Lizzy Davis
01.02.2010 | 04:55 86

Immer Ärger mit Burka

Kopftuchdebatte In Frankreich wird über ein Gesetz nachgedacht, das das Tragen des Niqab verbieten soll. Die Reaktionen innerhalb der muslimischen Gemeinde fallen unterschiedlich aus

Ein grauer Nachmittag in Paris - Amina und ihre Freundinnen tragen gefälschte Designer-Handtaschen, ihre Turnschuhe sind vom Regen durchnässt, die Köpfe stecken in den gefütterten Kapuzen ihrer Jacken. Die jungen Frauen unterhalten sich lebhaft und tauschen mit ihren Mobiltelefonen Nummern aus. Was die Gruppe von anderen jungen Französinnen unterscheidet, ist das Kleidungsstück, das die 21 Jahre alte Amina unter ihrer Jacke trägt: Ein schwarzer Schleier, der ihren ganzen Körper und den Großteil ihres Gesichtes bedeckt. Wenn sie spricht, leuchten ihre Augen vor Stolz und Empörung. „Ich habe mich entschlossen, das hier zu tragen. Nicht jeden Tag, aber hin und wieder. Wenn ich es tue, ist das absolut meine Entscheidung. Niemand zwingt mich dazu“, sagt sie, während sie an einer belebten Straße im stark muslimisch geprägten Stadtteil Barbès im Norden der Stadt steht. „Wenn sie uns zwingen, den Niqab abzunehmen, nehmen sie uns einen Teil unserer Identität. Ich würde eher sterben, als das zuzulassen.“

Die Arabistik-Studentin ist eine von etwa 1.900 Französinnen, die nach den Schätzungen eines Regierungsberichtes den Ganzkörperschleier trägt. Die Debatte um sein Verbot hat in Frankreich in den vergangenen Wochen für viel Wirbel gesorgt. Aus Sorge um die laizistische Verfassung des Staates und die Rechte der Frauen, haben sich die Mitglieder eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses in der vergangenen Woche für die Verabschiedung eines Gesetzes ausgesprochen, das die Verschleierung des gesamten Körpers in öffentlichen Räumen wie Krankenhäusern, Postämtern und Bussen untersagen soll. Politiker aller Parteien, Feministinnen und sogar ein Imam haben das Kleidungsstück verurteilt, das von manchen als „mobiles Gefängnis“ gebrandmarkt wird. Manche empfinden den Gesetzentwurf als „stigmatisierend“, andere wiederum kritisieren ihn als nicht weitreichend genug. Fest steht, dass mit ihm einmal mehr die Frage aufgeworfen wurde, was es bedeutet, als Muslima in Frankreich zu leben. Wenn es im Parlament keine größeren Widerstände gibt, könnte das neue Gesetz bereits Ende des Jahres in Kraft treten.

Eine der Frauen, die entschlossen sind, sich gegen ein solches Gesetz zur Wehr zu setzen, ist die 32-jährige Faiza Silmi, die den Niqab trägt, seit sie nach ihrer Heirat im Jahr 2000 nach Frankreich gekommen ist. Ihr wurde die französische Staatsbürgerschaft verwehrt, weil sie sich nach Auffassung der Behörden nicht in die französische Kultur integriert habe. 2008 lehnte der oberste französische Gerichtshof ihren Revisionsantrag mit der Begründung ab, sie habe „eine radikale religiöse Praxis angenommen, die mit den grundlegenden Werten der französischen Gesellschaft nicht vereinbar“ sei. Jetzt will sie ihren Fall vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bringen.

Für Amina und ihre Freundinnen ist das geplante Niqab-Verbot ein „schockierender“ Versuch des Staates, sich in ihre ganz persönliche religiöse Entscheidung einzumischen. Dass dies mit der Sorge um den Laizismus begründet wird, finden die jungen Frauen paradox. „Frankreich will ein freies Land sein. Dabei haben Frauen heutzutage zwar das Recht, sich auszuziehen, aber anziehen, wie sie wollen, dürfen sie sich nicht“, sagt Kheira, die ihr Gesicht zwar zeigt, ihren Niqab aber in der Handtasche bei sich trägt.

Seitdem die Idee eines Verbotes im vergangenen Sommer zum ersten Mal diskutiert wurde, haben die Frauen das Gefühl, ihnen schlage in der Öffentlichkeit mehr Feindseligkeit und Ablehnung entgegen. Die französische Tradition der Trennung von Staat und Kirche führte 2004 bereits dazu, dass Kopftücher als „auffällige“ religiöse Symbole an Schulen verboten wurden. Entsprechend haben viele Menschen Probleme mit solch offenkundig religiösen Statements wie dem Niqab. In der vergangenen Woche erklärte Präsident Sarkozy zwar, er werde es nicht zulassen, dass französische Bürger stigmatisiert werden, aber genau das hat er nach Ansicht vieler bereits getan. „Sie dämonisieren den Islam“, sagt Kheira und Samia fügt hinzu: „Mit dem Kopftuch hat es angefangen. Jetzt ist der Niqab dran.“
Anliegen einer kleinen Minderheit?

Für die übrige muslimische Gemeinde Frankreichs – mit fünf bis sechs Millionen die größte in Westeuropa – liegt der Fall nicht ganz so klar. Viele in Barbès sehen nur selten einen Niqab oder eine Burka und finden den Anblick ebenso befremdlich wie viele Nicht-Muslime. „Ich persönlich bin für ein Verbot. Es ärgert mich, wenn ich eine völlig verschleierte Frau sehe“, sagt ein Mann marokkanischer Herkunft. Diese Meinung ist bei denjenigen Muslimen weit verbreitet, die das Gefühl haben, ihre eigene religiöse Praxis habe mit derjenigen einer kleinen Minderheit von Frauen, die sie unter dem Einfluss des äußerst konservativen salafitischen Islam sehen, nur wenig gemein. Während einige dem Niqab gleichgültig gegenüberstehen, möchten sie sich von dieser Minderheit nicht vereinnahmen lassen – einige befürchten, der Niqab habe den Behörden einen Vorwand geliefert, die gesamte muslimische Bevölkerung ins Visier zu nehmen.

„Es ärgert mich, weil sie von meiner Community reden. Das, was sie sagen, vermittelt einen völlig falschen Eindruck davon, was es bedeutet, Muslim zu sein“, erklärt der aus Algerien stammende Fleischer Kemal Idris. Die Rechte der Frauen sind ihm zwar nicht gleichgültig, vorher gebe es aber „ernsthaftere Probleme“, um die man sich kümmern müsste. „Wieviele Burkas gibt es in Frankreich? 100? 200? Keiner weiß das genau. Ich lebe jetzt seit 25 Jahren hier in der Gegend und kann mich nicht erinnern, schon jemals eine gesehen zu haben. Das ist nun wirklich nicht das Problem.“ Seit Sarkozys Einwanderungsminister Eric Besson im Herbst eine Debatte über „nationale Identität“ angestoßen hat, die angeblich den Zusammenhalt der Gesellschaft stärken sollte, werfen Kritiker der Regierung vor, sie erhöhe vielmehr die sozialen Spannungen, statt diese abzubauen. Viele sind der Ansicht, Frankreich täte besser daran, Probleme wie Diskriminierung und Arbeitslosigkeit anzugehen, von denen viele Muslime betroffen sind, anstatt abstrakte Debatten über den Platz der Migranten in der Gesellschaft zu führen. Dies würde ihrer Ansicht nach dem vom französischen Staat formulierten Anspruch, Verteidiger von Freiheit und Menschenrechten zu sein, besser gerecht werden. Was den Niqab betrifft, so könnte ein Verbot jedenfalls als Provokation verstanden werden. „Je mehr sie ihn uns verbieten wollen, desto öfter werden wir ihn tragen. Schon allein aus Solidarität“, sagt Samia. „Dies ist ein Kampf.“

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (86)

Querdenker 01.02.2010 | 22:21

Wo wäre Europa heute ohne Frankreich? Vermutlich noch im Mittelalter. Warum sollte ein Verbot des Niqab als Provokation verstanden werden? Der Niqab als religiöses Symbol ist selbst eine Provokation und ein Affront gegen die Freiheit der Frau und den säkularen Staat. Es geht einfach nicht in die Köpfe vieler Muslime rein, dass sie hier in Europa ihre Freiheit und ihren hohen Lebensstandard vielen Millionen Menschen zu verdanken haben, die über Jahrhunderte eben gegen die Rückständigkeit und den Unterdrückungsmechanismus von Religionen gekämpft und dafür ihr Leben gegeben haben.

Querdenker 01.02.2010 | 22:55

Den Aufschrei gibt es sicherlich nicht, weil keiner in Europa mehr einen Papst mit seinen sonst wie ultra-reaktionären Thesen ernst nimmt. Vor allem nicht das linke Lager. Auf diese Entwicklung kann man durchaus stolz drauf sein. Schwierig wird es ja nur dann, wenn die Linke anfängt sich plötzlich schützend vor die selben Thesen zu schmeißen, nur weil sie von Muslimen vertreten werden.

zelotti 01.02.2010 | 23:41

Europa war immer sehr rücksichtsvoll und differenziert. Oder hat zu 911 jemand an die Schlacht bei Zenta erinnert? Die Attentäter wussten das bestimmt.

Seit 1822 nimmt die Katholische Kirche sogar das heliozentrische Weltbild an. Das dauert alles etwas länger bei denen, interessiert auch nicht. Da in Rom ist immer noch die Mode der Renaissance en vogue.

Alien59 02.02.2010 | 07:02

Aber gegen welches Recht vestoßen die Frauen, die sich so kleiden, wie sie wollen? Mit welchem Recht sollen sie gezwungen werden?

Außerdem: dies ist eine Schein-Debatte. Ebenso unsinnig wie es in der Schweiz war, eine Verfassungsänderung wegen vier bedrohlichen Minarettchen zu machen, ist es Unfug, wegen knapp 2000 Frauen ein Extra-Gesetz zu erlassen.

Es wäre ein Einstieg in immer weiter einschränkende Gesetze. In Frankreich hat man mit dem Kopftuchverbot an Schulen angefangen, früher oder später wird man nachlegen, wenn nicht jetzt langsam festgestellt wird, dass auch Muslimas Anspruch auf Freiheit der Bekleidung haben.

Ein Grund, warum ich so vehement gegen diese Gesetzespläne eintrete, ist, dass ich sehe, dass im Falle ihrer Verabschiedung die nächste Runde schon in Aussicht ist. Diese Burka-Gesetze habe ich Ende November vorhergesagt, als sich bestimmte Kreise so über die Schweizer Entscheidung freuten.

Wer für ein Anti-Burka-Gesetz ist, möge sich einmal fragen, inwieweit die Trägerinnen ihn/sie in ihren Rechten einschränken oder beeinträchtigen und ob das ein der freien Bekleidungswahl gleichwertiges Rechtsgut ist.

sputnik-suedstern 02.02.2010 | 10:22

Das Gesetz, das das Verbot der Verhüllung von Frauen verbieten soll gehört zu den Ansinnen der westlichen Kultur, den Islam als rückständig und nicht zivilisiert zu betrachten. Dabei handelt es sich um eine Projektion der westlichen Normen auf den Islam. Wer dazu fähig ist, ein Sondergesetz für eine verschwindende Minderheit zu installieren, zeigt, das er nicht dazu fähig ist einen historisch und religiös verwurzelten Glauben anzuerkennen, ja zu tolerieren. Die vermeintliche und durch alle Medien über Jahre transportierte Mähr der Offenheit westlicher Gesellschaften wird damit ad absurdum geführt. Die Strategie Kulturen gegeneinander aufzurechnen und damit auszuspielen (der Bau einer christlichen Kirche in Saudi-Arabien, bspw.) zeigt, wie unreif "im Namen" der westlichen Kultur von politischer Seite hier umgegangen wird.

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rahab 02.02.2010 | 10:51

bekanntlich ist es so:
an der nase des mannes
erkennt man seinen johannes.

da nun aber vieler männer nasen verunstaltet sind - durch allerlei, wie wind und wetter und suff und snuff und anderes treiben, bei dem sie ihre nase in was reinhängen, wo sie nix verloren hat - wegem alledem und noch viel mehr plädiere ich dafür, bevor ich mit nem mann spreche erst mal in dessen hose gucken zu dürfen. ich muß mich schließlich in geeigneter weise darüber informieren können, ob ich es mit einem beschnittenen islamisten oder einem unbeschnittenen weslisten zu tun habe. anders kann ich seine rede nicht angemessen beurteilen.

ansonsten möchte ich mich nicht wiederholen - bram-bramm - denn dass solch exkludierende gesetze gegen menschenrechte im allgemeinen und einige spezielle, welche für gewöhnlich auch teilhabe-rechte genannt werden, im besonderen verstoßen, habe ich schon oft genug erklärt. bram-bramm.
das macht aber nix, denn die menschenrechte sind ja, bram-bramm, nur denkkonstrukte.

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hibou 02.02.2010 | 11:20

Scham kann ganz grundsaetzlich in zwei Weisen berücksichtigt werden: durch Verhüllung oder durch Wegschauen!
Es geht aber hier grundsaetzlich um Religion und Laizismus. Und in dem Kontext würde ich jede Verhüllung in die Privatsphaere verweisen. Auch die der katholischen Religionslehrerinnen an öffentlichen Schulen.
Aber auch Kopftuch und Burka sind - jenseits der Wünsche und Vorlieben derjenigen, die sie tragen - religiöse Kampfsymbole. Hierzulande etwa werden junge Frauen dafür bezahlt, dass sie mit Kopftuch herumspaziern und damit den Eindruck erwecken, die Religiositaet sei auf dem Vormarsch.
Nix aber gegen den Burkatanga.... der Bikini ist ja auch nur Symbol einer Bekleidung. Was die Triebe angeht: würde Nacktheit vorherrschen, waeren diese weniger dampfend!!

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rahab 02.02.2010 | 12:00

da wir aber andererseits als private in die öffentlichkeit treten, und zwar nicht nur als objekte der anschauung, sondern als teilnehmer_innen ... folgt daraus was?

der schleier, in welcher form auch immer, ist übrigens nicht nur religiöses symbol oder so ähnlich, sondern auch ausdruck von sozialgeschichte. bis hin dazu, dass in den veränderlichen formen des schleiers zum ausdruck kommt, wie und auf welchem wege und gegen welche widerstände frauen sich die teilnahme an und in öffentlichkeit 'erstritten' haben, von fall zu fall.

eine frau in burka oder oder in der französischen republik nicht mehr bus fahren zu lassen, unterschlägt auch all dieses.
und sie verbannt aus der öffentlichkeit, wie es kam, dass der schleierzwang wieder zunahm.
ist ja auch eine mit scham zu besetzende erinnerung... für weslisten mit johannes in hose.

oca 02.02.2010 | 15:24

Hier ist wieder der Hinweis angebracht, dass es nicht "die Linke" ist, die sich "schützend vor die Thesen schemeißt", sondern allenfalls ein Teil der Linken. Natürlich passt es der "Rechten" gut in den Kram, diesen Teil für das Ganze zu nehmen.

In Europa richten Papst Co. tatsächlich nicht so viel Schaden mehr an, weil sie kaum wörtlich genommen werden. In Europa nehmen aber auch nicht alle Moslems ihre radikalen "religiösen Führer" in anderen Ländern ernst.

Außerhalb Europas werden Papst Co. aber durchaus sehr ernst genommen und richten entsprechenden Schaden an, siehe Lateinamerika.

Fro 02.02.2010 | 16:57

Sehr aufschlussreich der Artikel auf den Holger Hutt da verweist.

Meines Erachtens sollte niemand gezwungen werden ein bestimmtes Kleidungsstück an zu legen und niemand darf gezwungen werden ein bestimmtes Kleidungsstück nicht zu tragen.

Wenn das Kleidungsverbot einreißt, wird Berlusconi den italienischen Frauen demnächst vorschreiben, dass sie sich ab 25 Grad Wärme ihrer Oberbekleidung zu entledigen haben – mit dem Argument, dass ein Tragen von Oberbekleidung ohne nachvollziehbaren Grund auf einen kulturellen bzw religiösen Zwang und eine sexuelle Unterdrückung seitens des Ehemannes bzw des Clans hinweist. Oder warum sieht man in den Innenstädten trotz brütender Hitze so wenig entblößte Frauen? Könnten die Feministinnen und Frauenfreunde nicht auch mal auf den Zug aufspringen?
Und weist das häufige Tragen von Hosen seitens der Frauen, nicht auf eine gefährliche Entfeminisierung hin – eingeführt aus dem kulturfremden prüden Amerika – mit schwerwiegenden Folgen auf die Geburtenrate in Europa?
Kann man Blusen und Hosen nicht auch als Teil-Niqab betrachten – müssten die nicht auch verboten werden?
:)

zelotti 02.02.2010 | 19:33

Frankreich ist strikt säkular. Letzten Endes brauchen die Franzosen nicht ihren Blick auf dem Islam zu ändern. In Frankreich geht es um die Frage, welche Elemente der islamischen Folklore vereinbar sind mit französischer Kultur. Dazu liegt die Definitionsmacht allein bei den Franzosen, denn in Frankreich ist Islam ihren Normen unterworfen. Die Offenheit zeigt sich dadurch, dass diese Debatte überhaupt geführt wird. Offenheit ist kein Prinzip, das die Franzosen beschränkt, sondern ein Angebot an kulturfremde Elemente. Braucht es Gesetze um die Grenze zu ziehen? Vielleicht. Vielleicht nicht. Verschleierung in Frankreich wird als das aufgenommen, was es ist, nämlich eine kulturell rückständige Praktik, mit der gegen eine offene Gesellschaft demonstrativ mobil gemacht wird.

Querdenker 02.02.2010 | 19:59

Die Aussagen darin sind sehr widersprüchlich und teilweise auch sehr gewagt. Wo hat die Wolf z.B. nur das mit der "wachsenden Epidemie verringerter Libido" im Westen her? Erzählt das etwas der freundliche Imam um die Ecke?

Es geht bei Autoren wie Naomi Wolf irgendwie immer mit der "westlichen Islamophobie" los, erkennbar ist aber im weiteren Textgeschehen vor allem eine ausgewachsene "Westophobie" unter eingewanderten Muslimen, oder zumindest eine totale Orientierungslosigkeit selbiger. Ja, es gibt tatsächlich Menschen, die können mit Freiheit einfach nichts anfangen. Neulich im Tatort wollte auch wieder einer zurück in seine ruhige Gefängniszelle. Liebe Muslimas, man muss sich als Frau nicht mit den abgemagerten Models vergleichen. Und überhaupt: Ihr erzählt, ihr werdet mit "westlicher Kleidung" (pfui!) angestarrt, mit Kopftuch oder Tschador aber respektiert. Letztes Jahr hatte ich einen preisgekrönten Film gesehen, wo sich eine junge Frau in London radikalisiert hatte, weil sie in der U-Bahn von "westlichen Augen" (bah!) mit Kopftuch angestarrt und ausgrenzt wurde. Was denn nun?

PS: Spannender wäre es übrigens gewesen, wenn Frau Wolf in leichter sommerlicher Kleidung über den Basar von Marokko Salwar Kamiz gelaufen wäre, und über die ihr entgegengeschlagene Wärme und Toleranz der dortigen Menschen berichtet hätte.

blechschaden 02.02.2010 | 21:23

Also ich finde es nicht schlimm, wenn jemand mit Niqab oder Vollverschleiert herumläuft. Es ist doch deren Sache. Schließlich tragen sie es alle freiwillig.
Und man kann niemden verbieten, welche Kleidung er anzieht. Es gibt schließlich auch Punker und Gothics und dergleichen.
Mich stört es also keinesfalls und wir haben wichtigere Probleme in der Welt, als dieses populistische Thema.

derDonnerstag 03.02.2010 | 01:24

@Fro
"Meines Erachtens sollte niemand gezwungen werden ein bestimmtes Kleidungsstück an zu legen und niemand darf gezwungen werden ein bestimmtes Kleidungsstück nicht zu tragen."
Das ist der Grundkonflikt, der jenseits der sicher vorhandenen populistischen Elemente dieser Debatte verhandelt wird. Von Staats wegen kann nicht sichergestellt werden, dass niemand dazu gezwungen wird. Der Zwang wird ja innerhalb von Familien ausgeübt. Und wie viele Opfer autoritärer Erziehung, religiöser Indoktrination und Unterdrückung glauben leider auch viele Burkaträgerinnen, sie handelten freiwillig. Dieses Problem sollte man bei der Diskussion zumindest mitbedenken, finde ich.

weinsztein 03.02.2010 | 01:57

"Hierzulande etwa werden junge Frauen dafür bezahlt, dass sie mit Kopftuch herumspaziern und damit den Eindruck erwecken, die Religiositaet sei auf dem Vormarsch."

Lieber hibou,

mit "hierzulande" meinst Du die Türkei. Und in der Tat, hier in der Türkei wird es von Kräften, die den Laizismus bekämpfen, gern gesehen, wenn Frauen Kopftuch tragen, und zwar auf eine bestimmte Weise geknotet und gebunden, als Ausweis ihrer
Anhängerschaft - etwa der regierenden Partei AKP, deren Machenschaften seitens der EU ausgeblendet werden. Ja, für diese Art Kopfbuch gibt's Vorteile, auch Geld. Der AKP geht es um die Überwindung des Laizismus, um das "Erbe Atatürks".

Liebe alien59,
das ist - mittlerweile - in der Türkei so. Aber die Laizisten wehren sich, darum werden sie in westlichen Medien als gestrige Kräfte, als Nationalisten diffamiert. Kopftuchtragen, ein kompliziertes Thema. In der Türkei war das Verbot von Schleier und Fez, in glaube, in den 20-er Jahren, ein enormer Fortschritt. Das Verbot wurde begleitet von der Einführung des Wahlrechts für Frauen, viel früher übrigens als etwa in der Schweiz.

Herzliche Grüße nach Amman und Akyarlar.

weinsztein

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rahab 03.02.2010 | 09:42

@weinsztein
danke für die klarstellung zu "hierzulande". in dem artikel geht es allerdings um frankreich.
nu frag ich mich, ob Sarkozy eine der APK irgendwie verwandte strömung zur abschaffung der laizität (in fronkroich) verkörpert. oder wie sonst ich diese/seine weiterentwicklung von '´liberté, égalité, fraternité' zu verstehen habe. denn ich bringe den ausschluß von verschleierten frauen von öffentlichen transportmitteln, krankenversicherung und anderen teilen staatlicher daseinsvorsorge nicht mit meinem begriff von säkularem/laizistischen staat zusammen. und mit dem, was ich über die geltung der menschenrechte gelernt habe, auch nicht.

Alien59 03.02.2010 | 09:53

Weinszein, ich kenne die Türkei sehr gut. Und ich kenne - im Unterschied zu vielen, die darüber schreiben - auch viele, viele Kopftuchträgerinnen, sei es AKP-nahe oder nicht. Aber die Art, wie die Kopftücher gebunden werden, bzw. gesteckt, ist bei allen, die ich kenne, eine Modefrage, keine politische. Und auch wenn sich das Gerücht, es gebe dafür Geld, hartnäckig hält - ich warte noch auf einen Beweis.

Das gleiche Gerücht geht auch über Bosnien, über Deutschland. Deutsche Vertreter von islamischen Verbänden pflegen zu sagen, wenn es dafür einen Topf gäbe, könnte man mit dem Geld Arbeitsplätze für die ausgegrenzten Muslimas schaffen ....

Wie gesagt, Gerücht. Oder hast du bzw. hibou einen Beweis?

Alien59 03.02.2010 | 10:26

Hast du auch recht - aber hier wird Käuflichkeit statt Religiosität unterstellt, weshalb ich auf diese Verleumdung so heftig reagiere.

Gibt noch so ein Gerücht-Dauerbrenner: die Moscheen in Deutschland werden vom deutschen Staat finanziert. Und das, wo die meisten Moschee-Träger nicht mal als gemeinnützig anerkannt sind, also auch noch Steuern zahlen.
(einzige Ausnahme bei Finanzierung, die mir bekannt ist - bevor der Einwand kommt: Duisburg-Marxloh. Allerdings wurde dort auch nicht die Moschee, sondern das Begegnungszentrum finanziert, wobei auch das noch teilweise durch die DITIB bezahlt wurde).

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rahab 03.02.2010 | 10:42

ja ja, diese unterstellung. ich geh da immer davon aus, dass der untersteller seine eigene käuflichkeit anderen unterstellt. wobei ja "käuflichkeit" unterstellt, dass wer was für/gegen geld gegen die eigene - und, weitere unterstellung - bessere überzeugung tut.
andersrum wird ja auch ein schuh draus: die verbots-befürworter unterstellen ebenfalls, frauen seien käuflich. oder wie anders ist die idee zu verstehen, eine sei bereit, für den preis eines bus-tickets ihre identität aufzugeben?

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rahab 03.02.2010 | 11:07

das, Alien59, nänlich keinen eigenen willen zu haben, unterstellen sie sowieso. eigenen willen können sie sich bei frauen sowieso nur als nachbildung eines 'männlichen' vorstellen. selbst die aufgeklärtesten halten sich und ihren willen immer noch für das maß aller dinge. (oder sollte ich besser mass schreiben?)

und natürlich wollen sie, dass die frauen nicht mehr in der öffentlichkeit erscheinen. das erspart ihnen den anblick ihrer eigenen schande und erbärmlichkeit!

Hermanitou 03.02.2010 | 11:38

Der Schleier ist ein Symbol der Unsicherheit und Angst, der Verzicht auf ihn signalisiert dagegen Toleranz, Selbstbewußtsein und Weltoffenheit. In Gesellschaften und Kulturen, in denen die Frauen individuelle Freiheit genießen, werden die sexuellen Tabus und Verbote im Laufe des Sozialisierungsprozesses von beiden Geschlechtern so stark verinnerlicht, daß die Beherrschung des Sexualtriebs der Verantwortung und Kontrolle dem Individuum überlassen werden kann.
Der islamischen Gesellschaft ist es dagegen offensichtlich nicht gelungen, ihre Mitglieder - vor allem ihre männlichen - auf eine solche Verinnerlichung sexueller Tabus hinzuführen. Die Einhaltung moralischer Normen muss also durch rigorose Maßnahmen erzwungen werden: Trennung der Geschlechter, Einsperrung bzw Verhüllung der Frau und ihre permanente Überwachung.

schwarzbart 03.02.2010 | 13:04

Eines wird nach fast 9 Jahren immer noch falsch eingeschätzt: Die zentrale Eigenschaft von Atta, war nicht, Muslime zu sein. Die Eigenschaft, die Menschen mit Flugzeugen in Häuser fliegen lässt, ist Religiosität, sie muss nicht näher exemplifiziert werden.
Und wenn man sich die Entwicklung im Europa der EU anschaut, dann sieht man das Elend grösser werden, dort, wo die Religiosität den meisten Einfluss hat, in Sizilien, Polen, Irland. Es war ein hartes, teures Stück Arbeit, das katholische Armenhaus Irland nach vorn zu bringen.
Daraus folgt: Religiöse Irre, wo immer sie sich zeigen, sind soziale Schädlinge. Egal, ob sie sich umter dem Kreuz, dem Banner des Profeten oder in den Tepeln Mammons versammeln - wir sollten ihnen in Europa keinen öffentlichen Raum zugestehen. In seinen eigenen vier Wänden möge jeder tragen, was immer seine Stimmen ihm befehlen - und wenns ne Rolle Stacheldraht unter der Burka ist. Aber die öffentliche Zurschaustellung des eigenen religiösen Irre-Seins ermutigt nur andere Irre, mit ihrem eigenen Wahn fortzufahren.

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rahab 03.02.2010 | 14:04

doch. genau dieses
"Dass solcherley Problem unter Migrantengruppen, die aus Wüsten und Hochgebirgen hierher kamen, in denen die Entwicklung 100, wenn nicht 500 Jahre vor unserer Zeit verharrt, eine blühende Renaissace erlebt, können Sie nicht ernsthaft in toto bestreiten."
bestreite ich. und ich werde auch nicht aufhören, solches zu bestreiten.
auch wenn Sie mir gern den mund verbieten, aber dennoch weiter gern in den ausschnitt linsen würden.

Fro 03.02.2010 | 14:54

„Von Staats wegen kann nicht sichergestellt werden, dass niemand dazu gezwungen wird. Der Zwang wird ja innerhalb von Familien ausgeübt.“

Ja Donnerstag, das ist ein Problem ohne Zweifel. Es wird viel Zwang und Gewalt in Familien ausgeübt. Viele Kinder müssen das essen, was sie nicht mögen, Kleidungsstücke tragen, die ihnen peinlich sind. Dürfen manchmal nicht mit bestimmten Kindern spielen, weil die Eltern es nicht wollen.
Der Mann wird nicht ohne Krawatte aus dem Haus gelassen, die Frau darf keinen Minirock tragen. Da würde niemand auf den Gedanken kommen, dass der Staat eingreifen müsse.
Es gibt sicher Burkaträgerinnen, oder Kopftuchträgerinnen, die das aus Zwang machen, denen sollte man als Mitmensch helfen. Aber ich bin mir sicher, dass viele das machen, weil es ihnen gefällt. Mir gefällt z.B. dieses Bild da oben sehr gut - die Augen gewinnen an Intensität, einfach weil der Rest bedeckt ist. Den Menschen erkennt man durch die Augen.
Ich würde eher verspiegelte Sonnenbrillen verbieten wollen, als die Burka.

misterl 03.02.2010 | 15:45

Die Burka erweckt den Eindruck, dass ein Augenpaar durch eine kleine Öffnung im Gefängnis oder hinter einer verschlossenen Mauer leuchtet. Es regt zur Befreiung an, weil man so konditioniert ist, dass der Eindruck zum Handeln auffordert.

Ob der Eindruck pauschal stimmt oder nur in einer Vielzahl von Einzelfällen oder nur in realen Einzelfällen ist durch die Mauer aus Stoff nicht zu entscheiden. Das macht es schwierig (oder unmöglich) individuell korrekt zu entscheiden.

In unserer üblichen Kulturwelt spielt die Gesamtansicht des Gesichtes eine wichtige Rolle. Mimik ist eben auch ein Teil der Kommunikation, die durch die Totalvermmung verloren geht. Auch dies macht den Umgang mit dem befremdlichen Kleidungsstück (ist es nicht mehr als das?) nicht leichter.

Es gibt also nicht nur Gründe im Religiösen es verbieten zu wollen, wie die liberale Grundhaltung das Verbot negiert. Dabei ist die Tarnungsoption eines solchen Stückes Stoff noch gar nicht genannt. Aus Sicherheitserwägungen heraus gegenüber Terrorangriffen ist die Totalvermummung inakzeptabel. Man muss dem Gedanken nicht folgen, aber man sollte ihn als Argument respektieren.

Was bleibt?
Sicherheitsaspekte, Kommunikationsbarrieren, Missverständnisse. Das alles in einem Kleidungsstück.

Hermanitou 03.02.2010 | 15:51

Was sich hinter den einschmeichlerischen Worten der Islamisten verbirgt, die vorgeben, der Schleier sei Ausdruck des Respekts, den man der Frau schuldet, ist der Wille und die Absicht, sie in einem Zustand der Subordination zu halten. Und im Namen dieses "Respekts" wird man morgen verlangen, daß Mädchen und Jungen getrennt zu unterrichten seien oder daß man den Mädchen eine Ausbildung verweigert unter dem Vorwand, dies verstoße gegen die Schamhaftigkeit. Diesselben Leute, die im Namen der individuellen Freiheit dafür plädieren, daß Mädchen in der Schule den Schleier tragen können, verlangen anderswo, daß alle muslimischen Frauen sich verschleiern und sie schrecken nicht davor zurück, diejenigen, die sich dem widersetzen, mit Terror und Gewalt zu verfolgen.

weinsztein 03.02.2010 | 16:06

Liebe Alien59, liebe Rahab,
ich kann nicht beweisen, dass manche Frauen in der Türkei Geld dafür erhalten, wenn sie auf eine bestimmte Weise das Kopftuch binden oder stecken. Es erleichtert zumindest die Jobsuche, ganz besonders in AKP-dominierten Gemeinden, in deren Stadtverwaltungen.

Gattinnen von Staatspräsident Abdullah Gül, Ministerpräsident Tayyib Erdogan, diversen AKP-Ministern tragen ihr Kopftuch auf eine besondere Weise geknotet oder gesteckt, oft verbunden mit einer Mütze darunter. Schwer zu beschreiben, jedenfalls ist das zur politischen Mode geworden, zu einer Art politischem Bekenntnis.

Am Sonntag trug ich übrigens selbst ein Kopftuch (türban), als Besucher eines Kamelkampf-Veranstaltung.

Beste Grüße
weinsztein

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rahab 03.02.2010 | 16:14

weshalb wir mal ganz fröhlich die eine subordination durch die andere subordination ersetzen. macht ja auch nix, sinde'se ja gewöhnt. denn: wo kämen wir denn hin, wenn sie einfach machen täten, was sie wollen!?!

wir reden grad nicht über irgend- oder anderswo, wir reden über fronkroich. wir verteidigen die republik. und das bitte nicht auf dem stand der dinge ihres entstehens. sondern auf dem heutigen stand. und der ist nun mal der, dass menschenrechte auch für sub-ordinierte gelten. vollumfänglich. und vollumfänglich zu schützen und zu respektieren sind. allen überfremdungsängsten zum trotz.

wer das mal eben, also leichtfertig, ignoriert, der gibt grund zu zweifeln, ob's ihm um befreiung geht. wobei ich den starken verdacht habe, dass bei solchen verbotsbefürwortern der herrschaftserhalt das vordringlichere ist, und sei's auch nur der imaginierte.

Hermanitou 03.02.2010 | 16:37

Ein Menschenrecht auf Entrechtung, auf Nicht-Bildung, Zwangsheirat und Unterdrückung?
Indem die Islamisten die Arena des Kampfes um den Schleier nach Europa verlegen, wollen sie diejenigen laizistischen Regiem innerhalb der arabisch-muslimischen Welt herausfordern, die sich an westlichen Modellen orientieren.
Die Burka-Tragerei ist ein signifikantes Zeichen für die massive Rückkehr zum Islam der Frühzeit, von der man sich das Heilmittel für alle Übel der Zeit, für alle Demütigungen durch die Gesellschaft, für die hemmungslose Gottlosigkeit und teuflische Zügellosigkeit der menschlichen Natur verspricht.

Fro 03.02.2010 | 16:40

Der Sicherheitsaspekt ist sicher bedenkenswert. Aber in der Regel bemühen sich Terroristen doch eher unauffällig aufzutreten. Als übergewichtiger Mann z.B. Wäre es da nicht sinnvoller, die Übergewichtigkeit zu verbieten, damit die Sicherheitsdienste des Staates von außen eindeutig erkennen, ob ein Bürger Bombenträger ist?

MisterL, es ist nicht gut, wenn wir diesem Staat erlauben, in unser Privatleben einzugreifen. Es darf gar nicht erst einreißen. Das Glühbirnenverbot hat mir schon gereicht. Und warum sollte es keine Kneipe geben dürfen, in der die Raucher gemütlich zusammensitzen und sich einen netten Abend machen.
Die Freiheit geht vor.
Und: Wir können den Menschen, die zu etwas gezwungen werden, nur vor Ort helfen – als Freunde, Nachbarn, Lehrer, Sozialarbeiter uvm.

Hermanitou 03.02.2010 | 17:11

Liebe Alien,
ich schiesse gar nicht, ich diskutiere aber gerne, und weder Du noch rahab scheinen mir wehrlose Frauen zu sein. Allerdings kenne ich eine ganze Reihe wehrloser muslimischer Frauen, die über ihre Männer definiert werden... dürfen nicht in Sprachkurse, nicht zum Schwimmen, nicht ins Schullandheim und wenn sie nicht spuren dann sind sie am nächsten Tag "gegen eine Tür gelaufen".

schwarzbart 03.02.2010 | 17:21

In den 70ern hatten wir alle lange Haare, um die Bourgeousie zu ärgern. Und Rahab insistieren auf wahnbedingte Vermummung, um die Post-Burgeousie, also in ihrer Wahrnehmung Leuten wie uns, zu ärgern. Dass sie dabei zwischen ihrer wohlfeilen Pose und dem realen Zwang nicht unterscheiden, nicht zu unterscheiden bereit sind, macht sie als DisputantInnen nur mässig glaubwürdig.

Hermanitou 03.02.2010 | 17:52

So ein Gesetz? Nein, natürlich nicht. Ich "meine" nicht, sie bedürften meiner Hilfe. Sie brauchen tatsächlich Rahmenbedingungen, die ihnen ein selbstständiges Leben ermöglichen. Um was es mir geht, ist, deutlich zu machen, wer hinter allem die Fäden zieht. Und das sind - da gebe ich Schwarzbart völlig recht - religiöse Fanatiker. Im vorliegenden Fall halt Islamisten, in anderen Fällen (Waco/Texas) christlich-religiöse Sekten. Unser gemeinsames Ziel muss es doch sein, daß die Freiheit eines/einer Jeden selbstbestimmt, nicht von Fanatikern bestimmt wird, oder?

misterl 03.02.2010 | 18:25

Ach, man muss hin und wieder auch einmal hemdsärmelig sein dürfen.

"MisterL, es ist nicht gut, wenn wir diesem Staat erlauben, in unser Privatleben einzugreifen."

Zu dem glaube ich nicht wirklich, dass jeder Minderheitenschutz in die grosse Solidaritätstrommel muss. Im Fall der schwierigen Antwort zur Burka (Erklärungsversuche eins weiter oben) und ihrer Freiheit sie zu tragen (oder nicht) könnte Minderheitenschutz durchaus auch ein Verbot sein.

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hibou 03.02.2010 | 20:31

ablenk: was tut ihr zum schutz der raucher? ah nein, ich lenke nicht ab: fronkreisch hat ja das rauchen auch verboten, ah das jetzige, nicht das der revolution 1789.
also rahab: verteidige die raucherinnen! dann bin ich ganz bei dir.
(oh gott: die zigarette ist ja ein penissymbol....)

zur Burka: also diese blaue afghanische (oh das blau ist schön!) sieht mit diesem gitter vor dem gesicht schon ein wenig gefaengnishaft aus, oder? und wolln wir die da mal fragen, ob sie sie freiwillig tragen? ah nee, ist ja net frankreich....

"hierzulande" tragen die dorffrauen alle kopftuch. das ist voll ok :-)), sieht auch schön aus (ausserdem: der staub!!). der "türban" aber (dieses auf eine ganz bestimmte weise gebundene kopftuch) wird von orden als politisches symbol propagiert, ich nehme an, fetullah gülen hat da auch seine haende im spiel (muss ich das jetzt beweisen?). so mag es eben auch mit der burka sein?

weinsztein: danke für erlaeuterungen und grüsse!

sich als frauenfeind definiert zu sehen ist schon starker tobak :-))

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rahab 03.02.2010 | 23:40

weiter, hibou:
du mußt nicht "ganz bei mir" sein. mir reicht es fürs erste, wenn ich bei mir bin. und ausreichend 'penissymbol' bei mir habe.

nach abhandlung dieser präliminarien gibt es zwei möglichkeiten.
entweder, die geschichte mit den menschenrechten (und so weiter) ist ernstgemeint, dann muß sich auch die französische gesetzgebung daran messen lassen.
oder die menschenrechte (und so weiter) sind das, als was sie (unter anderem von "derIslam" )kritisiert werden, nämlich die privilegien, welche vorzugsweise weiß+reich männer gegen einen absolutistischen herrscher und den rest der welt durchsetzen wollen
- wenn das so ist, dann kann ich nicht anders, als gegen alle gesetze, welche vorzugsweise weiß+reich männer erlassen wollen, zu streiten. und zwar egal wo, denn die gesetze der vorzugsweise weiß+reich männer sollen immer die befolgen, welche nicht vorzugsweise weiß+reich sind.

im hier diskutierten fall bedeutet das: ich streite gegen ein burka-verbotsgesetz in fronkroich und gegen ein burka-gebotsgesetz in fronkroich und woanders. und als satire halte ich es nur für eine art, sich an vorzugsweise weiß+reich männer anzuschleimen.

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rahab 04.02.2010 | 10:38

@schwarzbart
ich weiß ja nicht, wie das bei dir und den langen haaren wirklich war. wie es bei mir war, weiß ich. ich hatte lange haare, weil mein tatte meinte, mit zopf sähe ich aus wie ein kind und das schütze mich. nachdem ich feststellen mußte, dass der dicke fette nachbar aus dem erdgeschoß das etwas anders sah, mußte ich ihm (also dem nachbarn - dem tatten erst später) in die eier treten. und schnitt mir die haare ab.
heute lasse ich sie wieder wachsen.

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sachichma 04.02.2010 | 11:40

Also als ich gerade in Paris war hab ich in einer Woche höchstens eine Frau unter einer Burka gesehen, hier in meinem Kaff in all den Jahren noch nicht eine einzige. Das ist alles viel Lärm um ein kleines Kleidungtück ( www.freitag.de/community/blogs/sachichma/kopftuch-ist-ein-kleidungsstueck). Das ausgerechnet französische Politiker eine Kleiderordnung aufrufen wollen ist wirklich absurd. In Modeland Frankreich kümmert sich doch kein Mensch darum. In England gab's auch so ein Gesetz, - und niemand hielt sich darum. Es geht wohl eher um welche Intention hinter diesen Verordnungen steckt, und da provoziert eine Intoleranz die andere. Wann die "Bild" mit der Schlagzeile 'raus-kommt: "Burkatragende Frau von der Polizei verhaftet" bleibt abzuwarten.
Verwundert hab ich festgestellt das nur Alien59 diese Schweizer Entscheidung erwähnt. Nicht einmal die Autorin des Artikels. Dabei wurde diese Schweizer Entscheidung hier in den französischen Medien viel heftiger diskutiert.
Aber z.B. in Sarajewo haben wurden Frauen für das Tragen einer Kopfbedeckung von der Saud-Foundation belohnt, das ist in IOM und UNHCR Berichten nachzulesen.

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Ehemaliger Nutzer 04.02.2010 | 18:47

"Punker und Gothics"

hier vergleichst du aber ganz gewaltig Äpfel mit Birnen.

Und wichtigere Themen? Was spricht dagegen, wissen zu wollen, mit wem man es zu tun hat? In der U-Bahn, auf Behörden oder in der Schule? Bei einer voll verscheierten Person weiß man das definitv nicht.
Letzendlich weißt du auch nicht, ob diese Frauen nicht von fundamental radikalen Muslimen instrumentalisiert und vorgeschoben sind. Außerdem ist das Tragen einer Vollverschleierung nicht religiös sondern kulturell bestimmt. Es handelt sich beim Verbor der Burka allenfalls um eine gut begründete Einschränkung der kulturellen Freiheit.

Ich musste auf Malta und Rhodos, beim Besuch einer Kirche,ein Tuch über meine Schultern legen. Ich fühlte mich als Mensch sexualisiert und auf eine bestimmte Rolle reduziert. Es war demütigend. Ich hatte die Wahl die Kirche nicht zu besichtigen oder mich 45 Minuten lang unbehaglich zu fühlen.

Ich habe die Kirche besichtigt. Ich wusste aber auch, dass ich in mein Leben zurück konnte. Diese Frauen haben ebenfalls die Wahl, sie müssen nicht in einer Kultur leben, in der Frauen sehbar - sichtbar sind und es mehrheitlich sein wollen.
Ich habe eine voll verschleierte Frau vor ein paar Wochen bei uns im Einkaufszentrum gesehen. Vielmehr sah ich nur Stoff, wunderschönen Stoff. Aber mit einem Stoffballen will und kann ich nicht kommunizieren.
Diese Frauen grenzen sich aus dem öffentlichen Leben selbst aus.
Es ist paradox, dass Frauen in liberalen säkularen Ländern offensichtlich die Unsichtbarkeit der Frau leben wollen, während Frauen in Afghanistan für ihre Sichtbarkeit kämpfen und ihr Leben riskieren.

vG Angelia

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Ehemaliger Nutzer 04.02.2010 | 18:59

Der Haken ist nur, Kopftücher und Burkas wurden von Muslimen selbst als "religiöses Symbol" hochstilisiert. Letzendlich ist die Debatte um die Bekleidungsfreiheit in der Tat eine Scheindebatte. Was wäre, wenn plötzlich jemand aus religiösen Gründen nur noch nackt durchs öffentliche Leben laufen wollte?
Dies wäre ein die selbe Debatte nur unter umgekehrten Vorzeichen.

Freiheit hat Grenzen, das ist nun mal so.

Alien59 04.02.2010 | 19:07

Nicht so.
Tatsache ist, dass weder Kopftuch noch Burka noch Bärte gegen geltendes Recht oder sonstiges verstoßen. Hier geht es darum, zusätzlich einschränkende Gesetze gegen Minderheiten zu kreieren, die noch dazu mit ihrem Verhalten noch dazu niemanden beeinträchtigen. Auf die rechte Schiene, dass man "sowas" einfach nicht sehen und daher verbieten will, wirst du dich sicher nicht begeben wollen.

hakufu 04.02.2010 | 23:06

Vor langen Jahren bin ich in Wien hinter einem jüdischen Großvater und seinem Enkelkind hinterhergegangen.

Er sagte : schau, wir kleiden uns besonders, also müssen wir es auch akzeptieren, dass man sagt, da ist ein Jude.

Anders ausgedrückt, wenn jemand durch sein Hakenkreuz, die braune Uniform seine Gesinnung oder Glauben nach aussen zeigt, muss er mit Reaktionen rechnen.

Wenn die Stewardess meint, dass sie am Strand von Abu Dhabi mit einem knappen Bikini kein Aufsehen erregt, aber sich darüber aufregt, dass die Männer verrückt werden, ja dann wird sie auch nicht begreifen, dass es Menschen gibt, die verhindern wollen, dass die Menschheit sich wieder Richtung Mittelalter bewegt.

Möge jede/r, die/der meinungsfrei glaubt, Burkha tragen zu müssen, verdrängen, dass demnächst wieder Frauen im grössten Stadion von Khabul unter dem Gejohle von zigtausend Männern das Gehirn rausgeblasen bekommen, weil sie sich die Freiheit genommen haben, etwas zu tun ( oder auch nicht ) , was irgendeinem „Gläubigen“ missfällt.

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Ehemaliger Nutzer 05.02.2010 | 09:54

Alien 59
ich begebe mich nicht auf die "rechte Schiene" sondern du schiebst mich dahin. Das ist ein kleiner aber für eine Diskussion durchaus bedeutender Unterschied. Du kannst meine Argumente einfach nicht wechseln, dass ist dein Problem. Tatsache ist auch, dass man das Tragen von Bärten und Kopftüchern, nicht im Zusammenhang mit einer Vollverschleierung stellen kann. Deshalb bin ich gegen ein Kopftuchverbot, toleriere aber eine Vollverschleierung nicht.
Letztendlich hat der Islam weltweit z.Z einen interkulturellen Konflikt mit sich selbst, um das Verständnis von Koranauslegungen, Konservatismus, Dogmatimus und Freiheit.
Und diesen Konflikt tragen konservative Strömungen des Islams in die westliche laizistische Welt hinein. Dabei werden freiheitliche Werte des Westens, wie Demokratie, Toleranz und Freiheitswerte auch gern mal gegen den Westen verdreht, ohne diese Werte im Kern verstehen, anerkennen und akzeptieren zu wollen. Und genau aus diesem Grund scheinst du mir meine Argumente mit einem "so nicht" verbieten zu wollen. Meinst du das ist der richtige Weg?

vG Angelia

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Ehemaliger Nutzer 05.02.2010 | 18:06

Alien unter deinem lapidaren "nicht so", vielleicht erst mal begründen, warum Freiheit deiner Meinung nach keine Grenzen hat.
Und was das Minderheitengesetz betrifft, hast du dir das eigentlich mal durchlesen? Oder ist das auch nur ein aufgeschnappter Begriff, den du mal so unreflektiert aus dem Bauch heraus in die Runde wirfst?

Jenseits jeglicher Idologie wirst du dich leider mit dem Abwägen der Gewichtungen zwischen Vermummungsverbot und dem recht auf freie Kleiderwahl sowie religiöse und kuturelle Freiheit auseinander setzen müssen.

Mal abgesehen davon steht die Frage im Raum, wieviele der marginalen Gruppe der Burkaträgerinnen in Europa diese wegen ihrer kulturellen Sozialisation tragen oder aus Gründen freiheitlicher Reflektion.

Alien59 06.02.2010 | 07:34

Vielleicht wird meine Argumentation für dich nachvollziehbarer, wenn du meinen weiteren Beitrag liest:
www.freitag.de/community/blogs/alien59/blick-nach-deutschland-3-eine-gespenstische-debatte

Was soll ich mir zu Minderheitengesetz durchlesen? Den Begriff habe ich für diese Debatte selbst kreiert ;-). Wie sonst soll ich ein Gesetz bezeichnen, das in einem Land mit zig Millionen von Einwohnern die Bekleidung einer Handvoll Frauen reglementieren will?

blechschaden 09.02.2010 | 22:07

@Angelia
also ich glaube nicht, dass das jemand instrumentalisiert wird und ich finde nicht, dass das verschleiern etwas mit fundamentalismus zu tun hat, vielleicht etwas konservativ. aber die frauen machen es freiwillig und niemand zwingt sie dazu. sie leben halt ihren glauben, wenn es sie glücklich macht, dann doch ok! mir haben sie noch nie etwas getan und keinesfalls beeinflussen sie meine freiheit, also sollten wir auch deren freiheit nicht beeinflussen.

blechschaden 09.02.2010 | 22:14

@Alien59
da muss ich dir vollkommen recht geben.
jeder hat das recht auf freie kleiderwahl, ob nun kopftuch oder burka. und ich finde nicht, dass das irgenetwas mit zwang zu tun hat und ein gesetzt zu machen, dass für gerademal 2000 frauen gilt ist schon echt komisch. also ich bin vollkommen gegen diese verbote. und mich stört es nicht, wenn jemand kopftuch trägt oder eine muslima sich für gott verschleiert.