iTunes für Literatur

Buchmarkt Kommt nach dem Tod des Autors der Tod des Herausgebers? Oder was hat es zu bedeuten, dass wir unsere eigenen Anthologien mit Kurzgeschichten zusammenstellen können?

Mag sein, dass der Verkauf von einzelnen Kurzgeschichten als Download, den die US-amerikanische Kulturzeitschrift The Atlantic seit neuestem anbietet, nicht unbedingt die heißeste Nachricht des Jahres aus der Verlagswelt ist. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass die ersten beiden Werke, die angeboten werden, von Christopher Buckley und Edna O’Brien stammen. Und so hat die Kritikerin Motoko Rich zunächst als einzige erkannt, dass wir hier am Anfang einer großen Sache stehen. „Lasst uns mit der iTune-isierung der Kurzprosa beginnen!“, so beginnt ihr mitreißender Aufruf in der New York Times.

Sollte die allgemeine Aversion gegen E-Book Lesegeräte, die ich zugegebenermaßen selbst noch nicht ganz überwunden habe, erst einmal Geschichte sein, und sieht man von dem saftigen Preis von 4 US-Dollar pro Kurzgeschichte ab, dann muss man zugeben, dass sich neue, faszinierende Möglichkeiten eröffnen, sollte sich Download-Prosa als neuer Trend etablieren. Endlich stünden die Freuden des Mixtapes – das zu den altehrwürdigsten Balz- und Freundschaftsritualen zählt – auch der Buchwelt offen.

Zugegeben, die ganze Idee wäre reizvoller, wenn am Ende – wie das mit der Espresso Buchmaschine möglich wäre – das Mixbook auch eine haptische Angelegenheit wäre. Doch selbst in rein elektronischer Form hat die Sache ihren Reiz. Nach dem Tod des Autors kommt nun der Tod des Herausgebers, denn durch den Kauf einzelner Geschichten werden wir zu Herausgebern unserer eigenen Anthologien.

Hidden track

Gibt es einen besseren Weg, um einem potentiellen neuen Partner seine Gelehrsamkeit und Einfühlsamkeit zu beweisen, als eine persönliche Zusammenstellung intellektueller Liebesgeschichten, auf der Haruki Murakami neben Stefan Zweig und Cynthia Ozick steht? Wer direkter zur Sache kommen will, dem empfehle ich das Hohelied des Salomon als Hidden Track. Doch auch ohne solche Absichten hat eine selbst zusammengestellte Anthologie ihren Reiz, und wenn sie nur der eigenen Unterhaltung dienen soll. Man hätte etwa die Möglichkeit, Anthologien zusammenzustellen, die den Einfluss eines Schriftstellers angemessen würdigen: Man könnte mit einer Auswahl an Kurzgeschichten von Hemingway beginnen, dann würden die Werke anderer Autoren folgen, die seinen Einfluss auf die nächste Generation von Erzählern illustrieren.

Ich persönlich glaube zum Beispiel, dass Alice Munro Hemingway viel mehr verdankt als all den anderen Autoren, mit denen sie verglichen wird. Dieses Manko könnte ich mit meinem Mixbook belegen. Andere könnten dasselbe gewiss mit Nabokov oder Donald Barthelme tun. Gerade mit letzterem ließe sich großartig experimentieren: Wie läse sich wohl ein Mixbook, in dem Barthelmes Kurzgeschichte At the Tolstoy Museum auf Der Tod des Iwan Iljitsch folgt? Oder man könnte den ewigen Vergleich zwischen Raymond Carver und Anton Tschechow auf den Prüfstein stellen und Tschechows Kurzgeschichten neben Carvers Erzählung Der Botengang stellen, die den Tod des russischen Altmeisters beschreibt. Und so weiter und so fort ...



Übersetzung: Christine Käppeler

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17:15 14.12.2009
Geschrieben von

Lindesay Irvine, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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