Immer Ärger mit Burka

Kopftuchdebatte In Frankreich wird über ein Gesetz nachgedacht, das das Tragen des Niqab verbieten soll. Die Reaktionen innerhalb der muslimischen Gemeinde fallen unterschiedlich aus

Ein grauer Nachmittag in Paris - Amina und ihre Freundinnen tragen gefälschte Designer-Handtaschen, ihre Turnschuhe sind vom Regen durchnässt, die Köpfe stecken in den gefütterten Kapuzen ihrer Jacken. Die jungen Frauen unterhalten sich lebhaft und tauschen mit ihren Mobiltelefonen Nummern aus. Was die Gruppe von anderen jungen Französinnen unterscheidet, ist das Kleidungsstück, das die 21 Jahre alte Amina unter ihrer Jacke trägt: Ein schwarzer Schleier, der ihren ganzen Körper und den Großteil ihres Gesichtes bedeckt. Wenn sie spricht, leuchten ihre Augen vor Stolz und Empörung. „Ich habe mich entschlossen, das hier zu tragen. Nicht jeden Tag, aber hin und wieder. Wenn ich es tue, ist das absolut meine Entscheidung. Niemand zwingt mich dazu“, sagt sie, während sie an einer belebten Straße im stark muslimisch geprägten Stadtteil Barbès im Norden der Stadt steht. „Wenn sie uns zwingen, den Niqab abzunehmen, nehmen sie uns einen Teil unserer Identität. Ich würde eher sterben, als das zuzulassen.“

Die Arabistik-Studentin ist eine von etwa 1.900 Französinnen, die nach den Schätzungen eines Regierungsberichtes den Ganzkörperschleier trägt. Die Debatte um sein Verbot hat in Frankreich in den vergangenen Wochen für viel Wirbel gesorgt. Aus Sorge um die laizistische Verfassung des Staates und die Rechte der Frauen, haben sich die Mitglieder eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses in der vergangenen Woche für die Verabschiedung eines Gesetzes ausgesprochen, das die Verschleierung des gesamten Körpers in öffentlichen Räumen wie Krankenhäusern, Postämtern und Bussen untersagen soll. Politiker aller Parteien, Feministinnen und sogar ein Imam haben das Kleidungsstück verurteilt, das von manchen als „mobiles Gefängnis“ gebrandmarkt wird. Manche empfinden den Gesetzentwurf als „stigmatisierend“, andere wiederum kritisieren ihn als nicht weitreichend genug. Fest steht, dass mit ihm einmal mehr die Frage aufgeworfen wurde, was es bedeutet, als Muslima in Frankreich zu leben. Wenn es im Parlament keine größeren Widerstände gibt, könnte das neue Gesetz bereits Ende des Jahres in Kraft treten.

Eine der Frauen, die entschlossen sind, sich gegen ein solches Gesetz zur Wehr zu setzen, ist die 32-jährige Faiza Silmi, die den Niqab trägt, seit sie nach ihrer Heirat im Jahr 2000 nach Frankreich gekommen ist. Ihr wurde die französische Staatsbürgerschaft verwehrt, weil sie sich nach Auffassung der Behörden nicht in die französische Kultur integriert habe. 2008 lehnte der oberste französische Gerichtshof ihren Revisionsantrag mit der Begründung ab, sie habe „eine radikale religiöse Praxis angenommen, die mit den grundlegenden Werten der französischen Gesellschaft nicht vereinbar“ sei. Jetzt will sie ihren Fall vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bringen.

Für Amina und ihre Freundinnen ist das geplante Niqab-Verbot ein „schockierender“ Versuch des Staates, sich in ihre ganz persönliche religiöse Entscheidung einzumischen. Dass dies mit der Sorge um den Laizismus begründet wird, finden die jungen Frauen paradox. „Frankreich will ein freies Land sein. Dabei haben Frauen heutzutage zwar das Recht, sich auszuziehen, aber anziehen, wie sie wollen, dürfen sie sich nicht“, sagt Kheira, die ihr Gesicht zwar zeigt, ihren Niqab aber in der Handtasche bei sich trägt.

Seitdem die Idee eines Verbotes im vergangenen Sommer zum ersten Mal diskutiert wurde, haben die Frauen das Gefühl, ihnen schlage in der Öffentlichkeit mehr Feindseligkeit und Ablehnung entgegen. Die französische Tradition der Trennung von Staat und Kirche führte 2004 bereits dazu, dass Kopftücher als „auffällige“ religiöse Symbole an Schulen verboten wurden. Entsprechend haben viele Menschen Probleme mit solch offenkundig religiösen Statements wie dem Niqab. In der vergangenen Woche erklärte Präsident Sarkozy zwar, er werde es nicht zulassen, dass französische Bürger stigmatisiert werden, aber genau das hat er nach Ansicht vieler bereits getan. „Sie dämonisieren den Islam“, sagt Kheira und Samia fügt hinzu: „Mit dem Kopftuch hat es angefangen. Jetzt ist der Niqab dran.“
Anliegen einer kleinen Minderheit?

Für die übrige muslimische Gemeinde Frankreichs – mit fünf bis sechs Millionen die größte in Westeuropa – liegt der Fall nicht ganz so klar. Viele in Barbès sehen nur selten einen Niqab oder eine Burka und finden den Anblick ebenso befremdlich wie viele Nicht-Muslime. „Ich persönlich bin für ein Verbot. Es ärgert mich, wenn ich eine völlig verschleierte Frau sehe“, sagt ein Mann marokkanischer Herkunft. Diese Meinung ist bei denjenigen Muslimen weit verbreitet, die das Gefühl haben, ihre eigene religiöse Praxis habe mit derjenigen einer kleinen Minderheit von Frauen, die sie unter dem Einfluss des äußerst konservativen salafitischen Islam sehen, nur wenig gemein. Während einige dem Niqab gleichgültig gegenüberstehen, möchten sie sich von dieser Minderheit nicht vereinnahmen lassen – einige befürchten, der Niqab habe den Behörden einen Vorwand geliefert, die gesamte muslimische Bevölkerung ins Visier zu nehmen.

„Es ärgert mich, weil sie von meiner Community reden. Das, was sie sagen, vermittelt einen völlig falschen Eindruck davon, was es bedeutet, Muslim zu sein“, erklärt der aus Algerien stammende Fleischer Kemal Idris. Die Rechte der Frauen sind ihm zwar nicht gleichgültig, vorher gebe es aber „ernsthaftere Probleme“, um die man sich kümmern müsste. „Wieviele Burkas gibt es in Frankreich? 100? 200? Keiner weiß das genau. Ich lebe jetzt seit 25 Jahren hier in der Gegend und kann mich nicht erinnern, schon jemals eine gesehen zu haben. Das ist nun wirklich nicht das Problem.“ Seit Sarkozys Einwanderungsminister Eric Besson im Herbst eine Debatte über „nationale Identität“ angestoßen hat, die angeblich den Zusammenhalt der Gesellschaft stärken sollte, werfen Kritiker der Regierung vor, sie erhöhe vielmehr die sozialen Spannungen, statt diese abzubauen. Viele sind der Ansicht, Frankreich täte besser daran, Probleme wie Diskriminierung und Arbeitslosigkeit anzugehen, von denen viele Muslime betroffen sind, anstatt abstrakte Debatten über den Platz der Migranten in der Gesellschaft zu führen. Dies würde ihrer Ansicht nach dem vom französischen Staat formulierten Anspruch, Verteidiger von Freiheit und Menschenrechten zu sein, besser gerecht werden. Was den Niqab betrifft, so könnte ein Verbot jedenfalls als Provokation verstanden werden. „Je mehr sie ihn uns verbieten wollen, desto öfter werden wir ihn tragen. Schon allein aus Solidarität“, sagt Samia. „Dies ist ein Kampf.“

04:55 01.02.2010
Geschrieben von

Lizzy Davis | The Guardian

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