„Ich habe mich in keiner Stadt im ÖPNV so unsicher gefühlt wie in Berlin“

Rassismus Der Opernsänger Jeremy Osborne verklagt die Berliner Verkehrsbetriebe BVG wegen Rassismus. Grundlage ist das neue Antidiskriminierungsgesetz. Die BVG weist die Verantwortung für den Vorfall bei einer Ticketkontrolle von sich
| The Guardian
Sicherheitsdienst der Berliner Verkehrsbetriebe
Sicherheitsdienst der Berliner Verkehrsbetriebe

Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Ein Berliner Ticket-Kontrolleur schlängelt sich in einer gut besetzten U-Bahn an einer Gruppe von typischen Punkern, an mexikanischen Mariachi-Bandmusikern und stämmigen Männern in Lederkluft vorbei und singt dabei unentwegt fröhlich vor sich hin: „Is’ mir egal“. Die Werbung mit dem türkisch-deutschen Rapper Kazim Akboga von 2015, der damals in Neukölln lebte, war ein großer Marketing-Erfolg für die Berliner Verkehrsbetriebe: Wenn ihr mit unseren U-Bahnen, Straßenbahnen und Bussen fahrt, so die Botschaft der BVG, könnt ihr sein, wer oder was immer ihr wollt – solange ihr daran denkt, ein Ticket zu kaufen.

Jeremy Osbornes Erfahrung mit Berliner Ticket-Kontrolleuren ist weniger angenehm. Der Opernsänger mit doppelter deutscher und US-amerikanischer Staatsbürgerschaft ist einer von mehreren People of Colour, die sagen, sie seien von Kontrolleuren herausgepickt und körperlich misshandelt worden - im öffentlichen Nahverkehrssystem einer Stadt, die sich nach außen hin stolz auf ihre Diversität und ihre gesellschaftliche Offenheit zeigt.

Osborne verklagt derzeit die öffentlich-rechtlichen Berliner Verkehrsbetriebe wegen Diskriminierung. Bei dem für Deutschland richtungsweisenden Fall geht es um einen Vorfall im Oktober 2020. Gegen sieben Uhr abends war Osborne in der U-Bahnlinie U2 zwischen Spittelmarkt und Hausvogteiplatz unterwegs, als vier Kontrolleure in Zivilkleidung in den Wagen stiegen. In der Berliner U-Bahn gibt es keine Ticket-Barrieren. Laut BVG können sie aus Feuer- und Denkmalschutzgründen nicht installiert werden. Stattdessen werden die Papierfahrscheine und digitalen Tickets von 170 in der Stadt herumfahrenden Kontrolleuren stichprobenartig kontrolliert.

Ein Viertel der Kontrolleure sind bei der BVG angestellt und tragen Uniform. Die Anderen arbeiten für zwei private Subunternehmer und waren lange alle in Zivilkleidung unterwegs. Erst im vergangenen November haben sie damit begonnen, blaue Uniformen zu tragen. Als Osborne einen der Kontrolleure aufforderte, ihm einen Beweis dafür zu zeigen, dass er wirklich berechtigt ist, das Jahresticket zu sehen, das er in seinem Portemonnaie steckte, wurde die Sache unangenehm.

„Kontrolleure glauben, sie hätten die Freiheit, einen nach Belieben zu schikanieren“

Eineinhalb Jahre später präsentierte das BVG-Subunternehmen einen Bericht, der teilweise nicht mit dem Polizeibericht übereinstimmt, der direkt nach dem Vorfall verfasst wurde. In dem neueren Bericht hieß es, der Passagier habe die Kontrolleure provoziert, indem er sein Ticket „sehr langsam“ gezeigt und sie als „Ausländer“ beschimpft hätte (drei der vier Kontrolleure hatten die türkische Staatsangehörigkeit). Osborne, der damals die deutsche Staatsangehörigkeit noch nicht hatte, bestreitet diese Vorwürfe.

Nach Angaben des in Arkansas geborenen Sängers schnappten die Kontrolleure sich seinen Pass und zwangen ihn auszusteigen. Auf dem Bahnsteig sagte einer zu ihm: „Black Lives Matter ist nur ein Ausrede“, und ein anderer stieß ihn so auf eine Metallbank, dass er Schrammen an Unterarm und Oberschenkel davontrug, die im Krankenhaus behandelt werden mussten. „Ich habe in Baltimore, New York, Nizza und Wien gelebt, aber in keiner Stadt habe ich mich im öffentlichen Nahverkehr so unsicher gefühlt“, sagte der 35-jährige dem Observer. „Es wirkt so, als wenn die Kontrolleure glauben, sie hätten die Freiheit, einen nach Belieben zu schikanieren.“

Osbornes Verletzungen waren milder als die des nigerianisch-amerikanischen Kunstkurators Abbéy Odunlami, der im Dezember 2020 von Kontrolleuren auf den Bahnsteigboden gestoßen wurde. Die Kontrolleure arbeiteten für das gleiche Subunternehmen: B.O.S. - Berliner Objektschutz und Service.
Odunlami erlitt ein eingedrücktes Schulterblatt, ein gebrochenes Schlüsselbein und zwei gebrochene Rippen, von denen eine in die Lunge drückte. „Der Arzt, der mich operiert hat, sagte, ich hätte Glück gehabt“, erzählte Odunlami. „Ein paar Millimeter tiefer und ich hätte nicht überlebt.“ Wie Osborne wurde Odunlami aufgefordert, aus der Bahn auszusteigen und auf den Bahnsteig zu treten, obwohl er einen gültigen Fahrschein besaß.

Der 31-jährigen amerikanischen Yogalehrerin Juju Kim wurde im Januar dieses Jahres ein Finger gebrochen, als ein Ticket-Kontrolleur ihr die Hand verdrehte. Kim war aufgefordert worden, die Straßenbahn M10 zu verlassen, weil sie ihr Ticket zu spät entwertet habe. „Öffentlicher Nahverkehr sollte keine Angst einflößen“, kommentierte Kim in einem Instagram Post, in dem sie über den Vorfall berichtete.

Rund 60 Betroffene berichten unter dem Hashtag #WeilWirunsFürchten

Seit Februar gibt es eine Petition und Soziale-Medien-Kampagne mit dem Titel #WeilWirunsFürchten in Anlehnung an den BVG-Slogan #WeilWirDichLieben. Bisher gibt es rund 60 Berichte von Leuten, die das Gefühl haben, wegen ihres Aussehens aggressiv von Ticket-Kontrolleuren herausgepickt worden zu sein.

„Tickets zu kontrollieren ist schlecht bezahlte und prekäre Arbeit“, sagte die Journalistin und Moderatorin Anna-Rebekka Helmy, eine der Frauen hinter der Kampagne. „Niemand außerhalb einer gewissen sozioökonomischen Schicht will diesen Job machen.“ Statt sich auf die Subunternehmen zu konzentrieren, muss ihrer Ansicht nach die Veränderung von den mehrheitlich in staatlicher Hand befindlichen Berliner Verkehrsbetrieben kommen.
Unter anderen Maßnahmen fordert ihre Petition die BVG auf, die Kontrolleure besser zu bezahlen und bei den Subunternehmen Anti-Diskriminierungs- und De-Eskalations-Training sicherzustellen.

Laut BVG werden die Kontrolleure der Subunternehmen bereits in „interkulturellen Kompetenzen“ geschult und absolvieren ein Training mit Rollenspiel-Szenarien, in denen sie die Rolle der Passagiere einnehmen. Die BVG weist darauf hin, dass die Kontrolleure selbst regelmäßig Opfer verbaler und körperlicher Aggression werden. In 118 Fällen sei in solchen Fällen in den vergangenen Jahren Strafanzeige gestellt worden. Die Zahl der Beschwerden wegen aggressiven Verhaltens seitens von Kontrolleuren konnte die BVG nicht beziffern.

Erste Klage gegen die BVG nach dem Antidiskriminierungsgesetz in Berlin

Als erstes Bundesland führte Berlin 2020 ein neues Antidiskriminierungsgesetz ein. Jeremy Osborne wird er erste sein, der die Verkehrsbetriebe der Stadt unter diesem neuen Gesetz verklagt. Laut seinen Rechtsanwälten findet das Gesetz, das die Diskriminierung einer Person wegen Hautfarbe, Gender, Religion, Behinderung, Weltanschauung, Alter oder sexueller Identität in einem „Verantwortungsbereich“ öffentlicher Behörden untersagt, auch auf die Berliner Verkehrsbetriebe und das Verhalten ihrer Fahrscheinkontrolleure Anwendung.

Dieselben Verkehrsbetriebe, die in viral gegangener Video-Werbung einen Fahrschein-Kontrolleur über ihre Laissez-Faire-Philosophie rappen ließen, weisen jetzt die Verantwortung von sich. Rechtlich sei die BVG nicht für das Verhalten der Männer und Frauen verantwortlich, die versuchen, in ihren U-Bahnen und Straßenbahnen Schwarzfahrer:innen zu erwischen.

In einem im April an Osbornes Anwälte geschickten Brief argumentierte die Rechtsabteilung der BVG, die Verkehrsbetriebe seien zwar eine öffentlich-rechtliche Institution, der Kauf eines Fahrscheins für die U-Bahn oder Straßenbahn aber ein privatrechtlicher Vertrag. Jede Strafgebühr sei daher eher eine Strafe für Vertragsbruch und kein Verwaltungsakt.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen
Geschrieben von

Philip Oltermann | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 5788
The Guardian

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.