Kann alles außer Bowling

Obama bei Jay Leno Barack Obama war zu Gast bei Late-Night-Talker Jay Leno. Ein lange erwarteter Besuch, ein riskantes Unterfangen: Passiert ihm ein Ausrutscher? Beinahe ging alles gut

Es war von vornherein ein riskantes Unterfangen für Barack Obama. Würde es ihm wirklich gelingen, einen Auftritt bei einer Late-Night-Comedy-Show dafür zu nutzen, inmitten einer Rezession und einer Bankenkrise die nationale Stimmung aufzuhellen und gleichzeitig die Ernsthaftigkeit seiner Rettungspläne zu unterstreichen, ohne dabei frivol oder peinlich zu wirken? Die Antwort des gestrigen Abends lautet: Beinahe.


Obamas lange erwarteter Besuch bei Jay Lenos Tonight Show in Los Angeles war ein höchst ungewöhnliches Ereignis. („Eigentlich wollten wir Vizepräsident Biden einladen, ein paar Worte an uns zu richten. Aber sie wissen ja, wir haben nur eine Stunde für die Show,“ witzelte Leno.) Aber auch für das Publikum, das daran gewöhnt ist, von Filmstars und Musikern mit Eigenwerbung und Selbstdarstellung sanft in den Fernsehschlaf geplappert zu werden, stellte dieser Gast eine neue Herausforderung dar. Fast vom ersten Augenblick an war in dem vorab aufgezeichneten Gespräch mit Obama, das an der Ostküste kurz vor Mitternacht ausgestrahlt wurde, von makroökonomischen Daten, Derivaten, Bankenkapital und Kennzahlen die Rede. Aber es war mit genau der richtigen Dosierung Anti-Wall-Street-Populismus und der mehrfach wiederholten Ansage gespickt, dass Obama die Dinge nun in die Hand nehmen werde.

„Eine der Verhaltensweisen, die ich in Washington ändern möchte, ist, das alle ständig jemand anderen suchen, dem sie die Schuld in die Schuhe schieben können“, sagte der Präsident und übernahm damit die Verantwortung dafür, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen, machte gleichzeitig aber deutlich, dass er nicht für die Situation verantwortlich gemacht werden kann.

Er verstehe die Entrüstung der Menschen über die Auszahlung von Boni an die Manager der vom Staat geretteten Versicherungsgruppe AIG, sagte er. „Fassungslos ist das Wort“, das seine eigene Reaktion am treffendsten beschreibe. „Es war richtig, bei AIG zu intervenieren. Es stellt sich aber die Frage, wie man mit vollem Bewusstsein in einer gerade erst pleite gegangenen Firma auf die Idee kommen kann, seinen Mitarbeitern riesige Gratifikationen in Form von Boni zukommen zu lassen? Ich glaube, das sagt allgemein etwas über die Kultur aus, die lange an der Wall Street herrschte, wo die Leute dieses allgemeine Anspruchsdenken verinnerlicht haben.“

Lenos Publikum ist zugegebenermaßen immer recht leicht in Wallung zu versetzen – man kriegt schon Buh- oder Bravo-Rufe, nur weil man Vin Diesel oder Jessica Alba heißt. Da kann man sich die Aufregung vorstellen, die beim Besuch des amerikanischen Präsidenten herrschte. Mehrmals sprangen die Zuschauer auf und applaudierten frenetisch.

Alles lief ganz hervorragend, bis Leno das Gespräch zur Auflockerung von der Ökonomie auf den Sport brachte und Obama fragte, ob er gerne Bowling spiele. Dieser antwortete, er habe im Weißen Haus trainieren können und es immerhin auf eine 129 gebracht. „Das ist sehr gut“, warf Leno voller Ironie ein, was Obama so sehr amüsierte, dass er für die Dauer eines Achselzuckens zu vergessen schien, dass er im Fernsehen war. Leno denke wohl, es sei „wie bei den Paralympics oder so“, wenn er die Kugel werfe, sagte der Präsident. Das war scherzhaft gemeint – aus dem Gesichtsausdruck der zwei Männer ließ sich allerdings deutlich ablesen, dass sie beide wussten, dass Obama sich gerade den wohl ersten rhetorischen Faux-Pas seiner jungen Amtszeit geleistet hatte.

Es lag hinterher bei Obamas Sprecher Bill Burton, die unumgängliche Entschuldigung zu veröffentlichen. „In einer spontanen Bemerkung machte der Präsident sich über seine eigenen Bowling-Künste lustig. Damit beabsichtigte er in keinster Weise die Paralympics herabzuwürdigen,“ erklärte Burton. “Er hält die Paralympics für eine wunderbare Einrichtung, die Menschen mit Behinderungen aus aller Welt eine Chance bietet.“

Ansonsten zeigte Obama sich bei diesem Auftritt trittsicher, wie von den Kommentatoren nicht anders erwartet. Neue politische Initiativen wurden nicht angekündigt. Aber darum ging es ja auch gar nicht, sondern vielmehr darum, Verständnis für den Volkszorn zu vermitteln und den Versuch zu unternehmen, diesen in neue Bahnen zu lenken und auf die gemeinsame Entschlossenheit zur Lösungsfindung zu richten.

Die Amerikaner, sagte Obama, „wissen, dass es ein Weilchen brauchte, uns diesen Schlamassel einzubrocken und dass wir auch eine Weile brauchen werden, uns wieder daraus zu befreien.“ Weiterhin stellte er sich hinter seinen umstrittenen Finanzminister Timothy Geithner: „Er ist ein kluger Kerl, besonnen und beständig.“

Mehr gesunder Menschenverstand vonnöten

Auf Lenos Frage, ob es nicht Leute gebe, die für die Wirtschaftskrise hinter Gitter gesteckt werden sollten, antwortete der Präsident: „Ich verrate ihnen mal ein schmutziges kleines Geheimnis: Die meisten der Sachen, die uns diesen Ärger eingebrockt haben, waren vollkommen legal, was ein deutliches Zeichen dafür ist, wie sehr unsere Gesetze geändert werden müssen.“ Bei der Regulierung von Finanzprodukten sei mehr „gesunder Menschenverstand“ vonnöten. Trotzdem sollten die Menschen „uneingeschränktes Vertrauen in die Banken haben und ihr Geld nicht unter die Matratze stecken.“

Auch bezüglich eines anderen Themas, das die Öffentlichkeit und die Zuschauer vor dem Fernsehen umtreibt, wusste Obama zu beruhigen: Ja, versprach er, der Hund des Weißen Hauses werde bald eintreffen: „Ich muss noch auf den Nato-Gipfel und wenn wir zurück sind, wird der Hund schon da sein.“

Wenngleich der 44. Präsident der Vereinigten Staaten teils ein wenig mitgenommen wirkte, bemühte er sich doch, es mit Humor zu nehmen. Trotzdem kam man nicht umhin sich zu fragen, ob der Ausrutscher mit den Paralympics ihm nicht bald weiter zu schaffen machen wird. „In Washington ist es wie bei American Idol,“ - dem amerikanischen Äquivalent zu Deutschland sucht den Superstar - hatte er zu Anfang des Gesprächs gesagt. „Nur ist dort jeder Simon Cowell.“ – das amerikanische Gegenstück zu Dieter Bohlen.

Übersetzung: Holger Hutt/ Zilla Hofman

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Geschrieben von

Oliver Burkeman, The Guardian | The Guardian

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