Ja, geht’s denn noch?

Schönheitsideal GooglePlay und iTunes boten kürzlich eine Schönheits-OP-App für Mädchen an. Sie wurde schnell wieder zurückgezogen. Dennoch erzählt der Versuch viel über unser Frauenbild
Ja, geht’s denn noch?

Illustration: Otto

Eigentlich neigen wir dazu, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist. Wir nehmen viele Dinge als gegeben hin und sagen: „So ist es einfach.“ Doch ab und an begegnet uns etwas, das so erschreckend ist, dass es uns aus unserem Halbschlaf reißt und uns vor Augen führt, wie schlimm die Zustände wirklich sind.

Ein solcher Weckruf waren die Schönheits-OP-Apps, die Anfang Januar bei iTunes und GooglePlay zum Download angeboten wurden. Sie richteten sich mit der Botschaft an kleine Mädchen, dass es nur darauf ankommt, dünn zu sein. Und sie vermittelten schon Neunjährigen, dass Frauen vor allem anhand ihres Aussehens beurteilt werden. Der Weg zu Glück und Schönheit sei leicht, schienen sie zu sagen – man müsse einfach nur jemanden mit einem Messer an sich rumschnippeln lassen, bis alle gesellschaftlich unakzeptablen Teile des Körpers entfernt worden seien.

Die Apps wurden ziemlich schnell zurückgezogen. Ein Sieg war das nicht. Aber eine Gelegenheit, sich zu fragen, wie so etwas überhaupt passieren konnte. Wie ist es so weit gekommen, dass eine App entwickelt wird, die eine dermaßen bizarre und schädliche Botschaft an Mädchen vermittelt? Welcher soziale Kontext macht so etwas überhaupt möglich?

An solche Apps hätte niemand auch nur im Traum gedacht in einer Welt, in der Frauen und Mädchen nicht immer und immer wieder vermittelt würde, dass ihr Körper die Gesamtsumme ihres Wertes ausmacht. Und dass sie einem engen Schönheitsideal entsprechen müssen, um nicht wertlos zu sein.

Frauen sind immer nur Körper

Man sieht es daran, dass alles – ob Fahrrad, Fast-Food oder Billig-Airlines – mit den Körpern weißer, dünner, großbrüstiger Frauen beworben wird. Daran, dass fast jede Frau in der Öffentlichkeit – von der Politikerin bis zum Verbrechensopfer – in erster Linie als Körper dargestellt wird. Man sieht es auf Webseiten, auf denen kleinen Mädchen gezeigt wird, wie sie ihre Haut mit den Fingern bearbeiten können, um Cellulite vorzubeugen. Oder auf den Seiten, auf denen Frauen entmenschlicht werden, indem ihr Aussehen von Männern mit Punkten auf einer Skala von eins bis zehn beurteilt wird, sodass sie nur noch Zahlen sind: „Habe gerade eine gut 7/10 angequatscht“, „Sitze zwei Mädchen gegenüber (7&6/10)“, “Hab’ es letzte Nacht mit einer 7/10 getrieben“.

Und man kann es den Erfahrungen entnehmen, von denen so viele Frauen beim Everyday Sexism Project berichten. Ich höre es in den Geschichten junger Frauen, denen ich an Universitäten begegne. Den Geschichten jener Frauen, deren Hintern bei der Arbeit kommentiert oder begrapscht werden, und der Schulmädchen, die sich daran gewöhnt haben, auf dem Schulweg Kommentare über ihre Brüste hinterhergerufen zu bekommen. Eine Siebzehnjährige erzählte mir, sie würde niemals wagen, ihre Arme zu zeigen, weil sie sich für sie schäme. Eine Fünfzehnjährige schreibt: „Ich sehe jeden Tag, wie meine Mutter sich zerfleischt, weil ihre Brüste hängen und sie Falten bekommt. Sie fühlt sich hässlich, dabei sieht sie toll aus. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, etwas sagen zu können: Ich gehe mit mir selbst ja genauso um.“

Die meisten Leute waren über die Schönheits-OP-Apps schockiert. Dabei waren sie eigentlich nicht wirklich überraschend. Wir haben uns nur so daran gewöhnt, was Mädchen und Frauen täglich widerfährt, dass wir es gar nicht mehr bemerken.

Laura Bates schreibt für den Guardian den „Women’s Blog“ und ist Gründerin des Everday Sexism Project, einer Website, auf der Frauen von Sexismus im Alltag erzählen


AUSGABE

Übersetzung: Zilla Hofman
06:00 18.02.2014
Geschrieben von

Laura Bates | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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