Inside Amazon

Gigant Bei dem Versandhandel kann man erleben, was unser Wunsch nach billigem Konsum anrichtet. Besonders wenn man im Weihnachtsgeschäft dort arbeitet
Carole Cadwalladr | Ausgabe 51/2013 38

Das erste, was ich bei Amazon sehe, ist eine Packung Hundewindeln. Beim zweiten Artikel handelt es sich um einen riesengroßen pinken Plastikdildo. Das Warenlager hier ist 74.320 Quadratmeter groß, von einem Ende zum anderen fast einen halben Kilometer lang. Viel Platz also, das würde sich in den nächsten Tagen herausstellen, für furchtbar viel Mist.

Auf der britischen Amazonseite werden hundert Millionen Artikel angeboten: Alles, was man sich irgendwie vorstellen kann, wird hier verkauft. Und außerdem alles, was man sich nicht vorstellen kann. Wenn man, wie ich, mehr als zehn Stunden am Tag Artikel aus diesen Regalen heraussucht, gerät man in die dunkelsten Tiefen unseres Konsums wie in einen Schacht ohne Licht. Man begegnet fast allem, was man mit Geld kaufen kann: Hundestrampler, Katzenkratzbäume, Bananenschneider. Ich habe die meiste Zeit mit Futter für Hunde, die Diabetes haben, mit vegetarischem Bio-Hundefutter und Futter für übergewichtige Hunde zu tun. Mit 52-Zoll-Fernsehern, in Sechserpackungen abgefülltem Trinkwasser von den Fijiinseln und überdimensioniertes Sexspielzeugen wie dem 45cm langen Doppelschwanz.

An meinem zweiten Tag, berichtet uns der Manager, haben wir 155.000 Artikel herausgesucht und verpackt. Am 2. Dezember, dem verkaufsstärksten Online-Shopping-Tag in Großbritannien, hat diese Zahl um die 450.000 gelegen. Dabei handelt es sich bei unserem nur um eins von acht Logistikzentren in Großbritannien. In Deutschland sind es neun; hier war der 17. Dezember 2012 der bisher umsatzstärkste. 2,7 Millionen Bestellungen gingen in den Zentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, in Rheinberg, Werne, Pforzheim, Koblenz, Brieselang und Leipzig ein.

Lauter Zeitarbeitswichtel

Weihnachten ist für Amazon das, was für die Amerikaner Vietnam war: eine Herausforderung, die selbst den erfahrensten Einkaufs- und Distributionsleiter weinend zusammenbrechen lassen kann. Für das Weihnachtsgeschäft hat der Konzern in Großbritannien und Deutschland jeweils rund 15.000 zusätzliche Zeitarbeiter eingestellt. Das Wachstum, das Amazon zu einem der mächtigsten internationalen Unternehmen der Welt gemacht hat, soll und wird wohl auch weitergehen.

Ich werde also eine Woche im Logistikzentrum in Swansea, einer in Südwales gelegenen Küstenstadt, arbeiten. Die Mitarbeiter suchen und verpacken in der Vorweihnachtszeit in vier Schichten und in jeweils mindestens 50 Stunden pro Woche jeden bestellten Artikel per Hand. Die Zeitung Daily Mail nannte sie kürzlich „Amazons Wichtel“ in der „Weihnachtsmannhütte des 21. Jahrhunderts“.

Aber dieser Vergleich stimmt nur auf den ersten Blick. Weihnachtlich geht es hier nämlich nicht zu: Das Unternehmen zahlt seinen Zeitarbeitswichteln in Großbritannien nur den Mindestlohn, in Deutschland weniger als zehn Euro. Aber Amazon ist die Zukunft des Einkaufens, und die Mitarbeiter erleben schon jetzt die Zukunft der Arbeit. Mithin eine Zukunft, in der solche internationalen Giganten wie eben Amazon mehr Macht haben werden als nationale Regierungen.

Die meisten von uns haben das schon gemacht, es ist uns wahrscheinlich nicht einmal richtig aufgefallen. In einem Moment der Langeweile haben wir, auf Arbeit oder im Schlafanzug vor dem Fernseher, irgendeinen Artikel in den Warenkorb gelegt, und schon kurze Zeit später hat das Ding quasi vor unserer Tür gelegen. Amazon ist nicht ohne Grund erfolgreich. Das Unternehmen ist in dem, was es macht, brillant. Amazon habe „enorme Hürden bewältigt“, sagt Brad Stone. Der amerikanische Wirtschaftsjournalist hat soeben ein Buch über Jeff Bezos, den Gründer von Amazon, veröffentlicht. Es heißt Der Allesverkäufer: Jeff Bezos und das Imperium von Amazon, und man kann es natürlich auch bei Amazon bestellen.

Das Unternehmen habe einen Weg gefunden, erzählt er, „Dutzende Millionen Produkte zu lagern, sie rechtzeitig und fehlerlos zu liefern. Das hat kein anderer auch nur annähernd geschafft.“ An meinem ersten Arbeitstag haben wir nicht nur 155.000 Artikel herausgesucht und verpackt, sondern wir haben diese 155.000 Dinge auch noch an die richtigen Kunden geschickt. „Wir haben keine einzige Bestellung fehlerhaft bearbeitet“, hat der Abteilungsleiter uns voller Stolz mitgeteilt.

Als Mitarbeiter ist man ein winziges Rädchen in einer riesengroßen globalen Vertriebsmaschine. Eine durch das Internet entstandene Industrialisierung nach dem Ende der Industrie. Die Regale in den Warenlagern sehen jedenfalls so aus, als wären sie nachts von einem Betrunkenen einsortiert worden: Neben den Rasierklingen liegen Kondome und eine Mein kleines Pony-DVD. Dennoch hat das alles System. Anders ginge es gar nicht. Und eines lässt diese Welt noch erstaunlicher erscheinen: Das Herz dieses Betriebs sind die aus Fleisch und Blut bestehenden, nicht hundert Prozent zuverlässigen, weil mängelanfälligen Menschen. Sie füllen die Regale, suchen die Bestellungen zusammen, verpacken und verschicken sie.

An diesem Punkt wird es heikel: genau da, wo ins große Ganze Hoffnungen und Ängste, Zukunftspläne oder Kindersorgen einfließen. Dinge, die sich nicht systematisieren lassen. Und hier in Wales lauert eigentlich hinter jeder Ecke die Verzweiflung. Amazon aber sucht sich als Standorte bevorzugt Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit und geringer Wirtschaftskraft aus. Die Regierung von Wales hat das Logistikzentrum mit 8,8 Millionen Pfund subventioniert. In Deutschland sind laut einer Anfrage der Linkspartei an die Bundesregierung, im Jahr 2006 und 2009 insgesamt rund sieben Millionen Euro im Rahmen eines Förderprogramms zur „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ an Amazon geflossen. Im Normalfall wird vom jeweiligen Bundesland noch einmal dieselbe Summe beigesteuert, sodass der Konzern hier wohl rund 14 Millionen Euro an Steuergeldern erhalten haben dürfte.

Nach Weihnachten, sagt man uns, wird man einige der Leute, die jetzt aushelfen, fest anstellen. Wenn wir uns anstrengen, können wir einer davon sein. Hier rund um Swansea, einer noch immer vom Niedergang betroffenen Region, haben diese Worte große Kraft, auch wenn sie sich schnell als Bluff erweisen. Vier Agenturen vermitteln Personal für das Versandlager, sie haben Büros im Lager selbst. Als ich frage, wie viele Festangestellte hier arbeiten, versteht der Mann die Frage falsch: „Natürlich wird nicht jeder übernommen. Um ehrlich zu sein, sagen die Agenturen das nur, um euch anzulocken.“

Das gelingt. Die meisten hoffen auf einen festen Job. Zum Beispiel Pete. Der gelernte Pfleger ist seit drei Jahren arbeitslos. Er und seine Frau Susan (Namen geändert), eine IT-Mechanikerin ohne Job, haben auch gerade angefangen. Sie wohnen mehr als eine Stunde Autofahrt entfernt. „Um fünf Uhr mussten wir die Kinder wecken“, erzählt Pete. Nach zehneinhalb Stunden Schicht und einer weiteren Stunde Rückfahrt waren sie um 21 Uhr wieder zu Hause. Erst danach haben sie die Kinder von den Großeltern abgeholt. Tags darauf haben sie es genauso gemacht, bis sich Susan bei der ersten Schicht den Knöchel verstauchte. Nachdem sie sich krank gemeldet hat, bekommt sie dafür einen sogenannten Punkt. Bei drei Punkten wird sie „freigestellt“, was heutiges Konzernsprech für gefeuert ist.

Oder Les, einer unserer Trainer. Ein buntes Bändchen weist ihn als „Amazon-Botschafter“ aus. Seit über einem Jahr arbeitet er im Versandlager, und ich sehe ihn die Woche lang durch die Gänge flitzen, mindestens doppelt so schnell wie ich. Er ist über 60 und erzählt, wie er in den ersten zwei Monaten hier zwölf Kilo abgenommen hat. Bei der Einweisung sagte man uns, pro Schicht würden wir bis zu 25 Kilometer zurücklegen. Pete war 32 Jahre lang leitender Angestellter, dann brauchte seine Firma ihn nicht mehr, und er landete hier. Wie lange dauerte es, bis du den festen Job bekamst?, frage ich ihn. „Ich habe keinen“, sagt er und hält seine grüne Dienstmarke hoch. Festangestellte haben eine blaue. Sie werden besser bezahlt, nach zwei Jahren erhalten sie Aktienoptionen. Hier ist eine subtile Apartheid am Werk.

Harte körperliche Arbeit

„Mit den Blaumarken fuchteln sie dir vor der Nase herum“, sagt Bill Woolcock, Ex-Mitarbeiter im Amazon-Logistikzentrum in Rugeley, Staffordshire. „Die Blauen kriegen mehr Geld, haben Rechte. Neben dir macht vielleicht einer die gleiche Arbeit wie du, aber er ist festangestellt, und du bist bloß Kanonenfutter. Ich war von September 2011 bis Februar 2012 dabei, und Heiligabend stand einer von den Agenturleuten mit einem Klemmbrett an der Tür und sagte: ‚Du kommst nach Weihnachten wieder. Du auch. Du nicht. Du auch nicht.‘ Das war brutal. Es erinnerte mich an die Geschichten aus der Weltwirtschaftskrise, als die Leute am Fabriktor herumlungerten und hofften, für ein paar Tage Arbeit zu kriegen. Du hast das Gefühl, überhaupt nichts wert zu sein.“ Warum geben sie dir keinen festen Job?, frage ich Les. Und er zuckt nur mit den Schultern.

Als wir nach der Schicht in einem Schwarm orangefarbener Neonwesten aus dem Gebäude strömen, spreche ich einen auch um die 60 Jahre alten Mann an. Er hat bis vor einem Monat in einem Bergwerk gearbeitet, soeben wurde er schon das zweite Mal in zwei Jahren gekündigt. Auch letztes Weihnachten hat er bei Amazon gejobbt. „Und direkt danach haben sie mich wieder rausgeworfen, ohne Vorwarnung. Dabei hätte man gar nicht härter arbeiten können, meine Socken waren in Fetzen.“

Auf Nachfrage bei Amazon teilt man mir mit: „Eine kleine Zahl von Saisonkräften ist über längere Zeit für uns tätig, und es ist uns ein Anliegen, diese Menschen zu halten und sie, sobald möglich, in dauerhafte Beschäftigung zu bringen. 2013 konnten wir 2.300 feste Vollzeitstellen für Saisonkräfte schaffen, die vor allem zur Weihnachtszeit großartige Arbeit geleistet hatten, doch leider können wir nicht alle 15.000 Saisonkräfte in Festanstellung übernehmen.“

Und zum Umgang mit Krankheitsausfällen heißt es: „Amazon ist ein wachsendes Unternehmen, und wir bieten all unseren Mitarbeitern ein hohes Maß an Sicherheit. So wie viele Firmen betreiben wir ein System der Anwesenheitskontrolle. Bei Verhinderungen berücksichtigen wir alle persönlichen Umstände, und wir würden niemanden wegen Krankheit entlassen. Das derzeit verwendete Kontrollsystem ist fair und klar und hat im Jahr 2013 zu elf Kündigungen bei über 5.000 fest Beschäftigten geführt.“ Wohlgemerkt: Wer über diese Agenturen eingestellt wird, gilt nicht als von Amazon beschäftigt.

In den Warenlagern muss man harte Arbeit leisten. Die Bezahlung für Agenturarbeiter liegt dabei 19 Pence über dem britischen Mindestlohn von 6,50 Pfund, und die Schicht dauert zehneinhalb Stunden. Aber viele Jobs sind harte Arbeit, das stört die Leute kaum. Fast alle tragen die Erschöpfung mit Fassung. Und sie sind Waliser: Beinahe jeder hier strahlt Wärme und Freundlichkeit aus. Und dennoch. „Ich habe überall gearbeitet“, sagt mir ein Gabelstaplerfahrer. „Hier ist es am schlimmsten. In meinem letzten Job bekam ich zwölf Pfund die Stunde, hier kriege ich acht. Ich habe vorher für Sony gearbeitet, die waren streng, aber fair. Hier ist alles unfair.“

In Deutschland hat sich die Situation nun vor Weihnachten verschärft. Die Gewerkschaft Verdi macht Druck und organisierte an den Standorten in Bad Hersfeld, Leipzig und Graben Streiks. Dabei geht es um einen alten Streit: Verdi fordert für die rund 9.000 festangestellten Mitarbeiter eine Entlohnung, wie sie im Einzel- und Versandhandel üblich ist. Der US-Konzern hingegen hält sich an die Vereinbarungen in der Logistikbranche, denn hier gelten niedrigere Tarife.

Gier nach Zeug

An meinem dritten Morgen habe ich einen Tiefpunkt erreicht. Wir haben 15 Minuten für unsere Pause, egal, wo in der Halle man sich gerade befindet. Ich fühle mich ausgelaugt und müde. Ich laufe zuerst zu den Scannern, an denen ich wie am Flughafen eine Minute lang gefilzt werde. Der Weg dahin dauerte sechs Minuten. Eine Minute stehe ich bei den Toiletten an, dann hole ich eine Banane aus dem Spind, setze mich 30 Sekunden hin, dann laufe ich die sechs Minuten zurück zu meinem Einsatzort im Epizentrum des Konsumwahns. Als Zeuge unserer Gier nach Zeug.

In diesem Jahr besteht es vor allem aus großen Stapeln von X-Boxes und Kindles und dem aktuellen Jamie-Oliver-Kochbuch Cook Clever mit Jamie. Diese Promi-Kochbücher regen mich auf. Sie stapeln sich am Ende des Gangs so hoch wie der EU-Butterberg. Was mich aber wirklich fertig macht, ist der Barbie-Adventskalender. Immer wieder schleppe ich mich zu Sektion F, wo ich einen Karton öffne, einen herausnehme, den Karton zerkleinere und auf den Müll werfe. Der Kalender kommt aus China, wurde vom Frachthafen zu einem Auslieferungsdienst und dann hierher gebracht. Ich lege ihn nun auf meinen Wagen, gebe ihn an die Packer weiter, die ihn seiner letzten Bestimmung zuschicken: zu einem Kind. Nichts fängt den Weihnachtszauber besser ein als dieses blonde Busenwunder auf dem Kalender, das lauter Einkaufstüten trägt.

Aber wir wollen, wenn vielleicht nicht so einen Kalender, so aber doch andere dieser billigen Sachen. Wir wollen sie im Sessel sitzend bestellen, an die Tür gebracht bekommen. Wie bei einem, der Drogen nimmt, hat sich mein Amazon-Gebrauch mit der Zeit immer mehr erhöht. 2002 habe ich zum ersten Mal etwas anderes als ein Buch bestellt, eine DVD. Drei Jahre später mein erstes Nicht-Amazon-Produkt, eine antiquarische Patricia-Highsmith-Biografie. Und 2008 dann sogar einen Fernseher. „Wir sind die kundenorientierteste Firma der Welt“, heißt es bei unserer Einweisung, kurz bevor uns erklärt wird, dass wir einen halben Punkt erhalten, wenn wir zu spät kommen. Und dass wir bei drei Punkten rausfliegen. Was zu spät heiße, frage ich. Die Antwort: „Eine Minute.“

Ich bin hier in Südwales aufgewachsen und habe erlebt, wie die Rezession der achtziger Jahre hier tiefe Wunden gerissen hat, auch in meiner Verwandtschaft. Einer der Angestellten hat zu mir gesagt, Amazon sei „der letzte Ausweg“. Hier kriegst du einen Job, wenn es nirgendwo anders klappt. Aber was habt ihr vorher gemacht?, frage ichdie Leute. Sie waren Maurer, Hotel-angestellte, Marketingspezialisten, IT-Fachleute, Tischler, Elektriker. Manche hatten ihr eigenes Geschäft. Sie wurden entlassen oder insolvent. Sie hatten einen Schlaganfall oder ihr Vertrag lief aus. Sie hatten anspruchsvolle Jobs oder richtige Jobs oder zumindest besser bezahlte. Nun arbeiten sie zum Mindestlohn bei Amazon, und die meisten sind noch froh darüber.

Der Appetit des Konzerns ist dabei längst noch nicht gestillt. „Er expandiert in jede denkbare Richtung“, erklärt mir der Autor Brad Stone. „Darum habe ich mein Buch Der Allesverkäufer genannt. Gerade haben sie angefangen, Kunst zu verkaufen. Der Bereich Kleidung zeigt sich sehr ausbaufähig, und das nächste große Ding sind Lebensmittel. Darauf sind sie besonders scharf, weil sie dann an anderer Stelle Kosten sparen. Wenn sie in Ballungszentren ihre eigenen Lkws haben, brauchen sie da keine Lieferanten mehr.“

Und überall vernichtet Amazon Arbeitsplätze. Nach einer Studie des amerikanischen Institute for Local Self-Reliance kommen auf zehn Millionen Dollar Umsatz im herkömmlichen Handel 47 Beschäftigte, bei Amazon hingegen sind es nur 14. Der Gesamtumsatz von Amazon in Großbritannien betrug letztes Jahr 4,2 Milliarden Pfund, das bedeutet 23.000 verlorene Arbeitsplätze. Hierzulande hat der Riese fast neun Milliarden Dollar Umsatz gemacht; damit ist Deutschland hinter den USA der zweitwichtigste Markt. Und die Jobs, die Amazon anbietet, sind die harten, mies bezahlten Jobs im Versandlager, kaum zukunftsträchtig. Gerade hat Amazon für 775 Millionen Dollar das automatische Sortiersystem „Kiva“ gekauft. Wie viele Einzelhandelsjobs, gleich welcher Art, wird es in zehn Jahren noch geben?

Die Straßen aber, auf denen die Amazon-Lkws fahren, die Schulen, an denen die Mitarbeiter ausgebildet werden, und die Krankenhäuser, in denen sie ihre Kinder bekommen und ihre Verletzungen auskurieren, werden aus Steuergeldern finanziert. Steuern, die jeder Arbeiter zahlt, ihr Arbeitgeber jedoch eher nicht. Von den erwähnten 4,2 Milliarden Pfund Einnahmen führte Amazon gerade einmal 3,2 Millionen als Körperschaftssteuer ab.

In Deutschland läuft es ähnlich. Wie auch in Großbritannien wird ein Großteil des Gewinns über Gesellschaften in Luxemburg abgewickelt, nur ein Bruchteil des hier erwirtschafteten Umsatzes wird auch hier versteuert. Die Vermeidung von Steuern aber liege der Firma in den Genen, sagt Brad Stone: „Von ihren Grundsätzen her ist sie darauf ausgerichtet, ihren Kunden jeden möglichen Vorteil zu sichern, die niedrigstmöglichen Preise zu bieten, jedes erdenkliche Steuerschlupfloch zu finden und zu nutzen.“

Mark Constantine, Mitgründer der Kosmetikfirma Lush, hat sich mit diesem Aspekt lange befasst. Er weigert sich, seine Produkte über Amazon zu verkaufen, was das Unternehmen nicht daran hindert, den Namen Lush zu verwenden, um Käufer auf der Website zu „ähnlichen Produkten“ zu führen.

Constantine sagt, „so wollen sie Firmen zwingen, ihren Dienst zu nutzen. Wir machen da nicht mit. Wir haben Amazon wegen Verstoßes gegen das Markenrecht verklagt. Bisher hat es uns eine halbe Million Pfund gekostet. Die meisten Firmen können sich das nicht leisten. Aber wir tun es aus Prinzip. Sie wollen keinem eine Wahl lassen, dabei haben sie nicht einmal ein taugliches Geschäftsmodell. Amazon funktioniert nur, weil es keine Steuern zahlt. Wenn sie sich an die üblichen Regeln hielten, würden sie herumkrebsen. Was sie tun, ist kapitalistische Piraterie: Sie fallen in Länder ein, nehmen das Geld heraus und tragen es in irgendwelche Steueroasen.“

Mächtiger als Regierungen

Konzerne wie Amazon, Google, Starbucks und Apple agieren multinational. Sie schieben ihre Einnahmen in aller Welt und zwischen den nationalen Steuergesetzgebungen hin und her, immer mit dem Ziel, Steuern zu sparen. So wie Amazon durch sein Agentursystem 200 Jahre Kampf um die Arbeitnehmerrechte für einen Großteil seiner Angestellten ungeschehen macht, verfährt es auch mit der Unternehmensverantwortung. Parlamentarier schimpfen gerne auf diese Unternehmen, aber sie selbst haben die Gesetze erlassen, die die Konzerne dazu verführen.

In der letzten Pause an meinem letzten Arbeitstag sitze ich mit Pete und Susan zusammen. Susan wünscht sich weiterhin einen festen Job hier, sie scheint aber nicht mehr daran zu glauben. Ihr Knöchel ist immer noch geschwollen, ihre Arbeitsquote niedrig. Wir haben erfahren, dass wir nächste Woche täglich eine Stunde länger arbeiten müssen. Für Pete und Susan heißt das, sie müssen ihre Kinder um 4:30 Uhr wecken, und Pete macht sich Sorgen, ob sie für drei Tage im Voraus einen Babysitter finden. Es hat solche miesen Jobs schon immer gegeben. Alter Wein in neuen Schläuchen. Aber, wie gesagt, Amazon ist die Zukunft. Wir sollten uns darüber Gedanken machen, das nächste Mal im Schlafanzug vor dem Fernseher.

Carole Cadwalladr arbeitet als Reporterin für den Observer

 

 

06:00 23.12.2013
Geschrieben von

Carole Cadwalladr | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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