Ist nicht meine Meinung

Leitartikel Kaum ein Fünftel aller Leitartikel in großen amerikanischen Tageszeitungen stammt von Frauen. Aber nicht nur, weil Männer sie blockieren
Ist nicht meine Meinung
In diesen Zeitungen kann man lesen, was Männer so denken

Foto: Michael Brown/Getty Images

Fast hundert Jahre nachdem Frauen sich in den USA (und vielen anderen Ländern) das Recht zu wählen erstritten haben, ist ihr gesellschaftspolitischer Einfluss noch immer viel zu gering – jedenfalls dann, wenn man den wichtigsten Kommentarplatz in einer großen Zeitung dafür als Indikator nimmt. Nach Erkenntnissen des amerikanischen OpEd Projects werden dort nur 20 Prozent aller op-eds (opposit editorial, entspricht in Deutschland dem Gastkommentar) von Frauen geschrieben.

Bei der Analyse von 7.000 zwischen dem 15. September und dem siebten Dezember 2011 in der New York Times, der Washington Post, der Los Angeles Times und dem Wall Street Journal erschienenen Artikeln kam der Wissenschaftler Taryn Yaeger zu dem Ergebnis, dass Frauen zwar häufiger über sogenannte „rosa“ Themen (wie Familie und Wohnen) schreiben, über Occupy Wall Street und andere gesellschaftliche Ereignisse (14%), internationale Politik (13%) und die Wirtschaft (11%) hingegen weit seltener.

Gastkommentatoren können mit beeinflussen, was überhaupt als Nachricht gehandelt wird, worüber eine Gesellschaft spricht, worüber die Menschen sich Gedanken machen und wie wir über die wichtigen Geschichten des Tages denken. Wenn also die Hälfte der Bevölkerung kaum etwas in den öffentlichen Foren beiträgt, die Diskussionen und Reaktionen hervorrufen, dann ist die Demokratie in Gefahr. „Bei Op-eds geht es nicht ums Schreiben, sondern um Macht. Sie stellen ein relativ einfaches Mittel dar, sich Einfluss zu verschaffen“, sagt Katherine Lanpher vom Op-Ed Project – einer Gruppe, die daran arbeitet, die Vielfalt der Stimmen in den Medien zu vergrößern.

Männer dominieren den Diskurs

Indem sie „der Debatte“ de facto über weite Strecken hinweg fern bleiben, üben Frauen nicht soviel Einfluss aus wie sie könnten und sollten. Das bedeutet auch, dass die Themen, die ihnen wichtig sind, leichter unter den Teppich gekehrt oder eben von Männern behandelt werden.

Nehmen Sie zum Beispiel die Frage der Reproduktionsrechte. Es ist zwar schwierig, einen direkten Zusammenhang zwischen der Unterrepräsentation von Frauen auf den Meinungsseiten und der bedrohlichen Art und Weise, in der die Berichterstattung über Geburtenkontrolle und den Zugang zu sicheren Abtreibungen in den Vereinigten Staaten jüngst unter Beschuss geraten ist, herzustellen, abwegig scheint ein solcher Zusammenhang aber keineswegs. Denn nach wie vor kontrollieren Männer die Hälfte des Diskurses darüber, was es heutzutage heißt, eine Frau zu sein: Erstaunlicherweise schrieben Frauen selbst bei „Frauenthemen“ nur 53 Prozent der Gastkommentare.

„Dieses Missverhältnis erinnert an eine Anhörung im Kongress zum Thema Geburtenkontrolle im Februar dieses Jahres, bei der ausschließlich Männer anwesend waren“, sagt Anika Rahman, Ms Foundation president and CEO.

Aber nicht nur auf dem Capitolshügel erhalten Frauen oft keine Gelegenheit, sich zu Themen, die sie selbst betreffen, zu äußern. Auch im Fernsehen kommen sie nicht immer gleichberechtigt zu Wort. „Während einer Fernsehdebatte über Geburtenkontrolle fragte der Moderator fast doppelt so viele männliche wie weibliche Gäste“, bemerkt Lanpher. (Man darf auch nicht vergessen, dass Frauen auch in der Film- und Geschäftswelt Minderheiten sind.)

Mangelndes Selbstbewusstsein

Überraschenderweise melden sich Frauen aber auch dort nicht zu Wort, wo es keine alten Männerseilschaften gibt, die ihnen den Weg versperren bzw. den Mund verbieten – man denke nur einmal an Wikipedia, wo 85 Prozent der Beiträge von Männern stammen. Ziehen Frauen es also vor, zu schweigen? Halten sie sich lieber raus? Leider scheint das zumindest teilweise zuzutreffen.

Ein entscheidender Teil des Problems besteht offenbar darin, dass Frauen oft einfach der Glaube daran fehlt, dass es auf ihre Meinung ankommt. Oft zweifeln sie daran, genügend informiert zu sein. Deshalb sind sie oft gar nicht so scharf darauf, die Kommentarspalten zu füllen. Lanpher meint hierzu: „Frauen und andere Minderheitenstimmen sind meiner Erfahrung nach die ersten, die sagen, 'Oh nein, ich bin keine Expertin, Sie sollten jemanden finden, der sich da besser auskennt.'“ Mit anderen Worten scheint das Problem teilweise also in einem Mangel an Selbstbewusstsein zu bestehen.

Diese Unsicherheit trägt aber ein Ouroboros-Element in sich: Es ist nachvollziehbar, wenn auch bedauerlich, dass sie sich schwer damit tun, sich selbst als Experten zu betrachten, wenn vier von fünf Dozenten in den Massenmedien Männer sind, und zwar eine ganz bestimmte Art von Männern. „Nahezu 80 Prozent oder mehr der Teilnehmer an öffentlichen Debatten sind weiße Männer einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht, die die gleichen Schulen besucht haben“, sagt Lanpher.

Sue Horton, Die op-ed und Sunday opinion Redakteurin der Los Angeles Times brachte vor kurzem im Gespräch mit Erika Frey, die für die Columbia Journalism Review schreibt, ein ähnliches Argument vor, das Fry wie folgt zusammenfasst:

„Wenn Frauen Texte anbieten, sind sie öfter ganz besonders gut informiert, während es sich bei den Angeboten von Männern viel häufiger um 'dinner party op-eds' handelt – Texte, die geschrieben wurden, weil ein Autor eine Meinung zu einem Thema hat, nicht aufgrund seines Fachwissens.“

Dass das Problem sich nicht auf die großen amerikanischen Tageszeitungen beschränkt, sondern durchaus einen gewissen allgemeinen Geltungsanspruch erheben kann, zeigt diese lesenswerte Selbstreflexion der linken Monatsszeitung analyse & kritik, die als Reaktion auf die geringe Anzahl von von Frauen verfassten Texten nun (zunächst) eine Quote von 25 Prozent einführen will, bei deren Nichterfüllung der betreffende Anteil an Seiten einfach leer bleiben soll. Die möglichen Gründe für die geringere Frauenquote werden hier noch einmal etwas breiter diskutiert.

Übersetzung: Holger Hutt

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16:48 20.06.2012
Geschrieben von

Maura Kelly | The Guardian

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The Guardian

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