Ist Proust wirklich doof?

Polemik Die englische Publizistin Germaine Greer findet, dass man Proust nicht gelesen haben muss. Hat Sie Recht?

Sie haben Proust nicht gelesen? Machen Sie sich keine Sorgen. Diese Bildungslücke können Sie geflissentlich offen lassen. Ganz im Gegenteil: Wenn Sie die Suche nach der verlorenen Zeit wirklich komplett durchgelesen haben sollten, dann sollten Sie sich Sorgen machen! Denn wie Proust sehr genau wusste ist dies verlorene Zeit – temps perdu –, die man besser darauf verwendet, einen dementen Verwandten zu besuchen, zu meditieren, mit dem Hund Gassi zu gehen oder Altgriechisch zu lernen.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (kurz: ALRDTP) wird von vielen als eines der besten Bücher des 20. Jahrhunderts bezeichnet, das nur noch von Herr der Ringe übertroffen werde. Während Tolkien-Fans und Harry-Potter-Abhängige ohne Probleme einen Lese-Marathon durchstehen können, wage ich schwer zu bezweifeln, dass ihre Ausdauer auch für Proust reichen würde.

ALRDTP ist nicht so sehr ein einziges Buch als vielmehr ein ganzer Arm voll. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass eine Buchhandlung alle Bände vorrätig hat. Und das ganze Werk dürfte nahezu unerschwinglich sein, wenn man sich nicht mit dem französischen Original behelfen kann. Da gibt es nämlich eine Taschenbuchausgabe, die den ganze Roman in einen Band packt – Die Lektüre ist ein Gewaltritt: 2.408 Seiten, 1,25 Millionen Wörter und so schwer, dass man es weder im Bett noch in der Badewanne lesen kann (wenn man die mit kleiner Schrift dicht bedruckten Seiten denn überhaupt lesen kann).

Snobistisches Getue

Ein weiteres Problem besteht darin, dass es sich nicht um den Text letzter Hand handelt, da die letzten drei Kapitel zum Zeitpunkt von Prousts Tod im Jahr 1922 lediglich als mit Ergänzungen und Überschreibungen übersätes Typoskript vorlagen, aus dem Prousts literarische Nachlassverwalter dann schlau werden mussten. Manches übertrugen, anderes ignorierten sie, sie tilgten Wiederholungen und Inkonsistenzen in dem Glauben, Proust hätte das Gleiche getan, wenn er die Zeit dazu gehabt hätte. Jüngst haben Lektoren das ursprüngliche Chaos wieder hergestellt. Aber auch Ulysses ist in Sachen Lektorat ein Alptraum. ALRDTP sollte also nicht aus diesem Grund allein verdammt werden. Aber ist verdammenswert wegen seines falschen heterosexuellen Voyeurismus und seiner abschätzigen und unehrlichen Darstellung von Homosexualität.

Leute, die über Proust ins Schwärmen geraten, sagen sonderbare Dinge über ihn. Robert McCrum vom Observer denkt, er habe die „Bedingungen der Literatur (terms of fiction) neu definiert“ – wie auch immer diese vorher ausgesehen haben mögen, worin auch immer diese bestehen mögen. Proust wäre überrascht zu hören, er habe irgendetwas neu definiert. In einer kurzen barbarischen Entgleisung nannte Nabokov, der selbst ein vollkommener Stilist war, Prousts Prosa „klar“.

Hätte Proust nicht so ein snobistisches Getue um die Sprache gemacht, könnte ich ihm vielleicht verzeihen, wie er seine Sätze misshandelt und dass er Absätze offenbar zu verachten scheint. Er setzt Kommata und Semikolons, wo eigentlich Punkte stehen müssten, von denen es viel zu wenige gibt, die zudem oft an der falschen Stelle stehen. Manche Sätze erstrecken sich über Tausende von Wörtern und unzählige Nebensätze, bis der Leser sich nicht mehr daran erinnern kann, ob es je einen Hauptsatz gab, geschweige denn, wie dieser lautete.


Übersetzung: Holger Hutt

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11:17 15.11.2009
Geschrieben von

Germaine Greer, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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