Kampf statt Krieg

Koexistenz In einem Jerusalemer Club boxen Juden und Araber gemeinsam und als Freunde. Es gilt die strikte Regel: Hier wird trainiert und nicht politisiert

Die beiden Männer stehen sich gegenüber. Ihr Gesichtsausdruck ist angespannt. Beide sind bereit zuzuschlagen. Einer von ihnen ist Palästinenser, der andere ein jüdischer Israeli. Sie tänzeln mit erhobenen Fäusten im Kreis. Dann geht es los: Auf den Kopf gerichtete Schläge, begleitet von stimmlosen Grunzlauten.

Der Kampf ist schnell vorbei. Schwer atmend und schweißbedeckt gehen die beiden auseinander. Sie lächeln sich an und der palästinensische LKW-Fahrer klopft dem israelischen Soldaten kameradschaftlich auf die Schulter.

Die beiden kämpfen nicht als Feinde, sondern trainieren als Freunde. Ihr Club befindet sich in einem umgebauten Bombenkeller in einer heruntergekommenen Gegend von West-Jerusalem. Der Jerusalem Boxing Club öffnet seine Türen für jeden: Juden, Araber, Russen, Jungen und Mädchen. Sein jüngstes Mitglied ist acht Jahre alt, das älteste Mitte 60.

"Wer Geld hat, spielt Tennis"

Seit nunmehr 30 Jahren betreibt Gershon Luxemburg den Club zusammen mit seinem Bruder Eli. Er ist aus Usbekistan nach Israel gekommen und fest davon überzeugt, dass der Sport politische, kulturelle und religiöse Differenzen überwinden und als Brücke in dem seit 63 Jahren währenden Nahost-Konflikt fungieren kann. „Das hier ist nicht Krieg, das ist Sport“, so der 66-Jährige. „Hier gibt es nie Ärger, keine Beschimpfungen und nichts.“

Mit acht seiner jüngsten Boxer wird Luxemburg diese Woche an den israelischen Juniormeisterschaften teilnehmen. Der Jerusalem Boxing Club wird der einzige sein, der neben den russischen, arabischen und jüdisch-israelischen Clubs mit einem gemischten Team antritt – so wie in fast jedem Jahr.

Die Wände sind bedeckt mit Postern von Muhammad Ali, Fotos von Clubmitgliedern und anderen Box-Memorabilia. Auf Regalen stehen dicht gedrängt Pokale und Medaillen. An diesem warmen Sonntagnachmittag erscheinen etwa 20 der 200 Mitglieder zum Training, unter ihnen auch drei Mädchen im Teenager-Alter. Luxemburg schreit in einem Hebräisch mit russischem Akzent Anweisungen.

„Wer zahlen kann, der zahlt und wer nicht, der nicht“, sagt er. „Wer richtig Geld hat, geht Tennis spielen. Die meisten der Jugendlichen hier kommen aus schwierigen Verhältnissen, manche von ihnen haben keine Mutter oder keinen Vater.“

Früher hat Luxemburg im Panzer gekämpft

„Die Palästinenser unter uns haben manchmal Probleme, regelmäßig zu trainieren. Sie arbeiten hart, manchmal kommen sie nach einem langen Arbeitstag. Sie unterstützen ihre Familien und sind nicht so frei, wie ihre jüdischen Altersgenossen.“

Auf die Frage, ob Palästinenser und Israelis miteinander klar kommen, lacht Luxemburg. „Sie werden sehen. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Einer der arabischen Jungen ist in eines der jüdischen Mädchen verliebt.“ Manche der jüdischen Mitglieder leben in Siedlungen, die in Ost-Jerusalem jenseits der grünen Linie liegen. „Wenn sie mit dem Auto kommen, nehmen sie die arabischen Jungs mit.“

Luxemburg war nicht immer ein so starker Verfechter der Koexistenz. Mit 28 kam er in Israel an und diente während des Jom Kippur- und den ersten Libanon-Kriegen in der israelischen Armee. „Ich habe in meinem Panzer gegen die Araber gekämpft.“

Ende der 1980er verbrachte er wegen seiner Mitgliedschaft in einer jüdischen Untergrund-Zelle, die Waffen gelagert hatte, sechs Monate im Gefängnis und stand zwei Jahre unter Hausarrest.

Heute arbeitet er tagsüber als Hausmeister und hat bereits drei Lyrik-Bände verfasst. Irgendwann sei ihm klar geworden, dass Juden und Araber lernen müssen, miteinander zu leben. „Ich habe begriffen, dass wir uns nicht ewig bekämpfen können. Sie werden uns nicht vertreiben und wir nicht sie. Wir müssen zusammenarbeiten und einander verstehen, wenn wir etwas verändern wollen.“

Wer aussah wie ein Boxer, bekam eine Karte

Luxemburg fing damit an, die Karte seines Boxclubs auch an Palästinenser zu verteilen. „Jedes Mal, wenn ich jemanden sah, der aussah wie ein Boxer – vielleicht stand ich gerade an der Tankstelle – gab ich ihm meine Karte und lud ihn ein, mit mir zu trainieren.“

Zurück beim Training sagt der 37-jährige Ost-Jerusalemer LKW-Fahrer Ismail Jafrei, er und seine jüdischen Boxer-Kollegen seien „wie Brüder“: „Es gibt eine Bedingung: Die Politik bleibt außen vor. Ich war während der schlimmsten Zeiten hier, als es Selbstmordanschläge gab, aber nie hat irgendjemand etwas Negatives zu mir gesagt.“

Für seinen israelischen Sparringpartner, den 23-jährigen Soldaten Yehuda Luxemburg, hat die Verteidigung seines Landes nichts damit zu tun, dass er mit Arabern zusammen kämpft. „Sie sind meine Freunde. Es gibt einen Unterschied zwischen den Palästinensern, die wir bekämpfen, den Terroristen, und den Leuten, mit denen wir zusammenleben. Für uns ist die Sache sehr klar. Vielleicht gibt es Leute, die denken, alle Juden kämpften gegen alle Araber. Aber das stimmt nicht.

Übersetzung: Holger Hutt

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13:06 28.06.2011
Geschrieben von

Harriet Sherwood | The Guardian

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The Guardian

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