Jeder kann den Knopf drücken

Cyberkrieg Angriffe aus dem Cyberspace gehören zu den größten Bedrohungen der kommenden Jahre. Der britische Verteidigungsstaatssekretär Harvey fordert deshalb eine neue Strategie

Der verstorbene britische Schriftsteller James Graham Ballard äußerte einmal gegenüber dem Guardian, im Netz scheine sich die gesamte menschliche Erfahrung zu offenbaren wie die Oberfläche eines neuen Planeten. Jedes Mal, wenn wir ins Netz gehen, tragen wir unsere gesamte menschliche Erfahrung mit uns. Wie der Mensch hat auch das Netz seine dunkle Seite und diese prägt bereits heute die Zukunft unserer Sicherheitsumgebung. Die Offenheit unserer Gesellschaft, unsere internationale Vernetzung und unser von High-Tech bestimmter Lebensstil sind eine Quelle der Stärke. Offenheit birgt aber auch Gefahren.

Die Bedrohung rührt nicht allein von bösartigen Viren und dem organisierten Verbrechen her, das den Leuten die Identität oder das Geld stiehlt. Digitale Netzwerke stellen heute das Zentrum unserer Transport-, Energieversorgungs- und Kommunikationssysteme, ja unserer Wirtschaft als ganzer dar. Diese Abhängigkeit macht den Cyberspace zum möglichen Kriegsschauplatz. Ein gut geplanter und durchgeführter Angriff auf unsere Infrastruktur könnte katastrophale Folgen haben. Ein einziger Laptop mit Internetanschluss kann hier die Wirkung einer Cruise Missile entfalten.

Die nationale Sicherheitsstrategie Großbritanniens zählt Cyber-Angriffe zu den größten Bedrohungen der kommenden fünf Jahre. Es wurden jetzt zusätzliche 650 Millionen Pfund bewilligt, um ein nationales Programm für Netzsicherheit ins Leben zu rufen, die Zusammenarbeit der Regierung mit Leuten aus der Wirtschaft und anderen Experten zu finanzieren. Damit soll unser Verständnis und unsere Widerstands- und Verteidigungsfähigkeit gestärkt werden.

Schlachtfeld Cyberspace

Dieses Verständnis ist von entscheidender Bedeutung. Jedes Mal, wenn sich eine neue Sphäre auftut, wie dies im vergangenen Jahrhundert mit der Luft- und Raumfahrt der Fall war, besteht die Versuchung, dass jeder seine eigene Doktrin formuliert, um dem der veränderten Umgebung zu begegnen. Aber wir sollten uns daran erinnern, dass jede Form der Netz-Kriminalität, des Cyber-Terrorismus, der Netz-Spionage oder des Cyber-Krieges einfach nur Kriminalität, Terrorismus, Spionage und Krieg mit anderen Mitteln sind. Der Cyberspace fügt eine neue Dimension hinzu, aber seine Verwendung sollte Gegenstand derselben strategischen und taktischen Überlegungen sein wie alle anderen Mittel auch, die schon länger existieren. Der Cyberspace wird in Zukunft einen Teil des Schlachtfelds ausmachen, die Aktionen dort werden aber eher integriert als unabhängig vonstatten gehen, eher ergänzend sein als alternativ.

Die Mutmaßungen, dass Cyber-Waffen traditionelle Waffen ersetzen werden, sind gelinde gesagt, abstrus. Das Internet wird eines von mehren militärischen Mitteln sein, sowohl defensiv wie auch anderweitig, und einen integralen Bestandteil unserer Arsenals darstellen. Aus diesem Grund hat das britische Verteidigungsministerium eine neue Einheit für Operationen im Internet unter der Leitung von General Jonathan Shaw ins Leben gerufen, um das Internet in das gesamte Spektrum der Verteidigungsoperationen einzubinden und sicherzustellen, dass der gleiche Befehls- und Kontrollrahmen konventioneller Operationen auch für den Cyberspace gilt. Diese Arbeit wird durch Bemühungen innerhalb der gesamten Regierung für einen grenzübergreifenden Ansatz ergänzt werden.

Eine virtuelle Maginot-Linie ergibt keinen Sinn

Ein solcher Ansatz ist notwendig, da der Cyberspace bestimmte Charakteristika aufweist, die traditionelle Grenzen verwischen. Zunächst einmal ähnelt die Technik derjenigen, die die Leute benutzen, um ihrer täglichen Arbeit nachzugehen. Bei atomaren und biologischen Waffen ist die technische Hemmschwelle sehr hoch. Wenn es ums Internet geht, könnte jeder den Knopf drücken, von einem Staat bis hin zu einem Studenten. Zweitens ist es schwierig herauszufinden, wer hinter einem Anschlag steckt und welchen Zweck dieser verfolgt, insbesondere dann, wenn Staaten Mittelsmänner beauftragen. Drittens gibt es im Netz keinerlei geographische Hürden. Ein Angriff könnte von überall her kommen.

Aus diesem Grund bedarf es einer internationalen Anstrengung zur Stärkung der Sicherheitsarchitektur im Netz, wie Großbritannien sie jetzt in Angriff nimmt.
In einem digitalen Umfeld der Gesetzlosigkeit wäre Großbritannien verletzlicher. Das Internet sollte gerade wie die physikalische Welt innerhalb eines auf Regeln basierenden Systems betrachtet werden. Bestehende internationale Abkommen können auch auf das Netz angewandt werden – wir müssen nicht notwendigerweise neue Gesetze erlassen. Für die britische Regierung steht auf der Liste der Prioritäten ganz oben, im Internet gemäß bestehenden nationalen und internationalen Gesetzen zu handeln. Diese Prinzipien sollen in der zivilen und der militärischen Sphäre gleichermaßen gelten. Viel wird auf bi- und multilateraler Ebene unternommen, um ein gemeinsames Verständnis und gemeinsame Positionen zu entwickeln. Aber diese Arbeit muss von einer Diskussion darüber geleitet werden, wie Staaten sich im Internet verhalten sollten.

Einige argumentieren, die Schwierigkeiten, Aktivitäten im Netz zu entdecken und bestimmten Subjekten zuzuordnen, machten einen internationalen Konsens wertlos, weshalb man sich gar nicht erst um einen solchen bemühen müsse.Andere argumentieren, der Westen habe einen technologischen Vorsprung und solle sich daher nicht an eine multilaterale Politik binden. Dem widerspreche ich.

Nationale Strategien sind sinnlos

Ein internationaler Konsens wird die Bedrohung nicht aus der Welt schaffen, aber er wird helfen, mit ihr umzugehen. Ein Konsens verleiht dem Handeln Legitimität. Das Mindeste, was durch einen Dialog über das staatliche Verhalten erreicht werden könnte, ist, dass wir erkennen würden, wo grundlegende Probleme bestehen und die Grundlage für Vertrauen und Transparenz geschaffen würde. Die Konferenz, die der britische Außenminister William Hague für dieses Jahr angekündigt hat, stellt einen wichtigen Schritt in diese Richtung dar.

Was das zweite Argument anbelangt, so wird der technologische Vorsprung des Westens unvermeidlich herausgeordert werden, wenn andere Länder, allen voran China, moderne Volkswirtschaften, Armeen und Technologien entwickeln. Wir sollten jetzt handeln, um die weitere Entwicklung zu beeinflussen.

Fakt ist, dass es keinen Sinn ergibt, sich hinter nationalen Strategien zu verstecken oder eine mythische Maginot-Line im Netz zu errichten. Wir müssen international denken und handeln, denn das Internet ist ein internationaler Raum und die Regeln, die in ihm gelten werden, werden ebenfalls international sein.

Nick Harvey ist Staatssekretär im britischen Verteidigungsministerium. Der Arikel erschien zuerst als Gastbeitrag im britischen "The Guardian"

Übersetzung: Holger Hutt

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13:45 06.06.2011
Geschrieben von

Nick Harvey | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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