Jutebeutel und Papp-Strohhalm retten uns nicht

Klimakrise Unser System vernichtet den Planeten, und wir reden über Plastiktüten? Schluss damit! Wir müssen unser Streben nach Reichtum infrage stellen
Jutebeutel und Papp-Strohhalm retten uns nicht

Grafik: der Freitag, Material: Freepik

Ein Mythos über Menschen hält sich hartnäckig, gegen alle gegenteiligen Beweise. Er besagt, dass wir unser Überleben immer an die erste Stelle setzen. Für andere Arten trifft das ja auch zu. Wenn sie mit einer drohenden Gefahr konfrontiert werden, tun sie alles, um sie zu umgehen: Naht etwa der Winter, ziehen sie in den Süden oder halten Winterschlaf. Beim Menschen ist das offenbar anders.

Wenn wir mit einer großen Bedrohung konfrontiert werden, wie der Klimakrise oder dem ökologischen Kollaps, scheinen wir uns weiterhin viel Mühe zu geben, unser Überleben zu gefährden. Wir reden uns ein, das Ganze sei nicht so schlimm oder passiere gar nicht. Wir verdoppeln unsere Zerstörungswut, tauschen normale Autos gegen SUVs, jetten mit einem Langstreckenflug ins Land des Vergessens und verbrennen alles in einem letzten großen Rausch. In unserem Hinterkopf flüstert dabei eine Stimme: „Wäre es wirklich so ernst, würde uns schon jemand davon abhalten.“ Wenn wir uns überhaupt mit den brennenden Themen befassen, dann auf unbedeutende, alibihafte, der Größe unseres Problems absurd unangemessene Art und Weise. Unsere Reaktion auf das, was wir wissen, lässt jedenfalls kein Primat unseres Überlebensinstinkts erkennen.

Hier noch mal, was wir wissen. Wir wissen, dass unser Leben von komplexen ökologischen Systemen abhängt: der Atmosphäre, Ozeanströmungen, der Erde, dem Lebensnetz des Planeten. Leute, die komplexe Systeme studieren, haben herausgefunden: Egal ob es sich um ein Bankennetzwerk, einen Nationalstaat, einen Regenwald oder eine antarktische Eisscholle handelt, verhält sich ein komplexes System nach bestimmten mathematischen Regeln. Unter normalen Bedingungen reguliert das System sich selbst und erhält seinen Gleichgewichtszustand. Auch Stress kann es ab – bis zu einem bestimmten Punkt. Aber dann kippt es plötzlich. Und wenn es kippt, fällt das System in einen neuen Gleichgewichtsmechanismus, der oft nicht mehr umkehrbar ist.

Die menschliche Zivilisation hängt davon ab, dass gegebene Gleichgewichtszustände erhalten bleiben. Bricht ein Ökosystem zusammen, zieht es sehr wahrscheinlich andere mit und löst eine Kaskade von Chaos aus, die als systemischer ökologischer Zusammenbruch bekannt ist. Das ist bereits geschehen, in Zeiten des Massenaussterbens.

Weniger Tau, trockene Luft

Hier nur eins von vielen möglichen Beispielen, wie das aussehen könnte. Der Savannen-Gürtel Cerrado zieht sich mit einer Fläche von zwei Millionen Quadratkilometern durch Brasilien. Seine Vegetation ist abhängig davon, dass sich Tau bildet. Die Taubildung wiederum ist abhängig von tief wurzelnden Bäumen, die das Grundwasser anzapfen und es dann durch ihre Blätter in die Luft abgeben. Aber in den vergangenen Jahren wurden große Teile der Cerrado für den Pflanzenanbau gerodet – vor allem Soja für die Fütterung der Hühner und Schweine der Welt. Werden die Bäume gefällt, wird die Luft trockener. Infolgedessen sterben kleinere Pflanzen, was dazu führt, dass noch weniger Wasser zirkuliert. Einige Wissenschaftler:innen warnen nun, dass dieser Teufelskreis in Kombination mit der globalen Erwärmung bald und plötzlich das gesamte Ökosystem in eine Wüste verwandeln könnte.

In der Cerrado entspringen aber einige von Südamerikas großen Flüssen, darunter die, die nach Norden ins Amazonasbecken fließen. Dass weniger Wasser in die Flüsse fließt, könnte den Stress, unter dem die Regenwälder leiden, noch verschärfen. Sie nehmen durch eine tödliche Kombination aus Abholzung, Brandrodung und Erwärmung Schaden und sind bereits jetzt von einem systemischen Zusammenbruch bedroht. Sowohl die Cerrado als auch der Regenwald schicken „Flüsse in der Luft“, Ströme nasser Luft, die Regenfälle in die ganze Welt bringen und zur globalen Zirkulation beitragen: der Bewegung von Luft- und Meeresströmungen.

So hängt die globale Zirkulation von Luft und Wasser also von Waldrodungen in Brasilien ab. Bereits jetzt ist sie anfällig: Die atlantische meridionale Umwälzzirkulation, die Wärme aus den Tropen zu den Polen transportiert, wird durch das Abschmelzen des arktischen Eises gestört und bereits schwächer. Ohne sie hätte Großbritannien ein ähnliches Klima wie Sibirien.

Diese Zirkulation hat genau zwei Gleichgewichtszustände: an oder aus. Sie ist seit fast 12.000 Jahren eingeschaltet, nachdem sie während der Jüngeren Dryas (vor 12.900 bis 11.700 Jahren) für mehrere Tausend Jahre ausgeschaltet war, was zu einer globalen ökologischen Veränderungsspirale führte. Alles, was wir kennen und lieben, hängt davon ab, dass diese Zirkulation im eingeschalteten Zustand bleibt.

Im Radio: nur Geplapper

Es gibt Möglichkeiten, zu erkennen, ob sich ein komplexes System seinem Kipppunkt nähert: Vorher beginnen seine Leistungen zu flackern. Je näher an der kritischen Schwelle, desto wilder die Schwankungen. Was wir dieses Jahr gesehen haben, ist ein großes globales Flackern: Die Wärmekuppeln über der westlichen Meeresküste von Nordamerika; die massiven Waldbrände in Amerika, in Sibirien und im Mittelmeerraum; die tödlichen Fluten in Deutschland, Belgien, China, Sierra Leone. Das sind Signale, die im Klima-Morse-Code übersetzt lauten: „S.O.S“.

Von einer intelligenten Spezies wäre nun zu erwarten, dass sie auf diese Signale schnell und schlüssig reagiert, indem sie ihre Beziehung zur lebendigen Welt schnell und schlüssig ändert. Aber: So funktioniert der Mensch nicht. Unsere große Intelligenz, unser hoch entwickeltes Bewusstsein, das uns einmal so weit gebracht hat, arbeitet jetzt gegen uns.

Schalten Sie, egal wann, irgendeinen Radiosender ein. Während außen herum Waldbrände wüten, Überflutungen Autos von den Straßen fegen und Ernten vertrocknen, hört man Diskussionen darüber, ob man seine Socken besser im Stehen oder im Sitzen anzieht, oder über Wurst-Schneidebrettchen für Hunde. Diese Beispiele habe ich nicht erfunden, sondern ich bin über sie gestolpert, als ich an Tagen von Klimakatastrophen zwischen den Kanälen hin und her wechselte. Wenn ein Asteroid in Richtung Erde auf dem Weg wäre und wir das Radio einschalteten, würden wir wahrscheinlich hören: „Top-Thema des Tages heute: Was ist das Witzigste, das Ihnen je passiert ist, während Sie ein Kebab aßen?“ So wird die Welt enden. Nicht mit einem Knall, sondern mit Geplapper.

Mit Krisen von einem noch nie da gewesenen Ausmaß konfrontiert, werden unsere Köpfe mit einem penetranten Gelaber gefüllt. Dabei erzeugt die Trivialisierung des öffentlichen Lebens eine Schleife: Es wird gesellschaftlich unmöglich, über irgendetwas anderes zu sprechen. Ich will damit nicht sagen, dass wir nur noch über die drohende Katastrophe diskutieren sollten. Ich habe nichts gegen Spaß-Gerede. Aber ich bin dagegen, dass es nichts anderes mehr gibt.

Die meisten politischen Nachrichten sind nichts als Hofklatsch: Wer drin ist, wer draußen ist, wer was zu wem gesagt hat. Dabei vermeiden sie sorgfältig, was darunter liegt: das Schwarzgeld, die Korruption, die Verschiebung der Macht weg von der demokratischen Sphäre, der sich zusammenbrauende ökologische Zusammenbruch, alles Dinge, die ihre eigenen Obsessionen zu Unsinn machen. Ich bin sicher, dass das nicht vorsätzlich geschieht. Ich glaube nicht, dass irgendjemand angesichts des drohenden systemischen Umweltzusammenbruchs zu sich sagt: „Lasst uns schnell das Thema zu Wurst-Schneidebrettchen für Hunde wechseln.“ Es passiert auf einer tieferen Ebene. Es ist ein unbewusster Reflex, der uns mehr über uns sagt als unsere bewussten Handlungen. Das Geplapper im Radio klingt wie entfernte Signale von einem sterbenden Stern.

Es gibt eine Köcherfliegen-Art, deren Überleben davon abhängt, die Wasseroberflächenspannung eines Flusses zu durchbrechen. Das Weibchen stößt von oben hindurch – kein einfaches Unterfangen für ein so kleines und zartes Wesen – und schwimmt auf den Flussgrund, um seine Eier abzulegen. Gelingt es ihm nicht, die Oberfläche zu durchstoßen, kann es den Lebenzyklus nicht schließen und seine Nachkommen sterben mit ihm.

Das ist die Geschichte der Menschen. Wenn wir nicht die gläserne Oberfläche der Ablenkung durchstoßen und uns damit beschäftigen, was darunter liegt, werden wir das Überleben unserer Kinder oder vielleicht unserer ganzen Art nicht sichern. Aber wir scheinen unfähig oder unwillig zu sein, den Oberflächenfilm zu durchbrechen. Ich betrachte diesen seltsamen Zustand als unsere „Oberflächenspannung“. Es ist die Spannung zwischen dem, was wir über die bevorstehende Krise wissen, und der Frivolität, mit der wir uns davon distanzieren.

Diese Oberflächenspannung herrscht sogar, wenn wir behaupten, etwas gegen die Zerstörung der Systeme tun zu wollen, die unser Leben sichern. Wir konzentrieren uns auf das, was ich mikro-konsumistischen Schwachsinn nenne: Wir beschäftigen uns mit Plastikstrohhalmen oder mit dem Material von Kaffeebechern anstatt mit den großen strukturellen Kräften, die uns in die Katastrophe treiben. Zum Beispiel diese Obsession mit Plastiktüten: Wir glauben, wir tun der Welt einen Gefallen, wenn wir stattdessen Tragetaschen kaufen, obwohl nach einer Schätzung der ökologische Fußabdruck der Produktion einer Bio-Baumwolltasche dem von 20.000 Plastiktüten entspricht.

Es geht nicht um Plastik!

Zu Recht entsetzt uns das Bild eines Seepferdchens, dessen Schwanz sich um ein Wattestäbchen gewickelt hat. Gleichzeitig scheinen wir unbesorgt angesichts der Vernichtung ganzer mariner Ökosysteme durch die Fischfangindustrie. Wir schütteln den Kopf und essen uns weiter durch das Leben im Meer.

Das Unternehmen Soletair Power erhält ein breites Medienecho, weil es behauptet, den „Klimawandel zu bekämpfen“, indem es das von Büroangestellten ausgeatmete Kohlendioxid auffängt. Allerdings saugt seine Kohlendioxidabsauganlage – ein umweltbelastender Turm aus Stahl und Elektronik – alle acht Stunden nur ein Kilo Kohlendioxid ab. Im gleichen Zeitraum produziert die Menschheit, hauptsächlich durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe, etwa 32 Milliarden Kilo CO2.

Ich glaube nicht, dass unser Fokus auf mikroskopische Lösungen ein Zufall ist, selbst wenn er unbewusst ist. Wir versichern uns damit: Wenn unsere Lösungen so klein sind, kann das Problem nicht so groß sein. Reiche können sich einreden, dass sie grün leben, weil sie recyceln, während sie vergessen, dass sie einen Zweitwohnsitz haben (der vielleicht extravaganteste ihrer Angriffe auf die Welt der Lebenden, da ein weiteres Haus gebaut werden muss, um die Familie unterzubringen, die sie verdrängt haben).

Dabei passt der Fokus auf Mikro-Konsum-Schwachsinn den Unternehmen in den Kram. Die Kampagne „Keep America Beautiful“ etwa ging 1953 von Verpackungsunternehmen aus, die durch Wergwerfplastikbehälter Profit machen wollten. Vor allem ging es ihnen darum, Bundesgesetze zu kippen, die die Rückgabe von Glasflaschen vorschrieben. „Keep America Beautiful“ schob die Schuld für den einsetzenden Tsunami an Plastikmüll dann nicht auf ihre Produkte, sondern auf „Litterbugs“: eine Worterfindung für Menschen, die den öffentlichen Raum vermüllen.

Die Kampagne „Love Where You Live“ (Liebe deinen Wohnort), die 2011 in Großbritannien von Imperial Tobacco, McDonald’s und dem Süßwarenhersteller Wrigley ins Leben gerufen wurde, funktionierte ähnlich. Die Müll-Fokussierung der Unternehmen, durch die Medien noch verstärkt, verzerrt unsere Sicht auf Umweltthemen. So ergab eine kürzlich durchgeführte Meinungsumfrage zur Verschmutzung von Flüssen, dass die Leute „Abfall und Plastik“ bei Weitem für die größte Ursache halten. In Wirklichkeit verursacht am meisten Wasserverschmutzung die Landwirtschaft, gefolgt von Abwasser. Müll steht ganz unten auf der Liste.

Plastik ist nicht unwichtig. Das Problem ist, dass wir praktisch kein anderes Problem zu kennen scheinen. 2004 trieb die Werbeagentur Ogilvy & Mather im Auftrag des Öl-Giganten BP diese Schuldverschiebung noch einen Schritt weiter, indem sie den persönlichen CO2-Fußabdruck erfand. An sich eine nützliche Innovation – damit wurde der politische Druck jedoch gänzlich von den Produzenten fossiler Treibstoffe auf die Verbraucher verschoben. 2019 dann hielt uns der Chef von Shell, Ben van Beurden, in einer Rede dazu an, doch bitte „saisonal zu essen und mehr zu recyceln“ – und tadelte öffentlich seinen Chauffeur, weil er im Januar ein Körbchen Erdbeeren gekauft hatte.

Einst Bürger, nun Konsument

Die große politische Veränderung der vergangenen 50 Jahre ist, dass wir unsere Probleme nicht mehr kollektiv angehen, sondern individuell. Anders gesagt: Wir wurden von Bürger:innen zu Konsument:innen gemacht. Es ist nicht schwierig, zu verstehen, warum wir in diese Richtung getrieben werden. Als Bürger:innen, die sich zusammentun und politischen Wandel fordern, sind wir mächtig – als Konsument:innen nahezu machtlos.

In seinem Buch Leben und Schicksal stellt der sowjetische Schriftsteller Wassili Grossman fest, dass zur Zeit der Herrschaft Stalins und Hitlers „eine der erstaunlichsten menschlichen Eigenschaften, die damals zutage traten, der Gehorsam war“. Der Instinkt zu gehorchen, so seine Beobachtung, war stärker als der Instinkt zu überleben. Allein handeln, uns als Verbraucher verstehen, uns auf Mikro-Konsum und stumpfsinnige Nebensächlichkeiten fixieren, selbst wenn ein systemischer Umweltkollaps droht: Das sind Formen von Gehorsam. Wir riskieren lieber den Untergang der Zivilisation, als gesellschaftlich anzuecken und den politischen Ärger auf uns zu nehmen, der mit dem Widerstand gegen mächtige Kräfte verbunden ist. Der Gehorsamkeitsreflex ist unser größter Fehler, die Schwachstelle im menschlichen Gehirn, die unser Leben bedroht.

Der heilige Kapitalismus

Was sehen wir, wenn wir die Oberflächenspannung durchbrechen? Das Erste, was drohend aus den Tiefen ragt, sollte uns zu Tode erschrecken. Es wird Wachstum genannt. Wirtschaftswachstum wird allgemein als etwas Gutes gepriesen. Die Regierungen messen ihren Erfolg an ihrer Fähigkeit, es zu erreichen. Aber machen wir uns kurz klar, was das bedeutet. Angenommen, wir erreichen das moderate Ziel von drei Prozent globalem Wachstum im Jahr, das Organisationen wie Internationaler Währungsfonds und Weltbank anstreben. Es bedeutet, dass alle heutigen Wirtschaftsaktivitäten – und die meisten ihrer ökologischen Folgen – sich in 24 Jahren verdoppeln, also 2045. Dann verdoppeln sie sich 2069 wieder; dann wieder. Alle Krisen, die wir heute abzuwenden versuchen, werden doppelt so schwer in den Griff zu kriegen sein, wenn die globale Wirtschaftsaktivität sich verdoppelt und dann wieder verdoppelt.

So wie es einst blasphemisch war, den Namen Gottes zu verwenden, scheint auch das Wort Kapitalismus in der höflichen Gesellschaft tabu zu sein. Die meisten Menschen tun sich schwer, das System zu definieren, das unser Leben beherrscht. Hakt man nach, murmeln sie tendenziell etwas von harter Arbeit und Unternehmertum, Kaufen und Verkaufen. Genau so wollen die Profiteure des Systems es verstanden haben. Aber tatsächlich werden im Kapitalismus die großen Vermögen nicht so gemacht, sondern durch Plünderung, Monopole, Mietpreistreiberei und Erbschaft.

Laut einer Schätzung zog Großbritannien im Laufe von 200 Jahren in heutigen Wert umgerechnet fast 39 Billionen Euro aus Indien ab. Mit dem Geld förderte es seine Industrialisierung und kolonialisierte andere Länder, um dann auch deren Reichtum auszubeuten.

Plünderungen finden aber nicht nur in geografischen Regionen statt, sondern auch über die Zeit. Die scheinbare Gesundheit unserer Ökonomien heute basiert darauf, zukünftigen Generationen Naturreichtum wegzunehmen. Genau das machen die Ölfirmen, die uns durch Mikro-Konsum-Verhalten und CO2-Abdruck abzulenken versuchen. Dieser Diebstahl an der Zukunft ist derzeit der Motor des Wirtschaftswachstums. Dabei ist der Kapitalismus, der von einem Mainstream-Ökonomen erklärt so vernünftig klingt, in ökologischer Sicht nichts als ein Schneeballsystem.

Es ist kaum von Bedeutung, für wie grün Sie sich halten. Der Hauptgrund Ihres ökologischen Abdrucks ist weder Ihre Einstellung noch die Art Ihres Konsums oder die Entscheidungen, die Sie treffen. Es ist Ihr Geld. Wer Geld übrig hat, gibt es aus.

Auch wenn Sie sich einreden, ein grüner Mega-Verbraucher zu sein, sind Sie in Wahrheit nichts als ein Mega-Verbraucher. Daher ist der ökologische Abdruck der Superreichen, so ökologisch korrekt er wirken mag, massiv größer als der aller anderen.

Um die globale Erderwärmung unter 1,5 Grad Celsius zu halten, darf jeder Mensch im Schnitt nur zwei Tonnen CO2 jährlich produzieren. Aber das reichste ein Prozent der Welt produziert im Schnitt mehr als 70 Tonnen. Microsoft-Gründer Bill Gates stößt einer Schätzung zufolge fast 7.500 Tonnen CO2 aus, hauptsächlich durch Flüge mit seinen Privatjets. Öl-Oligarch Roman Abramovitsch verursacht demnach fast 34.000 Tonnen, vor allem mit seiner riesigen Jacht. Egal ob die zahlreichen Häuser, die Ultra-Reiche besitzen, mit Solaranlagen ausgestattet sind, ihre Superautos elektrisch, ihre Privatflugzeuge mit Biokerosin betrieben werden – diese Verbesserungen verändern die Auswirkungen ihres Konsums nur wenig.

Noch wichtiger als die direkten Auswirkungen der Ultra-Reichen ist die politische und kulturelle Macht, mit der sie effektiven Wandel blockieren. Ihre kulturelle Macht basiert auf einem hypnotisierenden Märchen. Der Kapitalismus überzeugt uns davon, dass wir alle „vorübergehend verhinderte Millionäre“ sind, die reich werden könnten. Darum tolerieren wir ihn. Doch tatsächlich sind einige Leute extrem reich, weil andere extrem arm sind: Massiver Reichtum basiert auf Ausbeutung. Und wären wir alle Millionäre, wäre die Erde in kürzester Zeit am Kochen. Aber das Märchen vom universellen Wohlstand, der eines Tages herrschen wird, sichert unseren Gehorsam.

Die harte Wahrheit dagegen ist, dass sich die Klima- und Umweltkatastrophe nur durch Zurückschrauben vermeiden lässt. Unser Ziel muss sein, was die belgische Philosophin Ingrid Robeyns „Limitarismus“ nennt. Genau wie es eine Armutsgrenze gibt, unter die niemand fallen sollte, gibt es eine Reichtumsgrenze, die niemand überschreiten sollte. Wir brauchen keine CO2-Steuer, sondern eine Reichtumssteuer.

Wenig überraschend zieht der Ölkonzern Exxon Mobil die CO2-Steuer vor. Sie ist eine Form von Mikro-Konsum-Schwachsinn. Sie geht nur einen Aspekt der vielköpfigen Umweltkrise an und verschiebt gleichzeitig die Verantwortung von den Haupttätern auf alle. Sie kann extrem rückschrittlich sein, was bedeutet, dass die Armen mehr zahlen als die Reichen.

Luxus ist möglich – für alle

Vermögenssteuern treffen den Kern des Problems. Sie müssen hoch genug sein, um die Spirale der Akkumulation zu brechen und die von wenigen angehäuften Reichtümer umzuverteilen.

Sie könnten uns auf einen komplett neuen Weg bringen, den ich „private Suffizienz, öffentlicher Luxus“ bezeichne. Es gibt nicht genug ökologischen oder sogar physischen Raum auf der Erde, damit alle privaten Luxus haben könnten. Aber es ist genug da, um alle mit öffentlichem Luxus zu versorgen: wunderschöne Parks, Krankenhäuser, Schwimmbäder, Kunstgalerien, Tennisplätze und Transportsysteme, Spielplätze und Community-Zentren. Jeder sollte seinen eigenen kleinen Bereich haben – private Suffizienz –, aber wenn wir unsere Flügel ausbreiten wollen, können wir das tun, ohne anderen Menschen Ressourcen wegzunehmen.

Indem wir der fortgesetzten Zerstörung unserer lebenserhaltenden Systeme zustimmen, kommen wir den Wünschen der Superreichen entgegen. Indem wir in der Oberflächenschicht steckenbleiben und uns mit Frivolitäten und Mikro-Konsum beschäftigen, erteilen wir ihnen eine gesellschaftliche Lizenz für ihr Tun.

Dabei können wir nur überleben, wenn wir nicht mehr zustimmen. Die Demokratie-Verfechter im 19. Jahrhundert wussten das, die Suffragetten wussten das, Ghandi wusste es und Martin Luther King. Auch die Umwelt-Demonstranten, die systemischen Wandel fordern, haben diese fundamentale Wahrheit verstanden. Bei Fridays for Future, Green New Deal Rising, Extinction Rebellion und anderen weltweiten Aufständen gegen den systemischen Umweltkollaps sehen wir Leute, zumeist junge, die ihre Zustimmung verweigern.

Sie haben die wichtigste Lektion der Geschichte gelernt. Überleben ist nur durch Ungehorsam möglich.

George Mobiot ist ein britischer Journalist, er schreibt unter anderem für den Guardian. Er ist zudem Universitätsdozent und Klimaaktivist

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 21.11.2021
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

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The Guardian

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