Jungfräulichkeit aus dem Katalog

Hymenhandel Eine chinesische Firma verkauft künstliche Hymen – jetzt auch nach Ägypten. Die Empörung dort ist groß. "Guardian"-Autor Mohamed Al Rahhal hat mal zur Probe bestellt

Seit eine chinesische Firma künstliche Jungfernhäutchen im Nahen Osten anbietet, herrscht Aufruhr in Ägypten. Klar, dass ich unbedingt eines haben musste.

Als Mitglied im Stamm der XY-Chromosomen-Träger hat die Evolution mir eine kleine, anatomisch völlig nutzlose Membran erspart; und meine Jungfräulichkeit ist, da ich nun mal ein Mann bin, für die Gesellschaft nicht weiter interessant. Bei Frauen sieht das jedoch häufig anders aus.

Vor kurzem schlug die Nachricht von einem künstlichen Jungfernhäutchen made in China, das für 15 Dollar zu haben ist, in den ägyptischen Massenmedien und der Blogosphäre große Wellen. Eben dieses Produkt wird seit Jahren in China hergestellt, doch losgetreten wurde die Diskussion in Kairo erst jetzt durch die Anzeige einer chinesischen Firma, die den Versand in den Nahen Osten anbietet.

Konservative Parlamentarier trugen die Debatte ins Parlament. Sie forderten ein Verbot der Einfuhr dieses Produkts – und erreichten damit, dass das öffentliche Interesse schlagartig anhob. Allerdings gab es keine zuverlässigen Informationen, ob das Häutchen in Ägypten bereits regulär zu haben war, oder ob es einzeln übers Internet bestellt werden musste. Natürlich musste ich eine Antwort auf diese Fragen finden. Ich musste mir einfach ein Jungfernhäutchen bestellen.

Eine unbekannte rote Flüssigkeit

Die Firma Gigimo (NWFW) macht ihr Hauptgeschäft mit Sexspielzeug und bietet auf Wunsch eine „diskrete Verpackung“ an, was bedeutet, dass das Produkt ohne die Originalschachtel und die Packungsbeilagen geliefert wird. Ich ging auf Nummer sicher und wählte diese Option. Eine Onlinebezahlung und zwei Wochen später kam die Ware in Kairo an.

Als ich zur Post ging, um mein Paket abzuholen, war es bereits von mehreren verblüfften Zoll- und Postbeamten geöffnet worden, die seinen Inhalt ratlos als „beinhaltet eine unbekannte rote Flüssigkeit“ klassifiziert hatten – und meiner Erklärung harrten.

Auch wenn es bis jetzt offiziell noch nicht verboten war, hätte eine ehrliche Erläuterung mit größter Wahrscheinlichkeit zur Beschlagnahmung geführt. Ich hatte die Eingebung, den Artikel als „Make-Up für Filmdreharbeiten“ zu beschreiben. Im Prinzip war das auch gar nicht so sehr übertrieben – war auf der Website des Hymen-Versenders doch die Empfehlung zu lesen, man solle bei Anwendung des Produkts „einige Ächzer und Stöhner“ hinzufügen, um den Auftritt überzeugend zu gestalten.

Nach einer Menge Papierkram, diversen Stempeln, Unterschriften und Zollgebühren – und insgesamt 12 Händen, durch die das Päckchen und die dazugehörigen Papiere gingen – verließ ich die Post mit meinem, nun ja, Jungfernhäutchen.

Und so sieht das „Jungfernhäutchen“ aus: Es besteht aus einer fünf mal sieben Zentimeter großen Folie – die nicht aus Plastik ist, sondern aus künstlichen Eiweißstoffen, wie ich recherchiert habe – welche auf einer Seite mit roter Tinte getränkt ist. Wenn es kurz vor dem Geschlechtsverkehr in die Vagina eingeführt wird, dann verhärtet sich die Folie ein wenig und reißt dann während des Akts. Ein paar Tropfen Blut werden die Laken beflecken und die „Ehre“ der Frau, ihrer Familie und der Gesellschaft bewahren.

Die Nachfrage ist da

Ob es wirklich funktioniert, kann ich nicht beantworten. Die Tatsache, dass es keine Packungsbeilage mit medizinischen Auskünften gab, wohl aber Online-Kommentare, die bemängelten, das Produkt könne Infektionen verursachen, hielt mich davon ab, es von einer Freiwilligen testen zu lassen.

Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass es das „Chinesische Jungfernhäutchen“, wie es in den Medien inzwischen genannt wird, nur aufgrund der Nachfrage gibt. Die „Wiederherstellung“ der Jungfräulichkeit – oder die Illusion davon – gibt es, seit einige Gesellschaften auf die Idee kamen, dass die Jungfräulichkeit einer Braut ihr wertvollstes Qualitätsmerkmal sei.

Eine Ampulle mit Hühner- oder Taubenblut – warum Geflügel hier bevorzugt wird, kann ich mir nicht erklären –, die unter dem Bett versteckt und dann über den Laken ausgeschüttet wird, scheint die älteste Version dieses Tricks zu sein. In jüngerer Zeit soll die chirurgische Wiederherstellung des Jungfernhäutchens gängige Praxis geworden sein. Trotz des hohen Preises – der oft einige hundert Dollar beträgt – und der Tatsache, dass die Operation oft in unhygienischen Hinterhofpraxen durchgeführt wird, scheint sie nicht so schnell aus der Mode zu kommen.

Als die Markteinführung des künstlichen Jungfernhäutchens in Ägypten publik wurde, warnten Panikmacher sogleich vor dem Niedergang jeglicher Moral, da es den Frauen einen rechtsfreien Raum für promiskes Verhalten eröffnen würde.

Die Illusion von der sexlosen Vollkommenheit

Doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Das Produkt ermöglicht der Gesellschaft, weiter den Kopf in den Sand zu stecken und mit dem scheinheiligen Spiel um die „drei Tropfen Blut“ weiterzumachen. Es ermöglicht dem ganzen Land, die Illusion von der sexlosen Vollkommenheit aufrecht zu erhalten.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich habe grundsätzlich nichts gegen religiös begründete voreheliche Keuschheit, noch möchte ich eine sexuelle Revolution herbeiführen. Und die Frauen, die sich gezwungen fühlen, auf solche Methoden zurückzugreifen – und dabei oft ihr Leben riskieren – um in einer gnadenlosen Gesellschaft ihren Ruf zu wahren, haben mein ehrliches Mitgefühl.

Ich verurteile allerdings zutiefst die Scheinheiligkeit, die uns erlaubt, 50 Prozent unserer Gesellschaft zu diskriminieren, während wir der anderen Hälfte einen Freifahrschein geben. Ich bin dagegen, dass Frauen dazu gezwungen werden, so weit zu gehen und dabei mitunter ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen, nur damit wir unser längst überfälliges Stillhalteabkommen in Sachen Geschlechterfragen weiter hinauszögern können.

Moral lässt sich am schlechtesten anatomisch begründen. Und wenn wir darauf warten, dass ein kleines Stückchen Plastik für uns entscheidet, was Moral zu bedeuten hat, dann haben wir bereits versagt – und sollten eine bessere Definition finden.

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10:00 04.11.2009
Geschrieben von

Mohamed Al Rahhal, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 41/2021

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