Ist das Virus wirklich besiegt?

China Das Leben nach der Abriegelung. Analysten bezweifeln, dass die Übertragungsrate bereits nahe null liegt, und die Beschränkungen wie geschehen gelockert werden können
Ist das Virus wirklich besiegt?
In Wuhan öffnen die Fabriken wieder – Abstandsregeln gibt es zumindest in den Mittagspausen

Foto: STR/AFP via Getty Images

Der offiziellen Statistik zufolge hat China das Corona-Virus besiegt. Während der vergangenen fünf Tage haben die Gesundheitsbehörden lediglich einen neuen lokal übertragenen Fall von Covid-19 gemeldet – ein Patient in der Provinz Guangdong, der von jemandem infiziert wurde, der aus dem Ausland kam. In Wuhan, dem Zentrum des Ausbruchs und dem am schlimmsten betroffenen Gebiet des Landes, haben die Behörden am Montag den fünften Tag infolge keine neuen Fälle registriert.

Die Zahlen markieren einen starken Rückgang im Vergleich zur Lage vor einem Monat, da es bereits als Meilenstein galt, wenn der tägliche Anstieg unter 2.000 Neuinfektionen lag. Die Behörden haben damit begonnen, die zweimonatige Abriegelung Wuhans zu lockern. Städte im ganzen Land folgen den Anweisungen, die Produktion wieder „voll herzustellen“ und zu einem normalen Leben zurückzukehren.

Manipulierte Zahlen?

Allerdings zweifeln Einwohner und Analysten daran, dass die Übertragungsrate in den Gemeinden nahe Null liegt, und sind besorgt darüber, dass die Staatsführung der Wiederaufnahme der Wirtschaft Vorrang vor entschiedener Eindämmung des Virus einräumt. Auch wenn sich die Situation dramatisch verbessert hat – das Ergebnis intensiver Tests, Quarantänen und sozialer Distanzierung –, zweifeln doch viele daran, dass die Zahlen so gut sind, wie von offizieller Seite behauptet.

„Ich mache mir wirklich Sorgen, dass es in Wuhan noch immer viele Infizierte ohne Symptome gibt. Sobald alle wieder zur Arbeit gehen, können alle infiziert werden“, meint der 26-jährige Wang. Diese Epidemie werde nicht so leicht verschwinden.

Einem Bericht des öffentlichen Rundfunksenders RTHK in Hongkong zufolge behaupteten Einwohner, die Hospitäler in Wuhan hätten sich geweigert, Patienten mit Symptomen zu testen. Kyodo News aus Japan berichtet am Wochenende von einem Wuhaner Arzt, demzufolge die Fallzahlen vor Präsident Xi Jinpings Besuch zu Beginn des Monats manipuliert worden seien, was zu einer „massenhaften Entlassung infizierter Patienten“ geführt habe.

Fälle ohne Symptome

Dass es in Wuhan Neuinfektionen gebe, wird in den sozialen Medien derart intensiv kolportiert, dass sich die Behörden am Wochenende zu einer detaillierten Erklärung genötigt sahen, mit der diesen Thesen entgegengetreten wurde.

Einige der Bedenken über Chinas Berichte sind auf Pekings Einstufung der Fälle zurückzuführen. Während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Südkorea jeden, der positiv auf das Virus getestet wurde, als bestätigten Fall betrachten, nimmt China Infektionen ohne Symptome nicht in seine Bilanz mit auf.

Zu diesem Verfahren hat die Gesundheitskommission von Wuhan eine Liste mit Fragen und Antworten veröffentlicht, in der erklärt wird, wie mit Fällen ohne Symptome umgegangen wird. Auf die Frage, warum solche Patienten nicht als bestätigte Fälle geführt werden, antwortet die Kommission: Diese Patienten würden für 14 Tage unter Quarantäne gestellt. Wenn sie während dieser Zeit Symptome zeigten, würden sie als bestätigt gezählt und die Fälle veröffentlicht. „Eine kleine Zahl asymptomatischer Infektionen kann zu bestätigten Fällen werden, doch die überwiegende Mehrzahl von Patienten wird von selbst wieder gesund“, heißt es dort.

Kritiker stellen auch in Frage, warum geheilte Patienten, die erneut positiv getestet werden, nicht gezählt werden. Daten aus Quarantäne-Zentren in Wuhan zeigen der staatlichen Global Times zufolge, dass geheilte Patienten mit einer fünf bis zehnprozentigen Wahrscheinlichkeit erneut positiv getestet werden. Nach offiziellen Angaben in Hubei werden diese Patienten indes nicht als bestätigte Fälle registriert, da sie zuvor bereits gezählt wurden.

Die Behörden sagen dazu, in Fällen ohne Symptome sei es noch nie zu Übertragungen von Mensch zu Mensch gekommen. Ein nicht namentlich genannter Funktionär des Chinesischen Zentrums für Krankheitskontrolle und -prävention meinte aber gegenüber dem chinesischen Magazin Caixin: „Es lässt sich nicht entscheiden, ob die Übertragung in Wuhan vollständig unterbrochen wurde.“ Es gebe noch immer „jeden Tag ein paar Dutzend Menschen, die Symptome zeigen“.

Aus Dokumenten, die der South China Morning Post vorlagen, soll hervorgegangen sein, dass Ende Februar über 43.000 Menschen positiv auf Covid-19 getestet wurden, ohne Symptome zu entwickeln. Sie wurden nicht in die offizielle Zahl an Infektionen von über 80.000 mit eingerechnet.

Priorität Produktion

Dass es derzeitige Misstrauen gegenüber Zahlen geht auf anfängliche Bestrebungen zurück, Informationen über das Virus und die Dimension der Infektionen zu unterdrücken. „Nach der Vertuschung im Dezember und Januar können wir den Zahlen der chinesischen Regierung wirklich nicht trauen, ohne glaubwürdigere und verlässlichere Beweise zu haben“, so Ho-fung Hung, Professor der Politischen Ökonomie an der John Hopkins Universität.

Andere sprechen von einem Balanceakt für die Regierung. Seit Beginn dieses Monats betonen führende Politiker in Peking, unter ihnen auch Staatschef Xi, die Notwendigkeit, auch in diesem Jahr die Wirtschafts- und Entwicklungsziele zu erreichen, da die chinesische Ökonomie schon vor der Krise mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Eine Task Force bereist das Land, um sicherzustellen, dass die Behörden vor Ort den Anweisungen Folge leisten. Man soll einerseits die Produktion wieder aufzunehmen, andererseits aber Neuinfektionen verhindern.

Dennoch erkennen auch diejenigen, die den positiven Statistiken skeptisch gegenüberstehen, die Schwierigkeit an, die Einschränkungen weiter aufrechtzuerhalten. Viele Bürger haben das Einkommen von Monaten verloren, während andere es leid sind, ihr Leben auf Eis zu legen.

Ein Internet-Nutzer schreibt: „Warum sollte man sich mit Zahlen herumschlagen! Es war an sich irrational, Wuhan so lange abzuriegeln. Die Menschen müssen leben!“

Lily Kuo ist Guardian-Korrespondentin in Peking

Übersetzung Holger Hutt
13:10 24.03.2020
Geschrieben von

Lily Kuo | The Guardian

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