Inseln heben? China hilft!

Kiribati Der Pazifikstaat will wegen des steigenden Meeresspiegels Land aufschütten – das hat auch politische Folgen
Inseln heben? China hilft!
Lieber eine expansive Weltmacht ins Land holen als ertrinken, das kann man nachvollziehen

Foto: Nasa/NYT/Redux/laif

Es gebe einen „neuen diplomatischen Partner“, der helfen werde, die Zukunft der Inselrepublik mit ihren über 30 Korallenatollen im Pazifik zu garantieren, so sagt es Präsident Taneti Maamau im Gespräch. Man habe sich der Unterstützung Chinas versichert, werde aber weder von diesem noch einem anderen Land einen größeren Kredit annehmen. Auch sei nicht im Geringsten daran gedacht, dass die Volksrepublik einen Stützpunkt auf der strategisch bedeutsamen Christmas-Insel südlich von Hawaii erhalte. „Es gibt bereits konkrete Pläne, Sand und Geröll aus einer Lagune zu baggern und damit einen Teil des Hauptstadt-Atolls Tarawa aufzuschütten. Kiribatis Vision für die nächsten 20 Jahre sieht nicht zuletzt deshalb den Einsatz von Baggern vor, um auf den äußeren Inseln Kanäle ausheben zu können“, erklärt Maamau die Strategie seiner Regierung.

Unbestritten ist, dass eine solche Agenda Folgen für die Ökosysteme vieler Korallenriffs haben wird. „Aber uns bleibt keine Alternative. Wir arbeiten mit dem Nationalen Institut für Wasser- und Atmosphärenerforschung in Neuseeland zusammen, um die Küsten Kiribatis auf Dauer wirksam zu schützen“, erläutert der Präsident. „Es muss darauf hinauslaufen, die Inseln anzuheben und uns auf diese Weise im Kampf gegen den Klimawandel zu behaupten.“

Strategische Lage im Ozean

Beraten wird Staatschef Maamau durch Paul Kench von der Simon-Fraser-Universität in Kanada, einem der führenden Forscher, der sich mit der Reaktion von Atollen auf die Veränderung des Meeresspiegels beschäftigt. Um die unausweichliche Überflutung der von 57.000 Menschen bewohnten Hauptstadt South Tarawa zu verhindern, schlägt Kench vor, die aufgeschütteten Dammstraßen auf Kiribatis Inseln zu ersetzen. Sie würden zwar schützen, aber eben auch zur Erosion der Strände führen. Stattdessen sollte eine erhöhte Brückenstraße gebaut werden, die sich über die gesamte Länge eines Atolls – und zwar auf der geschützten Lagunenseite – hinzieht. Da es sich hier um ein für einen kleinen Staat riesiges Infrastrukturprojekt handelt, könnte China die Finanzierung übernehmen. Es verfügt zudem über die nötige Expertise für die erforderlichen Baumaßnahmen. Erst kürzlich haben chinesische Unternehmen eine lange Brücke zwischen der maledivischen Hauptstadt Malé und deren Flughafen errichtet. „Eine erhöhte Straße parallel zur Küste ist eine Idee, die wir mit unseren Partnern ausloten wollen“, sagt Präsident Maamau.

Bis zur Unabhängigkeit am 12. Juli 1979 britische Kolonie, besteht Kiribati aus Inselgruppen, die auf einem Gebiet von der Größe Indiens im Pazifischen Ozean verteilt sind, darunter Banaba oder Ocean Island, die Gilbertinseln, die Phoenixinseln und die acht Atolle von Line Islands. In einer Zeit nervöser Rivalität zwischen den USA und China im Pazifik hat der Inselstaat an strategischer Bedeutung gewonnen. Prompt zeigt sich das US-Militär besorgt darüber, dass Kiribati China erlauben könnte, auf Christmas (auch Kiritimati genannt), der größten Insel des Staates, einen dualen Stützpunkt für militärische und zivile Zwecke zu errichten. So würde eine Militärbasis nur 2.000 Kilometer südlich von Hawaii liegen, wo die Pazifikflotte der USA ihren Standort hat. Aufhalten lässt sich nicht mehr viel – in Partnerschaft mit einer chinesischen Firma baut Kiribati bereits die Infrastruktur für die Fischerei auf seinen Inseln aus. „Wir hatten noch nie die Intention, China einen Stützpunkt auf Kiritimati einzuräumen“, versichert Taneti Maamau bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

China steht in dem Ruf, kleinen, unter Umständen ökonomisch darbenden Staaten Darlehen zu gewähren, die wegen der Tilgungsraten und -fristen Abhängigkeiten auslösen. Durch eine Mischung aus Geschenken und Bestechungen, in der Geschäftswelt als „Eliten-Fang“ bekannt, wird häufig erreicht, dass gebaut wird, was chinesischen Unternehmen willkommen ist, und nicht, was ein Land wirklich braucht. Und Kiribati gehört zu den am wenigsten entwickelten Staaten im pazifischen Raum. Es hing schon in der Vergangenheit zu mindestens 40 Prozent seines Haushalts von ausländischer Hilfe ab, das Selbstbestimmungsrecht schien nie ungefährdet. Präsident Maamau tritt allen Befürchtungen entgegen, die wegen eines denkbaren Verlustes an Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit laut werden.

Neben der strategisch günstig liegenden Christmas-Insel befindet sich Kiribatis Hauptstadt South Tarawa nur tausend Kilometer südwestlich von einem US-Militärlager in Kwajelein, einem Atoll, das mit einer Fläche von 17 Quadratkilometern zum kleinen Staat der Marshallinseln im südlichen Pazifik gehört. Ein Vertrag zwischen Kiribati und den USA schreibt vor, dass es grundsätzlich jedem verboten ist, auf Inseln der Pazifikrepublik militärische Anlagen zu errichten, ohne vorher Washington „konsultiert“ zu haben. Dort wie auch in Australien regte sich im vergangenen Jahr Besorgnis, nachdem Kiribati im September 2019 einen bemerkenswerten diplomatischen Schachzug riskiert hatte. Es wurden offizielle Beziehungen zur Volksrepublik China aufgenommen und die seit fast 20 Jahren bestehenden mit der Republik Taiwan gekappt. Dieser Schritt veranlasste die Opposition zu einer energischen Gegenwehr, sodass selbst das Regierungslager davon erfasst wurde. Präsident Taneti Maamau verlor im Parlament vorübergehend die Mehrheit.

Die turnusmäßigen Wahlen im Juni wurden daher auch als Referendum zu der Entscheidung betrachtet, sich statt Taipei nunmehr Peking zuzuwenden. Letztlich ging Maamau mit 26.053 zu 17.866 Stimmen als deutlicher Sieger aus dieser Abstimmung hervor. In der Folge wechselten mehrere Parlamentsabgeordnete die Seite und schlossen sich wieder der Regierung an. Maamau konnte in der Abgeordnetenkammer mit einer 24:16-Mehrheit weiter seine Agenda verfolgen, um die Entwicklung des Tourismus, des Bauwesens wie des Fischereisektors voranzutreiben. Gleichzeitig wird die Anpassung an den Klimawandel fortgesetzt, um es den etwa 110.000 Einwohnern Kiribatis zu ermöglichen, in ihrer Heimat zu bleiben.

Ob Maamau sein Versprechen hält und Kiribati vor einem zu weit gehenden ausländischen Einfluss bewahrt, dürfte auch künftig sorgfältig beobachtet werden – zu Hause in Kiribati ebenso wie durch das Gros seiner externen Partner.

Maamaus Vorgänger im Präsidentenamt, Anote Tong, war davon ausgegangen, dass angesichts des steigenden Meeresspiegels, des zunehmenden Salzgehalts des Wassers und einer wachsenden Gefährdung durch Naturkatastrophen große Teile der Bevölkerung in Zukunft die Inseln verlassen müssten. Seine Regierung erwarb bereits Land auf den Fidschi-Inseln, die für Tausende in absehbarer Zeit eine neue Heimat werden sollten. Sein Nachfolger hingegen lehnt Migration als Ausweg ab und beruft sich auf Studien, wonach die Inseln Kiribatis mit den richtigen Anpassungsstrategien erhalten werden und die Menschen bleiben können. Forschungen von Paul Kench und anderen haben überdies gezeigt, dass die Wassermassen, die Jahr für Jahr die schmalen Inseln – in der Regel ringförmige Korallenriffe, die eine Lagune umschließen – erreichen, viel Sand zurücklassen. Der Effekt besteht in einem Gewinn an aufgeschwemmten Flächen. „Diese Inseln befinden sich im Gleichgewicht mit dem Meer, denn sie liegen zumeist auf der gleichen Höhe“, meinte Kench in einem Interview. Die unumgängliche Lösung bestehe darin, Häuser abzureißen, zugleich aber in großem Umfang Sand auszubaggern, sodass man die Inseln Streifen für Streifen um einen halben bis ganzen Meter aufschütten könne. Dadurch würden sie für mindestens 50 Jahre gesichert sein.

Akut gefährdet

Saint Louis an der Küste Senegals ist eine der vielen Fronten der Klimakatastrophe. Ganze Viertel sind durch den steigenden Meeresspiegel bedroht. Der Ozean reißt die Fundamente der Häuser weg. Über 80.000 Menschen sahen sich bereits gezwungen, ins Landesinnere auszuweichen. Viele mussten vorübergehend in Zeltstädte ziehen.

Jakarta, Indonesiens Hauptstadt, könnte bis 2030 die nördlichen Viertel verlieren, die dann permanent unter Wasser stehen. Derzeit gibt der Boden pro Jahr um 25 Zentimeter nach. Damit schwindet die Lebensgrundlage für 32 Millionen Menschen. Unausweichlich wird nationaler Küstenschutz für die gesamte Insel Java – bis zum Bau von Staumauern am Meer.

Mongla, gelegen am Delta des Ganges im Süden von Bangladesch, ist nicht nur durch steigende Pegel am Indischen Ozean gefährdet, ebenso durch die Zunahme extremer Wetterereignisse wie Stürme und Flutwellen. An Mongla vorbei dringt das Meer ins Landesinnere vor und zerstört agrarische Flächen.

Christopher Pala ist ein US-Journalist, der unter anderen für den Guardian und diverse Wissenschaftsmagazine schreibt

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 22.09.2020
Geschrieben von

Christopher Pala | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 43/2020

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