Kalte Störung

Mode Es friert noch, in den Läden hängen aber schon die Frühjahrskollektionen. Für unsere Autorin kein Grund zur Freude. Sie leidet an einer saisonal-affektiven Stilstörung

Modisch gesehen liebe ich den Winter. Wenn ich in Lederstiefeln und dickem Mantel, den Kopf mit einer Wollmütze bedeckt und die Beine in Kniestrümpfen, diesem Wunder der Bekleidungstechnik, zur Arbeit stapfe, fühle ich mich in Sachen Kleiderwahl am sichersten. Der Winter und ich kommen gut miteinander zurecht. Mit dem Sommer sieht es da ganz anders aus. Vielleicht liegt es an meiner bleichen Haut, vielleicht ist das Muttermal an meinem rechten Ellenbogen schuld, das ich so hasse. Aber wenn der Mai naht, trübt sich meine Stimmung. Im Sommer kriege ich es einfach nicht hin. Leichte Kleider hängen wie Stoffwasserfälle an meinem Oberkörper herab, Sommerfarben stehen mir nicht und Flip-Flops sehen an meinen Füßen komisch aus. Sommersachen sind nicht mein Ding.

Ich leide an einer saisonal-affektiven, also jahreszeitlich bedingten Stilstörung (SASS), wie mein Problem von nun an genannt werden soll. Einige Betroffene können sich genau wie ich im Winter stilsicher kleiden, greifen im Sommer hingegen öfter mal daneben. Bei anderen trifft der entgegengesetzte Fall zu. Von der Kältewelle der letzten Tage beflügelt knöpfte ich meinen Mantel zu, streifte Handschuhe über und trug Lippenbalsam auf. Andere sahen unterdessen das Modeunheil dräuen.

Männer scheinen besonders im Sommer betroffen
Viele der SASS-Befallenen, die besonders im Sommer mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, sind männlichen Geschlechts. Die Sommergarnitur meines Bruders zum Beispiel besteht aus T-Shirts, drei an der Zahl, die sich höflich gesprochen als antik bezeichnen lassen und in strikter Rotation getragen werden. Auch das Thema Sommerschuhwerk erweist sich bei vielen Männern als blinder Fleck. Flip-Flops waren das einzige modische Eingeständnis, das der britische Moderator Russel Brand vergangenen Sommer an die Temperaturen machte. Die standen, auch wenn sie schwarz waren, in krassen Gegensatz zum gewohnten Gothik-Look Brands, dessen Garderobe sich an der Farbpalette des Ford T-Modells orientiert. Es sah aus, als wären die Schlappen in Photoshop an seine Füße montiert worden. Sogar Hollywoodstar Matthew McConaughy, der in Badehose eine vorzügliche Figur abgibt, erschien zur Premiere seines Filmes Tropic Thunder in Los Angeles in olivfarbenem Hemd, brauner Hose und weißen Turnschuhen. Kein Mann außer George Clooney kann oliv tragen.

Kälte scheint manchen Leuten das Modebewusstsein einzufrieren
Anderen droht dagegen Garderobeversagen, wenn die Tage dunkler werden. Man braucht sich nur einmal die Schauspielerin Sienna Miller anzuschauen. Diese archetypische Sommerschick-Elfe, deren Hüften tausende Boho-Volantröcke zum Schwingen gebracht haben, gibt im Winter einen eher öden Anblick ab. Die zugegebenermaßen seltenen Fehlgriffe, die Miller sich leistet, geschehen vornehmlich bei niedrigen Temperaturen. Gewöhnlich ist dabei eine grundlegend überschätzte Melone im Spiel. Mal im Ernst, warum sollte man so was tragen? Doch auch wenn sie sich gerade nicht kleidet wie Oliver Harding, legt Miller eine SASS-typische Angewohnheit an den Tag: Ihre gesamte Wintergarnitur ist auf Skinny Jeans in einem einzigen Grauton abgestimmt. Mit diesem Beinkleid geht sie auf Nummer sicher. Es bedeutet aber auch eine eintönige Saisonpause. Es scheint, das kalte Wetter lähme ihre sonst so sichere Hand, wie ein Schneesturm Orson Welles Unsichtbarem und das Kryptonit dem Comic-Helden Superman die Kräfte rauben. Überhaupt sind Hüte eine rote Fahne für SASS-Befallene mit Winterproblematik. Keira Knightley beweist dies eindrücklich. Die Ausnahme von der Regel, dass männliche SASS-Betroffene im Winter besser abschneiden als im Sommer, stellen die männlichen Rap-Künstler dar. Sobald das Thermometer fällt, stellen sie Ensembles aus Spazierstöcken, Pelz und dreiteiligen Anzügen zusammen, die Assoziationen an tuntige Detektive wecken.

Machen Sie das Beste draus!
Am vergangenen Wochenende, sagte mir ein Freund, mein Outfit sei ein bisschen „fröhlich und hell für den Winter“. Wer hat eigentlich entschieden, dass wir uns in der kalten Jahreszeit kleiden sollten wie für eine drei Monate dauernden Beerdigung? Es gibt wirklich keinen Grund, im Winter in ein gestricktes schwarzes Loch zu fallen. Der Winter ist toll! Schmeißen sie sich in einen Rock, der was hermacht, werfen Sie eine Wolljacke über und eine prächtige Kette, die das Dunkel erleuchtet. Für den Frühling habe ich leider keine Tipps parat.

Übersetzung: Zilla Hofman

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17:35 14.01.2009
Geschrieben von

Lucy Pavia | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 37/2021

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