Jungs, es ist an euch!

Lady Pop Amy Winehouse, Lily Allen, Jessie J oder Beyonce: Frauen führen gerade die Charts an. Sind Sie die besseren Popstars oder fehlt den Jungs das nötige Selbstbewusstsein?

Anfang August wurden die britischen Album-Charts von Amy Winehouse' Back to Black angeführt, dahinter kam Adeles 21, dann Beyoncé, dann Adeles 19 und auf Platz fünf schließlich Amys erstes Album. Es ist klar, dass Amys Rückkehr in die Charts dem gesteigerten Interesse nach ihrem Tod geschuldet war. Dennoch handelt es sich um eine recht erstaunliche Reihe von Platten weiblicher Solokünstler, die alle unter 30 sind.

Ein Freund, der seit 20 Jahren in der Musikbranche arbeitet, kommentierte die oben genannten Top 5 mit den Worten: „Männer wissen nicht mehr, wie man Popmusik macht.“ Schon seit geraumer Zeit haben Frauen die britische Popmusik übernommen. Lily Allen ist bereits lange genug im Geschäft, dass sie sich leisten kann, sich in eine Art Halbruhestand zu begeben und ihren Alltag mit Backwettbewerben zu bestreiten. Amy Winehouse ist furchtbar früh gestorben, aber ihr Debütalbum ist bereits acht Jahre alt, so dass mit Jessie J, Florence, La Roux, Laura Marling, the CocknBullKid – und natürlich Adele – bereits jede Menge anderer Künstlerinnen in ihre Fußstapfen getreten sind.

Das soll nicht heißen, diese Frauen seien weniger einzigartig als Amy und Lily und soll sie auch nicht zu einem neuen Phantasie-Musikgenre namens „Female“ zusammenfassen. Aber es ist schlichtweg unbestreitbar, dass die Musikindustrie ihnen gegenüber aufgeschlossener geworden ist und Künstlerinnen wie Jessie J und Florence heute mit viel mehr Nachdruck promotet werden als das noch vor zehn Jahren der Fall gewesen wäre.

Natürlich versucht die Industrie auch, männliche Musiker zu verkaufen. Plan B hatte 2010 das erfolgreichste Soloalbum eines männlichen Künstlers in Großbritannien. Example ist ein so großer Star geworden, dass er sein Leben lang im Restaurant Nando's kostenlos essen darf. (Alle männlichen Londoner Popstars sind besessen davon, bei Nano's zu essen. Alle.)

Tinie Tempah ist in der Aylesbury-Siedlung in Südlondon aufgewachsen, die als die berüchtigste in ganz Großbritannien gilt, und jetzt ist er Prince Harrys Lieblingspopstar und hängt bei Polospielen mit den Royals ab. Tinchy Stryder hat ein Lied mit dem Titel Number One geschrieben, das ein Nummer Eins-Hit wurde. (Reich gemacht haben ihn indessen seine Star In the Hood-T-Shirts). Calvin Harris hat einige Jahre an der Spitze der Charts verbracht und aus dem süßen Popboy Paolo Nutini ist ein anerkannter Künstler geworden. Aber würden Sie einen von den Genannten erkennen, wenn Sie im Supermarkt neben ihnen stehen würden? Und wird es irgendeiner von ihnen jemals so weit bringen wie Robbie Williams, dessen Gesicht alle kannten und dessen Lieder jeder mitsingen konnte, wenn sie im Radio liefen? Wo sind die bekannten Namen, die Will Youngs, Craig Davids oder Jarvis Cockers?

Bands sind nach wie vor erfolgreich und es ist vielleicht auch etwas paradox, nach einem neuen Robbie Williams zu fragen, wenn die begehrtesten Tickets gerade die von Take That sind. Mumford and Sons haben es in Amerika geschafft; Coldplay und U2 sind nicht tot zu kriegen. Was aber wirklich herausragende Solo-Künstler angeht, kann man die Sache getrost vergessen.

In den Buchläden findet Caitlin Morans neuer Leitfaden für den Feminismus des 21. Jahrhunderts How to Be a Woman gerade reißenden Absatz. Sie behauptet, jetzt sei die Zeit für selbstbewusste Frauen gekommen – und das ist nirgends offensichtlicher als in der Popmusik. Denn diese Top-Five-Alben wurden alle von wild entschlossenen Frauen gemacht, die einfach mehr Eier hatten als ihre männlichen Kollegen. Außer Beyoncé fällt mir kein einziger große Popstar ein, der heterosexuell, verheiratet und mainstream ist – und dennoch geht es in den meisten ihrer Songs um das Überschreiten von Gendergrenzen.

Adele bekam einen Plattenvertrag, als sie noch ein Teenager war und fing sofort damit an, mit ihrer Plattenfirma über die Preisstruktur ihrer Singles zu diskutieren, denn sie hatte das Businessmagazin Music Week gelesen, seit sie angefangen hatte, an der Brit School zu studieren und wusste alles über Vertriebsmargen. In einem Klima, in dem Künstler eigentlich nicht umhin können, auf Festivals zu spielen, lehnte sie dies kategorisch ab, obwohl sie wusste, wie sehr es von ihr erwartet wurde. Sie sagte eine große US-Tour ab, obwohl Experten sie warnten, dies würde das Todesurteil für ihren Erfolg in den Staaten bedeuten. Adele sollte sie Lügen strafen.

Es mag merkwürdig erscheinen, nach ihrem Tod von Amy Winehouse' Unabhängigkeit zu sprechen, da beides miteinander zu tun hatte, aber sie schrieb und sang ihre Lieder wie keine andere – voller Sex, Poesie, Schmerz, Feuer und Schmutz. Auch sie weigerte sich zu tun, was ihr gesagt wurde. Während sie diese Energie am Ende möglicherweise ins Verderben gestürzt hat, war sie doch der Grund dafür, dass die Leute ihre Platten kaufen wollten.

Und dann ist da Lady Gaga, die sich ebenfalls grandios verkauft. Sie untersucht ihre eigene Hässlichkeit und Gebrochenheit ebenso sehr wie ihre Schönheit, verwendet in ihren Videos Rollstühle und legt sich im wahrsten Sinne des Wortes Fleisch auf die Knochen.

Was all diese weiblichen Stars neben ihrem Talent und ihrer starken Persönlichkeit gemeinsam haben, ist, dass sie sich über die geschäftliche Seite der Musikindustrie völlig bewusst sind. Sie kennen die Regeln und entscheiden selbst, wann sie sie brechen wollen. Ist diese Verlagerung hin zum Weiblichen nur eine Phase oder vielmehr von langfristigerer Natur? Die Spitzenfrauen haben die Latte so hoch gehängt, dass es für Frauen wie für Männer schwer ist, sie zu überbieten. Ein männlicher Star mit großen Songs, einer starken Präsenz und einem großen Herzen wäre durchaus willkommen. Jungs, es ist an euch.

Mehr über female Popmusic lesen Sie zweiwöchentlich bei unserer . Kommenden Montag wird sie vom Dockville Festival in Hamburg berichten.Kolumnistin Verena Reygers

Übersetzung: Holger Hutt

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16:30 12.08.2011
Geschrieben von

Sophie Heawood | The Guardian

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The Guardian

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