Jimmy verhängt das Netz

SOPA Doch damit ist Wikipedia-Chef Wales allein. Google und Co. sind sich zwar beim Protest gegen die Anti-Piraterie-Pläne in den USA einig, aber nicht bei der Art der Aktion

 Millionen von Studenten, Rechercheuren und Wissbegierigen müssen seit heute früh um sechs (MEZ) auf die englischsprachigen Artikel der Online-Enzyklopädie Wikipedia verzichten, die aus Protest gegen die im US-Kongress beratenen Gesetzesentwürfe gegen Internet-Piraterie 24 Stunden nicht erreichbar sind. Jimmy Wales, der Begründer der weltweit fünft-populärsten Seite hat für die englischsprachige Wikipedia und ihre 25 Millionen täglichen Nutzern bis Donnerstag um sechs Uhr früh (MEZ) einen „Tag der Finsternis“ ausgerufen.

Wales ruft zu einem „öffentlichen Aufstand“ gegen den stop online piracy act (SOPA) und protect IP act (PIPA) auf, zwei seiner Meinung nach destruktive US-Gesetze, die im Fall ihrer Verabschiedung „die Redefreiheit gefährden und weltweit einen beängstigenden Präzedenzfall von Internet-Zensur“ schaffen würden. Die User-generierte Empfehlungs-Plattform Reddit, die Technologie-Seite BoingBoing und das cheezburger network haben sich der als „schwarzer Mittwoch“ bezeichneten Aktion angeschlossen.

Auch Google protestiert

Seit sechs Uhr (MEZ) kann man auf keinen der 3,8 Millionen englischsprachigen Wikipedia-Artikel mehr zugreifen. Stattdessen wird man zu einem Protestaufruf gegen die Gesetze weitergeleitet. Wales hatte Schüler augenzwinkernd gewarnt, sie sollten ihre Hausaufgaben rechtzeitig machen, sonst müssten sie ihre alte Encyclopaedia Britannica entstauben.

Die im Kongress diskutierten Gesetze sind das Ergebnis jahrelanger Lobbyarbeit der von der Online-Piraterie betroffenen Medien-, Film- und Musikindustrie. Sie würden es Eigentümern der Urheberrechte und der US-Regierung erleichtern, den Zugang zu Seiten mit illegalen Film-, Musik- und Fernsehinhalten zu kappen. Einige der bekanntesten Online-Unternehmen, in den vergangenen zehn Jahren massiv an Größe und Bedeutung hinzugewonnen haben, lehnen die Gesetzesentwürfe ab. Neben der Wikipedia gehört auch Google dazu, das seine Dienste zwar nicht einstellt, aber auf seiner US-Homepage auf das Thema aufmerksam macht.

Vorbild China?

Die Sache hat Medien-Schwergewichte wie Rupert Murdoch auf den Plan gerufen – dessen News Corporation sich im Besitz von Content-Generatoren wie 20th Century Fox, dem Hollywood-Studio, das hinter Blockbustern wie Avatar steht, befindet. Via Twitter griff er Barack Obama an, nachdem das Weiße Haus angedeutet hatte, die drakonischeren Bestandteile von SOPA nicht unterstützen zu wollen.

„Obama macht sich also mit Silicon Valley-Zahlmeistern gemein, die sämtliche Software-Entwickler mit ihrer Piraterie bedrohen. Purer Diebstahl“, schrieb Murdoch in einem seiner Tweets. In einem anderen beschuldigte er auch Google, es würde die Piraterie begünstigen.

Der Alpha-Twitterer und digitale-Medien-Prophet Stephen Fry unterstützte Wikipedia mit den Worten, er schäme sich für die Unterhaltungsindustrie. „Ich wünsche Wikipedia alles Gute“, twitterte er seinen 3, 7 Millionen Followern. „Ich schäme mich, in einer Branche zu arbeiten, von deren führenden Köpfen viele versucht haben, dieses empörende Gesetz durchzudrücken.“

Die Gegner der Gesetze halten sie für zu allgemein, so dass sie zu einer Beschneidung der Redefreiheit im Internet nach chinesischem Vorbild führen könnten. Innovationen drohten abgewürgt und zahlreiche Websites auf unfaire Weise blockiert zu werden.

"Törichte Aktion"

Das Gros von Silicon Valley hat mit einem Brief gegen die Gesetzesvorhaben protestiert , der von den Gründern der Internet-Schwergewichte Twitter, YouTube, eBay, Yahoo, Flickr und Craigslist unterzeichnet wurde. Google, Facebook, Twitter und Zynga haben in überregionalen Tageszeitungen wie der New York Times eine ganzseitige Anzeige geschaltet, die mit der Schlagzeile "We stand together to protect innovation" überschrieben war.

Keiner der Großen ging allerdings so weit wie die Wikipedia und hat sich dem Aufruf zum „Tag der Finsternis“ angeschlossen. Ein Google-Sprecher sagte: „Wie viele Unternehmen und Nutzer lehnen wir diese Gesetze ab, denn es gibt intelligente Mittel, um illegale ausländische Seiten ins Visier zu nehmen, ohne amerikanische Unternehmen zur Zensur auffordern zu müssen. Wir werden daher wie viele andere Technologie-Unternehmen auf unserer US-Homepage auf das Thema aufmerksam machen.“

Wikipedias aggressiver Schritt wurde von Twitter-Chef Dick Costolo in einem Tweet mit den Worten kritisiert, ein weltweit operierendes Unternehmen als Reaktion auf eine nationale Gesetzgebung zu schließen, sei töricht. Am Dienstag schob er nach, diese Aussage sei als Begründung dafür gemeint gewesen, dass Twitter nicht bereit sei, seine Dienste weltweit einen Tag lang abzuschalten. Es habe sich nicht um eine Bewertung der Wikipedia-Aktion gehandelt.

Auswirkungen auf den ganzen Globus

Jimmy Wales meinte dazu: „Costolo hat Wikipedia nicht kritisiert. Das ist hundertprozentig falsch. Er unterstützt uns zu 100 Prozent und wurde völlig falsch interpretiert. Twitter sollte offen bleiben, es hilft der Öffentlichkeit, den Protest zu organisieren.“

Auch wenn die Gefahr zurückgehe, dass die SOPA Gesetz werde, sei es wichtig, dass Wikipedia seine Ankündigung wahr mache. „Wir sind dankbar für die Kommentare aus dem Weißen Haus, aber die Anträge sind immer noch sehr lebendig, insbesondere, was PIPA im Senat angeht" sagte er.

Obwohl es sich um ein US-amerikanisches Gesetz handelt, habe sich die Wikpedia-Community mit 591 zu 479 für einen weltweiten Blackout entschieden. Der Fall des britischen EDV-Studenten, dem eine Auslieferung an die USA bevorsteht, weil er eine private Film- und Fernsehseite betrieben hat, zeige, dass die Gesetzgebung zu Online-Piraterie ein globales Thema ist. Man habe überlegt, die Seite nur in den USA vom Netz zu nehmen, sich dann aber dagegen entschieden, weil US-Gesetze Leute auf dem ganzen Globus betreffen könnten.

Großbritannien sucht nach eigenen Maßnahmen zur Bekämpfung von Piraterie. Nach dem Digital Economy Act sollen Wiederholungstäter zunächst mehrmals verwarnt werden, bevor ihnen der Internet-Zugang gekappt wird.

Die sechs großen Hollywood Studios – Fox, Warner Bros, Paramount, Disney, Universal und Columbia – haben im vergangenen Jahr ein richtungsweisendes Gerichtsurteil erwirkt, das Internetprovider im Vereinigten Königreich dazu verpflichtet, einzelne Sites zu blockieren, denen die Förderung von Piraterie vorgeworfen wird.

Übersetzung: Holger Hutt
13:50 18.01.2012
Geschrieben von

Mark Sweney | The Guardian

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