Kanarienvogel in der Kohlengrube

Island Das Land war erstes Opfer der Weltfinanzkrise 2008/09. Alle Welt glaubte, in Reykjavík müssten Lehren gezogen werden, um einem solchen Kollaps allzeit vorzubeugen

Während der Weltfinanzkrise 2008/09 schwärmten ausländische Reporter über ganz Island aus, um von dort Bericht zu erstatten. Für den Crash isländischer Banken galt das Credo, je sensationeller, desto besser. Seither ist das mediale Interesse erheblich abgeflaut – verglichen mit den nächsten Opfern der Krise wie Griechenland, Irland, Portugal und nun wohl auch Italien verblasst die missliche Lage Islands vollends. Mitunter flackert noch eine gewisse Beachtung auf. Offenbar, weil die Hoffnung besteht, die eine oder andere schmissige Geschichte werde einen Beweis dafür liefern, auf wirtschaftlichen Brache entsteht eine neue Weltordnung.

Die Abbilder der isländischen Realität in den ausländischen Medien sind für Isländer oft mehr als nur ein bisschen amüsant, spiegelt sich darin doch das Bedürfnis, die Welt gern anders zu sehen, als sie tatsächlich ist. Wie beim Stille-Post-Spiel geht die wirkliche Geschichte nicht selten bei der Übermittlung verloren oder wird verzerrt. Kürzlich zum Beispiel schrieb ich für die Nachrichtenagentur AP darüber, wie ein isländisches Verfassungskomitee sich sozialer Medien bedient, um die Bevölkerung an der Debatte über ein neues Grundgesetz zu beteiligen. Eine Woche später hieß es in einigen Zeitungen, die isländische Verfassung werde auf Twitter geschrieben. Ein himmelschreiendes Beispiel für die vermeintliche Führungsrolle, die Island in Sachen Neue Weltordnung gern zugeschrieben wird, ist die Vernarrtheit ausländischer Medien in die Regierungspartei Besti Flokkurinn(Beste Partei) – einer Gruppierung, an deren Spitze der Komiker Jón Gnarr steht. Sie hat bei den Kommunalwahlen in Reykjavík 2010 die Mehrheit erhalten, wodurch Gnarr zum Bürgermeister der Hauptstadt wurde.

Wahlversprechen gebrochen

Damals galt der Triumph als Zeichen dafür, wie desillusioniert eine Mehrheit der Isländer eine althergebrachte Politik reflektierte, die den finanziellen Kollaps von 2008 zu verantworten hatte. Ob die Beste Partei wirklich etwas ändern würde, schien von Anfang an zweifelhaft, dennoch grassierte die Hoffnungen – weil die Partei so unerschrocken wirke, müsse das in einen Wandel der Politik münden. Erreichen wollte man diese Wende durch mehr Transparenz, sprich: den täglichen Updates auf der persönlichen Facebookseite des Bürgermeisters. Politik sollte „Spaß“ machen, nur ist sie zumeist nicht spaßig. Als es um das tägliche Räderwerk des Regierens ging, stellte sich heraus, dass Besti Flokkurinn doch ungemein an die langweiligen traditionellen Parteien erinnerte. Sie brach Wahlversprechen und enthielt der Öffentlichkeit und denjenigen, die sie eigentlich regieren sollte, Informationen vor, sobald das ihren Interessen diente. Auch mit dem Neuantritt im Stadtrat war es vorbei, als einige der dortigen Mitarbeiter der Partei Autokratie vorwarfen und frustriert hinschmissen.

So hat ein Heilsbringer der Politik schneller abgewirtschaftet als vermutet, auch wenn die Beste Partei im Ausland immer noch umschwärmt und dafür gelobt wird, Island aus dem Abseits geholt und einen „ernstzunehmenden Wandel“ bewirkt zu haben. Die Mitglieder der Partei erweisen sich außerhalb Islands als sehr geschickt darin, ihre „irren“ und „respektlosen“ Possen – etwa, dass der Bürgermeister sich das Stadtwappen auf den Arm tätowieren ließ oder zur Gay Pride als Frau verkleidete – hochzustilisieren. Jede Kritik an solcherart Eskapaden wird als bloßer Neid einer alten Garde abgetan. Dabei sind viele glühende Linke von der Besten Partei ebenso enttäuscht, wie sie es schon von den Vor-Krisen-Parteien waren.

Tabak in Apotheken

So reift in Island leider keine neue Weltordnung heran – die alten gesellschaftlichen Muster bestehen fort. Und doch gibt es Leute, die beherzt versuchen, etwas zu verändern wie jener Parlamentarier, der einen Gesetzentwurf eingereicht haben, nach dem Tabak nur noch in Apotheken verkauft werden soll. Ein Vorstoß, dem sich das Parlament allerdings verweigern dürfte.
Die vielleicht größten Aussichten auf tiefgreifenden und dauerhaften Wandel gehen von der Verfassungsrevision aus, die gerade stattfindet. In deren Sog könnten die Fundamente der Gesellschaft überprüft und aufgebrochen werden. Die Selbstdarstellung der Besten Partei wird hierzu freilich keinen Beitrag leisten. Deren Transformationsgehabe wirkt so hohl wie das neue Tattoo des Reykjavíker Bürgermeisters.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

12:10 12.07.2011
Geschrieben von

Alda Sigmundsdóttir | The Guardian

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The Guardian

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