In Socken gestopft

Zugriff! Auf Madagaskar breitet sich der Schmuggel mit Schildkröten aus. Eine Spezialeinheit von Tierschützern kämpft dagegen an
In Socken gestopft
50 freilebende Alttiere der Schnabelbrustschildkröte gibt es noch. 50.000 Dollar hält dieser Wärter einer Aufzuchtstation im Arm

Foto: Jonathan Torgovnik/Getty Images Reportage

Im Februar 2016 wird Richard Lewis, ein auf Madagaskar tätiger Tierschützer von einer Tierklinik mit einer eher ungewöhnlichen Anfrage kontaktiert: „Jemand war zu einem Tierarzt gegangen und hatte gefragt: ,Können Sie einen Mikrochip aus einer Madagassischen Schnabelbrustschildkröte entfernen?’“, erinnert sich Lewis. „Daraufhin haben sie uns angerufen.“

Die Madagassische Schnabelbrustschildkröte ist eine der seltensten Schildkrötenarten auf dem Planten: Mit schätzungsweise nur noch 50 freilebenden Alttieren ist jede einzelne von ihnen auf dem Markt für exotische Tiere an die 50.000 US-Dollar wert. Wie bei Gold oder Elfenbein weckt allein schon ihre Seltenheit das Interesse der Schmuggler.

Lewis leitet das Programm des Durrell Wildlife Conservation Trust auf Madagaskar, das eine Aufzuchtstation betreibt, in der die seltenen Schildkröten mehr als zehn Jahre lang aufgezogen und dann ausgesetzt werden. Ankauf, Verkauf und das Halten der Schildkröten als Haustiere ist illegal. Die Aufzuchtstation ist schwer mit Stacheldraht gesichert und wird rund um die Uhr von einem Sicherheitsdienst bewacht. Um sie vor den Schmugglern zu schützen, setzt die Organisation jeder Schnabelbrustschildkröte, die sie findet, einen Mikrochip ein. Wer versucht, den Chip zu entfernen, hat mit recht großer Wahrscheinlichkeit etwas mit dem Schildkrötenschmuggel zu tun.

Ein paar Tage nach dem Anruf aus der Klinik trifft der Tierarzt des Durrell Trusts sich mit dem Mann, der den Chip entfernt haben möchte. Es stellt sich heraus, dass er im Besitz von insgesamt fünf Exemplaren ist. Sobald der Arzt ihm sagt, dass das, was er da tut, illegal ist, macht der sich aus dem Staub. Doch bereits am Tag darauf ist ein ehemaliger Polizeibeamter, den Mitarbeiter von Durrell alarmiert haben, in einer anderen Klinik zur Stelle, als der Mann abermals versucht, den Chip aus der Schildkröte entfernen zu lassen.

Was dann geschieht, ist für Lewis zutiefst entmutigend: „Der Mann wurde verhaftet, kam vor Gericht, wurde für schuldig befunden und zu einer Geldstrafe von 15.000 Ariary (fünf US-Dollar) verurteilt. Sogar der Umweltminister bezeichnete die Strafe damals als lächerlich gering. Da wird jemand in flagranti erwischt und kommt mit ein paar Dollar Strafe davon. Da stimmt doch irgendwo etwas nicht.“

Die Schildkrötenpopulationen sind auf Madagaskar in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Eine andere Art, die Strahlenschildkröte, zählte in den dornigen Wäldern im Süden des Landes einst zu den am stärksten verbreiteten Gattungen. „Wenn man sich mit Leuten darüber unterhält, wie es vor 20 Jahren im Süden aussah, dann erzählen sie einem, dass man nicht die Straße entlangfahren konnte, ohne anhalten zu müssen, wenn man keine Schildkröte überfahren wollte – die Tiere waren überall.“

Doch in den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Strahlenschildkröten auf Madagaskar dem Herpetologen Ryan Walker zufolge um mehr als die Hälfte zurückgegangen – von etwa 6,5 auf drei Millionen. „Wir haben herausgefunden, dass der Bestand jedes Jahr ungefähr um eine halbe Million Schildkröten abnimmt“, sagt Ryan Walker. „Das vermittelt eine Vorstellung von der Dimension des Problems.“

Wilderei statt Landwirtschaft

Hinter diesem Einbruch der Populationszahlen liegt eine Mischung aus politischen und ökologischen Faktoren. 2009 folgten auf eine schwere Dürre ein von der Armee unterstützter Putsch und eine langwierige politische Krise. Zwischen 2013 und 2016 herrschte eine weitere Dürre und brachte hunderttausende Menschen an den Rande einer Hungersnot. Da mit Landwirtschaft nichts mehr zu verdienen ist, versuchen viele es mit dem Wildfleisch-Handel. In der ärmsten Ecke eines der ärmsten Länder des Planeten fällt es den Wilddieben nicht schwer, Männer zu finden, die bereit sind, von einem offenen Lkw zu klettern und in wenigen Stunden alle Strahlenschildkröten einzusammeln, die sie auf einem bestimmten Areal finden können.

Als die Wilderei von Strahlenschildkröten im Süden Madagaskars ein industrielles Ausmaß angenommen hat, nehmen Schmuggler im Nordwesten den Baie de Baly National Park ins Visier, den weltweit einzigen Ort, an dem Madagassische Schnabelbrustschildkröten zu finden sind. „Ende 2015, Anfang 2016 wurden wir Zeugen eines exponentiellen Anstiegs des Schildkrötenschmuggels“, sagt Lewis. „Die Sache geriet völlig aus den Fugen. Wir hatten so etwas noch nie gesehen. Es war fast so, als würde es jeder damit versuchen.“ In einem Fall übergab eine Familie auf ihrem Weg nach China eine Tasche mit Schnabelbrüstlern einem Polizisten, der sie für sie durch die Sicherheitskontrollen am Flughafen schleusen sollte. Doch dann zerriss die Tasche am Gate und die Schildkröten ergossen sich vor den Augen der anderen Passagiere auf den Fußboden. Ende 2015 sah sich der Durrell Trust gezwungen, das Auswildern der in Gefangenschaft aufgezogenen Tiere vorübergehend zu stoppen – aus Angst, dass auch sie den Wilderern zum Opfer fallen.

Die Schmuggler organisieren ihre Geschäfte über Facebook; Gravuren auf den Panzern halten sie meist nicht ab

Foto: Jonathan Torgovnik/Getty Images Reportage

Das Problem betrifft bei Weitem nicht nur Schildkröten. Vier von fünf der auf der Insel lebenden Arten gibt es nur hier und viele von ihnen sind vom Aussterben bedroht – was sie für Kriminelle, die versuchen, sie ins Ausland zu verkaufen, nur noch wertvoller macht. Am Ivato International Airport, dem wichtigsten Einreisehafen des Landes, haben Zollbeamte schon Koffer voller Chamäleons gefunden, die in Takeaway-Lebensmittelbehälter gepackt worden waren, und kleine Andenkenschachteln aus Plastik, in denen einzelne Frösche saßen. Der Hauptzolleinnehmer am Ivato Airport, Haja Rakotoarimalala, ist dafür verantwortlich, gegen Zollbeamte vorzugehen, die dem Schmuggel Vorschub leisten. Er sagt: „Es sind viele Angestellte des öffentlichen Dienstes involviert. Anders könnte es nicht funktionieren.“

In einem Land, in dem die Korruption floriert, existieren Artenschutzgesetze meist nur auf dem Papier. Der Export von madagassischem Palisanderholz etwa ist seit 2010 verboten – aber dieses Verbot durchzusetzen, ist eine andere Sache, zumal einige Holzunternehmer und Exporteure im Parlament sitzen.

Madagaskar findet sich im Corruption Perceptions Index (CPI) von Transparency International, einer weltweiten Studie zur Korruption im öffentlichen Dienst, Jahr für Jahr auf den hintersten Rängen wieder. Wenn man die Einheimischen fragt, sagen sie einem, dass in Madagaskar alles seinen Preis habe, von Ausweisen über Universitätszulassungen bis hin zu Jobs im öffentlichen Dienst – und, natürlich auch die Gunst einflussreicher Beamter. Im Laufe des Jahres 2016 zeigte die Agentur, die öffentliche Korruption in Madagaskar untersucht, mehr als 150 Personen an; auf politischen Druck hin wurde weniger als ein Fünftel davon tatsächlich festgenommen.

„Die oben machen es vor“, sagt Ndranto Razakamanarina, der der Koalition von Umweltschutzgruppen vorsitzt, die als AVG bekannt ist und ihren Sitz in Madagaskars Hauptstadt Antananarivo hat. „Wenn die Leute sehen, dass es an der Staatsspitze gang und gäbe ist, machen sie es genauso.“

Als der Schwarzmarkthandel mit Schildkröten explodiert, beschließen Richard Lewis und seine Kollegen vom Durrell Trust, dagegen vorzugehen. Als erstes nehmen sie eine Person ins Visier, die offenbar Schnabelbrustschildkröten auf Facebook zum Verkauf anbietet: 2015, am Tag vor Weihnachten, hat jemand mit dem Usernamen „Atsila Ratsila“ ein Foto von sechs ausgewachsenen Schnabelbrüstlern gemacht, die zusammengekauert auf einem Parkettfußboden liegen. Lewis sieht, dass mehrere der Tiere Gravuren auf ihren Panzern tragen – dies belege, dass es sich um Tiere handelt, die der Durrell Trust aufgezogen und ausgewildert hat.

Lewis und sein Team engagieren einen ehemaligen Polizeibeamten, der zehn Jahre Erfahrung in der Bekämpfung von Terror, Korruption und organisierter Kriminalität hat. Innerhalb weniger Wochen kann er den Mann und dessen Social-Media-Aktivitäten mithilfe seiner Beziehungen in den Strafverfolgungsbehörden identifizieren. Andriamanalintseheno Tsilavina Ranaivoarivelo, alias Atsila Ratsila, ist ein arbeitsloser 27-Jähriger aus einer kleinen Marktstadt südlich Antananarivos mit einem Abschluss in BWL, den er im Internet erworben hat. Ratsila verfügt offenbar über zahlreiche Kontakte in Südostasien. Bankbelege zeigen, dass er Geldtransfers aus Thailand erhalten hat, wo viele Schildkröten aus Madagaskar als Haustiere enden.

Doch Durrell ist nur eine Organisation zur Bewahrung der Artenvielfalt und verfügt über keinerlei Durchsetzungsbefugnisse: Mehr können sie eigentlich nicht tun. Doch etwa um dieselbe Zeit herum kommt AVG-Chef Ndranto Razakamanarina auf die Idee, sich mit einer Gruppe namens Eco Activists for Governance and Law Enforcement, kurz Eagle, zusammenzutun.

Eagle hat sich darauf spezialisiert, dort, wo Gesetze zum Artenschutz weitgehend folgenlos bleiben, Beweismaterial gegen Wilderer und Schmuggler zusammenzutragen. Die Gruppe versucht, die Fälle so wasserdicht zu machen, dass kein Raum bleibt, um den Prozess durch Korruption zu untergraben. Die Strategie, die 2003 in Kamerun zum ersten Mal entwickelt wurde, umfasst die Unterstützung aller Beteiligten, die es für eine erfolgreiche Strafverfolgung braucht: von potenziellen Informanten, die etwas Verdächtiges beobachten, bis hin zu Gefängniswärtern, die dafür verantwortlich sind, dass die Verurteilten ihre Strafen tatsächlich absitzen.

Den Ansatz von Eagle hat Ofir Drori entwickelt, ein Veteran der israelischen Armee und früherer freier Journalist mit einem ausgeprägten Sinn für militärische Disziplin und die Bedeutung der Medien. Wo es um Handel mit Elfenbein, Menschenaffen oder Amphibien geht, bildet Eagle NGOs vor Ort aus, die zustimmen, sich an die schriftlich fixierten Handlungsanweisungen der Gruppe zu halten und deren Zielvorgaben zu erreichen: eine Verhaftung wegen Schmuggels pro Woche und einen Bericht in den Nachrichten über Verbrechen gegen den Artenschutz pro Tag.

Anschleichen undercover

Anstatt sich auf Zeugenaussagen oder Indizien zu verlassen – die angefochten oder unter einem Vorwand verworfen werden könnten – besteht Eagles Standard darin, Undercover-Einsätze durchzuführen und auf Video festzuhalten, was die Rechtsverstöße unwiderlegbar beweist. Kamerun verabschiedete sein wichtigstes Artenschutzgesetz 1994. Doch noch zehn Jahre später kam es noch immer so gut wie nie zur strafrechtlichen Verfolgung von Vergehen gegen den Artenschutz. Eagles Ansatz führte dazu, dass zwischen 2006 und 2013 500 Tierschmuggler verurteilt wurden. Die finanzielle Unterstützung durch den US Fish and Wildlife Service erlaubte es Eagle, schrittweise in acht weitere afrikanische Länder zu expandieren. In Madagaskar erhält die Partnerschaft von Eagle mit AVG den Namen „Project Alarm“.

Ratsilas Facebook-Seite – mit Bildern, die am Flughafen von Bangkok aufgenommen wurden, und Facebook-Freunden, deren Avatare Schildkröten, Chamäleons und Schlangen waren – lässt die Vermutung zu, dass er Teil eines größeren Schmuggler-Netzwerks sein könnte.

Im Februar 2016 trifft Razakamanarina zum ersten Mal mit einem Vertreter von Eagle zusammen und bittet die Organisation um Hilfe dabei, die Leute ausfindig zu machen, die mit dem Facebook-Account von „Atsila Ratsila“ in Verbindung stehen. Die Aufgabe, mit Ratsila persönlich einen Deal in die Wege zu leiten, wird einem niederländischen Freiwilligen übertragen, der in Madagaskar lebt und sich mit Eagle in Verbindung gesetzt hat, während er als Backpacker durch Afrika reiste. Der Freiwillige (der sich unter der Bedingung der Anonymität einverstanden erklärt, mit mir zu sprechen) erzählt, dass Ausländer es grundsätzlich leichter hätten, sich als potenzielle Käufer auszugeben: Bei ihnen verfügen die Schmuggler über weniger kulturellen Kontext, um zu merken, dass sie mit jemandem in Undercover-Mission zu tun haben. Zudem passen sie ins Profil von jemandem, der über die Mittel verfügt, sich im internationalen Schmuggel zu engagieren.

Ratsila erweist sich als leichte Beute. Er ist nicht besonders vorsichtig: Anfang 2016 hat man noch nichts davon gehört, dass jemand wegen Schildkrötenschmuggels verhaftet und bestraft worden wäre. Die bemerkenswertesten Gefängnisstrafen in Zusammenhang mit Madagaskars Flora und Fauna wurden in den vergangenen Jahren nicht gegen Palisander-Schmuggler verhängt, die illegal geschlagenes Holz im Wert von Hunderttausenden von Dollar exportierten, sondern gegen die Umweltaktivisten, die sie angezeigt haben. Wenige Monate zuvor ist Razakamanarina in das Hauptquartier der Polizei in Antananarivo zitiert und der Diffamierung beschuldigt worden, weil er auf einer Pressekonferenz andeutet hatte, dass Politiker in den Schmuggel mit Palisander verwickelt sein könnten. Anklage gegen ihn wurde dann aber nie erhoben.

Im September 2016 arrangiert der Undercover-Käufer ein Treffen mit Ratsila in einem protzigen Bistro, das sich in einem alten Zug aus der Kolonialzeit in Antananarivo befindet. Er und ein schweigsamer Begleiter setzen sich zu dem Käufer, der an einem Tisch vor dem Gebäude sitzt, weit weg von den anderen Gästen. Ratsila ist eher schmächtig, hat einen Schmerbauch und ein pockennarbiges Gesicht. Er scheint sich zunächst unwohl zu fühlen und setzt sich, ohne etwas zu trinken zu bestellen. Seine Englischkenntnisse sind begrenzt und er vermeidet es, dem Käufer in die Augen zu sehen, stimmt aber einem erneuten Treffen in der darauffolgenden Woche zu, bei dem er seine Ware vorzeigen will.

Ein paar Tage später geht der Käufer zu einer Adresse in der Nähe des Flughafens von Ivato. Ratsila öffnet ihm die Tür zu einer leerstehenden Villa, in der sich einzig sieben große Koffer befinden, jeder von ihnen übervoll mit Strahlenschildkröten. Der Käufer macht Fotos, die er seinem angeblichen Auftraggeber schicken will. Sie einigen sich auf einen Preis von 250 Dollar pro Stück für 200 Schildkröten – insgesamt also 50.000 Dollar – und vereinbaren einen Ort, an dem sie sich am nächsten Morgen treffen wollen.

Im Mai 2017 stellte der Zoll in Malaysia hunderte aus Madagaskar geschmuggelte Tiere sicher

Foto: Manan Vatsyayana/AFP/Getty Images

Vage ist die Aktion schon im Vorfeld ausgearbeitet worden, aber die Einzelheiten werden den Strafverfolgungsbehörden bis zum letztmöglichen Augenblick vorenthalten. So kann das Risiko minimiert werden, dass empfindliche Informationen an jemanden durchgestochen werden, der die Bemühungen der Gruppe sabotiert. Die Polizei erfährt erst am Tag der Verabredung, morgens um acht bei einer Tasse Kaffee in einem nahegelegenen Hotel, von dem Treffen. Ein Trio aus Vertretern von AVG und Eagle erklärt den Polizisten, wie der Zugriff ablaufen und welche Rolle sie spielen werden. Sie verwenden dabei einen von Hand gezeichneten Grundriss des Hotels, in dem die Verhaftung stattfinden soll. Angesichts der Unwägbarkeiten, mit denen in Madagaskar zu rechnen ist, muss AVG sicherstellen, dass die Beamten genügend Benzin in ihren Fahrzeugen und genügend Guthaben auf ihren Handys haben, um ihm Vorfeld des Zugriffs miteinander kommunizieren zu können.

Um acht Uhr früh verlässt der Mann, der als Käufer auftritt, die Büros von AVG. Er hat noch eine Stunde, bis er sich mit Ratsila treffen will, doch der Verkehr steht still. Antananarivo besteht aus einem Gewirr von abschüssigen Hängen und engen Straßen, die permanent mit kleinen hellgelben Renault-Taxis verstopft sind, je weiter man sich vom Zentrum entfernt, gelegentlich auch von einer Herde Ochsen. An diesem Morgen wird schnell klar, dass der Käufer zu spät zu seiner Verabredung kommen würde, wenn er im Taxi sitzen bliebe. Also geht er zu Fuß.

Turm der Tiere

Zwei AVG-Leute folgen Ratsilas Wagen auf dem Weg zu dem Ort der Verabredung und halten den Rest des Teams via WhatsApp über sein Vorankommen auf dem Laufenden. Im Hotel Radama, wo der Käufer angeblich wohnt, lädt Ratsila drei große Koffer aus und folgt dem Käufer in ein Zimmer im zweiten Stock. Ein paar Minuten später stürmen fünf Zivilbeamte mit gezogenen Waffen in den Raum, während ein Anwalt, der für AVG arbeitet, ihnen folgt und die Razzia auf einem Mobiltelefon filmt. Auf der Aufnahme kann man erkennen, wie der vermeintliche Käufer mehrmals gedämpft „Was zum Teufel?“ schreit, während drei Beamte versuchen, ihn hinter der Tür zu überwältigen. Ratsila ergibt sich wesentlich schneller. Er ist zu sehen, wie er mit dem Gesicht nach unten auf dem Bett liegt, während ein Polizist ihm das Knie in den Rücken drückt.

Ratsilas Koffer voller Strahlenschildkröten werden auf dem Boden geöffnet. Ein paar der Tiere klettern aufeinander und bilden eine Art Turm. Sie strecken ihre Köpfe aus ihren Panzern, blicken sich um oder ruderen auf der Suche nach einem Halt mit ihren Extremitäten. Die ganze Aktion ist innerhalb weniger Minuten vorüber.

Ratsila wird festgenommen und AVG hat Videoaufnahmen von 198 in Koffer gestopften Strahlenschildkröten (zwei weniger, als vereinbart worden war).

Die Tiere werden schnell zur Turtle Survival Alliance gebracht, einer Gruppe, die in der Hauptstadt eine Art Safehouse betreibt, in dem gefangene Tiere von Tierärzten untersucht und in Quarantäne gehalten werden, bevor man sie zum südlichen Ende der Insel fliegt, um sie dort wieder freizulassen.

Ratsila und der Undercover-Käufer werden in Handschellen zur nächsten Polizeistation gebracht. Ratsila bietet den Beamten 6.000 Dollar, wenn sie ihn freiließen. „Machen Sie sich keine Sorgen“, sagt er zu dem Undercover-Käufer. „Ich habe einflussreiche Freunde.“ Wenn der Käufer das Geld aufbringen könne, sagt er, könne er jemanden im Präsidentenpalast anrufen – der sich zufällig nur einen Block weiter befindet – und so ihre Entlassung in die Wege leiten.

Für Lewis ist die Verhaftung zwiespältig. Es sieht so aus, als seien die sechs Schnabelbrüstler von dem Facebook-Foto, die die Untersuchung ins Rollen gebracht haben, schon lange ins Ausland verkauft worden. Aber immerhin haben sie ihren Mann.

Eine Woche nach Ratsilas Verhaftung nimmt ein Forstbeamter, der in der Nähe der Hafenstadt Vohémar in einem überfüllten Bus unterwegs ist, einen merkwürdigen Geruch wahr, der offenbar aus dem Gepäck eines Mitreisenden kommt. Der Beamte kontaktiert die Polizei. Als diese das Fahrzeug bei seiner Ankunft in der Stadt anhält, entdecken die Beamten eine Tasche mit 56 gegrillten Lemuren, die als geheime Delikatessen in exklusiven Hotels entlang der Küste verkauft werden sollten.

Man vermutet, dass die Tiere aus Loky Manambato kommen, einem geschützten Gebiet weiter nördlich, berühmt als Heimat der weltweit letzten existierenden Population von Goldkronensifakas, einer äußerst seltenen Lemurenart. Das madagassische Gesetz verbietet die Jagd aller Lemurenarten, sie dürfen noch nicht einmal als Haustiere gehalten werden. Das Gesetz sieht eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren vor. Doch der Fall gegen einen anderen Lemuren-Wilderer, der zwei Monate zuvor verhandelt worden war, endete mit einer Geldstrafe. In diesem Fall fordert die Staatsanwaltschaft acht Monate. Über ein Jahr später sitzt der Verdächtige noch immer in Untersuchungshaft, ohne dass der Fall entschieden worden wäre. Auch wenn das Problem für gewöhnlich darin besteht, dass Urteile keine Strafen vorsehen, so stellt eine Bestrafung ohne Urteil wohl kaum eine Lösung dar.

Tombotsoa Raharijaona, der als Anwalt für AVG arbeitet, erklärt, warum Richter häufig ihren Ermessensspielraum nutzen, um Schmuggler einfach davonkommen zu lassen. „Wenn man ihnen den Gesetzestext vorliest, verstehen die Leute nicht, warum man jemanden wegen einer kleinen Schildkröte bestrafen sollte“, sagt er. Die Gerichte würden Delikte, die den Artenschutz betreffen, nur selten als das betrachten, was sie sind – ein Diebstahl an Madagaskar, ein Verbrechen gegen kommende Generationen. „Es geht darum, im Justizsystem eine andere Kultur zu fördern“, ergänzt der Anwalt hoffnungsfroh.

Raharijaona arbeitet in einem kleinen Home-Office, ein paar Blocks von Verfassungsgericht des Landes entfernt. Bevor er sich mit Umweltthemen beschäftigt hat, verbrachte er fünf Jahre als Rechtsberater bei einer Organisation, die gegen die Versklavung von Kindern und Menschenhandel kämpft. „Es gibt keine Gerechtigkeit“, sagt er. „Hier in Madagaskar gibt es Fälle, in denen ein Mann ein Huhn stiehlt und zu vier Monaten verurteilt wird.“ In anderen Fällen würden Leute, die mit Blut an den Händen und bedrohten Arten im Gepäck erwischt würden, auf Kaution freikommen und verschwinden. Wenn sie dann verschwunden sind, geraten die Fälle in Vergessenheit. „Wie ist es möglich, dass wir sie wieder laufen lassen, wenn ihre Schuld nie infrage stand?“, fragt Raharijaona.

Der Fall gegen Ratsila ist so stichhaltig, wie ein Staatsanwalt sich das nur wünschen kann. Nach seiner Verhaftung, die gefilmt wurde, hat Ratsila Beamten, die auf Artenschutzdelikte spezialisiert sind und mit dem Umweltministerium zusammenarbeiten, ein Geständnis unterschrieben. Fotos auf seinem Handy scheinen zu zeigen, wie er kleine Schildkröten in großen Cookies-Schachteln gehalten hat, bevor er sie mit dem Logistikkonzern DHL nach Asien verschickte. Im vergangenen Jahr war er nach Hong Kong, China und Thailand gereist. Es existieren sogar Facebook-Mitteilungen, in denen er einem Kunden erklärt, dass er die Schildkröten manchmal in Sockenpaaren in seinem Gepäck aufbewahrt. Und schließlich ist da die Spur des Geldes: fast 5.000 Dollar an Vorauszahlungen via Western Union, alles aus Thailand, und alles innerhalb weniger Wochen.

Innerhalb von fünf Jahren sank die Zahl der Strahlenschildkröten auf Madagaskar von 6,5 auf drei Millionen

Foto: Ariadne Van Zandbergen/Getty Images

Als wir Raharijaonas Wohnung verlassen und die Treppe hinuntergehen, erblicke ich auf einer kleinen Terrasse vor der Wohnung seines Nachbarn zwei Strahlenschildkröten, die an welken Salatblättern knabbern. Raharijaona zieht eine Grimasse und zuckt mit den Schultern. „Sehen Sie“, sagt er, „das ist hier eigentlich nicht erlaubt.“

Die Verhandlung gegen Ratsila und fünf Komplizen findet im November 2016 statt, und das Urteil ergeht nur sechs Wochen nach der Verhaftung. Fünf der Männer werden zu jeweils zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, zusammen mit Geldstrafen von insgesamt 60.000 Dollar. Der sechste, der sich um die Villa gekümmert hatte, in der Ratsila seine Ware präsentierte, erhält zehn Monate.

Doch es dauert nicht lange, bis das Ganze wieder hinfällig ist. Ein paar Tage vor Weihnachten, Ratsila hat kaum einen Monat seiner 30-monatigen Haftstrafe abgesessen, lässt ein Berufungsgericht ihn auf Kaution frei. Es ist unmöglich, vom Justizministerium eine Antwort zu erhalten, aus welchem Grund dies geschehen ist, aber die Anwälte von AVG halten es für wahrscheinlich, dass Ratsila einen seiner einflussreichen Freunde zu einer Intervention bewegen konnte, wie er es kurz nach seiner Festnahme angekündigt hatte. AVG hält eine Pressekonferenz ab, um ein paar kritische Schlagzeilen zu provozieren. Razakamanarina selbst ruft im Justizministerium an – ohne Erfolg. Dem Team bleibt nichts anderes übrig, als zum nächsten Fall weiterzuziehen.

Die Schwierigkeiten, mit denen der Artenschutz in Madagaskar zu kämpfen hat, werden vielleicht daran deutlich, dass selbst ein solch erfolgreiches Projekt wie Project Alarm schnell auseinanderfallen kann. Obwohl AVGs Partnerschaft mit Eagle höchst effektiv ist – Project Alarm brachte über ein Dutzend Schildkrötenschmuggler ins Gefängnis, manchmal gegen den Einspruch hochrangiger Politiker, die zu Gunsten der Angeklagten intervenierten – hält sie lediglich neun Monate lang.

Von Anfang an hat es Spannungen zwischen den Strafverfolgungsbehörden und dem Bündnis aus AVG und Eagle gegeben. Während einer Undercover-Aktion verweigert ein dem Umweltministerium unterstellter Polizeibeamter Mitgliedern von AVG und Eagle, nach der Verhaftung eines Überführten bei der Durchsuchung von dessen Haus anwesend zu sein. Die AVG-Ermittler beugen sich der Autorität des Staatsbediensteten, der Vertreter von Eagle beharrt jedoch auf ihrer Anwesenheit und erhält schließlich seinen Willen. Später aber beschwert sich der Polizist bei einer Staatsanwältin, die die Anwälte von AVG in ihr Büro beordert, um ihnen zu erklären, „was geht und was nicht“.

Project Alarm zerbricht

Doch der Konflikt, der schließlich zum Ende von Project Alarm führt, ist der zwischen AVG und Eagle. Im Laufe der Zeit beginnen die Mitarbeiter von AVG sich daran zu stören, dass in jedem Stadium eines Falles ein Vertreter von Eagle anwesend sein sollte. „Eagle bezichtigte mich der Lüge, behauptete, ich hätte das Team dazu aufgefordert, sich ihrer Führung zu widersetzen“, sagt Joély Razakarivony, der damals das Programm von AVG koordinierte und schon bald frustriert ausschied. „Mit jemand zu arbeiten, der einem nicht vertraut? Das hat keinen Sinn.“

Luc Mathot, ein Eagle-Aktivist, der dabei mitgeholfen hat, das Programm aufzubauen, schreibt mir per E-Mail: „Wir hatten nicht das Gefühl, dass AVG unserem Vorgehen genügend Respekt entgegenbringt.“ Mathot selbst stößt sich an AVGs Buchführung und wirft dem Partner vor, er habe Geld von Project Alarm zweckentfremdet, um andere Lohnkosten zu begleichen. Razakamanarina gibt zu, Änderungen ohne Eagles Zustimmung vorgenommen zu haben, beharrt aber darauf, dies sei gerechtfertigt gewesen, und bietet an, die Differenz zurückzuzahlen. Doch das Vertrauen ist zerstört und Eagle setzt das Projekt im Mai aus.

Es dauert nicht lange, bis die positiven Ergebnisse der Zusammenarbeit zwischen AVG und Eagle wieder einkassiert werden. Zwei Monate später nimmt mich Annie Rajeriarison, die als Anwältin für Project Alarm gearbeitet hat, mit in das Antanimora-Gefängnis, eine auf einem Berg gelegene Strafanstalt, in der die Bedingungen so schlecht sind, dass die Gefangenen an Mangelernährung leiden und es sogar regelmäßig zu Ausbrüchen von Beulenpest kommt. Rajeriarison hat den Ort bei Besuchen in jüngster Zeit gut kennengelernt und gelegentlich Einzelheiten aufgeschnappt, die für laufende Ermittlungen nützlich sind, wenn sie Insassen Decken und Medikamente vorbeigebracht hat. Doch als ich das Gefängnis am 2. August besuche, sind nur noch zwei der ungefähr 20 Schmuggler, die von Project Alarm ins Gefängnis gebracht worden waren, dort. Und selbst die beiden, die noch da sind – junge Männer, die man mit Schildkröten erwischt hat, die sie sich an den Körper gebunden hatten, als sie ein Flugzeug nach China bestiegen – protestieren, sie seien unschuldig. Ihr Anwalt, versichern sie mir, habe ihnen gesagt, sie würden bald freikommen.

Westliche Spender haben seit 1990 fast eine Milliarde Dollar für Artenschutzprojekte in Madagaskar gespendet. Project Alarm war relativ günstig: alles zusammen brauchte es weniger als 100.000 Dollar, um eine Reihe von Verurteilungen vorzubereiten, wie es sie in der Geschichte des Kampfes gegen den Wildtierschmuggel auf Madagaskar vorher noch nicht gegeben hatte.

Im Laufe des Herbstes 2017 will AVG potenziellen Spendern zeigen, dass es auch ohne die Unterstützung von ausländischen NGOs wie Eagle in der Lage ist, die Erfolge von Project Alarm zu wiederholen. Im Oktober sprengt die Gruppe einen Schmugglerring in Mahajanga, einer Stadt in der Nähe des Nationalparks, den die Schnabelbrüstler zu ihrem Zuhause gemacht haben.

Nun hat Mamy Rastefano – der Ermittler, der die laufende Ermittlungsarbeit von AVG koordiniert – seinen Blick auf eine größere Sache gerichtet: einen „dicken Fisch“, sagt er, nicht nur Fußsoldaten. Durch Project Alarm habe AVG Beweise gesammelt, die die Schmuggler mit weit mächtigeren Leuten in Verbindung zu bringen scheinen: Generäle, Richter und führende Politiker in Madagaskars Parlament.

„Für den Augenblick sind wir nicht in der Lage, diejenigen zu demaskieren, die das Sagen haben“, sagt Rastefano. „Aber wenn es uns gelingt, nur einen hochrangigen Schmuggler zu erwischen – zum Beispiel einen Minister oder einen Abgeordneten – dann wird das anderen bestimmt zu denken geben.“

Rowan Moore Gerety arbeitet als Reporter unter anderem für den Guardian, den Miami Herald und The Atlantic. Auf Englisch ist im Januar sein Buch Go Tell the Crocodiles. Chasing Prosperity in Mozambique (The New Press 2018, 352 Seiten, 26,95 Dollar) erschienen. Bei den Recherchen für den hier abgedruckten Text hat ihn der Umweltnachrichtendienst Mongabay unterstützt

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 04.06.2018
Geschrieben von

Rowan Moore Gerety | The Guardian

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