Katz-und-Maus-Spiel

Saudi-Arabien Religiöser Rigorismus ist die größte Hürde für den gesellschaftlichen Wandel in Saudi-Arabien, der jedoch kaum mehr aufzuhalten sein dürfte

Als ich eines Morgens von der heiligen Moschee in Mekka zurück in mein Hotel ging, sah ich drei arabische Männer mit dicken Bäuchen und vollen Bärten. Sie standen am Eingang des Hotels und unterhielten sich. Die Straßen waren fast menschenleer. Ich grüßte die Männer auf Arabisch, und sie erwiderten meinen Gruß im Chor, wobei sie mich selbstzufrieden anblickten. Als zwei junge Mädchen, die von oben bis unten schwarz gekleidet waren, aus den Türen des Hotels traten, wurden die Männer nervös. Ein Mann in einer langen saudischen Tunika und mit passender Kopfbedeckung trat auf die Mädchen. Er schrie: „Rabt al-niqab!“ Sie sollten ihre Gesichter verhüllen. Das wäre kein allzu großes Problem gewesen, hätten die beiden nicht gerade zwei Eiswaffeln in den Händen gehalten.

Fenster zur Außenwelt

Die Forderung des Mannes war von bizarrer Komik: „Die Sonne ist aufgegangen, es ist Zeit, dass ihr euch bedeckt.“ So machte ich vor vielen Jahren zum erstmals mit der berüchtigten Islamischen Religionspolizei Bekanntschaft, die dem „Komitee für die Verbreitung von Tugendhaftigkeit und der Verhinderung von Lastern“ unterstellt ist. Sie sorgt dafür, dass die Sittengesetze in der Öffentlichkeit eingehalten werden und kann eine Frau für nahezu alles zur Verantwortung ziehen. Egal, ob eine ihrer Haarsträhnen zu weit unter ihrem Hijab hervorlugt oder ob sie mit einem männlichen Begleiter im Café sitzt. Sollte ein Mann in der Öffentlichkeit einer Frau näher treten, kann sie dafür belangt werden, ihn mit ihrem Make-Up, ihrem Parfüm oder ihrem Kleid verführt zu haben.

Als es noch keine Mobiltelefone mit Bluetooth-Funktion gab, tauschten Männer und Frauen mit verstohlenen Blicken Zettel aus oder flüsterten sich ihre Telefonnummern zu. Die technische Entwicklung hat nun dem Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Hütern der Scharia und der hormongeplagten Jugend einen neuen Dreh verschafft. Obwohl die Vermischung der Geschlechter verboten ist, nehmen die meisten Männer und Frauen in Saudi-Arabien über Bluetooth Kontakt zueinander auf. Die Religionspolizei hat selbstverständlich keinerlei Skrupel, den Leuten das Telefon abzunehmen, um zu überprüfen, ob irgendwelche illegalen Aktivitäten stattfanden.

Eine naturalisierte Saudi-Araberin meint, die strenge Geschlechtertrennung richte mehr Unheil an, als sie verhüte. Sie verbringt 95 Prozent ihrer Freizeit im Internet beim Surfen und Chatten – für viele saudische Frauen das einzige Fenster zur Außenwelt. Die unverheiratete Frau aus Jeddah, die ihren Namen nicht nennen will, ist überzeugt, es gebe trotz der strengen Gesetze viel sexuelle Belästigung, nur werde nirgendwo darüber berichtet. Doch könnten Frauen dadurch psychisch wie körperlich verletzt werden. „Weil die jungen Leute wegen der mangelnden Möglichkeiten, etwas zu unternehmen, frustriert sind, lernen sie sich im Internet, im Einkaufszentrum oder über Freunde kennen. Dann suchen sie sich einen Ort, an dem sie miteinander schlafen können. Die Mädchen tun dies entweder freiwillig oder werden von den Männern dazu mit der Drohung erpresst, sie würden andernfalls den Eltern von den Begegnungen erzählen.“ Vergewaltigungen werden in Saudi-Arabien selten aktenkundig. Es kommt vor, dass die Opfer zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und wegen Unzucht öffentlich gezüchtigt werden.

Es schreit nach Reformen

Im Dezember hat sich Scheich Ahmed al-Ghamdi, Chef der Religionspolizei von Mekka, bereit erklärt, die Ko-Edukation zu erlauben. Unter den religiösen Hardlinern ein bislang einmaliger Fall. Es überrascht kaum, dass al-Ghamdis Schritt unter den Klerikern für Empörung sorgt – den Leuten, die darauf aus sind, Bücher, Filme oder rote Rosen am Valentinstag zu verbieten oder das Fahrverbot für Frauen eisern zu verteidigen.

Der Geistliche Scheich Abdul-Rahman al-Barrak forderte die Todesstrafe für alle, die sich nicht der Geschlechtertrennung fügen. Wahrscheinlich ist ihm gar nicht bewusst, dass die König-Abdullah-Universität für Wissenschaft und Technik, in der die Geschlechter gemeinsam erzogen werden, nicht nur nach dem Monarchen benannt, sondern auch dessen geistiges Kind ist. Ein anderer Geistlicher, Scheich Youssef al-Ahmad, hat vorgeschlagen, die Moschee um die Kaaba noch einmal vollkommen neu aufzubauen, damit Frauen und Männer dort auf jeden Fall getrennt sind, obwohl es bereits separate Eingänge und Gebetsräume gibt. Diese Auffassungen bestätigen einen religiösen Rigorismus, der die größte Hürde für gesellschaftlichen Wandel in Saudi-Arabien ist.
Vor kurzem gab al-Ghamdi eine weitere, äußerst mutige Erklärung ab: Der Islam verbiete die Vermischung der Geschlechter keineswegs, es sei vielmehr vollkommen natürlich, dass Männer und Frauen miteinander verkehrten. Bisher war eine Aufhebung der Geschlechtertrennung nahezu undenkbar. Aber al-Ghamdis Ansichten erhalten auch von bekannten muslimischen Gelehrten immer mehr Fürsprache, was offenbar in Einklang mit der Meinung König Abdullahs steht.

Übersetzung: Holger Hutt

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13:00 26.04.2010
Geschrieben von

Fahad Faruqui | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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sachichma | Community