Im Zeichen der Abstiegsangst

US-Präsidentschaftswahl Die weiße Mittelschicht ist tief verunsichert. Donald Trump hat das für seinen Siegeszug genutzt

Man könnte den Abend den Auftakt von Pussygate nennen. Donald Trump hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts gewonnen. Seinen ersten Sieg im Wettkampf um die republikanische Präsidentschaftskandidatur würde er erst 24 Stunden später feiern. Der Tag vor der Wahl war ein eisiger Montag im Februar, draußen tobte ein Schneesturm, drinnen stand „the Donald“ in einer voll besetzten Halle in Manchester, New Hampshire. Nach einem Monolog, der sich von seiner TV-Karriere bis in die herrlichen Zeiten erstreckte, die anbrechen würden, wenn er erst im Weißen Haus säße, kam Trump auf die Unzulänglichkeiten seiner Rivalen zu sprechen. Als er gerade Senator Ted Cruz dafür geißelte, dass dieser sich nicht genug für die Foltermethode des Waterboardings begeistere, schrie eine Frau aus dem Publikum vor der Bühne: „Er ist eine Pussy!“

Trump tat erschrocken, er trat ein paar Schritte vom Rednerpult zurück, ehe er, wie unter Zwang, die Beleidigung für die Kameras wiederholte: „Sie hat gesagt, er ist eine Pussy. Das ist furchtbar. Meine Dame, ich muss Sie tadeln.“ Er sprach im Ton eines lockeren Lehrers, der durch die übliche Disziplinierungsroutine geht. Und damit sicherte Trump sich einmal mehr die Schlagzeilen. In allen Talkshows und Nachrichtensendungen wurde sein obszöner Ausrutscher sogleich heftig diskutiert, und wie immer, seit Beginn seiner Kampagne im Juli 2015, war Trump der Star.

Zugleich sendete er an diesem Abend sein wichtigstes Signal aus – dasselbe, das er immer sendet, ob er nun gegen politische Korrektheit im Allgemeinen wütet oder ein vermeintliches Tabu bricht. Ob er sich über Behinderte lustig macht, Frauen nach ihrem Aussehen beurteilt, mit seinem Reichtum prahlt oder ankündigt, wenn er das Sagen habe, würden einem die Verkäufer im Laden wieder „frohe Weihnachten“ statt „schöne Feiertage“ wünschen. Stets lautet seine Botschaft: Ich stehe außerhalb des Systems. Ich halte mich nicht an die Vorgaben. Ich bin anders.

Skandale verkaufen sich gut

Warum ist diese Strategie so wirkungsvoll? Wie konnten Trumps Ausfälle ihm endlose Medienpräsenz und Millionen von Wählerstimmen einbringen? Ein Teil der Faszination erklärt sich aus den Gesetzen des Showbusiness. Skandale verkaufen sich einfach gut. Und das weiß Trump seit den 80ern, als er sich erstmals zum Dauerthema New Yorker Klatschzeitungen machte. Einen gewissen, oft unterschätzten Anteil an der Trump-Formel hat auch der Humor. Der Mann ist lustig – in seiner Art, zu reden, in seiner Art, seine Gegner zu verhöhnen.

Die Hauptkomponente der Trump-Formel bildet aber der Nervenkitzel, den er beim Publikum auslöst, wenn er es wagt, gegen die Spielregeln zu verstoßen. Gerade Wähler, die Politik für ein abgekartetes Spiel halten und sich selbst darin als ewige Verlierer sehen, ergötzen sich am Spektakel eines selbsternannten Außenseiters, der antritt, die alte Ordnung umzustürzen und etwas Neues an deren Stelle zu setzen.

Für seine Anhänger ist Trumps Neigung, auf Umgangsformen zu pfeifen, der Nachweis seiner Aufrichtigkeit. Wenn er sich traut, üble Sprüche über das Gesicht der Politikerin Carly Fiorina zu machen, wird er doch ebenso hart mit einer US-Firma ins Gericht gehen, die ihre Fabriken nach Mexiko verlegen will. Dieser Logik nach ist Trump derjenige, der die Wahrheit ausspricht. Ein bizarres Etikett für einen überführten Dauerlügner – einen Mann, dessen Unehrlichkeit so erschöpfend belegt ist wie bei noch keinem anderen Präsidentschaftsanwärter in der Geschichte der USA.

Trumps Fanbasis aber ist überzeugt, dass sie selbst seit Jahrzehnten vom Establishment belogen wird. Wenn also die etablierte Politik und die Medien Trump der Lüge bezichtigen, glauben seine Fans das entweder nicht – oder es ist ihnen egal. Und Hillary Clinton, gegen die Trump nun antritt, verkörpert das politische Establishment wie niemand sonst. Uns steht deshalb der schmutzigste US-Wahlkampf seit Menschengedenken bevor. Selbst wenn Trump am Ende dabei nicht als Sieger dasteht, hat er doch gezeigt, dass er mit seiner Masche einen großen Teil der Bevölkerung überzeugen kann. Mit dem Schaden, den diese Entgrenzung anrichtet, wird die US-Gesellschaft unabhängig vom Ausgang der Wahl noch lange zu kämpfen haben.

Plötzlich moderate Töne

Für Trumps Verhältnisse war der Tonfall, den er nach der Bluttat von Dallas anschlug, sehr gemäßigt. Er drückte seine Bestürzung über die Ermordung von fünf Polizisten und die Verwundung weiterer sieben aus – genauso wie seine Trauer über „den sinnlosen Tod“ der zwei schwarzen US-Bürger, die in Louisiana und Minnesota von Polizisten getötet worden waren. Eine Abfuhr holte er sich anschließend vom Polizeipräsidenten seiner Heimatstadt New York. Trumps Team hatte angefragt, ob man zusammen eine Pressekonferenz abhalten könne. Der Polizeipräsident ließ öffentlich wissen, dass er sowohl Trump als auch Hillary Clinton gern hinter verschlossenen Türen über die Arbeit der Polizei informiere, aber zu deren Aufgaben gehöre es nicht, den Kandidaten zu öffentlichkeitswirksamen Pressefotos zu verhelfen.

Trumps Wahlkampfberater sind bemüht, auf die Ereignisse von Dallas anders zu reagieren als noch auf den Amoklauf in einem Homosexuellen-Club in Orlando Anfang Juni. Dort hatte ein muslimischer US-Bürger mit afghanischen Wurzeln 49 Menschen erschossen. Trump sagte seine am Tag darauf geplante Rede nicht ab, sondern nutzte sie zu einer hasserfüllten Tirade gegen Muslime – was mittlerweile auch in Trumps eigenem Lager als großer Fehler angesehen wird, wie die New York Times berichtet. Normalerweise polarisieren die Kandidaten im Vorwahlkampf stärker, um sich von innerparteilichen Konkur-renten klar abzusetzen, während sie im eigentlichen Wahlkampf zwischen den zwei ausgewählten Bewerbern der großen Parteien versuchen, mit einer ausgleichenderen Art auch unentschiedene Wähler in der Mitte zu erreichen. Bei Trump dürfte dieser Wandel aber sehr schwierig werden, da seine Anhänger ihn gerade für die polarisierende und jeden Kompromiss verachtende Art lieben. Jan Pfaff

Die Wut seiner Anhänger, die Trump so geschickt zu nutzen versteht, richtet sich nicht nur gegen bestimmte politische Akteure oder die aktuelle Wirtschaftslage. Es ist eine Wut auf den Staat selbst. Und diese Wut beschränkt sich nicht auf die USA: Rund um die Welt kocht sie gerade hoch, und fast immer behaupten ihre Wortführer, sie sprächen für das Volk und für die wahre Demokratie. Dahinter steht aber die Drohung einer Revolte gegen eben jene Normen und vereinbarten Grenzlinien, die eine Demokratie erst möglich machen.

Am Tag nach Pussygate triumphierte Trump bei den Vorwahlen in New Hampshire mit 20 Prozentpunkten Vorsprung. Die Experten blieben unbeirrt: Bald würde bei ihm die Luft raus sein, und die republikanischen Wähler würden sich um einen anderen Bewerber scharen, sagten sie. Der wachsenden Unzufriedenheit in den reichen westlichen Demokratien zum Trotz waren es bisher am Ende ja doch Leute wie Barack Obama und Angela Merkel, die die Wahlen gewannen.

Aber mit dieser Haltung unterschätzt man das Gewicht, das Populisten und Demagogen in der demokratischen Welt mittlerweile haben. Die Beispiele sind fast zu zahlreich, um sie aufzulisten: In Indien, der größten Demokratie der Welt, regiert ein Hindu-Nationalist mit ausgeprägt autoritären Neigungen. Die Türkei ähnelt seit 2002, als Recep Tayyip Erdoğans AKP mit einem Erdrutschsieg über die etablierten Parteien an die Macht kam, von Jahr zu Jahr mehr einer Diktatur. In Frankreich darf sich Marine Le Pen mit der Blut-und-Boden-Ideologie ihres Front National Hoffnungen aufs Präsidentenamt machen, in Ungarn ist Viktor Orbán mit einer solchen Agenda Premierminister geworden. Ihm wiederum eifert in Polen die Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ nach.

Die deutsche AfD, die „Volksparteien“ in der Schweiz und in Dänemark, die „Schwedendemokraten“ mit ihren Neonazi-Wurzeln, die ehemaligen „Wahren Finnen“, der niederländische Islamhasser Geert Wilders: Die Figuren und Hintergründe unterscheiden sich, doch all diese Parteien und Kandidaten nähren sich von der gleichen Verdrossenheit. Sie richten sich an Menschen, die sich von der herkömmlichen Politik im Stich gelassen fühlen, sich wirtschaftlich oder kulturell ins Abseits gedrängt sehen. Ihre Löhne sinken, ihre Jobs werden ins Ausland verlegt – oder sie erleben, wie ihre Nachbarschaft sich wandelt und diversifiziert. Zwei Jahrzehnte intensivierte Globalisierung haben Gewinner und Verlierer hervorgebracht. Und es sind vor allem Letztere, die nun den Populisten zulaufen.

Deren Flagge kann auch tiefrot sein. Von Bernie Sanders bis Podemos, von Jeremy Corbyn bis Syriza reicht die Bandbreite linker Kräfte, die sich populistischer Rhetorik bedienen, sich zu Fürsprechern einer unterdrückten Mehrheit gegen eine korrupte politische und ökonomische Elite aufschwingen. Viele dieser Populisten, ob rechts oder links, begnügen sich nicht mit der Haltung, die Regierung habe versagt und nun müsse die Opposition ans Ruder kommen. Sie bestehen darauf, dass das gesamte politische System am Ende sei.

Hohles Versprechen

Deshalb wütet auch Trump ebenso gegen Republikaner wie gegen Demokraten. Und Pussygate ist, wie die lange Reihe seiner weiteren Verstöße gegen die gesellschaftlichen Benimmregeln, nichts anderes als ein Symbol für den totalen Bruch mit einem vermeintlich gescheiterten System.

Am besten funktioniert die Masche bei einem Publikum, das Trumps Botschaft nicht nur zustimmt, sondern sie am eigenen Leib spürt. Seine ergebensten Fans sind jene, die salopp die „wütenden weißen Männer“ oder respektvoller „weiße Arbeiterklasse“ genannt werden. Ihre wirtschaftliche Enttäuschung ist messbar. Zwischen 1998 und 2013 ist das Vermögen der US-Arbeiter im Durchschnitt um erschütternde 53 Prozent gesunken, während zugleich das wohlhabendste Zehntel der Bevölkerung um 75 Prozent reicher wurde. Das alte Versprechen des amerikanischen Staats an seine Bürger – wenn du hart arbeitest und dich an die Spielregeln hältst, wirst du ein gutes Leben haben – scheint nur noch hohles Gerede zu sein.

Doch das ist nur die eine Seite des Verrats, den die wütenden weißen Männer empfinden. In den vergangenen beiden Jahrzehnten sind die USA gesellschaftlich immer liberaler geworden. Die Haltungen gegenüber ethnischer Vielfalt, Gleichberechtigung der Geschlechter und Sexualität haben sich gelockert, und zwar besonders unter den jungen und gut ausgebildeten Amerikanern. Die Folgen sind nicht zu übersehen – ein Schwarzer regiert heute im Weißen Haus und der Oberste Gerichtshof legalisierte vergangenes Jahr die gleichgeschlechtliche Ehe.

Für viele Trump-Anhänger sind diese Entwicklungen tief verstörend. Eine Gesellschaft, in der Schwarze und Schwule den gleichen Stellenwert haben wie heterosexuelle Weiße, verstößt für sie gegen die Werte, mit denen sie aufgewachsen sind. Früher war der weiße amerikanische Arbeiter zwar auch arm, aber er hatte noch den Trost, dass andere in der sozialen Hierarchie unter ihm standen. Er galt mehr als der Schwule, mehr als jemand mit dunkler Hautfarbe, mehr als eine Frau. Diese Gewissheit ist er nun ebenso los wie den Job und das Eigenheim.

Der Zorn dieser Männer richtet sich ebenso sehr gegen Republikaner wie gegen Demokraten. Schließlich bestand zwischen der republikanischen Partei und der weißen Arbeiterklasse seit Nixons Tagen eine Übereinkunft: Ihr gebt uns eure Stimmen, wir kümmern uns um eure „Werte“ – in Sachen Gott, Waffen, Homosexuelle, Schwarze. Wir sichern uns so die Mehrheit, um niedrige Steuern für die Reichen und Deregulierung für die Konzerne durchzusetzen. Ein Programm, das für euch Nachteile hat, aber hey, ihr habt ja eure „Werte“.

Jahrzehntelang zahlte sich dieser Deal für die Republikaner aus: Man denke nur daran, wie die bibeltreuen Wähler, viele aus dem produzierenden Gewerbe, 2004 in Ohio auf die Barrikaden gingen, um die Homo-Ehe zu verhindern, und nebenbei George W. Bush die Wiederwahl sicherten. Für sie selbst war das kein gutes Geschäft. Inzwischen haben sie ihre Jobs verloren, und ihre konservativen Schutzherren haben die Welle des gesellschaftlichen Wandels nicht aufgehalten. Diese Leute stecken finanziell in der Klemme und erkennen die Welt um sich herum kaum wieder. Daraus ziehen sie den Schluss, dass beide großen Parteien versagt hätten – sprich: dass das System selbst gescheitert sei. Also wenden sie sich jemandem zu, der außen steht und verspricht, das System zu zerstören.

Die zornige Überzeugung, dass die Demokratie diejenigen im Stich lasse, denen sie dienen soll, beflügelt nicht nur Trump, sondern populistische Bewegungen rund um die Welt. Man denke an die Brexit-Kampagne oder Viktor Orbáns berüchtigte Aussage, er wolle aus Ungarn einen „illiberalen Staat“ machen. Ein Grund, warum Trump bedrohlich wirkt und nicht bloß clownesk, sind die Hinweise, dass er nicht nur dem Zweiparteiensystem in den USA feindselig gegenübersteht, sondern den Grundfesten der liberalen Demokratie selbst: der Gewaltenteilung, die den Mächtigen Grenzen setzt; den unabhängigen Medien, die denselben Zweck erfüllen; und der vernunftbasierten Gesprächskultur, die gesellschaftliche Debatten möglich macht.

Trump präsentiert als Lösung für alle Probleme sich selbst. Der starke Mann, bereit, mit Bürokratie und Komplexität kurzen Prozess zu machen und, wenn nötig gewaltsam, alles zu verbessern, was ihm schlecht erscheint. Eine ständige Androhung von Gewalt begleitet seine Kampagne. Er bekennt sich zu dem Wunsch, Protestlern ins Gesicht schlagen zu wollen, zur Sehnsucht nach einer Zeit, als Zwischenrufer nicht höflich zurechtgewiesen, sondern vermöbelt wurden, und immer wieder mal setzen das seine Anhänger in die Tat um.

Die Drohung mit Gewalt beschränkt sich aber nicht auf Auseinandersetzungen im Wahlkampf – sie ist ein Kernstück von Trumps Botschaft. Sei es, dass er verspricht, er werde Terrorverdächtigen „verdammt viel Schlimmeres“ als Waterboarding zumuten. Oder sei es, dass er sich selbstherrlich über die Verfassung der USA hinwegsetzt und darauf beharrt, die Armeeführung werde tun, was er sage, ganz gleich, ob das legal sei oder nicht. Diese Töne zeugen von einer Verachtung für das Konzept der rechtsstaatlichen Demokratie – und wenn Trump sie anschlägt, dann weil er weiß, dass es ein Publikum dafür gibt.

Eine internationale Studie über Werte brachte 2011 einen erstaunlichen Befund zu Tage: 34 Prozent der US-Bürger wünschten sich „einen starken Führer, der sich um Parlament und Wahlen nicht zu scheren braucht“; unter Befragten ohne höhere Bildung waren es sogar 42 Prozent. Das heißt: Etwa ein Drittel der Amerikaner würde eine Diktatur der Demokratie vorziehen.

Jüngere Erhebungen bestätigen dieses Ergebnis. Üblicherweise werden antidemokratische Neigungen bei politischen Umfragen eher vertuscht. Den Befragten ist klar, dass ein Ja zum Autoritarismus als die falsche Antwort gilt. Doch dieses Problem lässt sich umgehen, indem man Fragen stellt, bei denen es scheinbar nicht um Politik, sondern um Kindererziehung geht. Was ist wichtiger für ein Kind: Eigenständigkeit oder Respekt vor den Erwachsenen? Gehorsam oder Selbstvertrauen? Achtsamkeit oder Folgsamkeit? Neugier oder gute Manieren? An den Antworten lässt sich ablesen, welchen Stellenwert jemand Konformismus und Ordnung gegenüber anderen Werten beimisst.

Die von dem Politologen Stanley Feldman geleitete Studie ergab, dass 44 Prozent der weißen Amerikaner zu politisch autoritärem Denken neigen, 19 Prozent sogar „in sehr hohem Maß“. Zumeist schlummern diese Vorlieben unter der Oberfläche, doch sie werden aktiviert, wenn Menschen unter Stress stehen – besonders, wenn sie die von ihnen geschätzte Ordnung durch Wandel bedroht sehen.

Dieses Gefühl wiederum befeuert der rechte Flügel der Republikaner seit zwei Jahrzehnten. Unentwegt feuern dessen lautstärkste Vertreter, vor allem auf ihrem Haussender Fox News, die These ins Volk, demokratische Politik sei etwas moralisch Anrüchiges. Die beiden Präsidenten, die in dieser Zeit von der demokratischen Partei gestellt wurden, waren den rechten Hardlinern so verhasst, dass sie sie rundweg als illegitim verunglimpften. Nur eine kriminelle Verschwörung konnte doch einen Mann wie Bill Clinton ins Weiße Haus gebracht haben! Und Barack Obama musste ein heimlicher Muslim sein, der eigentlich in Afrika geboren war und kein Recht hatte, Präsident der USA zu sein! Der Hohepriester der Birther-Bewegung, die behauptete, Obama habe seine Geburtsurkunde gefälscht, war ein gewisser Donald J. Trump.

Routinemäßig verdammten die Republikaner Washington als die abgehobene, korrupte Hauptstadt, ohne je zu sagen, was denn die Alternative wäre. Wer aber überzeugt ist, dass gewählte Volksvertreter unweigerlich böse und inkompetent werden, der sagt dasselbe nach einer Weile auch über die Demokratie an sich. Insofern ist es von der republikanischen Partei wohlfeil, sich jetzt über Trump entsetzt zu zeigen. Er zieht lediglich die Konsequenzen aus einer Argumentation, auf der die Grand Old Party – besonders in Gestalt der Tea-Party-Bewegung – seit Jahren selbst herumreitet.

Diese Verschiebung ist aber fast überall in der demokratischen Welt zu beobachten. Die Eurobarometer-Umfrage spiegelt eine wachsende Enttäuschung von der Demokratie im Zusammenhang mit der Bankenkrise wider. Zeigten sich 2007 noch knapp 39 Prozent der Europäer unzufrieden mit den demokratischen Institutionen, so waren es zwei Jahre später 45 Prozent. Die Ohnmacht der Politik gegenüber den Kapriolen der Finanzmärkte erschütterte die Wähler. Dass Banken too big to fail sein sollten und deshalb auf Kosten der Steuerzahler gerettet werden mussten, gleich wie verantwortungslos sie zuvor agiert hatten; dass Regierungen den Herren der Hochfinanz ausgeliefert waren und sie mit Geld überschütteten, um der Weltwirtschaft das Überleben zu sichern: Das war für viele eine brutale Offenbarung.

Wer hat das Sagen?

Die folgende Ära der Sparzwänge hat das Fundament der Demokratie weiter unterminiert. Die Wähler sollten Kürzungen bei Schulen, Renten und Krankenhäusern hinnehmen, weil ihre Regierungen die Götter der Anleihemärkte besänftigen und sich gegen den Vorwurf mangelnder Haushaltsdisziplin wehren mussten. Von London bis Athen breitete sich so das mulmige Gefühl aus, dass nicht die das Sagen hatten, die dafür gewählt worden waren.

Für die Linke waren solche Befunde nicht neu. Sie warnte schon lange davor, dass internationale Konzerne mächtiger wurden als Staaten – und dass die Privatisierungswut weite Teile von Wirtschaft und Infrastruktur der Kontrolle der gewählten politischen Führungen entzogen hatte. Seit 2008 aber war diese Ohnmacht keine abstrakte Größe mehr, sondern für jeden sichtbar. Der Frust über die Unfähigkeit der Politik, Großkonzerne zu bändigen, erfasste die breite Öffentlichkeit. Es machte Wähler wütend, wenn Politiker sich dankbar zeigten, sobald Firmen wie Google oder Starbucks mal einen Ministeuersatz zahlten.

Sei es Steuerflucht oder Globalisierung – in Form von Freihandel, Outsourcing und Massenmigration –, sei es der Klimawandel oder die wachsende soziale Kluft: Die Demokratie wirkt außerstande, die Menschen vor den großen Bedrohungen zu schützen. Man hätte glauben können, die Wut darüber würde sich gegen den Kapitalismus kehren. Doch offenbar halten zu viele Wähler das Wirtschaftssystem für unabänderlich. Das Wort „Sozialismus“ bleibt in den USA und auch in Europa schwer verkäuflich, und die „dritten Wege“, die mit Bill Clinton, Tony Blair oder Gerhard Schröder assoziiert wurden, gelten als gescheitert. Als unideologische Technokraten wollten sie nur das machen, „was funktioniert“. Doch die haarsträubend gewachsene Ungleichheit während ihrer Amtszeiten zeigte, dass das nicht funktionierte. So sind wir in einer Zeit gelandet, in der am Kapitalismus nicht gerüttelt wird und der Volkszorn sich gegen die Regierungsform richtet.

Blanker Zynismus

Aber die Schwäche der Demokratie geht über Wirtschaftsfragen hinaus. So ist das Entsetzen über die jüngsten Terroranschläge nicht zuletzt deshalb so groß, weil die Regierungen unfähig scheinen, ihre Bevölkerungen im öffentlichen Raum vor Mördern zu schützen. Entsprechend wächst die Sehnsucht nach einer eisernen Faust, die den Terrorismus mit einem einzigen gewaltigen Schlag vernichten würde.

Donald Trump reagierte auf die Anschläge in Brüssel mit einem charakteristischen Tweet: „Nur ich kann dieses Problem lösen!“ Das ist dummdreist und größenwahnsinnig, doch es zielt genau auf die Enttäuschung über die langsamen, vermeintlich schwächlichen Mechanismen des demokratischen Staates ab. Wohl aus demselben Grund hält Trump mit seiner Bewunderung für Wladimir Putin nicht hinter dem Berg: Das ist mal ein Mann, der die Dinge anpackt. Und warum kann er das? Weil ein Putin sich nicht mit der Last der Demokratie herumplagen muss.

Noch leben wir nicht in einer postdemokratischen Welt. Noch gibt es freie Wahlen, und meist werden sie nicht von Populisten gewonnen. Auch Trump räumen die Prognosen keine großen Chancen ein. Dass er aber überhaupt so weit kommen konnte, zeigt, dass die Welt nicht mehr dieselbe ist. Die Herzkammern der liberalen Demokratie – das Parlament, die Universitäten, der öffentliche Dienst, die Medien – werden mit tiefer Skepsis, wenn nicht mit blankem Zynismus betrachtet. War es früher Konsens, dass die BBC oder die New York Times sich in ihrer Berichterstattung weitgehend an die Wahrheit hielten, so werden heute gerade die sogenannten Mainstream-Medien unter Generalverdacht gestellt. Sowohl von rechts wie von links. Die Auswirkungen zeigen sich in der Mitte: Mit jedem Tag scheint die gemeinsame Grundlage zu schrumpfen, scheint sich der Raum zu verengen, in dem wir noch eine zivile Debatte führen können und uns dabei zumindest über grundlegende Tatsachen einig sind.

Wo aber die Wähler die Demokratie zunehmend für zahnlos halten, werden sie den Politikern nicht mehr vertrauen, die auf eine Botschaft der Hoffnung setzen. Sie werden sich jenen zuwenden, die ihnen ihre Ängste bestätigen. Mit wenigen Ausnahmen sind die derzeit erfolgreichen Populisten rund um den Globus große Panikmacher. Das einzige Versprechen, das sie geben, ist haltlos: dass sie ihre Anhänger vor Wandel bewahren und die Welt davon abhalten würden, sich weiterzudrehen.

Die Trumps, Le Pens, Orbáns und Wilders’ müssen nicht Wahlen gewinnen, um das Antlitz unserer Gesellschaften zu verändern, das öffentliche Klima saurer zu machen, Mehrheiten gegen Minderheiten aufzuhetzen, ihren demagogischen Zynismus zu verbreiten. Ob der milliardenschwere Reality-TV-Star es nun ins Weiße Haus schafft oder nicht, ist da eigentlich egal: Wir leben schon im Trump-Zeitalter.

Jonathan Freedland ist Kolumnist und Reporter des Guardian. 2014 wurde er mit dem Orwell-Preis für Journalismus ausgezeichnet

Übersetzung: Michael Ebmeyer

10:30 19.07.2016
Geschrieben von

Jonathan Freedland | The Guardian

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