Kein Druck!

Amazon In Alabama könnten Arbeitnehmer*innen Geschichte schreiben: Wenn sie dem Unternehmen in den USA als gewerkschaftsfreie Zone endlich ein Ende bereiten
Kein Druck!
Ein Abfertigungszentrum von Amazon in den USA

Foto: Johannes Eisele/Afp via Getty Images

Obwohl Amazon ein riesiges internationales Konglomerat ist – mit mehr als einer Million Angestellten und mannigfaltigen Aktivitäten in Bereichen von Cloud-Servern über den Onlinelhandel bis hin zu Lebensmitteln, ist es möglich, seinen Wesenskern zu beschreiben, wenn man sich ein paar Schlüsselfakten vor Augen hält. Amazons Chef ist einer der reichsten Menschen der Welt. Er hat enormen Einfluss auf die Wirtschaft. Und er hat eine lange und gut dokumentierte Historie des Missbrauchs praktisch jeder Art von Menschen, die er beschäftigt, von Büroangestellten über Lagerarbeiter*innen bis hin zu Kundendienstmitarbeiter*innen – auch in Deutschland. Erst kürzlich stimmte das Unternehmen zu, eine Strafe in Höhe von 62 Millionen Dollar zu zahlen, weil es Trinkgelder von seinen Lieferfarhrer*innen gestohlen hatte – ein ziemlich krasses Verbrechen, das dennoch nur ein weiteres Detail einer ziemlich durchschnittlichen Woche in den Annalen der Amazon-Horrorgeschichte darstellt.

Die Arbeiter*innenbewegung in Amerika hat eine lange Geschichte, die mehr als ein Jahrhundert zurückreicht. Man kann ihren Hauptzweck so verstehen: Sie existiert, um arbeitende Menschen so mächtig zu machen, wie es Unternehmen sind. Ohne starke Gewerkschaften ist das Machtungleichgewicht zwischen Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen so groß, dass es eine Gesellschaft hervorbringen kann, in der eine winzige Handvoll Superreicher immer reicher wird, während die Löhne für alle anderen stagnieren und die Arbeitsrechte ständig ausgehöhlt werden, so dass der „Amerikanische Traum“ der Aufwärtsmobilität zu einem schlechten Witz wird. Mit anderen Worten: Genau so, wie es jetzt ist.

Niedriglohn, vom Algoritmus diktiert: Basta!

Das bringt uns zu der eigentlich wenig bedeutsamen Stadt Bessemer in Alabama, wo gerade die Abstimmung über die erste echte Gewerkschaftswahl in einem Amazon-Lagerhaus in den USA begonnen hat. Wer heute in einem Amazon-Lagerhaus arbeitet, befindet sich in der merkwürdigen Lage, gleichzeitig einen ziemlich beschissenen Job zu haben und gleichzeitig die vielleicht wichtigste Sorte Arbeiter*innen in Amerika zu sein. Das heißt, dass diese Arbeiter*innen die Verkörperung dessen sind, wohin alle unsere Unternehmens- und Wirtschaftstrends führen: Niedriglohnjobs, die von Algorithmen diktiert werden, in denen Menschen als lebende Automaten agieren, die den obskuren Bedürfnissen eines Billionen-Dollar-Unternehmens komplett ausgeliefert sind. Da kleine Unternehmen im ganzen Land Pleite gehen, wachen jeden Tag mehr und mehr Menschen auf und stellen fest, dass diese Art von Lagerjobs alles ist, was sie noch bekommen können. Wenn sich unsere Wirtschaft weiter entwickelt wie bisher, könnte jeder von uns schon bald gezwungen sein, Lagerarbeiter*in bei Amazon zu werden.

So gesehen ist die Frage nicht, ob diese Arbeiter*innen eine Gewerkschaft brauchen – natürlich tun sie das. Es ist ihre einzige Hoffnung. Es geht auch nicht um die Frage, ob die Arbeiter*innenbewegung beweisen muss, dass sie Amazon-Lagerhäuser erfolgreich gewerkschaftlich organisieren kann. Natürlich muss sie das. Nicht nur brauchen die Menschen, die dort arbeiten, dringend die Macht, die mit Tarifverhandlungen einhergeht, es wäre auch unmöglich, den Auftrag der Arbeiter*innenbewegung zu erfüllen, also in der heutigen Wirtschaft echte Macht für Arbeitnehmer*innen auszuüben, wenn man nicht in der Lage ist, die bedeutendste Jobkategorie beim mächtigsten Unternehmen zu knacken. Die relevante Frage ist vielmehr, ob die USA noch ein Land sind, in dem die Gewerkschaften in der Lage sind, das zu tun, von dem wir wissen, dass sie es unbedingt tun müssten – oder ob das gesamte, unerquickliche Arrangement zwischen Kapital und Arbeit schon längst auseinander gefallen ist.

Das ist die schwerste Last, die man 5.800 Menschen in einem Lagerhaus in Alabama aufschultern kann. Aber diese Gewerkschaftswahl ist ein Zusammenfluss von so ziemlich jedem einzelnen verfahrenstechnischen Hindernis, das im Laufe der Jahrzehnte errichtet wurde, um die gewerkschaftliche Organisierung zu erschweren. Alabama ist ein „Right to Work“-Staat, was bedeutet, dass Menschen, die von Gewerkschaften vertreten werden, keine Beiträge zahlen müssen. Die Belegschaft des Lagers ist eine toxische Mischung aus regulären Angestellten und „Auftragnehmer*innen“, einer Jobkategorie, die nur existiert, um es Unternehmen zu ermöglichen, Arbeitsgesetze zu umgehen. Und Amazon selbst scheut keine Kosten und spielt jeden Trick aus dem gewerkschaftsfeindlichen Spielbuch – von der Bombardierung der Arbeiter*innen mit Propaganda am Arbeitsplatz über den Aufbau einer erbärmlichen Website voller Fake News bis hin zur Neujustierung der Ampeln vor dem Werk –, um es Autos zu erschweren, anzuhalten und mit den Gewerkschaftsorganisatoren zu plaudern. Wie bei allen gewerkschaftsfeindlichen Kampagnen von Unternehmen handelt es sich um eine Mischung aus Behauptungen am Rande der Legalität und kaum verschleierten Drohungen – eine Form von Wirtschaftsterrorismus, bei dem reiche und mächtige Unternehmen nachdrücklich klar machen, dass die Ausübung des gesetzlichen Rechts auf eine Gewerkschaft dazu führen wird, dass die Lebensgrundlage der Arbeitnehmer*innen verschwinden wird.

Wann immer Jeff Bezos (Nettovermögen: ~195 Milliarden Dollar) eine philanthropische Spende gibt oder eine weitere Weltraumrakete baut oder eine weitere Villa kauft, sollte man daran denken, dass sein Vermögen direkt aus der legalisierten Unterdrückung von Hunderttausenden von Menschen wie denen in seinem Lagerhaus in Bessemer, Alabama, stammt. Er ist ein reicher Dieb. Seine Opfer sind die Menschen, deren Arbeit ihn reich gemacht hat.

Die gute Nachricht ist, dass trotz all dieser Stolpersteine – die Drohungen durch das Unternehmen, mickrige Arbeitsgesetze, das gesamte seelenlose System des ungezügelten globalen Kapitals – die Macht, sich gewerkschaftlich zu organisieren, nun allein in den Händen der Arbeiter*innen in Alabama liegt. Alles, was sie tun müssen, ist mit „Ja“ zu stimmen, und sie werden ihre Gewerkschaft bekommen, egal ob dies Jeff Bezos' glänzende Glatze so rot werden lässt, dass sie aussieht wie Weihnachtskugel. Wenn sie gewinnen, werden sie die Hilfe der gesamten Gewerkschaftswelt und all ihrer politischen Verbündeten brauchen, um Amazon dazu zu zwingen, ihnen einen anständigen Vertrag zu kredenzen – und als Vergeltung von der Schließung des gesamten Werks abzusehen. Wenn sie verlieren, wird die Gewerkschaftswelt trotzdem noch einen Plan haben müssen, um andere Amazon-Lagerhäuser zu organisieren. Die Alternative wäre, eine düstere Dystopie zu akzeptieren, die der Tod für die Arbeiter*innenbewegung bedeutete. Aber genau jetzt haben die Angestellten des Amazon-Lagers in Bessemer, Alabama, die Gelegenheit, das zu tun, wovon die meisten Menschen nur träumen können: Es Jeff Bezos wirklich, wahrhaftig und eindrucksvoll zu zeigen.

Aber: Kein Druck!

Hamilton Nolan ist ein Reporter für Arbeit bei In These Times

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

11:49 09.02.2021
Geschrieben von

Hamilton Nolan | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 13200
The Guardian

Ausgabe 08/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare