"Irgendein Bastard könnte sie stehlen!“

E-Gitarre Vor sechzig Jahren baute Leo Fender die Telecaster. Bis heute gilt sie als unanfechtbar cool. Musiker lieben sie abgöttisch

Im Sommer des Jahres 1950, bereitete sich ein kleines Unternehmen in Kalifornien darauf vor, der Welt eine musikalische Neuerfindung zu präsentieren. Die Fender Electrical Instrument Company aus Santa Ana, 30 Meilen südlich von Los Angeles, hatte der Welt bereits die Fender Esquire beschert, eine elektronische Gitarre, die mit allen Konventionen brach, weil sie aus einem massiven Stück Holz gefertigt war. Und nun hatte der 41-jährige Leo Fender das Original radikal verbessert, um die Fender Broadcaster zu produzieren – die nach einigem rechtlichen Tamtam in Fender Telecaster umbenannt und in alle Welt verkauft wurde.

Wenn man sie sieht, erkennt man sie sofort: herrlich schlicht, mit anmutigen Konturen, ist sie zum Synonym für eine belastbare E-Gitarre geworden. So steht es auch in einem aufwändigen neuen Coffee-Table-Buch mit dem Titel Fender: The Golden Age 1946-70: „Es ist ein schlichtes Instrument ohne Schnickschnack, das dennoch als eine der hervorragendsten E-Gitarren gilt, die je gebaut wurden ... Es gibt nur wenige Massen-Produkte, die sich einer ähnlichen Lebenserwartung rühmen können.“ Es ist beinahe unglaublich, dass ein Objekt, das vor sechzig Jahren entworfen wurde, heute nicht kitschig oder altmodisch aussieht – und vor allem nicht so klingt. Die jüngere und weniger elegante Schwester der Telecaster, die Stratocaster, tendiert dazu, abwechselnd absolut in oder out zu sein, aber diese Gitarre bleibt stets unanfechtbar cool.

Lange Zeit war sie für den metallischen, sirrenden Ton verantwortlich, der den amerikanischen Country, Blues und Rock’n’Roll durchzieht. In Großbritannien hat sie in den Händen eines gebürtigen Essexers namens Wilko Johnson zu den besten Platten der R Dr. Feelgood ein verzerrtes Dröhnen beigetragen. Ein Sound, der später in den Punk eingehen sollte und im 21. Jahrhundert eine feste Konstante des Indie-Rock wurde.

Die Telecaster ist der gemeinsame Nenner von Status Quo und Hot Chip. Sie war ein Erkennungszeichen von Keith Richards und Chrissie Hynde, von Radioheads Jonny Greenwood und Joe Strummer von The Clash. Sie durchzieht die Platten von Elvis Presley, Booker T. and the M.G.s, PJ Harvey, Blur, den Eagles, Manic Street Preachers und vielen hundert anderen. Spricht man einen ihrer Liebhaber auf die Telecaster an, dann wird er mit unglaublicher Leidenschaft über sie reden.


Sharleen Spiteri, Texas

Als kleines Mädchen habe ich immer auf einer akustischen Gitarre gespielt – bei mir zuhause gab es keine E-Gitarre. Doch als ich mich kurz vor meinem 18. Geburtstag Texas anschloss, bekam ich meine erste E-Gitarre. Ich wusste genau, was ich wollte: Eine schwarz-weiße Telecaster, dieselbe, wie sie Joe Strummer spielte. Für mich waren The Clash immer die ultimative Rock’n’Roll Band.

Sie wurde 1967 gebaut, in demselben Jahr als ich geboren wurde. Ich habe zwei Ersatz-Gitarren, aber ich tue alles, was ich kann, um nicht die Gitarre wechseln zu müssen. Sie begleitet mich auf Tour und ich nehme sie wieder mit nach Hause. Selbst jetzt bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich denke, „Irgendein Bastard könnte in mein Haus einbrechen und meine Telecaster stehlen.“

Sie ist super-leicht – einfach das perfekte Gewicht. Und ihr näselnder, drahtiger, schneidender Sound [sie singt eine Zeile des Texas-Songs Halo] – er durchbricht einfach alles. Doch das Seltsame ist, dass es kein unangenehmer, schriller Sound ist: Er hat durchaus auch Wärme. Es ist solch ein wunderschöner Klang.

Vor kurzem habe ich mit Mick Jones von The Clash so ein Charity-Ding gemacht. Er hat sich meine Gitarre genommen und ich sagte so, „Nimm deine Finger weg!! Ist mir scheißegal ob du Mick Jones bist!“


Graham Coxon, Blur

Ich meine mich zu erinnern, dass meine erste Begegnung mit einer Telecaster ein Versuch auf der unseres Produzenten Stephen Street war. Sie sah wie ein Stück Kiefernholz mit einem hübschen Schlagbrett aus, aber sie hatte einen wirklich schönen Sound. Ich glaube, es war die Gitarre, die ich gesucht hatte; als ich noch zur Schule ging, habe ich immer Teles gezeichnet. Sie ist vielseitig, einfach und stark. Man kann sie altmodisch und warm klingen lassen, wie ein Instrument, das zu einer Doo-Wop-Band passt, oder komplett umgekehrt: hoch und trashy. Ich kann es nicht gut beschreiben, aber unter dem Sound liegt ein Knarren – das bekommt man nur mit einer Telecaster.

Meine erste war eine glänzendes, karamellfarbenes Teil: die Neuauflage einer Telecaster von 1959. Ich habe sie während all der Jahre mit Blur gespielt. Am Ende hatte sie vornedrauf einen Mr. Smiley-Aufkleber und ein Sticker von Air India, auf der Rückseite prangte eine sehr miese Zeichnung, die ich selbst verbrochen hatte. Sei war mein Arbeitstier und ich besitze sie noch immer.

Sie fühlt sich einfach sehr gut an: Wie ein BMX-Rad im Gegensatz zu einem großen, schweren Fahrrad. Die Telecaster, die ich inzwischen spiele, ist von ihrem vorherigen Besitzer mies behandelt worden, aber ihr Hals ist wunderschön, ich konnte ihm nicht widerstehen. Sie sieht aus, als sei sie mit Teeröl imprägniert worden, deshalb nenne ich sie „The Shed“.


Francis Rossi, Status Quo

Ich habe eine ganze Menge Telecaster: Allein in diesem Augenblick habe ich drei in dem Raum, in dem ich mich befinde. Meine erste habe ich 1968 in Glasgow gekauft. Eine meiner anderen Gitarren war kaputt und ich kaufte mir die Telecaster gebraucht für 45 oder 75 Pfund – ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich war kein so guter Gitarrist, als dass ich hätte sagen können „Oh, ich finde diese wirklich gut“. Ich habe sie einfach genommen und mich an sie gewöhnt.

Ursprünglich war sie von der Sonne ausgebleicht. Und dann habe ich daran herumgepfuscht. Ich wollte, dass sie hell ist, dann wollte ich den natürlichen Holzton, dann habe ich sie schwarz lackiert, dann grün und schließlich habe ich sie mit Ronseal versiegelt. Ich habe das auf dem Küchentisch gemacht; dort, wo ich sie nicht ordentlich abgeschmirgelt habe, sieht man immer noch Flecken. Aber das ist die Gitarre, die ich noch immer auf der Bühne spiele.

Als Rick Parfitt zur Band stieß, spielte er eine Gibson. Dann hat auch er sich eine Telecaster gekauft, und dabei ist es geblieben. Die Telecaster ist der Inbegriff von Status Quo. Sie ist eine wunderbar schlichte Gitarre. Rick sagt immer „Dreh sie einfach auf, danke.“ Er benutzt nichteinmal seinen Tonregler mehr, der ist einfach voll aufgedreht.

Ich liebe ihre Form. Uns sie ist eine echte Handwerker-Gitarre. Solide. Schlicht. Nüchtern. Sie hat nichts Zerbrechliches an sich. Sie ist wie ein Werkzeug.


Andy Summers, The Police

Ich glaube, dass sie zu den großartigsten Konstruktionen des 20. Jahrhunderts gehört. Sie wurde nie verbessert – zum Teil deshalb, weil sie so gut zum menschlichen Körper passt. Eine Gibson Les Paul zum Beispiel ist ein schwerer Holzklotz. Ich hatte immer Schwierigkeiten, sie zu halten, insbesondere im Stehen. Aber das Gewicht der Telecaster ist genau richtig. Und ihr Sound durchdringt einfach alles. Alles, was ich für The Police gemacht habe, war auf einer Telecaster.

Am Ende hatte ich eine Art Hybrid-Modell, mit einigen zusätzlichen Extras. Ich habe sie in L.A. gekauft, noch bevor ich mich The Police angeschlossen habe: Ich gab dort Gitarrenstunden und jemand kam vorbei und wollte sie verkaufen. Sie war ziemlich ramponiert und ich habe sie ihm für 200 Dollar abgenommen. Ich habe zu ihm gesagt: „Das ist eine ziemlich großartige Gitarre – bist du sicher, dass du sie verkaufen willst?“ Aber dieser Gitarre sollte mein Leben verändern; sie hat mich zurück zum Rock geführt. Ich bin mit ihr zurück nach England gekommen, den Rest der Geschichte kennen Sie. Ich würde sie niemals weggeben: Sie ist wie ein wichtiger Talisman für mich.

2007 hat Fender 250 Klone meiner Gitarre produziert. Sie haben das Original zerlegt, photographiert und haben jeden Kratzer und Riss festgehalten. Es ist, als hätte meine Gitarre Junge bekommen. Sie kosten 15.000 Dollar pro Stück [er lacht].

Übersetzung: Christine Käppeler

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15:00 14.07.2010
Geschrieben von

John Harris | The Guardian

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