Im Staub der Smaragde

Afghanistan Afghanistan ist reich an Mineralien oder Edelsteinen - eine Alternative zum Drogenanbau. Doch das Schürfwesen ist improvisiert, die meisten Steine werden zerstört

Eine Zigarette im Mundwinkel zieht Zubair Amin lässig eine Plastiktüte hervor. Fünf Kilo hochexplosiven Materials befinden sich darin, er schippt ein paar Handvoll davon heraus, um es dann über einer Gaslampe auf einer Metallschaufel zu erhitzen. Eine leicht entzündbare Mischung alter russischer Munition und pakistanischen Düngers aufzuwärmen wäre überall ein gefährliches Unterfangen. Am Ende eines langen Tunnels in den afghanischen Bergen ist es fast selbstmörderisch.

Nachdem die Mixtur die richtige Temperatur erreicht hat, in ein in den Fels gebohrtes Loch gestopft und mit einer kurzen, 45-Sekunden-Zündschnur versehen ist, drehen drei Smaragd-Gräber sich um und rennen einen etwa anderthalb hohen und mehrere hundert Meter langen Tunnel entlang, um vor der Explosion aus der Mine zu entkommen.

Geologen sind entsetzt

Die Schockwellen der Detonation überrollen das atemberaubende Berg-Panorama draußen, die Minenarbeiter drücken die Trommelfelle ihrer Ohren schmerzhaft ein. Hier, wo Minenunfälle nicht selten tödlich enden, scheint sich um Tinitus niemand Gedanken zu machen. „Mein Bruder wurde in der Mine getötet, als er zurückging, um eine Bombe zu überprüfen, die nicht explodiert war“, erzählt Faisal Sherzad. „Die Lunte war kaputt.“

Der improvisierte Abbau von Smaragden im Hindukusch, die in ihrer Qualität denen, die Kolumbien geborgen werden, kaum nachstehen, würde nicht nur westlichen Sicherheitsspezialisten Herzrasen verursachen. Auch Geologen sind entsetzt. Nachdem der Staub sich gelegt hat und der Geröllschutt hinaus gekarrt wurde, wird der zerbröckelnde Fels abgetragen und auf Spuren der kleinen grünen Steine untersucht. Traurigerweise erkennt auch das ungeschulte Auge, dass die angeschlagenen grünen Bruchstücke von geringer Qualität sind. Durch die heftigen Explosionen bekommen die Smaragde tausende Mikrorisse und verlieren jene Transluzenz genannte Qualität, die die Edelsteinhändler so sehr schätzen. Der Einsatz von Hochleistungspressluftbohrern tut sein Übriges.

Millionen Dollar wert

Die US-Beamten, die daran arbeiten, eine nicht-militärische Lösung des Konfliktes in Afghanistan zu finden, sehen die jahrelang vernachlässigten Minen als Quelle für Arbeit und Wohlstand. General David McKiernan, Kommandeur der ISAF-Schutztruppe für Afghanistan, betont immer wieder, um die Aufstände der Taliban zu untergraben, sei es von grundlegender Bedeutung, Arbeitsplätze für die jungen Männer Afghanistans zu schaffen. Sophia Swire, eine britische Beraterin der United States Agency for International Development (USAID), der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit, warnt freilich, unkontrollierter Bergbau könne zum Einsturz des Berges führen.

Dank der archaischen Techniken bleiben die Erträge der Minenarbeiter mager, auch wenn sie hoffen, eines Tages den großen Fund machen – schon ein paar wenige klare Edelsteine können Hunderttausende von Dollar wert sein. Der Bergbau behherscht inzwischen die ansonsten landwirtschaftlich geprägte regionale Wirtschaft. In der nächsten Stadt – ein dreistündiger Abstieg vom Berg entfernt – ist der Basar voller Läden, die billige chinesische LED-Lampen, Lunten, Spitzhacken und Zündstoffe verkaufen.

Die Smaragd-Vorkommen, die den Anwohnern zufolge in den siebziger Jahren von einem jungen Schafhirten entdeckt wurden, sind nur ein Teil der breiten Mineraliendepots Afghanistans, zu denen auch Eisen, Kupfer, Öl, Gas und kostbare Edelsteine zählen. Beim Zusammenstoß der indischen tektonischen Platte mit der eurasischen Landmasse vor ungefähr 35 Millionen Jahren entstand nicht nur die bergige Topographie, der Afghanistans, sondern eben auch jener riesige, bislang unerschlossene Rohstoffreichtum. Der Smaragd-Gürtel erstreckt sich über Afghanistan und Tadschikistan vom Iran bis nach Pakistan. Im pakistanischen Swat-Tal haben die Taliban die Minen in Beschlag genommen und beuten sie rund um die Uhr aus, um ihre Aufstände zu finanzieren.

Bergbaukurse im Panschir

Gary Bowersox, ein amerikanischer Edelsteinjäger, der 1972 erstmals auf der Suche nach wertvollen Steinen in Afghanistan unterwegs war, schätzt, dass die Smaragde 200 Millionen Dollar wert sein könnten, wenn sie mit der gebotenen Vorsicht abgebaut würden. Eine nicht unerhebliche Summe für ein Land, dessen Bruttoinlandsprodukt (die illegalen Opiumeinnahmen nicht eingerechnet) 2008 bei zehn Milliarden Dollar lag. USAID schätzt, dass Rubine, Smaragde, Saphire und Lapislazuli zusammen 300 Millionen Dollar pro Jahr wert sein könnten. Während des Dschihads gegen die sowjetischen Truppen in den achtziger Jahren waren die Minen eine wichtige Geldquelle für den berühmten Mudschaheddin-Führer und Warlord Ahmad Schah Massoud.

Bowersox, der während der Dschihad-Jahre Bergbaukurse im Panschir-Tal abhielt, sagt auf eine gewisse Art hätten die Bombardierungen seinerzeit sogar geholfen: „In einigen der Bombenkratern haben wir jede Menge Kristalle gefunden. In gewisser Hinsicht haben die Russen Massoud also finanziert.“ Nicht detonierte russische Sprengkörper wurden und werden von den Minenarbeitern, die diesen die Zündstoffe entnehmen, als „Geschenke des Himmels“ betrachtet.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Geschrieben von

Jon Boone, The Guardian | The Guardian

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