„Jeder einzelne spielt eine wichtige Rolle“

Corona Auf welchen Wegen verschiedene Altersgruppen Covid-19 übertragen, weiß die Epidemiologin Dr. Petra Klepac
„Jeder einzelne spielt eine wichtige Rolle“
Restaurants sollten ältere Menschen momentan eher meiden

Foto: Olga Maltseva/AFP/Getty Images

Früherkennung und schnelles Reagieren – in einer idealen Welt wird dadurch der Ausbruch einer Infektionskrankheit eingedämmt und somit verhindert, dass sie sich in der Bevölkerung festsetzt und zu einer Epidemie wird.

Zur Eindämmung gehören in der Regel die Isolierung und Untersuchung von Verdachtsfällen, die Rückverfolgung ihrer Kontakte und die Quarantäne, sollte eine der betroffenen Personen infiziert sein. Je gründlicher die Tests und die frühzeitige Rückverfolgung von Kontaktpersonen, desto größer ist die Chance einer Eindämmung. Diese Maßnahmen haben sich bewährt, insbesondere bei Krankheiten wie Sars, bei denen Symptome und Infektiösität zusammenfallen – so können infizierte Personen leicht erkannt werden.

Im Fall von Covid-19 ist die Erkennung wesentlich schwieriger, da eine Übertragung möglich ist, ehe die Betroffenen eindeutige Symptome wie Fieber und Husten zeigen. Wenn es keine Symptome gibt, ist es unmöglich, infizierte Personen zu erkennen, es sei denn, sie werden getestet und ihre Infektion in einem Labor bestätigt. Daher sind Untersuchungen am Flughafen bei der Einreise nur bedingt effektiv bei der Bekämpfung von Covid-19. Das macht es sehr viel schwerer, das Virus zu kontrollieren. Früher oder später entzieht sich ein Infektionsfall der Entdeckung und löst eine Übertragungskette aus, die rasch zu einer wachsenden Zahl von Fällen führt, die unter Umständen nicht mehr eingedämmt werden können. Folglich ist die Eindämmung in mehreren Ländern gescheitert, weshalb die Weltgesundheitsorganisation eine Pandemie ausgerufen hat, die monatelang, wenn nicht sogar noch länger, andauern wird.

Wie kann man eine Epidemie eindämmen?

Wie also breitet sich eine Epidemie innerhalb einer Population aus – und wie kann man sie eindämmen? Bei der Analyse von Ausbrüchen messen wir die Übertragung anhand der Reproduktionszahl (kurz R), die angibt, wie viele andere Menschen ein typischer Covid-19-Fall im Durchschnitt infiziert. Sobald man davon ausgeht, dass eine Person mehr als eine andere Person infiziert, wächst die Infektion und führt zu einem Ausbruch; infiziert eine Person weniger als eine andere, verläuft die Ausbreitung im Sande.

Je größer der R-Wert, desto leichter verbreitet sich das Virus in einer Population und desto höher ist die Zahl der Infektionen. Bei der saisonalen Grippe führt eine Infektion im Durchschnitt zu 1,4 Neuinfektionen. Bei Covid-19 führt eine Infektion zu zwei bis drei weiteren Infektionen im Anfangsstadium des Ausbruchs. Wie viele andere Menschen wir letztendlich infizieren, hängt von mehreren Dingen ab: wie viele anfällige Menschen es in der betroffenen Bevölkerungsgruppe gibt, wie lange wir erkrankt sind (je länger wir ansteckend sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Infektion weitergegeben wird), die Anzahl der Menschen, mit denen wir in Kontakt kommen, und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Infektion an diese Kontaktpersonen weitergegeben wird.

Um eine Epidemie unter Kontrolle zu bringen, muss man den R-Wert unter 1 senken. Bei einer Krankheit wie den Masern können wir das erreichen, indem wir einen ausreichend großen Teil der Bevölkerung impfen, so dass sich die Krankheit nicht mehr ausbreiten kann. Wie groß genau der Bevölkerungsanteil ist, den wir impfen müssen, um die Immunität der Allgemeinheit zu erreichen, hängt wiederum von R ab. Bei R = 2 müssen wir die Hälfte der Bevölkerung impfen, um die Ausbreitung der Krankheit zu bremsen; bei R = 3 müssen wir zwei Drittel der Bevölkerung impfen, um R auf unter 1 zu senken.

Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass ein wirksamer Impfstoff für Covid-19 in den nächsten 12 bis 18 Monaten zur Verfügung steht.

Kontinuierliche Tests würden helfen

Eine Verkürzung der Infektionsdauer könnte die Verbreitung ebenfalls verringern. Bei einigen Infektionskrankheiten, wie zum Beispiel der Grippe, kann dies mit Hilfe einer Antiviraltherapie erreicht werden. Derzeit sind mehr als hundert klinische Studien im Gange, die zu Therapien führen könnten, die die Dauer der Infektion oder die Infektiösität verringern. Aber: Diese Behandlungsmöglichkeiten stehen jetzt noch nicht zur Verfügung.

Eine weitere Option zur Verlangsamung der Epidemie sind kontinuierliche Tests. Diese Maßnahme kann während der gesamten Dauer einer Epidemie effektiv sein. Indem man infizierte Menschen identifiziert und ihnen rät, sich für die Dauer der Infektion selbst zu isolieren, minimiert man das Risiko, dass sie die Infektion weitergeben. Dadurch wird die Ausbreitung verlangsamt. Auch hier handelt es sich um eine grundlegende Interventionsmethode, von der wir wissen, dass sie gut funktioniert. Jedoch müssen die Ergebnisse schnell verarbeitet werden, damit sie optimal genutzt werden können (in Großbritannien beispielsweise dauert es momentan zwei bis vier Tage, bis Ergebnisse vorliegen, in Wuhan sind es weniger als vier Stunden).

Können wir die Ansteckungsgefahr oder die Dauer nicht ohne weiteres reduzieren, bleiben uns nur noch zwei Ansatzpunkte: die Übertragungswahrscheinlichkeit des Virus bei Kontakt und die Anzahl der Personen, mit denen wir in Kontakt kommen. Diese beiden Dinge können wir als Individuen durch eine Änderung unseres Verhaltens verändern. Häufiges Händewaschen für mindestens 20 Sekunden mit heißem Wasser und Seife, keine Berührungen des Gesichts, das Abschirmen von Husten und Niesen, zu Hause bleiben, wenn wir krank sind – all das reduziert das Risiko, sich oder andere anzustecken.

„Social Distancing“ könnte etwas sein, worauf wir uns eine längere Zeit einstellen müssen

Großveranstaltungen abzusagen, Home Office zu verordnen und Schulen zu schließen, das sind allesamt Maßnahmen zur sozialen Distanzierung, die darauf abzielen, den Kontakt zwischen Menschen zu verringern. Denn jeder dieser Kontakte stellt eine Gelegenheit dar, das Virus weiterzugeben. Vermutlich bleibt es aber nicht dabei, Veranstaltungen abzusagen und Schulen für einige Wochen zu schließen. Vielmehr könnten gravierendere Maßnahmen erforderlich sein, um die Ansteckungszahlen auf ein Niveau zu senken, das den Druck auf das Gesundheitssystem nachhaltig verringert. Wir alle müssen die Anzahl der Personen, mit denen wir täglich in Kontakt treten, reduzieren und uns darauf einstellen, dies auch über einen längeren Zeitraum zu tun.

Doch was sind die wichtigsten Kontaktformen für die Übertragung? Gemeinsam mit Adam Kucharski, ebenfalls von der London School of Hygiene and Tropical Medicine, habe ich kürzlich mit der BBC an einem großen zivilen Wissenschaftsprojekt unter der Leitung von Professor Julia Gog von der Universität Cambridge gearbeitet. Unter dem Namen BBC Pandemic sammelte das Projekt von über 35.000 Freiwilligen Informationen darüber, wie Menschen unterschiedlichen Alters in verschiedenen Kontexten (zu Hause, bei der Arbeit, in der Schule und anderen) miteinander interagieren. Vor kurzem haben wir diese Daten im Schnellverfahren veröffentlicht, um Modellversuche für Covid-19 und potenzielle Interventionsstrategien zu unterstützen.

Wir konnten anhand dieser Daten feststellen, dass Erwachsene im Alter von 20 bis 50 Jahren die meisten ihrer Kontakte am Arbeitsplatz tätigen. Wenn diejenigen von uns, die im Home Office arbeiten können, jetzt damit anfangen, wird das dazu beitragen, die Übertragungsrate in der Bevölkerung zu senken. Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass Menschen über 65 Jahre – die besonders von einer schweren Covid-19-Infektion bedroht sind – über die Hälfte ihrer Kontakte in anderen Bereichen (nicht zu Hause, in der Schule oder am Arbeitsplatz) knüpfen, beispielsweise in Geschäften, Restaurants oder Freizeiteinrichtungen. Wenn diese Art von Interaktionen vermieden wird, könnten jene Personengruppen, die am meisten durch das neue Coronavirus gefährdet sind, ihr Infektionsrisiko halbieren. Wenn wir heute unser Verhalten ändern und diese Änderungen über die gesamte Dauer des Ausbruchs hinweg beibehalten, können wir unser eigenes Infektionsrisiko und das Risiko für andere deutlich verringern und so zum Schutz der Schwächsten beitragen.

Ausdauer ist vonnöten

Nachhaltigkeit ist hierbei entscheidend. Besagte Maßnahmen können die Reproduktionszahl R reduzieren, aber sobald sie aufgehoben werden, könnten wir einen erneuten Ausbruch erleben.

Wir alle müssen mit individuellen Maßnahmen die Übertragung von Covid-19 reduzieren und seine Ausbreitung verlangsamen, die Zahl der Infektionen begrenzen und den Druck auf das Gesundheitssystem verringern, damit jeder, der medizinische Versorgung benötigt, sie auch bekommen kann. Von jetzt an und für die gesamte Dauer dieser Epidemie haben wir alle eine wichtige Funktion zu erfüllen und die Verantwortung, unser Verhalten so zu verändern, dass die am stärksten gefährdeten Personen geschützt werden.

Dr. Petra Klepac ist Dozentin an der London School of Hygiene and Tropical Medicine

18:53 19.03.2020
Geschrieben von

Petra Klepac | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 10352
The Guardian

Ausgabe 13/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare