Kehraus der Träume

Vision Die Schriftstellerin Gaye Boralıoğlu hält an der Hoffnung auf ein Land des inneren Friedens fest

Die Türkei wurde dieser Tage zum Schauplatz der Parodie eines Putsches. Der Mechanismus wie die Logik des Coups erinnerten an die künstliche und trügerische Atmosphäre der in arabischen Ländern beliebten türkischen Fernsehserien, wenn auch die Morde, das Blutvergießen sowie die Verfolgungen ein äußerst tragisches Bild ergeben.

Zu den vielen Merkwürdigkeiten dieses Putsches werden derzeit verschiedene Theorien entwickelt. Darunter findet sich die Behauptung, dass die Regierung selbst geplant hat, was geschah. Meiner Ansicht nach ergibt diese Version nicht viel Sinn. Was nichts an der Tatsache ändert, dass der Putsch zum nützlichen Vehikel und zum Vorwand für all das wurde, was gerade passiert.

Das einzig Erfreuliche im Sinne der Demokratie ist allein der Umstand, dass dieser kuriose Coup, dessen Führer sich lediglich durch ein mit klischeehaften Sätzen gefüttertes knappes Memorandum zu artikulieren wussten, offenbar in keiner einzigen gesellschaftlichen Gruppierung Unterstützung fand. Der fürchterlichste Aspekt der Geschehnisse besteht darin, dass Hunderte getötet, verletzt, gefoltert und verstümmelt wurden, darunter junge Soldaten, Anhänger der Regierung und vollkommen unbeteiligte, unschuldige Bürger.

Wer ist dieser Mob?

Staatsstreich, Mord und Misshandlung sind in der Geschichte dieses Landes verankert und uns leider nur zu vertraut. Diesmal geschah allerdings etwas Ungewöhnliches: Das Volk zog, aufgefordert von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, auf Plätze und Straßen. Der ansonsten stetig mit einem Protestverbot belegte Bürger erhielt in jener Nacht die folgende Kurznachricht: „Wir rufen die Bevölkerung auf, öffentliche Plätze zu besetzen, um den nationalen Willen sowie die Demokratie zu verteidigen. Der Staat der türkischen Republik.“

Wer ist dieser „Staat“, und vor allem: Wer sind diese Menschen, die seit Tagen den von Minaretten ertönenden Gebetsrufen und den im Fernsehen verlesenen Appellen Folge leisten? Welche Rolle ist ihnen für die Zukunft des Landes zugedacht?

Im Verhalten derer, die sich den Putschisten auf den Straßen widersetzten, steckt etwas Ehrbares, zweifellos, nur dient dies mitnichten der Demokratie. Es geht allein um eine Verbeugung vor Erdoğan. Denn dieser laute Mob, der mit „Allah ist groß“-Rufen herumzieht, verliert kein Wort über die Demokratie, über Freiheit, Einheit, Frieden oder gar Versöhnung. Er hält sich an religiöse Slogans, osmanische Kriegsmärsche oder Lieder der Ergebenheit für Recep Tayyip Erdoğan. Um Hunderte von Toten, um Tausende Verletzte, um die Willkür einer Hexenjagd auf Andersdenkende kümmert er sich nicht.

Diese Menschen sind keine homogene Masse. Es gehören Jugendliche dazu, die Fussballfanatikern gleich aus Autofenstern hängen und jubeln. Es sind darunter solche, die wie religiöse Fanatiker oder IS-Anhänger aussehen. Es gibt welche, die vorbeigehenden Frauen mit dem Zeigefinger drohen und rufen: „Als Nächstes seid ihr dran!“ Sie erklären, eine Aleviten-Gegend wie Okmeydanı oder Provinzen wie Hopa „säubern“ zu wollen, weil dort viele linksgerichtete Türken leben.

Wer ist dieser Mob? Handelt es sich um die 50 Prozent, von denen Recep Tayyip Erdoğan behauptet, sie ließen sich „kaum aufhalten“? Trifft das wirklich zu, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese Leute von der AKP zu anderen Zwecken mobilisiert werden – dann wäre dieses Land unweigerlich mit einem Bürgerkrieg konfrontiert.

Während aus dem Widerstand gegen den Putsch eine Operation wurde, die sämtliche Regierungsgegner zum Verstummen bringen soll, bei der unzählige Menschen, die mit dem Coup nichts zu tun haben, verhaftet und verhört werden, denke ich über die aufgeputschten, milizähnlichen Militanten nach, ihre Geltungs- sucht und Besessenheit. Sie stehen den Kurden, Aleviten, Atheisten – kurzum all „den anderen“ – feindselig gegenüber. Sie sind nationalistisch, fanatisch und äußerst männlich.

Die Fehde zwischen der Regierung und den Putschisten ist nicht meine Fehde. Der Traum einer friedlichen Türkei, in der alle Farben des Landes ein ruhig dahinfließendes Bild ergeben, das von einem Leben der Vernunft erzählt, hat einen prominenten Platz in meinem Herzen. Doch dieses Bild ist eine Fiktion, solange der Aggressivität und nicht der Kreativität die Straße gehört, solange keine Lieder gesungen, sondern Kriegsmärsche intoniert werden. Es gibt eine einzige Wahrheit, die mir Lebensmut und Kraft zum Schreiben gibt. In Worte gefasst: Sie können mir die Zukunft und das Leben rauben, aber niemals meine Träume!

Gaye Boralıoğlu lebt als Schriftstellerin und TV-Autorin in Istanbul

Übersetzung: Gülcin Wilhelm

06:00 25.07.2016
Geschrieben von

Gaye Boralıoğlu | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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