Carole Cadwalladr
Ausgabe 5113 | 23.12.2013 | 06:00 38

Inside Amazon

Gigant Bei dem Versandhandel kann man erleben, was unser Wunsch nach billigem Konsum anrichtet. Besonders wenn man im Weihnachtsgeschäft dort arbeitet

Das erste, was ich bei Amazon sehe, ist eine Packung Hundewindeln. Beim zweiten Artikel handelt es sich um einen riesengroßen pinken Plastikdildo. Das Warenlager hier ist 74.320 Quadratmeter groß, von einem Ende zum anderen fast einen halben Kilometer lang. Viel Platz also, das würde sich in den nächsten Tagen herausstellen, für furchtbar viel Mist.

Auf der britischen Amazonseite werden hundert Millionen Artikel angeboten: Alles, was man sich irgendwie vorstellen kann, wird hier verkauft. Und außerdem alles, was man sich nicht vorstellen kann. Wenn man, wie ich, mehr als zehn Stunden am Tag Artikel aus diesen Regalen heraussucht, gerät man in die dunkelsten Tiefen unseres Konsums wie in einen Schacht ohne Licht. Man begegnet fast allem, was man mit Geld kaufen kann: Hundestrampler, Katzenkratzbäume, Bananenschneider. Ich habe die meiste Zeit mit Futter für Hunde, die Diabetes haben, mit vegetarischem Bio-Hundefutter und Futter für übergewichtige Hunde zu tun. Mit 52-Zoll-Fernsehern, in Sechserpackungen abgefülltem Trinkwasser von den Fijiinseln und überdimensioniertes Sexspielzeugen wie dem 45cm langen Doppelschwanz.

An meinem zweiten Tag, berichtet uns der Manager, haben wir 155.000 Artikel herausgesucht und verpackt. Am 2. Dezember, dem verkaufsstärksten Online-Shopping-Tag in Großbritannien, hat diese Zahl um die 450.000 gelegen. Dabei handelt es sich bei unserem nur um eins von acht Logistikzentren in Großbritannien. In Deutschland sind es neun; hier war der 17. Dezember 2012 der bisher umsatzstärkste. 2,7 Millionen Bestellungen gingen in den Zentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, in Rheinberg, Werne, Pforzheim, Koblenz, Brieselang und Leipzig ein.

Lauter Zeitarbeitswichtel

Weihnachten ist für Amazon das, was für die Amerikaner Vietnam war: eine Herausforderung, die selbst den erfahrensten Einkaufs- und Distributionsleiter weinend zusammenbrechen lassen kann. Für das Weihnachtsgeschäft hat der Konzern in Großbritannien und Deutschland jeweils rund 15.000 zusätzliche Zeitarbeiter eingestellt. Das Wachstum, das Amazon zu einem der mächtigsten internationalen Unternehmen der Welt gemacht hat, soll und wird wohl auch weitergehen.

Ich werde also eine Woche im Logistikzentrum in Swansea, einer in Südwales gelegenen Küstenstadt, arbeiten. Die Mitarbeiter suchen und verpacken in der Vorweihnachtszeit in vier Schichten und in jeweils mindestens 50 Stunden pro Woche jeden bestellten Artikel per Hand. Die Zeitung Daily Mail nannte sie kürzlich „Amazons Wichtel“ in der „Weihnachtsmannhütte des 21. Jahrhunderts“.

Aber dieser Vergleich stimmt nur auf den ersten Blick. Weihnachtlich geht es hier nämlich nicht zu: Das Unternehmen zahlt seinen Zeitarbeitswichteln in Großbritannien nur den Mindestlohn, in Deutschland weniger als zehn Euro. Aber Amazon ist die Zukunft des Einkaufens, und die Mitarbeiter erleben schon jetzt die Zukunft der Arbeit. Mithin eine Zukunft, in der solche internationalen Giganten wie eben Amazon mehr Macht haben werden als nationale Regierungen.

Die meisten von uns haben das schon gemacht, es ist uns wahrscheinlich nicht einmal richtig aufgefallen. In einem Moment der Langeweile haben wir, auf Arbeit oder im Schlafanzug vor dem Fernseher, irgendeinen Artikel in den Warenkorb gelegt, und schon kurze Zeit später hat das Ding quasi vor unserer Tür gelegen. Amazon ist nicht ohne Grund erfolgreich. Das Unternehmen ist in dem, was es macht, brillant. Amazon habe „enorme Hürden bewältigt“, sagt Brad Stone. Der amerikanische Wirtschaftsjournalist hat soeben ein Buch über Jeff Bezos, den Gründer von Amazon, veröffentlicht. Es heißt Der Allesverkäufer: Jeff Bezos und das Imperium von Amazon, und man kann es natürlich auch bei Amazon bestellen.

Das Unternehmen habe einen Weg gefunden, erzählt er, „Dutzende Millionen Produkte zu lagern, sie rechtzeitig und fehlerlos zu liefern. Das hat kein anderer auch nur annähernd geschafft.“ An meinem ersten Arbeitstag haben wir nicht nur 155.000 Artikel herausgesucht und verpackt, sondern wir haben diese 155.000 Dinge auch noch an die richtigen Kunden geschickt. „Wir haben keine einzige Bestellung fehlerhaft bearbeitet“, hat der Abteilungsleiter uns voller Stolz mitgeteilt.

Als Mitarbeiter ist man ein winziges Rädchen in einer riesengroßen globalen Vertriebsmaschine. Eine durch das Internet entstandene Industrialisierung nach dem Ende der Industrie. Die Regale in den Warenlagern sehen jedenfalls so aus, als wären sie nachts von einem Betrunkenen einsortiert worden: Neben den Rasierklingen liegen Kondome und eine Mein kleines Pony-DVD. Dennoch hat das alles System. Anders ginge es gar nicht. Und eines lässt diese Welt noch erstaunlicher erscheinen: Das Herz dieses Betriebs sind die aus Fleisch und Blut bestehenden, nicht hundert Prozent zuverlässigen, weil mängelanfälligen Menschen. Sie füllen die Regale, suchen die Bestellungen zusammen, verpacken und verschicken sie.

An diesem Punkt wird es heikel: genau da, wo ins große Ganze Hoffnungen und Ängste, Zukunftspläne oder Kindersorgen einfließen. Dinge, die sich nicht systematisieren lassen. Und hier in Wales lauert eigentlich hinter jeder Ecke die Verzweiflung. Amazon aber sucht sich als Standorte bevorzugt Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit und geringer Wirtschaftskraft aus. Die Regierung von Wales hat das Logistikzentrum mit 8,8 Millionen Pfund subventioniert. In Deutschland sind laut einer Anfrage der Linkspartei an die Bundesregierung, im Jahr 2006 und 2009 insgesamt rund sieben Millionen Euro im Rahmen eines Förderprogramms zur „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ an Amazon geflossen. Im Normalfall wird vom jeweiligen Bundesland noch einmal dieselbe Summe beigesteuert, sodass der Konzern hier wohl rund 14 Millionen Euro an Steuergeldern erhalten haben dürfte.

Nach Weihnachten, sagt man uns, wird man einige der Leute, die jetzt aushelfen, fest anstellen. Wenn wir uns anstrengen, können wir einer davon sein. Hier rund um Swansea, einer noch immer vom Niedergang betroffenen Region, haben diese Worte große Kraft, auch wenn sie sich schnell als Bluff erweisen. Vier Agenturen vermitteln Personal für das Versandlager, sie haben Büros im Lager selbst. Als ich frage, wie viele Festangestellte hier arbeiten, versteht der Mann die Frage falsch: „Natürlich wird nicht jeder übernommen. Um ehrlich zu sein, sagen die Agenturen das nur, um euch anzulocken.“

Das gelingt. Die meisten hoffen auf einen festen Job. Zum Beispiel Pete. Der gelernte Pfleger ist seit drei Jahren arbeitslos. Er und seine Frau Susan (Namen geändert), eine IT-Mechanikerin ohne Job, haben auch gerade angefangen. Sie wohnen mehr als eine Stunde Autofahrt entfernt. „Um fünf Uhr mussten wir die Kinder wecken“, erzählt Pete. Nach zehneinhalb Stunden Schicht und einer weiteren Stunde Rückfahrt waren sie um 21 Uhr wieder zu Hause. Erst danach haben sie die Kinder von den Großeltern abgeholt. Tags darauf haben sie es genauso gemacht, bis sich Susan bei der ersten Schicht den Knöchel verstauchte. Nachdem sie sich krank gemeldet hat, bekommt sie dafür einen sogenannten Punkt. Bei drei Punkten wird sie „freigestellt“, was heutiges Konzernsprech für gefeuert ist.

Oder Les, einer unserer Trainer. Ein buntes Bändchen weist ihn als „Amazon-Botschafter“ aus. Seit über einem Jahr arbeitet er im Versandlager, und ich sehe ihn die Woche lang durch die Gänge flitzen, mindestens doppelt so schnell wie ich. Er ist über 60 und erzählt, wie er in den ersten zwei Monaten hier zwölf Kilo abgenommen hat. Bei der Einweisung sagte man uns, pro Schicht würden wir bis zu 25 Kilometer zurücklegen. Pete war 32 Jahre lang leitender Angestellter, dann brauchte seine Firma ihn nicht mehr, und er landete hier. Wie lange dauerte es, bis du den festen Job bekamst?, frage ich ihn. „Ich habe keinen“, sagt er und hält seine grüne Dienstmarke hoch. Festangestellte haben eine blaue. Sie werden besser bezahlt, nach zwei Jahren erhalten sie Aktienoptionen. Hier ist eine subtile Apartheid am Werk.

Harte körperliche Arbeit

„Mit den Blaumarken fuchteln sie dir vor der Nase herum“, sagt Bill Woolcock, Ex-Mitarbeiter im Amazon-Logistikzentrum in Rugeley, Staffordshire. „Die Blauen kriegen mehr Geld, haben Rechte. Neben dir macht vielleicht einer die gleiche Arbeit wie du, aber er ist festangestellt, und du bist bloß Kanonenfutter. Ich war von September 2011 bis Februar 2012 dabei, und Heiligabend stand einer von den Agenturleuten mit einem Klemmbrett an der Tür und sagte: ‚Du kommst nach Weihnachten wieder. Du auch. Du nicht. Du auch nicht.‘ Das war brutal. Es erinnerte mich an die Geschichten aus der Weltwirtschaftskrise, als die Leute am Fabriktor herumlungerten und hofften, für ein paar Tage Arbeit zu kriegen. Du hast das Gefühl, überhaupt nichts wert zu sein.“ Warum geben sie dir keinen festen Job?, frage ich Les. Und er zuckt nur mit den Schultern.

Als wir nach der Schicht in einem Schwarm orangefarbener Neonwesten aus dem Gebäude strömen, spreche ich einen auch um die 60 Jahre alten Mann an. Er hat bis vor einem Monat in einem Bergwerk gearbeitet, soeben wurde er schon das zweite Mal in zwei Jahren gekündigt. Auch letztes Weihnachten hat er bei Amazon gejobbt. „Und direkt danach haben sie mich wieder rausgeworfen, ohne Vorwarnung. Dabei hätte man gar nicht härter arbeiten können, meine Socken waren in Fetzen.“

Auf Nachfrage bei Amazon teilt man mir mit: „Eine kleine Zahl von Saisonkräften ist über längere Zeit für uns tätig, und es ist uns ein Anliegen, diese Menschen zu halten und sie, sobald möglich, in dauerhafte Beschäftigung zu bringen. 2013 konnten wir 2.300 feste Vollzeitstellen für Saisonkräfte schaffen, die vor allem zur Weihnachtszeit großartige Arbeit geleistet hatten, doch leider können wir nicht alle 15.000 Saisonkräfte in Festanstellung übernehmen.“

Und zum Umgang mit Krankheitsausfällen heißt es: „Amazon ist ein wachsendes Unternehmen, und wir bieten all unseren Mitarbeitern ein hohes Maß an Sicherheit. So wie viele Firmen betreiben wir ein System der Anwesenheitskontrolle. Bei Verhinderungen berücksichtigen wir alle persönlichen Umstände, und wir würden niemanden wegen Krankheit entlassen. Das derzeit verwendete Kontrollsystem ist fair und klar und hat im Jahr 2013 zu elf Kündigungen bei über 5.000 fest Beschäftigten geführt.“ Wohlgemerkt: Wer über diese Agenturen eingestellt wird, gilt nicht als von Amazon beschäftigt.

In den Warenlagern muss man harte Arbeit leisten. Die Bezahlung für Agenturarbeiter liegt dabei 19 Pence über dem britischen Mindestlohn von 6,50 Pfund, und die Schicht dauert zehneinhalb Stunden. Aber viele Jobs sind harte Arbeit, das stört die Leute kaum. Fast alle tragen die Erschöpfung mit Fassung. Und sie sind Waliser: Beinahe jeder hier strahlt Wärme und Freundlichkeit aus. Und dennoch. „Ich habe überall gearbeitet“, sagt mir ein Gabelstaplerfahrer. „Hier ist es am schlimmsten. In meinem letzten Job bekam ich zwölf Pfund die Stunde, hier kriege ich acht. Ich habe vorher für Sony gearbeitet, die waren streng, aber fair. Hier ist alles unfair.“

In Deutschland hat sich die Situation nun vor Weihnachten verschärft. Die Gewerkschaft Verdi macht Druck und organisierte an den Standorten in Bad Hersfeld, Leipzig und Graben Streiks. Dabei geht es um einen alten Streit: Verdi fordert für die rund 9.000 festangestellten Mitarbeiter eine Entlohnung, wie sie im Einzel- und Versandhandel üblich ist. Der US-Konzern hingegen hält sich an die Vereinbarungen in der Logistikbranche, denn hier gelten niedrigere Tarife.

Gier nach Zeug

An meinem dritten Morgen habe ich einen Tiefpunkt erreicht. Wir haben 15 Minuten für unsere Pause, egal, wo in der Halle man sich gerade befindet. Ich fühle mich ausgelaugt und müde. Ich laufe zuerst zu den Scannern, an denen ich wie am Flughafen eine Minute lang gefilzt werde. Der Weg dahin dauerte sechs Minuten. Eine Minute stehe ich bei den Toiletten an, dann hole ich eine Banane aus dem Spind, setze mich 30 Sekunden hin, dann laufe ich die sechs Minuten zurück zu meinem Einsatzort im Epizentrum des Konsumwahns. Als Zeuge unserer Gier nach Zeug.

In diesem Jahr besteht es vor allem aus großen Stapeln von X-Boxes und Kindles und dem aktuellen Jamie-Oliver-Kochbuch Cook Clever mit Jamie. Diese Promi-Kochbücher regen mich auf. Sie stapeln sich am Ende des Gangs so hoch wie der EU-Butterberg. Was mich aber wirklich fertig macht, ist der Barbie-Adventskalender. Immer wieder schleppe ich mich zu Sektion F, wo ich einen Karton öffne, einen herausnehme, den Karton zerkleinere und auf den Müll werfe. Der Kalender kommt aus China, wurde vom Frachthafen zu einem Auslieferungsdienst und dann hierher gebracht. Ich lege ihn nun auf meinen Wagen, gebe ihn an die Packer weiter, die ihn seiner letzten Bestimmung zuschicken: zu einem Kind. Nichts fängt den Weihnachtszauber besser ein als dieses blonde Busenwunder auf dem Kalender, das lauter Einkaufstüten trägt.

Aber wir wollen, wenn vielleicht nicht so einen Kalender, so aber doch andere dieser billigen Sachen. Wir wollen sie im Sessel sitzend bestellen, an die Tür gebracht bekommen. Wie bei einem, der Drogen nimmt, hat sich mein Amazon-Gebrauch mit der Zeit immer mehr erhöht. 2002 habe ich zum ersten Mal etwas anderes als ein Buch bestellt, eine DVD. Drei Jahre später mein erstes Nicht-Amazon-Produkt, eine antiquarische Patricia-Highsmith-Biografie. Und 2008 dann sogar einen Fernseher. „Wir sind die kundenorientierteste Firma der Welt“, heißt es bei unserer Einweisung, kurz bevor uns erklärt wird, dass wir einen halben Punkt erhalten, wenn wir zu spät kommen. Und dass wir bei drei Punkten rausfliegen. Was zu spät heiße, frage ich. Die Antwort: „Eine Minute.“

Ich bin hier in Südwales aufgewachsen und habe erlebt, wie die Rezession der achtziger Jahre hier tiefe Wunden gerissen hat, auch in meiner Verwandtschaft. Einer der Angestellten hat zu mir gesagt, Amazon sei „der letzte Ausweg“. Hier kriegst du einen Job, wenn es nirgendwo anders klappt. Aber was habt ihr vorher gemacht?, frage ichdie Leute. Sie waren Maurer, Hotel-angestellte, Marketingspezialisten, IT-Fachleute, Tischler, Elektriker. Manche hatten ihr eigenes Geschäft. Sie wurden entlassen oder insolvent. Sie hatten einen Schlaganfall oder ihr Vertrag lief aus. Sie hatten anspruchsvolle Jobs oder richtige Jobs oder zumindest besser bezahlte. Nun arbeiten sie zum Mindestlohn bei Amazon, und die meisten sind noch froh darüber.

Der Appetit des Konzerns ist dabei längst noch nicht gestillt. „Er expandiert in jede denkbare Richtung“, erklärt mir der Autor Brad Stone. „Darum habe ich mein Buch Der Allesverkäufer genannt. Gerade haben sie angefangen, Kunst zu verkaufen. Der Bereich Kleidung zeigt sich sehr ausbaufähig, und das nächste große Ding sind Lebensmittel. Darauf sind sie besonders scharf, weil sie dann an anderer Stelle Kosten sparen. Wenn sie in Ballungszentren ihre eigenen Lkws haben, brauchen sie da keine Lieferanten mehr.“

Und überall vernichtet Amazon Arbeitsplätze. Nach einer Studie des amerikanischen Institute for Local Self-Reliance kommen auf zehn Millionen Dollar Umsatz im herkömmlichen Handel 47 Beschäftigte, bei Amazon hingegen sind es nur 14. Der Gesamtumsatz von Amazon in Großbritannien betrug letztes Jahr 4,2 Milliarden Pfund, das bedeutet 23.000 verlorene Arbeitsplätze. Hierzulande hat der Riese fast neun Milliarden Dollar Umsatz gemacht; damit ist Deutschland hinter den USA der zweitwichtigste Markt. Und die Jobs, die Amazon anbietet, sind die harten, mies bezahlten Jobs im Versandlager, kaum zukunftsträchtig. Gerade hat Amazon für 775 Millionen Dollar das automatische Sortiersystem „Kiva“ gekauft. Wie viele Einzelhandelsjobs, gleich welcher Art, wird es in zehn Jahren noch geben?

Die Straßen aber, auf denen die Amazon-Lkws fahren, die Schulen, an denen die Mitarbeiter ausgebildet werden, und die Krankenhäuser, in denen sie ihre Kinder bekommen und ihre Verletzungen auskurieren, werden aus Steuergeldern finanziert. Steuern, die jeder Arbeiter zahlt, ihr Arbeitgeber jedoch eher nicht. Von den erwähnten 4,2 Milliarden Pfund Einnahmen führte Amazon gerade einmal 3,2 Millionen als Körperschaftssteuer ab.

In Deutschland läuft es ähnlich. Wie auch in Großbritannien wird ein Großteil des Gewinns über Gesellschaften in Luxemburg abgewickelt, nur ein Bruchteil des hier erwirtschafteten Umsatzes wird auch hier versteuert. Die Vermeidung von Steuern aber liege der Firma in den Genen, sagt Brad Stone: „Von ihren Grundsätzen her ist sie darauf ausgerichtet, ihren Kunden jeden möglichen Vorteil zu sichern, die niedrigstmöglichen Preise zu bieten, jedes erdenkliche Steuerschlupfloch zu finden und zu nutzen.“

Mark Constantine, Mitgründer der Kosmetikfirma Lush, hat sich mit diesem Aspekt lange befasst. Er weigert sich, seine Produkte über Amazon zu verkaufen, was das Unternehmen nicht daran hindert, den Namen Lush zu verwenden, um Käufer auf der Website zu „ähnlichen Produkten“ zu führen.

Constantine sagt, „so wollen sie Firmen zwingen, ihren Dienst zu nutzen. Wir machen da nicht mit. Wir haben Amazon wegen Verstoßes gegen das Markenrecht verklagt. Bisher hat es uns eine halbe Million Pfund gekostet. Die meisten Firmen können sich das nicht leisten. Aber wir tun es aus Prinzip. Sie wollen keinem eine Wahl lassen, dabei haben sie nicht einmal ein taugliches Geschäftsmodell. Amazon funktioniert nur, weil es keine Steuern zahlt. Wenn sie sich an die üblichen Regeln hielten, würden sie herumkrebsen. Was sie tun, ist kapitalistische Piraterie: Sie fallen in Länder ein, nehmen das Geld heraus und tragen es in irgendwelche Steueroasen.“

Mächtiger als Regierungen

Konzerne wie Amazon, Google, Starbucks und Apple agieren multinational. Sie schieben ihre Einnahmen in aller Welt und zwischen den nationalen Steuergesetzgebungen hin und her, immer mit dem Ziel, Steuern zu sparen. So wie Amazon durch sein Agentursystem 200 Jahre Kampf um die Arbeitnehmerrechte für einen Großteil seiner Angestellten ungeschehen macht, verfährt es auch mit der Unternehmensverantwortung. Parlamentarier schimpfen gerne auf diese Unternehmen, aber sie selbst haben die Gesetze erlassen, die die Konzerne dazu verführen.

In der letzten Pause an meinem letzten Arbeitstag sitze ich mit Pete und Susan zusammen. Susan wünscht sich weiterhin einen festen Job hier, sie scheint aber nicht mehr daran zu glauben. Ihr Knöchel ist immer noch geschwollen, ihre Arbeitsquote niedrig. Wir haben erfahren, dass wir nächste Woche täglich eine Stunde länger arbeiten müssen. Für Pete und Susan heißt das, sie müssen ihre Kinder um 4:30 Uhr wecken, und Pete macht sich Sorgen, ob sie für drei Tage im Voraus einen Babysitter finden. Es hat solche miesen Jobs schon immer gegeben. Alter Wein in neuen Schläuchen. Aber, wie gesagt, Amazon ist die Zukunft. Wir sollten uns darüber Gedanken machen, das nächste Mal im Schlafanzug vor dem Fernseher.

Carole Cadwalladr arbeitet als Reporterin für den Observer

 

 

Übersetzung: Michael Ebmeyer, Zilla Hoffman; Bearbeitung: Jana Hensel

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 51/13.

Kommentare (38)

Utzlglutzl 23.12.2013 | 11:15

Danke für diesen guten Artikel. Er verdeutlicht sehr schön, wie der moderne Lohnsklavenmarkt konkret organisiert ist. Außerdem zeigt er, was unserer Gesellschaft wichtig zu sein scheint: Der gelernte Pfleger Pete könnte angesichts des Pflegenotstands, der in Wales wahrscheinlich ähnlich aussieht wie hierzuland, seine (Fach-)arbeitskraft sicherlich gesellschaftlich sinnvoller einsetzen, als bei Amazon überflüssige Konsumartikel durch Lagerhallen zu schiffen. Abgesehen von den katastrophalen Arbeitsbedingungen in der Pflegeindustrie, hält ihn eine grundsätzliche kapitalistische Verwertungslogik aber davon ab: Es geht im Kapitalismus NIE um einen gesellschaftlichen Bedarf, sondern im Kern IMMER um eine Profitsteigerung. Daher ist es auch unrelevant danach zu fragen, ob Fitschi-Wasser, Plastikdildos oder Bio-Hundefutter einem "Konsumwahn" entsprechen oder einen gesellschaftlichen Bedarf darstellen. Sie werden verkauft und erwirtschaften Profit - das ist jenseits sämtlicher "Wertedebatten" letztlich das, was im Kapitalismus zählt. Die Produktions- und Arbeitsverhältnisse sind in dieser Verwertungslogik lediglich Kostenfaktoren, die es zu drücken gilt. Bei aller berechtigter konkreter Kritik am Ausbeuter Amazon muss man sich diese Verwertungslogik als grundlegend und totalitär vorstellen - es ist keine Ausnahme, keine Abweichung von der Regel, die es zu korrigieren gilt, sondern Fundament dieser Wirtschaftsweise. Auch deren Profiteure sind dieser Logik unterworfen, weswegen "soziales Unternehmertum" letztlich eine "Vision" ist, die mit "koscherer Blutwurst" zu vergleichen wäre. Immerhin geht diesen Profiteuren nicht der Arsch auf Grundeis, wenn beispielsweise die Waschmaschine den Geist aufgibt. Damit zurück zu Pete: Auch im Pflegebereich wird Arbeit verdichtet, kommen immer mehr Patienten auf immer weniger Pfleger. Nicht nur aufgrund der selben abstrakten Verwertungslogik, als vielmehr auch konkreter Umsetzung dieser Logik durch Krankenhausmanagement und neoliberaler Politik. Der eigentliche Bedarf an menschenwürdiger Pflege steht dieser Logik diametral entgegen. Eine Rückkehr zum Sozialstaats-Keynesianismus der 70er-Jahre scheint nicht in Sicht und ist wohl auch unrealistisch. Insbesondere hierzuland, wo die Asozialdemokratie nicht mal mehr den Arsch in der Hose hat einen Amazon-Boykottaufruf rauszuhauen, wie es die ebenfalls neoliberale Labour-Party in England gemacht hat. So erfreulich Verdis Ambitionen in Sachen Streik bei Amazon auch sind: Leiharbeiter haben de facto und per Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) bereits das Recht auf Gleichbehandlung und -bezahlung wie das Stammpersonal....."es sei denn ein Tarifvertrag regelt anderes" - und derlei Dumping-Tarifverträge schließt der DGB dann auch noch ab!

Weitere Infos hier: http://www.leiharbeit-abschaffen.de/texte/eu_leiharbeitsrichtlinie.html

Der Kapitalimus ist nicht nur angesichts der aktuellen Krise am straucheln, er wirkt vielmehr als ein todkranker Patient in den letzten Atemzügen. Und jeder sieht das, weiss aber nicht zu entscheiden: Sollen lebensverlängernde Maßnahmen weiterhin ausprobiert werden, oder sollte man zur Sterbehilfe übergehen. Für emanzipatorische Linke sollte Letzteres die humanistischere Möglichkeit darstellen. "Man muss auch loslassen können"...

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Ehemaliger Nutzer 23.12.2013 | 15:09

Wie sagte der viel zu früh verstorbene Peter Ensikat: "Der Sozialismus ist daran gescheitert, daß er keiner war. Der Kapitalismus könnte daran scheitern, daß er wirklich einer ist." Wie sehr wünscht man sich statt des Konjunktivs im zweiten Teil einen affirmativen Indikativ: wird statt könnte.

Helmut Eckert 23.12.2013 | 15:24

Vor einer Vergiftung schützt sich der Mensch, indem er kein Gift zu sich nimmt. Ich kaufe nicht bei A. und das ist die einzige Sprache der diese Firma international versteht! Leider ist es zu vielen Konsumenten egal.. scheißegal wie und wo und womit ihre Ware produziert, gehandelt und verkauft wird. Da liegt der Hase im Pfeffer. Es ist ein Zeichen dieser Gesellschaft. Erinnert mich an das alte Rom, die Slavengesellschaft der USA und der damaligen Slavenstaaten der Welt. Was änderte sich? Nicht sehr viel. Andere Verpackung, andere Sprüche und geänderte Heilsverprechen. Austauschbar wie alte Schuhe. Einst konnte der Pabst einen Kaiser exkommunizieren. Der eilte als Büßer nach Canossa. Würden wir Verbraucher nur diese ebefalls als so behandeln. Würde, würde, würde.............

Saturus 23.12.2013 | 18:26

Zitat:

"Der Kapitalimus ist nicht nur angesichts der aktuellen Krise am straucheln, er wirkt vielmehr als ein todkranker Patient in den letzten Atemzügen."

Da ist wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. Der Kapitalismus ist alles andere als totkrank. Im Gegenteil, im Augenblick sieht es ganz so aus, als ob dieses System das Rennen schon gewonnen hat. Wäre dem so, dann würde angesichts der Wirtschaftskrise mit ihren verheerenden Folgen in den PIIGS Staten der Kapitalismus nun wohl tatsächlich zu Grabe getragen werden. Aber so ist es nicht. Es geht alles weiter wie bisher, die Geldelite hortet mehr Kohle als je zuvor (witzigerweise hat die Wirtschaftskrise sie reicher gemacht), alles funktioniert und die vielen leidenden Menschen in Griechenland und anderswo sind lediglich Kolateralschäden. Es ist weit und breit nichts zu sehen, was diesem unmenschlichen System Einhalt gebieten könnte. Nichts. Es geht dem Kapitalismus gut, es geht seinen Nutznießern gut, es könnte nicht besser laufen.

Vielleicht muss sich "der Kapitalismus" nur vor einem fürchten: vor der nächsten, großen Wirtschaftskrise. Denn die könnte ein echtes Erdbeben verursachachen. Ob die nächste, große Krise kommt, hängt natürlich von der Frage ab, inwieweit das jetzige System stabilisert werden kann.

Leonie Romaro 23.12.2013 | 18:29

Ein sehr eindrücklicher Artikel, der wieder mal eines klar macht: Da wir nicht mit der plötzlichen Heiligwerdung von Unternehmern rechnen dürfen und die Optimierungschraube offenbar nie ein Ende kennt, müssen wir endlich ernstlich über die Besteuerung von Maschinenleistung nachdenken. Was? Spinnt die Frau? Man kann doch nicht Förderbänder oder Roboter besteuern. Doch! Man muss sogar.

Wir haben die Wahl: Entweder schauen wir weiter zu, wie der Mensch sich im Produktions- und Distributionsprozess abschafft und nehmen das wachsende Heer von Arbeitslosen in Kauf. Oder wir richten uns auf die geänderten Gegebenheiten ein und nehmen endlich zur Kenntnis, dass es eine Vollbeschäftigung unter den technologischen Vorzeichen der Neuzeit nicht mehr geben kann.

Bei aller Unschärfe, derer ich mir bewußt bin, so ist doch sicher, es wird auch in Zukunft nicht nur hochspezialisierte Wissenschaftler, Programmierer, Forscher und Manager geben. Es werden immer noch Millionen Menschen geboren, die prima als Schreib- oder Servicekraft, Facharbeiter oder Fahrer ihren Lebensunterhalt bestreiten könnten ... wenn wir diese Kräfte noch benötigen würden.

Gut, alternativ könnten wir natürlich jeden menschlichen Nachwuchs, der nicht zu Höherem bestimmt ist, gleich im Mutterleib aussortieren. Böser Scherz! Aber im Ernst: Wie soll es werden, in einer Welt voller Drohnen, die unsere Arbeit erledigen? Kein Arbeitseinkommen, keine Existenzberechtigung?

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Ehemaliger Nutzer 23.12.2013 | 19:03

Eine eigenartige Fixierung auf US-Unternehmen. Die Hamburger Otto Group ist nach Amazon der zweitgrößte Online-Händler der Welt und bei Mode und Lifestyle nach eigenen Angaben die Nummer eins. Aber bei denen sind die Bedingungen bestimmt wesentlich besser.

Die ganze Angelegenheit hat eine erhebliche Schieflage, europäische Konzerne werden verharmlost oder als Opfer dargestellt, während in Europa die Gesetzgebung generell die Situation der Arbeiter immer massiver verschlechtert.

Nicht Amzon ist der Bösewicht, die europäische Poltik ist durch und Raubkapitalistisch und schafft Armutsverhältnisse, schlimmer als die in den USA und China.

Utzlglutzl 23.12.2013 | 20:31

Mir ist schon klar, dass der Kapitalismus das vorherrschende System ist. "Das Rennen gewonnen" hat er bereits mit dem Zusammenbruch des "Realsozialismus", entsprechend gibt es auch kein Rennen mehr zu gewinnen. Auch ist mir klar, dass der Kapitalismus einige Wenige reich machen kann und für diese wunderbar funktioniert. Ursprünglich hatte der Kapitalismus allerdings einige Versprechen und Ziele für alle Menschen parat. Als noch mit dem Sowjetsystem konkurriert wurde, war dies die Bedarfsdeckung der Bevölkerung über den freien Markt und über den Profit. Wo ein Bedarf, dort ein Markt - der Wachstum ist unbegrenzt und Resourcen ewigwährend. Zu Zeiten des Fordismus schien dies auch zu funktionieren. Man erwartete sich von der globalen Ausbreitung sogar eine Demokratiesierung der "Entwicklungsländer". Ab den 80ern gab man diese unrealistischen Ansprüche aber gänzlich auf. Der Markt war einfach eine Art Naturgesetz und musste sich nicht weiter legitimieren oder große Hoffungnen wecken. By the way: Vergleichbar wäre dies mit der Entwicklung der liberalen Bürgerpartei FDP zum parlamentarischen Arm des "freien Marktes". Übrig bleibt letztlich eine Hülle.

Diese hatte ich bei meinem Kommentar im Blick. Denn egal wohin man schaut: Erwartet sich noch irgendwer irgendwas von diesem System? Außer ein paar Reiche mit Profiterwartungen? Absurderweise scheint gerade der globale Kapitalismus den Ansprüchen einer globalen Welt nicht gerecht zu werden. Man muss sich mal vor Augen halten, das letztlich das Staatskapitalistisch-Kommunistische China momentan der Retter des Weltmarkts ist. WEGEN eines starken Staats, nicht TROTZ.

Die 3. Welt Länder hatten sicherlich nie sonderlich hohe Erwartungen. Deren Armutsmigration strandet an Europas Grenzregime und läßt die in Europa formulierten Menschenrechte blaß darstehen. Einiges Europa? Ebenfall ein Hauen und Stechen der einzelnen Nationalstaaten. 50% Jugendarbeitslosigkeit in Spanien? Nicht im Ansatz eine Lösung. Durchgeknallte Finanzmärkte? Es wurde nichts Wesentliches zu deren Eingrenzung unternommen. Mindestlohn? Bei 8,50€ würde dieser nicht mal nach 70 Jahren Einzahlen in die Rentenkasse an das heutige Existenzminimum ranreichen. Für die meisten ArbeitnehmerInnen siehts zukünftig nach Altersarmut oder "Heesters-Rente" aus. Und die meisten Leute buckeln, buckeln und buckeln, als ob es nie Forderungen nach einem 8-Stundentag bei den Haymarket Riots und darauf folgend jeden 1. Mai gegeben hätte. Und dieses Buckeln machen sie nicht für ihren Bedarf, sondern für den Profit der Besitzenden. Für manche Leute ist also IMMER Krise.

Die Vorstellung die nächste Krise - die mit Sicherheit kommen wird, obwohl die jetzige noch nicht beendet ist - würde erdbebenartig den Kapitalismus zu Fall bringen, ist so abwegig wie gefährlich. Ein System kann sich nicht selber abschaffen, es droht eher die Vernichtung der Überproduktion durch Krieg und Elend und danach eine Rückkehr zur "Normalität". Nationalisten, VS-NSU, Militaristen und Sarrazinenser scharren ja bereits mit den Hufen - weil sie letztlich am Alten festhalten wollen.

"There is no future in Englands dreaming" brüllten einst die Sex Pistols ihrer Queen und der neoliberalen Thatcher entgegen. Viel mehr kann ich leider auch nicht machen....morgen gehts dann wieder zur Arbeit...."muss ja".

Utzlglutzl 23.12.2013 | 20:57

Ich kaufe auch nicht bei den schlimmsten Abzockern. Insgesamt dürfte mein "biologischer Fußabdruck" auch sehr gering ausfallen. Allerdings weiss ich nicht, wie die ArbeiterInnen im Gemüseanbau meiner Bio-Regionalkiste bezahlt werden bzw. unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Irgendwo endet auch die moralische Verantwortung der Konsumenten. In erster Linie ist immer noch der Produzent für sein Produkt und dessen Produktionsbedingungen verantwortlich. Bei Diskussionen mit Bekannten über Pferdefleisch-Lasagne äußerten diese die zynische Meinung "das man bei einem solchen Preis ja nichts anderes erwarten könne" und die Konsumenten halt einfach zu dumm wären. Da mag ja was dran sein, aber wenn auf der Packung nichts von Pferd draufsteht, darf auch kein Pferd drin sein. Abseits der Preisfrage stellt sich auch die Frage, inwiefern es Konsumenten überhaupt möglich ist, kritisch zu konsumieren. Armut ist ja nicht nur ein Mangel an Geld, sondern ebenso an Bildungsmöglichkeiten (Pisa zeigt Abgründe) und kultureller Teilhabe. Selbst wenn manche Menschen "von Natur aus" geistig beschränkt sind, müssen sie noch lange keine Scheisse essen. Der grüne Konsumlifestyle ist also alles andere als kritisch und letztlich auch nur eine Form modernen Ablasshandels zur Beruhigung des eigenen Gewissens. Der Bielefelder Soziologe Heitmeyer beschreibt die Grünenwähler ja treffend als "verrohenden Mittelstand". Wer nicht an den Produzenten ranwill, meint es letztlich nicht ernst.

Utzlglutzl 23.12.2013 | 21:09

"alternativ könnten wir natürlich jeden menschlichen Nachwuchs, der nicht zu Höherem bestimmt ist, gleich im Mutterleib aussortieren. Böser Scherz!"

...leider nicht. Seit der Pränataldiagnostik gibt es kaum noch Menschen mit Trisomie21/Down-Syndrom. Zyniker sprechen bereits von der "Endlösung der Mongofrage". Auch darf man behinderte Föten länger Abtreiben wie nichtbehinderte. Wahrscheinlich werden den Eltern die Risiken und auch die "gesellschaftlichen Mehrkosten" von Ärzten veranschaulicht. Ich habe derlei "Rechnungen" das letzte mal auf einem NS-Propagandaplakat in der Gedenkstätte in Hadamar gesehen. Vielleicht bekommt der neue Faschimus das glatte freundliche Gesicht eines modernen Dienstleisters. Eine schreckliche Entwicklung.

Utzlglutzl 23.12.2013 | 21:19

Um mal nicht vollkommen kulturpessimistisch rüberzukommen: Allein die Tatsache, das man mit "Kapitalismus" die gesamtgesellschaftliche Scheiße (Zitat Marx) beim Namen nennen kann ist ein bedeutender Fortschritt gegenüber den gleichgeschalteten 90er-Jahren. Auch muss ich als Atheist dem aktuellen Papst zugutehalten, dass er mit seiner Symbolpolitik weite Kreise dieser Gesellschaft für den Problemkreis Armut und Flucht und für Toleranz gegenüber Homosexuellen geöffnet hat, die unter dem vorherigen Papst nie erreichbar gewesen wären. Aktuell gibt es an der Kirchenbasis, bei Sozialforen, linken Basisgruppen und hoffentlich bald auch an der Gewerkschaftsbasis Diskussionen wie lange nicht mehr. Die Zukunft bleibt ungeschrieben.

Saturus 24.12.2013 | 20:19

Ich stimme dir ja in allem zu, aber du argumentierst ein wenig inkonsequent. Erst behauptest du, der Kapitalismus liege im sterben, und wenn ich ein Szenario nenne, das möglicherweise für den Kapitalismus wie wir ihn kennen, echte Konsequenzen hätte, dann verneinst du das:

"Die Vorstellung die nächste Krise - die mit Sicherheit kommen wird, obwohl die jetzige noch nicht beendet ist - würde erdbebenartig den Kapitalismus zu Fall bringen, ist so abwegig wie gefährlich."

Was denn nun? Mal abgesehen davon, dass Vorstellungen grundsätzlich nicht gefährlich sind, ist das von mir beschriebene Szenario meiner Meinung nach auch nicht so abwegig. Warum? Nun, wenn man sich anschaut, was die aktuelle Wirtschaftskrise für Verwerfungen und Aufstände in Griechenland und Spanien verursacht hat und wenn man weiterhin davon ausgeht, dass eine neuerliche Krise nicht auf die ohnehin wirtschaftlich eher schwachen Länder beschränkt bliebe, dann braucht man icht viel Phantasie, um sich auszumalen, was dann los ist. Die Politik müsste drastisch reagieren, so oder so. Entweder der Kapitalismus würde an die Kette gelegt, und zwar nachhaltig, oder es käme tatsächlich zu Militäreinsätzen gegen eine revoltierende Bevölkerung.

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Ehemaliger Nutzer 24.12.2013 | 22:35

Falsche Richtung. Ich habe keinen Bock mehr auf Artikel die mir schlechtes Gewissen einreden wollen. Was kann ich für Konzerne die ihre Mitarbeiter ausbeuten? Die Subventionen kassieren und in Steueroasen versteuern? Richtig: NICHTS.

Im Gegensatz ich kämpfe dagegen, denn das ist auch keine evolutionäre Entwicklung sondern nur eine politisch gestützte typisch kapitalistische Fehlentwicklung. Deswegen höre ich nicht auf im Internet zu kaufen, die bieten die besseren Bedingungen, haben Bewertungssysteme und sind unschlagbar bequem und zeitsparend, gerade wenn man auf dem Dorf wohnt.

Jobs vernichtet Amazon auch nicht, das ist immer derselbe fehlgeleitete Quark, der dann zu dummen Schlußfolgerungen führt. Amazon tut das, was seit jeher Stärke und gleichzeitig Problem des Kapitalismus ist: es ist effizienter als andere und steigert damit unseren Wohlstand (Stärke), gleichzeitig führt die Effizienz zu einer Selektion und erhöhter Kapitalkonzentration (Problem).

Arbeit gibts trotzdem immer genug zu tun (z.B. Altenpflege), aber kein Geld mehr, ein hebbares Problem.

Leider haben die Regierungen sich aus der Verantwortung gestohlen und exekutieren nurmehr die Sachzwänge, die sich aus den zahlreichen politisch in Kraft gesetzten Freihandels- und Kapitalfreizügigkeitsabkommen ergeben...

Utzlglutzl 25.12.2013 | 12:47

Ich denke wir sind uns alles in allem einig. Natürlich hätte eine Krise, die sich weiter in die Zentren fräst, erhebliche Konsequenzen für diese Gesellschaft. Die Frage ist vielmehr welche. Von einer Politik, die den Kapitalimus an die Kette legen will, kann ich auch im Ansatz nichts erkennen. Von Tendenzen, auf die Krise mit faschistoiden Maßnahmen zu reagieren leider schon. Die meisten Menschen reagiern mit einer fatalistischen Vogel-Strauß-Strategie oder dem St.-Florians-Prinzip. Forciert werden sollten m. E. Ansätze, die zur Überwindung des Kapitalismus beitragen. In den Krisenländern gab es diese in Form von Streiks, Fabrikbesetzungen, Nachbarschaftshilfe, Proteste gegen Wohnungsrausschmiss und Verelendung - also außerparlamentarisch oder "zivilgesellschaftlich", jedenfalls jenseits des Parlaments, auf das wir hierzulande fast zwanghaft starren. Jedenfalls gibt es keinen Automatismus, der aus der Krise zum "Kommunismus" (den Begriff müsste man mal neu definieren), zu eine Überwindung dieser Gesellschaftsform, führt. Dieses System kann sich nicht selber abschaffen. Krisen verstehe ich eher als "Risse im System", welche die "Gesamtscheiße" offenbaren. Abseits der konkreten Krise, verursacht der Kapitalismus schon immer Not und Elend. Ob nun in Afrika, Südamerika, in Thai-Puffs oder Detroit. Die betroffenen Menschen haben nichts mehr zu erwarten. Daher wirkt der Kapitalismus wie ein umherwandelnder Zombie, den nur Kettensägen kleinkriegen können - man wird ihn nicht an die Kette legen können und kann nicht darauf warten, bis dieser Untote zurück ins Grab hüpft.

Utzlglutzl 25.12.2013 | 13:18

"Amazon tut das, was seit jeher Stärke und gleichzeitig Problem des Kapitalismus ist: es ist effizienter als andere und steigert damit unseren Wohlstand (Stärke), gleichzeitig führt die Effizienz zu einer Selektion und erhöhter Kapitalkonzentration (Problem).

Arbeit gibts trotzdem immer genug zu tun (z.B. Altenpflege), aber kein Geld mehr, ein hebbares Problem."

Bei all deinen Behühungen uns eine differenzierte Plus-Minus-Rechnung zu offerieren: "Unser Wohlstand" wird nicht gesteigert, sondern der Wohlstand der Amazon-Chefetage, der Steueroase Luxemburg und hiesigen Politikern, die ein Interesse daran haben, die Arbeitslosenstatistik zu drücken. Arbeitsplätze werden nämlich schon geschaffen....nur: was für welche. Sozial ist nämlich nicht wirklich was Arbeit schafft und Lohnarbeit ist auch kein Selbstzweck. Sowohl der Amazon-Mitarbeiter, als auch die vielen Hermes-Boten wollen letztlich ihre Familie ernähren, ihnen Bildung und Zukunftsperspektiven bieten, Urlaub machen, Angehörige pflegen lassen, etc. und haben immer höhere Lebenshaltungskosten zu bewältigen. Wie du erwähnst, gibt es in der Altenpflege genug zu tun, dass heisst es gibt einen BEDARF an Pflegern. Diese erwirtschaften aber trotz immer mehr Arbeitsverdichtung und Krankenhausmanagement keinen Profit...im Gegensatz zu Amazon und Hermes-Mitarbeitern, die (ebenfalls asozial prodzierte) Waren in die hintersten Käffer bringen. Damit wir uns nicht falsch vertstehen: Ich bin selber auf dem Land aufgewachsen und empfand den örtlichen Quelle-Shop als Außenposten jedweder Zivilisation. McDonalds-Filialen sind ja die reinsten Dorfjugend-Treffs. Es ist auch gar nicht das Problem, was du wo On- oder Offline bestellst. Es ist letztlich das Problem, wer mit welchen Konsequenzen Profit macht und was ein wirklicher Bedarf ist. China-Schrumms per Internet ist eher eine "Begehrlichkeit". Das diese Begehrlichkeiten bedient werden, der reale Bedarf nach z.B. Pflege nicht, ist ein gesellschaftliches Problem, welches über Amazon hinaus geht.

tolu0309 25.12.2013 | 14:25

"Leider haben die Regierungen sich aus der Verantwortung gestohlen und exekutieren nurmehr die Sachzwänge, die sich aus den zahlreichen politisch in Kraft gesetzten Freihandels- und Kapitalfreizügigkeitsabkommen ergeben..."

Stimmt !

Aber es stimmt auch, dass Sie sich aus der Verantwortung stehlen, wenn Sie bei Amazon, Zalando & Co. kaufen, wenn Sie die Politik einfach machen kann. Denn man kann zwar fast !! nichts machen, da das aber entschieden mehr ist als Nichts heisst das eben man kann ETWAS machen!

Zu Ihren Argumenten : nein Amazon ist nicht effizienter als seine kleineren Konkurrenten es hat nur die Macht das System auszunutzen. Wenn es billiger ist, dann weil es die Kosten auf die Allgemeinheit abwälzt (die Aufstocker subventoniert, die Vekehrsinfrastruktur bezahlt, die dafür sorgt, dass die Waren auch bei Ihnen in der Pampa ankommen) und Steuern effektiver vermeiden kann als der Laden um die Ecke.

Das Gleiche gilt auch für : nein Aldi ist nicht effektiver als Tante Emma, es ist nur mächtiger.

Das mit den Bewertungssystemen meinen Sie ja wohl nicht Ernst oder glauben Sie auch, dass der Weihnachtsmann die Ostereier bringt ?

Wenn nur Ihr Gewissen bedroht ist, dann machen Sie einfach weiter wie gehabt, ein Gewissen lässt sich leicht einschläfern. Ich hab eher das Problem, dass mein Verstand beleidigt ist, wenn ich bei Amazon kaufe. Denn der mag es nicht, wenn ich so eklatant gegen meine Interessen verstosse, er schlägt mir dann immer vor doch bitte gleich Selbstmord zugehen.

Im übrigen gibt es neben Amazon ja jede Menge kleinere Anbieter im Internet.

maguscarolus 25.12.2013 | 16:09

Konsequenz: In Zukunft werde ich jedesmal, JEDESMAL, bevor ich bei Amazon etwas bestelle, mich nach einer Alternative umsehen. Bücher bestelle ich sowieso nur noch beim Buchhändler vor Ort.

Die Frage ist, ob sich durch derartiges Konsumverhalten für die Amazon-Sklaven etwas ändern lässt – selbst wenn sehr viele Leute sich so entscheiden würden. Und doch ist es das Einzige, was in der Macht eines normalen Konsumenten liegt. Nur über das Konsumverhalten ließe sich in diesem Bereich Druck ausüben.

kami 25.12.2013 | 20:03

Ich z.B. mag mein Amazon-Kindle nicht mehr missen. Habe ich mich früher durch die Minischrift der Suhrkamp-Taschenbücher gequält, lese ich jetzt entspannt, weil ich die Schriftgröße wählen kann, keine Angst mehr vor Beschädigung von nicht outdoor-tauglichen Dünndruckausgaben haben muss und Klassiker auch noch umsonst bekomme. Wartezeiten in Behörden, Arztpraxen usw. haben ihren Schrecken verloren, da ich immer eine ganze Bibliothek dabei habe.

Ja, Ja - es ist nicht alles schlecht bei Amazon...

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Ehemaliger Nutzer 25.12.2013 | 21:27

"Zu Ihren Argumenten : nein Amazon ist nicht effizienter als seine kleineren Konkurrente"

Ist es sehr wohl. Die Preise sind i.O., die Auswahl riesig, idR mit Kundenbewertung, die Bezahlung einfach, der Versand schnell und für mich bequem. Ich habe die Möglichkeit gebrauchte Ware günstiger zu erhalten und zu jeder Tages- und Nachtzeit einzukaufen und man hat in einen Bigplayer wie Amazon ein gewisses Markenvertrauen.

Das sind unschlagbare Vorteile gegenüber dem Einzelhandel, bei dem ich begrenzte Auswahl habe, begrenzte Öffnungszeiten und zudem weite Wege. Vielleicht fällt das nicht unter die klassische Definition von Effizienz, aber mehr bieten tut Online auf jeden Fall und schlecht ist das auch nicht automatisch.

"Wenn es billiger ist, dann weil es die Kosten auf die Allgemeinheit abwälzt (die Aufstocker subventoniert, die Vekehrsinfrastruktur bezahlt, die dafür sorgt, dass die Waren auch bei Ihnen in der Pampa ankommen) und Steuern effektiver vermeiden kann als der Laden um die Ecke."

Die Preise sind idR aber nicht niedriger, zumal der Versand hinzukommt. Ich würde auch da bestellen, wenn der teurer wäre, solange die Vorteile überwiegen.

"Das Gleiche gilt auch für : nein Aldi ist nicht effektiver als Tante Emma, es ist nur mächtiger."

Klar ist es effektiver, die Macht hat Aldi ja erst errungen, durch was? Richtig, BILLIGPREISE. Und das in einer Zeit, als "Niedriglohnsektor" noch eher ein Fremdwort war. UMSATZ, UMSATZ, UMSATZ ist deren Devise. Mit niedrigsten Margen gigantische Mengen in kurzer Zeit durchschleusen, DAS ist deren Erfolgsrezept. Nach wie vor. Der Einzelhandel in D ist einer der Bereiche, in der Konkurrenz noch existiert und funktioniert.

"Das mit den Bewertungssystemen meinen Sie ja wohl nicht Ernst oder glauben Sie auch, dass der Weihnachtsmann die"

Man muss lediglich die schlechten Bewertungen lesen und möglichst nicht nur von einem Portal. Das ist immerhin besser als nichts, oder glaubst du etwa den Empfehlungen eines Offline-Verkäufers?

"Wenn nur Ihr Gewissen bedroht ist, dann machen Sie einfach weiter wie gehabt, ein Gewissen lässt sich leicht einschläfern. Ich hab eher das Problem, dass mein Verstand beleidigt ist, wenn ich bei Amazon kaufe. Denn der mag es nicht, wenn ich so eklatant gegen meine Interessen verstosse, er schlägt mir dann immer vor doch bitte gleich Selbstmord zugehen."

Du hast die Aussage meines Kommentars nicht verstanden. Du schädigst dir und anderen in diesem verantwortungslosen System immer, solange die Politik nichts tut. Oder fährst du kein Auto? Kaufst du keine Elektronik und Klamotten aus Fernost? Heizt du nicht mit fossilen Brennstoffen? Hälst du dich gar für einen Gönner, wenn du beim selbstausbeutenden Einzelhändler um die Ecke einkaufst? Es ist sinnlos, man kann nicht ausweichen, zumindest nicht vollumfänglich.

Und diese moralisch aufgeladenen Artikel, die mir ein schlechtes Gewissen machen sollen, sind schlicht sinnlos, sie werden nichts ändern. Ich habe aus Überzeugung z.B. nicht mehr bei Schlecker eingekauft. Was ist passiert? Er ist pleite, die Frauen sind frustriert und in H4. Hat mein Verzicht was gebracht? NEIN! Ein asoziales System kann man nicht austricksen.

"Im übrigen gibt es neben Amazon ja jede Menge kleinere Anbieter im Internet."

Bei denen kaufe ich auch. Allerdings ist da im Ggs. zu ebay und amazon die Transparenz niedriger. Ob man was bekommt und in welcher Zeit, ist oft Glückssache und eine Beschwerdeinstanz fehlt.

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Ehemaliger Nutzer 25.12.2013 | 21:39

"Bei all deinen Behühungen uns eine differenzierte Plus-Minus-Rechnung zu offerieren: "Unser Wohlstand" wird nicht gesteigert"

Klar wird er das. Vielleicht bist du zu jung, aber früher war es nicht üblich, dass man mal eben am WE oder an Feiertagen/abenden im Internet surfte und sein Geld auf bequemste Weise ausgab. Dazu musst man reale wertvolle und knappe Tageszeit aufwenden. Am besten noch innerhalb der engen Ladenöffnungszeiten. Und auch Angebot und Vergleichbarkeit ist enorm gestiegen.

Ein Anstieg der Bequemlichkeit ist für mich aber auch ein Anstieg des Wohlstandes. Ich halte es für falsch, den allein monetär messen zu wollen. Die Waschmaschine und der Geschirrspüler sind auch Wohlstand, obwohl man deren monetären Nutzen schwer beziffern kann. Du glaubst nicht, wie wir die Wessis seinzeit drum beneidet haben...

"Begehrlichkeiten bedient werden, der reale Bedarf nach z.B. Pflege nicht, ist ein gesellschaftliches Problem, welches über Amazon hinaus geht."

Da sagst du nichts anderes als ich auch: die Politik ist schei**e. Und die versuche ich auch zu ändern. Mein Konsumverhalten ist allerdings ambivalent, wer ehrlich zu sich selbst ist, wird eingestehen müssen, dass es da keine Konsequenz jenseits von vollkommener Autarkie geben kann. Zumindest nicht derzeit.

tolu0309 25.12.2013 | 23:42

Du hast die Aussage meines Kommentars nicht verstanden.

Doch Deine Aussage habe ich sehr genau verstanden (sozusagen vollumfänglich), Du willst die Verantwortung für Dein Handeln auf andere abschieben. Wie eben alle anderen auch. Ist ja nichts dabei - ich finde es auch nett von dem bösen System es mir so einfach zumachen mich dahinter zu verstecken und zu jammern, dass ich eh nichts ändern kann.

Stimmt ja wahrscheinlich sogar. Was mich daran stört ist, dass die Politiker dasselbe sagen. Klimaschutz ja, aber bitte nur wenn alle mitmachen ...... Ist alles alternativlos nicht wahr?

Ja wenn wir warten bis das System sich selbst ändert - so ganz aus eigenem Entschluss - wie lange werden wir dann wohl warten ? Wenn ich etwas ändern kann, wann wenn nicht jetzt ?

PS und Du glaubst die negativen Berichte wären nicht auch getürkt ? Da sitzen ganze Abteilungen von PR-Agenturen dran die zu schreiben - schätze mal das ist die Zukunft für manchen geschassten Journalisten.

Grundgütiger 26.12.2013 | 11:20

Kommt der Konsument nicht zur Ware, kommt halt die Ware zum Konsumenten. Das ändert nicht das geringste an den Produktionsverhältnissen. Und ist noch ausbaufähig.

Die Shoppingmalls, die jetzt noch errichtet werden, sehen schon ins Auge ihres Untergangs.

Die Profitrate sinkt, also muß was bei den Kosten eines Produktes getan werden. Und das lesen wir jeden Tag. Stichwort Mindestlohn.

Und das hat mit oder ohne Amazon nur wenig zu tun. Oder besser, es ist die andere Seite der Münze.

Das grössere Problem ist, wer soll den Scheiss alles kaufen?

Und wovon?

kami 26.12.2013 | 11:45

Kommt der Konsument nicht zur Ware, kommt halt die Ware zum Konsumenten. Das ändert nicht das geringste an den Produktionsverhältnissen. Und ist noch ausbaufähig.

Sehe ich genauso. Ich hole meine Briefe ja auch nicht selber bei der Post ab, sondern bin froh, dass sie mir ins Haus flattern. Wenn ich mich in ein Auto setze und dann auf Parkplatzsuche gehen muss, um ein Kabel zu kaufen, ist das nicht wirklich die bessere Option.

Das grössere Problem ist, wer soll den Scheiss alles kaufen?

Da würde ich mir keine Sorgen machen - Haben geht vor Sein.

Und wovon?

Es gibt genug Scheiss, der so wenig kostet, dass er auch von Geringverdienern bezahlt werden kann.

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Ehemaliger Nutzer 26.12.2013 | 19:05

guter Artikel.

Es gibt aber auch ein klares Mittel, gegen zu steuern. Da ist weniger der Konsument gefragt als die Politik. Gerade im Internethandel zeigt sich, dass die Gewinnbesteuerung ein alter Hut ist.

Würden bei Amazon die Umsätze in D besteuert werden, wäre zumindest ein realer Finanzierungsbeitrag gesichert, der im Land bleibt.

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Ehemaliger Nutzer 27.12.2013 | 02:56

Mir hat vor allem gefallen, dass der Artikel herausgearbeitet hat, dass die Kosten, die Amazon verursacht, in der Hauptsache vom Steuergeld der Arbeitnehmer getragen werden.

Es ist ein Missverständnis, anzunehmen, die schlechten Arbeitsbedingungen lägen in der Natur der Sache. Das geht auch so, dass es den Arbeitnehmer/innen mit so einer Arbeit besser geht. In der Umgebung gibt es einen Apothekenversandhandel, der Anfängern über elf Euro zahlt. Man steigt schnell auf und bekommt schon nach einigen Wochen mehr. Bei Frauen ohne Ausbildung ist die Arbeit beliebt. Sie ist zwar stumpfsinnig, aber nicht so schwer wie putzen, und viel besser bezahlt und weniger stressig als im Supermarkt an der Kasse.

Ich denke schon, dass man nicht Versandhandel an sich, aber schlechte Arbeitsbedingungen bestreiken muss. Der Kunde ist König. Wir müssen regieren. Das eigentlich erschreckende ist, dass die Amazon-Aktie, die sich im Allzeithoch befindet, nachdem die Streiks in den Nachrichten waren, und damit die schlechten Arbeitsbedingungen im allgemeinen Bewusstsein, nicht negativ reagiert hat.

Es muss einem zumindest klar sein, dass man seine Mitmenschen ausbeutet, wenn man nicht selektiert, wo man kauft (ob Waren oder Aktien). Und es ist wichtig, Signale zu setzen. Die Wirtschaft ist kein unangreifbares System. Sie reagiert und entwickelt sich nach Absatz. Wir können ihn steuern.

Die bösen Unternehmen, das sind eben auch wieder wir, wenn wir unsere Altersvorsorge anlegen, und nur auf die Rendite achten. Sobald eine Firma Sparmaßnahmen ankündigt und Leute rausschmeißt, gehen die Aktien nach oben. Die Aktieninhaber sind ja nun nicht alles bekennende Finanzhaie. Man muss sich den Zusammenhängen stellen und seine Kaufentscheidungen nach seiner Überzeugung fällen. Der Vorteil am Kapitalismus ist, dass jeder, der kauft, regiert. Dass der Kapitalismus kein von Got gewollter Kaiser ist, der alles bestimmt und der Einzelne keinerlei Möglichkeit zur Gestaltung hat. Wir haben eine. Die ist winzig klein. Aber wenn wir sie nicht nutzen, verspielen wir den zwar nur im Mikrobereich vorhandenen, aber doch quasi demokratischen Vorteil der Marktwirtschaft.

Kann ja jeder für sich selbst abwägen, wo für ihn das Opfer zu groß wird. Ich steig oft bei Kleidung nicht mehr durch, wer alles ausbeutet und kauf dann irgendwas, weil teuer auch kein Garant für gute Arbeitsbedingungen ist. Nicht bei Amazon kaufen, ist für mich verkraftbar. Muss jeder für sich entscheiden. Aber entscheiden soll er.

kami 27.12.2013 | 09:46

Der Vorteil am Kapitalismus ist, dass jeder, der kauft, regiert.

Das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Einzelne Käufer haben überhaupt keinen Einfluss. Schon allein dadurch unterscheiden sie sich von tatsächlich Regierenden. Nur wenn eine kritische Masse von Konsumenten ihr Kaufverhalten aufeinander abstimmen würde, gäbe es die Möglichkeit Einfluss zu gewinnen.

Anders als im Kino gerne dargestellt vermag der Einzelne nichts gegen Mächtigere.

Utzlglutzl 27.12.2013 | 10:50

Danke, aber sooo jung bin ich auch nicht mehr: In meiner Jugend hatte ich einen C64 und das Internet nannte sich BTX - zu bestellen gab es dort nichts. Auch empfand ich die Zeit grundsätzlich entspannter, da waren einem die Ladenöffnungszeiten quasi egal. Erst nach der Vereinnahmung der DDR wurden die Arbeitsverhältnisse stressiger für alle...insbesondere für Kassiererinnen. Einen Anstieg an Bequemlichkeit kann ich nicht erkennen. An den Ossis bewunderte ich gerade, dass die Lohnarbeit nicht den ganzen Tag auffrisst - und Haushaltsgeräte, die garantiert 25 Jahre halten, was ja letztlich auch ökologischer ist.

Autarkie finde ich weder erstrebenswert, noch realistisch. Das eigene kritische Konsumverhalten angesichts der momentanen Produktionsweise für eine Art moralischen Ablasshandel.

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Ehemaliger Nutzer 27.12.2013 | 13:09

Das ist nicht nur die Story im Film, schon in der Bibel gewinnt David gegen Goliath (ich hasse ja Artikel, die mit "schon in der Bibel" argumentieren^^).

Ne die Meinung, es würde sich nichts bewegen, kann man widerlegen. Wer hätte es denn vor ein paar Jahrzehnten für möglich gehalten, dass es Bio-Lebensmittel in Supermärkten gibt, die nicht nur Etikettenschwindel sind oder dass alternative Energien mehr als drei Prozent des Energieverbauchs erzeugen können. Es hieß, es sei unmöglich, selbst wenn es gelänge alle Möglichkeiten voll auszuschöpfen. Deswegen sei es vergleichsweise sinnlos in die Forschung von alternativen Energien zu investieren. Aber wenn die Verbraucher daran interessiert sind, steigt die Nachfrage und der Markt verändert sich. Wenn die Abnehmer nicht gegen Kinderarbeit wären, würde die Industrie nicht versuchen, sich ein Saubermann-Image zu geben. Da ist noch vieles verbesserungsbedürftig, aber es hat sich sehr viel getan. Und wenn man in den 70ern dachte, wir können nichts machen, die Ausbeutung geschieht irgendwo in Afrika und wir haben keinen Einfluss darauf, was hier angeboten wird, ist ein Vorteil der zunehmenden Globlasierung die zunehmende Transparenz. Und auch wenn man dem Journalismus häufig Versagen in politischer Hinsicht vorwirft, die Entwicklung der Märkte hin zu mehr Werthaltigkeit ist das Verdienst der Journalisten, die unermüdlich drauf hinweisen, mit welchen Methoden die international operierenden Unternehmen ihre Gewinne erzielen. Und natürlich das der Verbraucher, die darauf reagieren.

Als Negativbeispiel der Macht der Verbraucher sei die Automobilindustrie geannt. Schon Anfang der 90er jahren kam der Lupo mit einem damals sensationellen Verbrauch von 3 Liter irgendwas pro 100 km auf den Markt. Er war für die überwiegende Mehrheit nicht attraktiv. Seit 20 Jahren ist der Spritverbrauch der durchschnittlichen Neuwagen fast stabil, obwohl es technisch längst anders möglich wäre.

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Ehemaliger Nutzer 30.12.2013 | 22:14

Lesen hilft:

Was von den "vorweihnachtlichen Massenkündigungen bei Amazon" übrigblieb

...

Eine Ansicht, der sich auch Christine Höger von Amazon (Public Relations Abteilung) anschließt, wenn sie auf Anfrage hinsichtlich der Kündigungen mitteilt:

"Dies [dass es Kündigungen am 23.12.2013 gab – Anmerkung der Autorin] ist falsch. Amazon hat für die Weihnachtssaison 2013 in Deutschland rund 14.000 saisonale Mitarbeiter eingestellt, mit bis Ende Dezember befristeten Verträgen. Jeder der saisonalen Mitarbeiter war darüber informiert, dass sein befristeter Vertrag zum Ende Dezember endet.

Wir freuen uns aber, dass wir einigen Mitarbeitern, die uns in der Weihnachtssaison unterstützt haben, im nächsten Jahr einen neuen Vertrag bieten können. "

Letztendlich hat also ver.di die Fristverträge bzw. die Anstellung von Saisonkräften per se gerügt und dies daran festgemacht, dass einen Tag vor Weihnachten die Saisonkräfte zu einem großen Teil wegen der noch vorhandenen Überstunden und Urlaubsansprüche freigestellt wurden. Ein Prozedere, das andere nicht zuletzt wegen der dadurch entstehenden Freizeit in der Zeit vom 24.12.2013 bis 31.12.2013 durchaus auch als positiv bewerteten.

Es bleibt insofern die generelle Kritik an Amazon bestehen, doch bei vielen wirkte die Art und Weise, wie ver.di (insbesondere auch in einer Zeit, in der bei den Redaktionen ggf. damit zu rechnen sei, dass Pressemitteilungen auf Grund der geringen Besetzung der Redaktion sozusagen "durchrutschen") hier den Begriff "Kündigung" verwandte, irritierend.

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Ehemaliger Nutzer 08.01.2014 | 12:14

"Stimmt ja wahrscheinlich sogar. Was mich daran stört ist, dass die Politiker dasselbe sagen. Klimaschutz ja, aber bitte nur wenn alle mitmachen ...... Ist alles alternativlos nicht wahr?"

Nein, ist es nicht. Es ist die Aufgabe von Politik die Rahmenbedingungen zu setzen. Das macht sie auch.

Die Bedingungen bei Amazon waren vor der Agenda2010 nicht denkbar. Die Agenda2010 war wiederrum nur eine von vielen möglichen Antworten auf eine Krise, die durch Kapitalakkumulation, Freihandel und Kapitalfreizügigkeit ausgelöst wurde.

DIESE drei Faktoren sind im Wesentlichen der Grund für die vielgerühmten "Sachzwänge".

Wenn du meinen Kommentaren folgst, so wirst du auch sehen: ich argumentiere seit jeher auf dieser Linie. Dass die nationale Politik so machtlos ist, hat sie ihrem eigenem Handeln zuzuschreiben, sie WILL es so (siehe TTIP, siehe Abschaffung der Vermögenssteuer, siehe EU-Freizügigkeit und Freihandel), es bietet billige Ausreden. Man könnte das jederzeit ändern...

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Ehemaliger Nutzer 08.01.2014 | 13:43

Hmmm.

"An den Ossis bewunderte ich gerade, dass die Lohnarbeit nicht den ganzen Tag auffrisst - und Haushaltsgeräte, die garantiert 25 Jahre halten, was ja letztlich auch ökologischer ist."

1) die Lohnarbeit hat ganz selbstverständlich auch im Osten den ganzen Tag aufgefressen, den von Frau UND Mann, fremdbestimmte Arbeit mit wenig Beeinflussungsmöglichkeit, so wie jetzt meist auch, nur dass man von dem Geld nichts Gescheites kaufen konnte.

2) Haushaltgeräte funktionierten nicht per Definition länger, da gab es viel Schrott (ich erinnere mich an durchgebrannte Föns, implodierende Fernsehröhren etc.), oft wenig nutzerfreundlich, oft jahrzehntelang nichts verbessert, unterdurchschnittliche Materialqualität aufgrund Materialmangel usw. dazu keine Auswahl und kaum Variationen, trotz Chinaschrott leben wir im Vergleich dazu jetzt im Produkte-Paradies

3) ob es im Osten Geschirrspüler zu kaufen gab, weiß ich nicht (ich war noch ein Kind), da so gut wie niemand einen hatte (ich kannte genau eine Familie, die halblegal mit Gebrauchtwagen handelte und auch öfter Devisen hatte und sogar einen Videorekorder) vermutlich nicht.

4) "Ökologisch" und DDR sollte man nie in einem Atemzug nennen, da die Produktion extrem ineffizient war und Umweltschutz kaum eine Rolle spielte. Da dürfte es nicht anders sein als heute mit China, die brauchen ja auch viermal so viel Energie fürs gleiche Produkt und das bei viel höherem Verschmutzungsgrad.

"Das eigene kritische Konsumverhalten angesichts der momentanen Produktionsweise für eine Art moralischen Ablasshandel."

Ja, sehe ich genauso. Es ist sicher nicht komplett wirkungslos, aber es wird auch nichts Grundlegendes ändern. Das wäre Aufgabe der Politik, die die Entwicklung in vielen Punkten aber genau in die entgegengesetzte Richtung treibt.

tolu0309 08.01.2014 | 19:29

Es ist sicher nicht komplett wirkungslos, aber es wird auch nichts Grundlegendes ändern.

Nein Grundlegendes werden wir in einem Schritt nicht ändern. Keiner von uns wird je eine grundlegende Änderung (zum Guten jedenfalls) wahrnehmen, die Änderungen sind einfach zu klein und zu verteilt - und werden teilweise auch bewußt totgeschwiegen. Aber im Rückblick in 100-200 Jahren wird diese grundlegende Änderung erkennbar sein - so sie denn stattfindet.

Auf die "Politik" würde ich mich dabei allerdings nicht verlassen wollen.

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Ehemaliger Nutzer 08.01.2014 | 21:49

Das eben glaube ich nicht unbedingt. Es könnte sein, muss aber nicht. Es läuft einfach zuviel schief, als dass man gegen alles vorgehen könnte. Es sind die Gebildeten, Besserverdienenden, die ihr Konsumverhalten zumindest teilweise anpassen. Die stellen aber keine Mehrheit und sind auch selbst selten konsequent.

Wirklich ändern wird sich erst dann was, wenn die geänderte Einstellung der Gebildeten sich in der Politik auszuwirken beginnt. Denn letztlich dringt sie dort ein, siehe Verbot der Sklaverei, oder Aufstieg der Grünen. Aber das kann dauern...