mittelpunkt. Die Teilung ist hier ebenso sehr ein Hauptdarsteller wie der junge englische Protagonist des Romans. Ausgehend von der wahren Geschichte eines gemeinsamen Überwachungsprojektes von CIA und MI6, hat Ian McEwan eine äußerst spannende Spionage-Geschichte geschrieben, die gleichzeitig eine ätzende Erzählung von verlorener Unschuld und der Unzuverlässigkeit von Naivität ist. Sein Berlin ist so korrumpiert wie korrumpierend, der West wie Ost gleichermaßen.

Meisterspion Bernie

Weil er so ein verdammt guter Geschichtenerzähler ist, vergebe ich Len Deighton seine ärgerliche Angewohnheit, die Erzählung der Vorgeschichte eines Romans in Form gekünstelter Gespräche („Erinnerst Du dich, als wir damals ...?“) einzuleiten. Von mehreren in Berlin angesiedelten Büchern ist Berlin Game eines seiner fesselndsten. Meisterspion Bernie Samson passiert mehrfach in beide Richtungen die Ostberliner Kontrollposten, weil er plant, einen Agenten aus dem Ostteil herüberzuholen und herausfinden will, wer in aufs Kreuz legen will. Einer muss verlieren, aber das ist bei dieser gerissenen, sarkastischen Erzählung ganz bestimmt nicht der Leser.

Einige sind geblieben, einige sind gegangen, einige starben, als sie es versuchten. Peter Schneiders Der Mauerspringer erzählt im vielleicht besten Mauerroman, der je geschrieben wurde, ihre Geschichten. Der im Westteil der Stadt lebende Erzähler bekennt, dass er sich in New York besser zurechtfinden würde als in jener Halbstadt, die nur etwas mehr als fünf Kilometer von seiner Wohnung entfernt liegt. Das 1982 erschienene Buch zeichnet ein fesselndes Porträt einer Stadt und ihrer Bewohner, die von physischen wie mentalen Mauern gleichermaßen umgeben sind.

Anna Funders kam aus Australien nach Berlin, um Mauerveteranen zu treffen. Während die Subjektivität von Stasiland nicht jedermanns Geschmack ist, versetzt es mich in Erstaunen, wie elegant sie es versteht, die Interviews miteinander zu verflechten. Von politisch unterdrückten Musikern wie dem späten Klaus Renft bis hin zum ehemaligen Stasi-Offizier, der den ruhmreichen Tagen seiner Festung in der Normannenstraße nachtrauert, erzählen Ostberliner davon, wie es war und ist – das ist manchmal amüsant, manchmal aber auch tief traurig.

Osten ist Osten, aber der „Osten des Westens“ war und bleibt Kreuzberg. Zwei hier angesiedelte Romane spielen in der Zeit, die dem schicksalsschweren neunten November unmittelbar vorausgehen.

Die Russendisko

Philip Henschers Pleasured ist die ätzende Saga eines enttäuschten jungen Mannes, dessen Leben sich verändert, als er einwilligt, einem britischen Weltverbesserer dabei zu helfen, die Revolution im Osten mittels Ecstasy-Verkauf loszutreten. Während die beiden ungleichen Teile Berlins auf ihre Vereinigung zurasen, bringt ihm die Sache mehr ein, als er sich ursprünglich gedacht hat – eine tragisch-komische Geschichte von Verlust und Erlösung.

Auf der andere Seite scheint den trinkfesten Figuren in Sven Regeners Herr Lehman gar nicht bewusst zu sein, dass sie im Schatten der Mauer leben. Die Coming-of-Age-Geschichte eines typischen Berliner Bummelanten im Jahr 1989 wirft einen Blick auf das Leben junger Westberliner, die keine Ahnung davon haben, wie sehr die Mauer ihr Leben bestimmt.

Schließlich gibt es da noch zwei Nach-Mauer-Bücher, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Die Akte von Guardian-Kolumnist Timothy Garton Ash und Russendisko von Wladimir Kaminer. Als Garton Ash nach 15 Jahren nach Berlin zurückkehrt und seine Stasi-Akte verlangt, wird sie ihm mit den Worten überreicht: „Sie haben eine sehr interessante Akte.“ Daran hängt eine Geschichte und wir begleiten ihn beim Entschlüsseln der Einträge und springen mit ihm zwischen seinem früheren Leben als studentische Hilfskraft und den späteren Konfrontationen mit seinen Freunden und Kollegen, die Informationen über ihn weitergeleitet haben, hin und her.

Kurz bevor Garton Ash nach Berlin zurückkehrte, siedelte Kaminer von Russland nach Berlin über. Später wurde er der berühmteste DJ der Stadt und ein erfolgreicher Buchautor. Ein höflich-sarkastisches Russendiskobesteht aus einer Sammlung verschrobener Skizzen, die man nicht besser zusammenfassen kann als mit dem Untertitel: „Geschichten vom alltäglichen Wahnsinn auf den Straßen Berlins“. Das Berlin, das hier beschrieben wird, kommt dem trendigen und doch immer noch kantigen Ostteil der Stadt, wie er heute noch existiert, von allen am nächsten.

Witzig, wütend, gefühlvoll und bewegend lassen diese Bücher wie die paar Stücke, die noch in der Stadt herumstehen, die Mauer real und ihren Fall zum Anlass einer Feier werden, die man nicht verpassen sollte.


Übersetzung: Holger Hutt
10:10 06.09.2009
Geschrieben von

Suzanne Munshower, The Guardian | The Guardian

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