Industrie der aufgehenden Sonne

Energiepolitik Bis 2020 will China sich mit erneuerbaren Energien von der Kohleabhängigkeit emanzipieren und sein Wirtschaftswachstum mit dem Export sauberer Technologien sichern

Die Welt hat sich daran gewöhnt, China als Umweltsünder zu brandmarken. Jedenfalls schien das während der vergangenen Jahre so. Doch schon in den kommenden Monaten könnte die Volksrepublik als erste grüne Supermacht von sich Reden machen.

Der Staatsrat, Chinas Kabinett, will in Kürze Details eines gigantischen Programms für „Neue Energien“ bekannt geben, das aus dem größten Verursacher von Treibhausgasen innerhalb kürzester Zeit eine globale Führungsmacht für erneuerbare Energien und kohlendioxidarme Technologien machen könnte. Dabei werden wir weder Zeugen eines kurzatmigen Aktionismus noch wohlfeiler Lippenbekenntnisse, die ein Staat abgibt, der bei den Verhandlungen über den Klimawandel besser dastehen möchte. Es geht um ernstzunehmende, langfristige Investitionen, die darauf abzielen, China auf Jahrzehnte hinaus mit einer kohlenstoffarmen Ökonomie auszustatten.

1,4 bis 4,5 Trillionen Yuan

Wieviel Geld genau in die Konversion gesteckt werden soll, steht noch nicht endgültig fest, aber Berichte in den chinesischen Medien wie auch von ausländischen Diplomaten deuten darauf hin, dass im kommenden Jahrzehnt zwischen 1,4 und 4,5 Trillionen Yuan (200 bis 600 Milliarden Dollar) in Solar- und Windkraftanlagen, Staudämme, umweltfreundliche Verkehrssysteme, „saubere Kohle“ und hocheffiziente Starkstromnetze fließen sollen. Die Konsequenzen wären weitreichend. Falls die Ausgaben tatsächlich in die Nähe jener 4,5 Trillionen kämen, würde das Reich der Mitte zwischen 2010 und 2020 pro Jahr Geld im Wert seines Militärbudgets von 2009 in „neue Energien“ stecken.

Und selbst die kleinere Zahl von 1,4 Trillionen Yuan würde bedeuten, dass die Volkesrepublik, die derzeit lediglich sechs ­Prozent zum Weltwirtschaftsprodukt beisteuert, sehr viel mehr in neue Energien investieren könnte, als die gesamte übrige Welt im vergangenen Jahr in neue Methoden der Energiegewinnung gesteckt hat. Bereits jetzt verfügt China weltweit über die meisten Sonnenkollektoren und Windturbinen. Chinesische Autobauer sind bei der Serienproduktion von Elektrofahrzeugen gegenüber japanischen und nordamerikanischen Wettbewerbern deutlich im Vorteil. Im Lande selbst entwickelte Technologien zur Kohlendioxid-Vermeidung werden erprobt, hocheffiziente Kohlekraftwerke demnächst in Betrieb genommen. Mit dem angekündigten Programm wird die Regierung sich logischerweise auch der Erschließung eines nationalen Marktes für diese „Industrie der aufgehenden Sonne“ widmen. Die Geschwindigkeit, mit der China voranschreiten kann, zeigt sich besonders bei der Windenergie: Schon seit geraumer Zeit verdoppelt sich die Zahl der installierten Anlagen Jahr für Jahr.

Nach den Worten von Changua Wu, dem Direktor des chinesischen Parts der Climate Group*, wird die Nutzung der Solarenergie einen noch kräftigeren Schub erfahren, als sich das bereits jetzt abzeichnet. Insgesamt will China im Jahr 2020 mindestens 15 Prozent seines Energiebedarfs durch erneuerbare Energien abdecken – unter Umständen aber die von der Europaischen Union anvisierten 20 Prozent übertreffen. Bis dahin dürfte das Land auch über ein ausgezeichnetes Starkstromnetz verfügen.

Sollte wirklich ein Großteil der staatlichen Investitionen Chinas in erneuerbare und effiziente Energien fließt, werde das so gewonnene Potential gewaltig sein, glaubt Julian Wong, Energie-Experte am Center for American Progress in Washington D. C. „Wenn sich erfüllt, was uns in Peking prophezeit wird, könnte China zum weltweit unangefochtenen Protagonisten bei der Produktion sauberer Energie avancieren. Das Land dürfte ernsthafte Chancen haben, sich von seiner Kohleabhängigkeit zu emanzipieren und zugleich sein Wirtschaftswachstum mit dem Export dieser sauberen Technologien weiter festigen.“

China hinterherrennen

Die Regierung von Premier Wen Jiabao will mit ihrem Programm nicht nur internationale Verpflichtungen bedienen, sondern ebenso in die nationale Sicherheit investitieren. Erneuerbare Energien verringern die Abhängigkeit von Ölimporten, deren Ausmaß immer stärker Anlass zur Sorge gibt. Der Geldfluss in Wind- und Solarenergie wird dem Land überdies helfen, moralisch Boden gut zu machen.

Todd Stern, Barack Obamas oberster Beauftragter für Klimaschutz, warnte erst vor kurzem, die USA könnten von den Chinesen nach allen Regeln der Kunst abgehängt werden. „Wir müssen uns darüber klar werden, dass wir – wenn wir nicht aufpassen – die kommenden Jahre damit zubringen werden, China hinterher zu rennen“, meinte er vor einer Reise nach Peking.

Andererseits steht außer Frage, unabhängig von den enormen Investitionen in „neue Energien“ wird China weiter von der Kohle abhängig bleiben und auf Jahre hinaus von den absoluten Werten her immer noch weitaus mehr Treibhausgase in die Atmosphäre blasen als andere Länder. Wir haben es demnach mit einer schwarzen und grünen Supermacht zu tun – eine Bestätigung dafür, dass die Volksrepublik auf Superlative und Widersprüche gleichermaßen abonniert bleibt.

Dennoch, die chinesischen Pläne dürften die Wahrnehmung sowie die Parameter der Klimadebatte verändern. Während man mit einer genauen Beurteilung noch warten muss, bis die exakten Zahlen zur Finanzierung vorliegen, sollte der Umwelt-Ehrgeiz in Peking die USA und Europa in jedem Fall zu größerem Engagement anspornen. Sie sollten im Rennen um die Spitze dabei sein, nicht im Wettkampf um den letzten Platz.



* Globaler Verbund klimafreundlicher produzierender Firmen

Übersetzung: Holger Hutt

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Geschrieben von

Jonathan Watts, The Guardian | The Guardian

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