In der Asylfalle

Belarus In ihre Herkunftsländer wollen sie nicht zurück und die EU hält ihre Grenzen immer noch geschlossen. Hunderte von Migranten warten in einer umgebauten Lagerhalle des Zolls in Belarus auf ein Wunder

Das riesige frühere Warenlager überragt die gesamte Gegend, es liegt nur knapp einen Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Dutzende von Soldaten bewachen die 10.000 Quadratmeter große Halle. Drinnen sind in den Gängen zwischen hohen, industriell gefertigten Regalen etwa 1.000 Asylsuchende untergebracht, denen der Weg in einen EU-Staat, den sie unbedingt einschlagen wollen, versperrt bleibt. Sie müssen ausharren, mitten im Winter. „Wir sind in diesem Gebäude gefangen“, sagt die 40-jährige Alima Skandar. „Wir wollen nicht zurück in den Irak, aber wir können die Grenze nicht überqueren.“ Das frühere Zollzentrum im weißrussischen Dorf Brusgi ist zu einer Unterkunft für Asylsuchende geworden, aber nichts bewegt sich. Die Europäische Union wirft Präsident Alexander Lukaschenko weiter vor, die seit mehreren Monaten andauernde Flüchtlingskrise provoziert zu haben, indem er die Einreise von Menschen aus dem Nahen Osten nach Minsk befördert und ihnen die sichere Durchreise nach Europa versprochen habe. Er sei nach wie vor darauf aus, die Lage der Migranten auszunutzen, um Vergeltung für die von Brüssel gegen seine Regierung verhängten Sanktionen zu üben.

Der nächste Versuch

Ende Oktober landete Alima Skandar mit ihrem Mann und vier Kindern nach einem Flug vom irakischen Kurdistan aus in Minsk, um von dort an die Grenze zu fahren. Danach kampierte die Familie tagelang vor den Stacheldrahtzäunen, mit denen Polen seine Grenze aufgerüstet hat. Augenzeugen berichten, vor dem Jahreswechsel hätten weißrussische Soldaten zuweilen Gruppen von bis zu 50 Menschen um sich versammelt und den Stacheldraht mit Drahtscheren durchschnitten, um ihnen einen Übergang zu ermöglichen. Hunderten sei es auf diese Weise gelungen, auf der anderen Seite Polizisten und Grenzschützer zu umgehen, indem sie sich in den Wäldern versteckten. Wer entdeckt und festgenommen wurde, den drängten die Polen umgehend zurück.

Während des Versuchs, am 6. November die Grenze zu überqueren, wurde Alima Skandar von dreien ihrer Kinder getrennt, die zwischen 13 und 20 Jahre alt sind. „Als die belarussischen Soldaten den Stacheldraht durchtrennten, bewegten sich Hunderte von uns auf die Grenze zu“, erzählt sie. „Drei unserer Kinder waren ganz vorn und rannten in den Wald, der undurchdringlich schien. Mein Mann, unser jüngstes Kind und ich – wir kamen nicht so schnell hinterher. Das hatte zur Folge, dass uns polnische Polizisten festnahmen und zurück nach Belarus schickten“, berichtet sie weiter. „Seit diesem Tag und dieser Stunde habe ich von meinen drei Kindern nichts mehr gehört.“ Sie hält die Hände vors Gesicht und beginnt zu weinen. „Ich kann nur hoffen, dass es ihnen gut geht.“

Je mehr Zeit verging, desto drastischer wurden die Reaktionen. Die polnische Polizei setzte Tränengas und Wasserkanonen gegen Migranten ein, die versuchten, die Grenze zu überwinden. Die EU belegte Belarus mit weiteren Sanktionen. Als im Dezember die Temperaturen weiter fielen, ließen die belarussischen Behörden die Migranten schließlich in die Lagerhalle von Brusgi bringen. Darin haben sich die meisten zwischen den Kolonnen von bis zur Decke reichenden Regalen, in denen früher Waren gelagert waren, aus Holzbrettern, Planen und Kartons provisorische Hütten gebaut. Es gibt viele Kinder und ältere Menschen, von denen fast jeder medizinische Hilfe benötigt. Vor dem Gebäude sitzen andere Migranten um eine Art Holzofen, der zum Erhitzen von Mahlzeiten und Wasser genutzt wird. Das Wasser sei für die Duschen, heißt es, die draußen in einem verschneiten Container der Kälte ausgesetzt seien. Gegenwärtig können die Temperaturen in Brusgi nachts auf bis zu minus zwölf Grad sinken.

Wer sich umhört, der erfährt, dass die Mehrheit in dieser Notunterkunft aus der autonomen kurdischen Region im Nordirak kommt. Dort seien, erfährt man, am 3. Dezember bei einem Angriff von einer Miliz des Islamischen Staates (IS) drei Zivilisten und zehn kurdische Soldaten getötet worden. Für viele der letzte Anstoß zur Flucht nach Europa, zunächst mit dem Ziel Belarus. Bis heute versuchen immer wieder kleinere Gruppen, in der Regel junge Männer zwischen 20 und 30, die Grenze zu überqueren. Manche schaffen es, andere nicht. Mindestens 19 Menschen sind – seit im Herbst dieses verzweifelte Anrennen begann – an der Grenze gestorben, die meisten erfroren. Die Körper der Toten werden von Minsk aus in ihre Heimatländer geflogen, zusammen mit Migranten, die teils von den belarussischen Behörden zur Rückkehr gezwungen werden, teils freiwillig gehen.

Der 20-jährige Ibrahim Naman hört zu, als einige seiner Altersgenossen ihren nächsten Versuch planen, „hinüber“ zu kommen. Er selbst hofft auf eine andere Lösung, da er seit einem Unfall in Kurdistan vor zwei Jahren im Rollstuhl sitzt. Mehrere Operationen am Rücken hat er bereits hinter sich. Die Ärzte machten ihm Hoffnung, dass er mit Hilfe einer Rehabilitation in einem EU-Staat vielleicht wieder laufen könnte. Wochenlang kampierte auch er mit seiner Familie vor dem Stacheldrahtzaun – in der Hoffnung, eingelassen zu werden. Da er nicht in der Lage war, in seinem Rollstuhl durch den Wald zu kommen, trugen sie ihn teilweise zu sechst auf einem Bettlaken. „Mein Sohn muss es nach Deutschland schaffen“, sagt der Vater verzweifelt. „Er braucht jeden Tag Medikamente, und hier gibt es kaum welche. Ich hoffe, dass Europa etwas tut, um Menschen wie ihm zu helfen.“

Im Warenlager gab es kurz vor Jahresende das Gerücht, dass Deutschland diese Migranten aufnehmen werde. Es hat sich nicht bewahrheitet. Eine 32-jährige Syrerin beteuert, sie würde lieber „auf der Stelle an einer Kugel oder der Kälte sterben“, als zurückzugehen. Ein Direktflug von Damaskus aus brachte sie am 28. Oktober gemeinsam mit ihren Eltern nach Belarus. Ihre Mutter hatte noch in Syrien eine Nierentransplantation und braucht ebenfalls medizinische Betreuung. „Sie war Krankenschwester in einem staatlichen Krankenhaus in Idlib und pflegte dort unter anderem verletzte Regierungssoldaten“, erzählt die Tochter. „Deswegen betrachtete die Opposition sie als Verräterin, die das Regime unterstützt. Und unser Besitz wurde konfisziert.“ Die junge Frau sagt weiter, ihr in Deutschland lebender Bruder versuche, unterstützt von einer Hilfsorganisation, sie und die Eltern aus Belarus herauszuholen, und werde bei der Deutschen Botschaft in Minsk Einreiseanträge stellen. Allerdings hätten die Belarussen erklärt, wer das Camp verlasse, dürfe nicht mehr dorthin zurück.

EU in Sichtweite

Bei einem Besuch in Brusgi hatte Präsident Lukaschenko am 26. November versichert, dass sein Land niemals ein politisches Spiel mit dem Leben von Flüchtlingen treiben werde. „Wer nach Westen weiterziehen will, hat das Recht dazu“, sagte er in einer Rede, die ins Arabische übersetzt wurde. „Wir werden Sie nicht hinter Stacheldraht festhalten.“

Die Bewohner des Lagerhauses sagen, die meisten der belarussischen Soldaten würden sie nicht misshandeln, mit Ausnahme eines großen Mannes in einer schwarzen Uniform, von dem es heißt, dass er einer der Truppenchefs im Camp sei. „Er ist der Schlimmste hier“, sagt ein Iraker. „Er schlägt sogar Kinder.“ Der Grenzkontrollpunkt Kuźnica liegt rund 500 Meter von der Halle entfernt. Es gibt kaum noch Hinweise auf die vielen, die dort wochenlang ein Lager aus Zelten aufgeschlagen hatten. Allein ein Haufen Lumpen und Flaschen erinnert daran. Auf der polnischen Seite ist ein EU-Symbol zu sehen – für die Flüchtlinge bleibt es unerreichbar.

Lorenzo Tondo ist Guardian-Autor, der sich bevorzugt mit Migrationskonflikten in der Europäischen Union befasst

Übersetzung: Carola Torti

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Geschrieben von

Lorenzo Tondo | The Guardian

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