„Ist billig und macht satt“

Ruanda Seit ein paar Jahren florieren Milchbars, meist geführt von jungen Frauen. Der Konsum soll Kinder vor Unterernährung schützen
„Ist billig und macht satt“
Seit 2006 hat sich der Milchverbrauch in Ruanda verdoppelt

Foto: Oscar Espinosa

Kühe sind in der Kultur dieses Landes enorm wichtig und symbolisieren Reichtum, Wohlstand und Identität. Bis heute werden sie als Mitgift geschätzt. Seit die Regierung des Präsidenten Paul Kagame in Ruanda 2006 das Programm „Girinka“ einführte, hat sich der Milchverbrauch verdoppelt. Ein Grund für diese Agenda war das gestörte Wachstum bei Kindern. Noch Mitte der 1990er sah man in der Hauptstadt Kigali häufig kleine Metall- und Holzkioske mit dem Schild „Amata na Fanta Bikonje“ („Kalte Milch und Erfrischungsgetränke“). Betrieben wurden sie vorrangig von jungen Frauen, die in dem Moment verschwanden, als sich die Stadtplanung darauf konzentrierte, Straßen und Boulevards zu verschönern. Dazu zählte die Einrichtung von Lokalitäten, die „Milchbars“ genannt wurden.

Als die 33-jährige Hasna Biryogo vor drei Jahren heiratete, kündigte sie ihren Job als Verkäuferin und beschloss, sich selbstständig zu machen. Sie dachte darüber nach, was sie ihren Kindern einmal bieten könnte. So eröffnete sie eine Milchbar in Nyamirambo, dem muslimischen Viertel von Kigali. Und wie seltsam das auch klingen mag, in Ruandas Kapitale ist es längst wieder ein Geschäftsmodell, nur Milch zu servieren, entweder frisch oder fermentiert. Die Etablissements werden „Amata Meza“ oder „Milk Zone“ genannt.

Hasna Biryogos Lokal ist geräumig und von makellosem Weiß. Ein 300-Liter-Milchtank beherrscht den Raum, dazu kommen ein paar Tische, Plastikstühle und die kleine Theke im Hintergrund. „Meine erste Investition waren Milchcontainer für 200 Liter. Damals begann ich damit, den Kunden mit einem großen Krug in der Hand die Milch vom Tank an den Tisch zu bringen – so blieb das bis heute.“ 200 bis 300 Liter Milch werden täglich verkauft. „Die Leute, die sich mittags einstellen, trinken sie zusammen mit einem Snack. Am Nachmittag lassen sich die meisten Milch abfüllen, um sie mit nach Hause zu nehmen“, erzählt Hasna. Bevor sie morgens ihren Laden aufschließt, beliefert sie noch Hotels und Restaurants in der Umgebung.

Die Milch stammt von Nyanza Milk Industries Ltd., dem zweitgrößten Milchhersteller des Landes. Der Amata-Meza-Markt in Kigali sei praktisch zwischen den beiden wichtigsten Unternehmen der Branche aufgeteilt, zwischen Inyange Industries Ltd. und Nyanza Milk Industries Ltd., so Hasna. Man muss nur ein paar Straßen laufen, um die Inyange Milk Zone des Fahrers Alexis zu erreichen. Es ist zwölf Uhr mittags, gut 20 Boda-Boda-Fahrer haben ihre Motorradtaxis, die überall in der Stadt unterwegs sind, geparkt und machen Pause. Sie unterhalten sich angeregt, während sie die Ration Milch trinken, die vielen als Ersatz fürs Mittagessen dient. Der 26-jährige Alexis Musoni arbeitet in einer von 76 Inyange Milk Zones, die es derzeit in Kigali gibt. „Dort kann man von sieben Uhr morgens bis zehn Uhr nachts Milch bekommen“, meint Alexis.

Auch der 23-jährige Elie Niyishobora betreibt seit kurzem eine Milchbar, gemeinsam mit dem 24-jährigen Athanase Hafashimana, mit dem er seit Kindertagen befreundet ist. Als die beiden jungen Männer überlegten, in welches Geschäft sie einsteigen könnten, entschieden sie sich, eine kleine „Meza“ zu eröffnen, weil die Investitionen überschaubar blieben. „Anfangs lief es sehr gut, aber zuletzt haben wir Kunden verloren“, berichtet Elie mit einem resignierten Lächeln. Seine Bar ist klein und dunkel, mit niedrigen Tischen und einer Theke, an der verschiedene Snacks zum Verkauf stehen, sowie Thermoskannen mit heißer Milch und etwas Tee oder Kaffee. Jeden Morgen kommt ein Lieferant auf seinem Fahrrad und bringt 20 Liter Milch von einer nahe gelegenen Farm. Das ist alles, was Elie täglich verkaufen kann, anders als seine Nachbarin Hasna.

Ein Glas ersetzt die Mahlzeit

Bei einer Milchbar vor dem beliebten Kimironko-Markt gehen ständig Menschen ein und aus. Es ist schwierig, einen Platz zu finden, bis eine Dame Mitte 50 ein Zeichen gibt und an ihren Tisch bittet. In perfektem Französisch erzählt Marie Médiatrice Mukamabano, was sie gerade vorhat. „Ich war in Kigali, um eine Freundin zu besuchen. Bevor es im Bus zurückgeht, bin ich in diese Amata Meza gekommen, um Milch zu trinken, weil es billig ist und satt macht.“ Für sie wird das die Mahlzeit ersetzen, bis sie ihr Zuhause im Bezirk Rwamagana erreicht, zwei Stunden von Kigali entfernt.

Das Kommen und Gehen in der Milchbar nimmt kein Ende, während ein Junge in Schuluniform an der anderen Seite des Tisches ruhig einen Cupcake in seine heiße Milch tunkt und zwei Männer mehrere Milchfässer hereinbringen, die sie von einem kleinen Laster geladen haben. Derweil ist das Paar, das die Bar führt, vollauf damit beschäftigt, Milch zu servieren. Der 37-jährige Antoine Muyange bedient die Gäste, die 34-jährige Madeleine Uwera die Take-away-Kundschaft an einem Fenster, das zur Straße hinausgeht.

Laura Fornell ist Freelancerin und in das Amalgama-Projekt involviert

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 29.09.2021
Geschrieben von

Laura Fornell | The Guardian

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