Johnson ist zu schlagen

Großbritannien Bei den Neuwahlen braucht die Labour Party keine absolute Mehrheit
Jonathan Freedland | Ausgabe 49/2019 2
Johnson ist zu schlagen
Jeremy Corbyn weiß, die Sternzeichen stehen auf Sieg

Foto: Christopher Furlong/Getty Images

Noch nie habe ich Meinungsumfragen weniger vertraut als heute. Hier schlagen bittere Erfahrungen zu Buche, nachdem die Prognosen beim EU-Referendum 2016 und bei der Unterhauswahl 2017 ein Desaster waren. Natürlich sind da auch die Lektionen der US-Präsidentenwahl vor drei Jahren, als Hillary Clinton die schmerzhafte Erfahrung machen musste, dass ein großer Prognose-Vorsprung in einem solchen Wettbewerb nichts bedeutet, sondern Bundesstaat für Bundesstaat entschieden wird. Das gilt erst recht für Abstimmungen im Vereinigten Königreich wie die Unterhauswahl am 12. Dezember. Die wird nicht landesweit gewonnen, sondern Sitz um Sitz um Sitz.

Diese „ewige“ Wahrheit fand ich vor Tagen erneut bestätigt, als ich durch die Straßen von Enfield Southgate zog, einem Londoner Außenbezirk, den der Labour-Bewerber Bambos Charalambous 2017 den Torys abgenommen hat. Die meisten kennen ihn dank dem wunderbaren Meme, in dem Speaker John Bercow seinen Namen zur Melodie von Queens Under Pressure intoniert. Ich habe ihn einen Nachmittag lang auf Wahlkampftour begleitet und wieder einmal gelernt, wie unvorhersehbar Politik sein kann. In diesem Wahlkreis gibt es eine griechisch-zypriotische Community von gut 6.000 Bürgern, eine Zahl, die klar über der hier 2017 errungenen Labour-Mehrheit (4.355 Stimmen Vorsprung) liegt. Demzufolge wird Charalambous unterwegs häufig auf Griechisch begrüßt und von Menschen umarmt, die stolz auf ihn sind, den ersten Unterhaus-Abgeordneten aus ihrer Community. Ob diese 6.000 Stimmen Labour ein ausreichendes Polster verschaffen, frage ich Charalambous.

650 Lokalwahlen

Der will gerade antworten, als wir Christo begegnen, einem Mitsiebziger, der dabei ist, seine Hintertür zu reparieren, und uns – zwischen Englisch und Griechisch wechselnd – mitteilt: Für ihn gebe es die Priorität, den Brexit zu verhindern. Er halte den für den größten Fehler, der seinem Land jemals unterlaufen sei. Labour könne er deshalb nicht wählen, weil sich Jeremy Corbyn bei der EU-Frage einfach nicht entscheiden könne. So werde er vermutlich für die Liberaldemokraten stimmen. Charalambous fleht ihn an: Das nutze nur den Torys – es hilft nichts.

Auch bei jüdischen Familien bekommt der Kandidat etwas zu hören. Ein Familienvater drängt ihn fast von seiner Schwelle und schimpft: Wer für „so jemanden“ arbeite – gemeint ist natürlich Corbyn –, habe zu verschwinden. „Abstoßend“ sei das, „ekelhaft“. In jedem Wahlkreis gibt es ähnliche Muster, jeder bewahrt sein eigenes Mikroklima. Hier ein weiteres, willkürliches Beispiel: Der walisische Wahlkreis Ynys Môn ist für die Torys eigentlich ein Selbstläufer, doch die Konservativen haben dort einen Londoner aufgestellt, der kein Walisisch spricht, und dies in einer Gegend, in der 35 Prozent darin ihre Muttersprache sehen. Da spielt es keine Rolle, dass Meinungsumfragen Ynys Môn landesweit den Torys zuschlagen – die Wähler können es sich dennoch anders überlegen. Wie Charalambous es ausdrückt: „Am 12. Dezember finden 650 Lokalwahlen statt.“

Dass die Torys in fast allen Umfragen führen, hat nicht viel zu bedeuten, solange es ihnen nicht gelingt, bestimmte Wahlkreise zu erobern, die im Moment von Labour gehalten werden. Dort Stimmen anzuhäufen, wo sie ohnehin stark sind, bringt den Torys nicht viel. Gleiches gilt für Nigel Farages Entscheidung, nicht in den Wahlkreisen anzutreten, in denen ein Sieg der Konservativen sowieso erwartet wird.

Die Labour-Hochburgen dagegen werden sich auf ganz eigene Art gegen die Tory-Welle zur Wehr setzen. Wie schon 2017 zu erkennen war, sind diese Wahlkreise für die Torys extrem schwer zu knacken. Beachtet man dann noch, dass die Konservativen in Schottland und den Anti-Brexit-Gegenden Londons und Südenglands mindestens 13 Sitze verlieren dürften, wird klar, warum selbst Wahlkampfmanager Isaac Levido erklärt, der Weg zum Sieg sei „steil und eng“. Denn um die Downing Street sicher zu erreichen, muss Boris Johnson auf die absolute Mehrheit zusprinten und kann sich nicht auf die Hilfe kleinerer Parteien verlassen. Corbyns Zielgerade verläuft ganz woanders. Es spielt nämlich keine Rolle, dass Labours Chance auf den Gewinn der Mehrheit gegen null geht. Corbyn braucht keine Mehrheit, wenn es ihm nur gelingt, die absolute der Torys zu verhindern. Dann könnte er sich an die Scottish National Party (SNP), die walisische Plaid Cymru und andere Parteien wenden, um einen Sieg über die Linie zu bringen. Möglicherweise braucht er noch nicht einmal die Hilfe der Liberaldemokraten. Sicher, auch Labours Weg in die Downing Street ist „eng und steil“ – steiler als bei den Torys, doch weniger steinig: Johnson muss 321 Sitze gewinnen, um in No. 10 zu bleiben. Corbyn könnten 270 reichen, um dorthin zu gelangen.

Verstaatlichung kommt gut an

Es kommt hinzu: Verglichen mit der Wahl 2017 haben sich diesmal doppelt so viele junge Briten für das Votum registrieren lassen, zudem hat der Nationale Gesundheitsdienst (NHS) den Brexit im Themenranking überholt – beides sollte Labour zum Vorteil gereichen. Und dann führen die Liberaldemokraten noch einen schwachen Wahlkampf, was an manchen Orten den Torys hilft, es Labour aber auch ermöglichen sollte, mehr Remain-Wähler für sich zu gewinnen. Allerdings ist Labour immer wieder mit Beschwerden über den Parteivorsitzenden konfrontiert, was die Medien unablässig kolportieren: Er sei schwach und unentschlossen, mal bewege er sich in diese, dann wieder in jene Richtung, Antisemitismus trete er nicht energisch genug entgegen. Seufzend räumt Bambos Charalambous ein, dass die Führungsfrage leider stets von Neuem auftauche.

Kann Labours Wahlprogramm Bedenken ausräumen? Sind die Versprechen so fesselnd, dass unentschlossene Wähler ihre Zweifel vergessen? Viele Sympathisanten empfinden Corbyns Ideen vom völligen Umbau der Gesellschaft als zu beunruhigend. Ungeachtet dessen schneiden die von Labour ins Auge gefassten Verstaatlichungen in Umfragen gut ab. Das Problem besteht allein darin, dass vielfach die Überzeugung fehlt, Labour werde dann wirklich mit solcher Radikalität regieren.

Jonathan Freedland ist Guardian-Autor

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 09.12.2019
Geschrieben von

Jonathan Freedland | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 32/2020

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