Kein Geld für Öl

Klima Viele Firmen und Stiftungen verabschieden sich von einem unethischen Geschäft: Sie investieren nicht mehr in die Öl-Industrie. Das ist mehr als eine Alibi-Veranstaltung
Naomi Klein | Ausgabe 43/2014
Kein Geld für Öl
Statt in fossile Brennstoffe soll in erneuerbare Energien inverstiert werden
Foto: Sean Gallup / Getty Images

Als mich diese Nachricht erreichte, befand ich mich zufälligerweise in einem Raum voller Klima-Aktivisten. Sie sind sofort in Jubel ausgebrochen: Die Universität von Glasgow hatte ihr Stiftungsvermögen in Höhe von 128 Millionen Pfund Sterling bisher in fossilen Energieträgern angelegt, künftig soll dieses Geld nun aber anderweitig investiert werden. Es ist großartig, dass Glasgow als erste Uni Europas diesen Schritt unternimmt.

Es scheint, als würden die Unternehmen, die ihr Geld mit fossilen Brennstoffen verdienen, nun auch gesellschaftlich immer stärker als jene Belastung wahrgenommen, die sie ökologisch schon lange sind. Weltweit rufen Hunderte Kampagnen zum sogenannten Divestment auf: Investitionen sollen aus dem Geschäft mit fossilen Brennstoffen abgezogen werden. Manche dieser Initiativen richten sich an Universitäten, andere an Stadtverwaltungen, Stiftungen und kirchliche Organisationen. Und sie haben immer größeren Erfolg. Am Vorabend des jüngsten UN-Klimagipfels in New York verpflichtete sich ein Teil der Rockefeller-Familie – ein Name, der zu einem Synonym für Öl geworden ist – zum Divestment und kündigte an, die Investitionen in erneuerbare Energien auszuweiten.

Skeptiker sagen, keiner dieser Schritte werde der Branche ernsthaft wehtun. Andere Investoren würden die abgestoßenen Anteile zeichnen und die meisten von uns weiterhin deren Produkte kaufen. Solche Initiativen dienten lediglich dazu, uns ein reines Gewissen zu verschaffen.

Zunehmendes Unrechtsbewusstsein

Eine solche Kritik übersieht, welches Potenzial in diesen Kampagnen steckt. Sie stellen die moralische Legitimität von Profiten in Frage, die auf Kosten der Allgemeinheit erzielt werden. Diese Bewegung sagt: Es ist unethisch, mit einer Industrie in Verbindung zu stehen, deren Geschäftsmodell darauf beruht, wissentlich das Sicherungssystem unseres Planeten zu destabilisieren. Dieses zunehmende Unrechtsbewusstsein führt uns zurück zu jenem Prinzip, das im Kampf gegen den Klimawandel schon viel zu lange nicht mehr die ihm gebührende Rolle spielt: Wer den Schaden verursacht, muss auch für die Kosten aufkommen. Freiwillige Verpflichtungen reichen hier nicht aus. Die Verursacher der Erderwärmung werden nicht für die Energiewende bezahlen, solange sie nicht gesetzlich dazu gezwungen werden.

Seit zehn Jahren versprechen die Unternehmen der Branche, ihre Profite für die Energiewende einzusetzen. Der BP-Konzern hat sich inzwischen zwar ein neues Image verpasst – von British Petroleum zu Beyond Petroleum („Jenseits des Öls“). Trotzdem wurde kaum in erneuerbare Energien investiert, stattdessen die Förderung der umweltschädlichsten fossilen Brennstoffe verdoppelt.

Dabei spielte das Verursacherprinzip in der Umweltgesetzgebung Nordamerikas bis Anfang der 80er Jahre eine wichtige Rolle und hat seine Bedeutung bis heute nicht völlig eingebüßt – andernfalls hätten die Unternehmen Exxon und BP nach den Öl-Katastrophen von Valdez und Deepwater Horizon nicht für einen Großteil des Schadens aufkommen müssen. Doch seit sich in den 90ern der Marktfundamentalismus etablierte, wurde immer mehr versucht, die Strafen für Verstöße gegen Umweltschutzbestimmungen durch komplizierte Marktmechanismen und freiwillige Initiativen zu ersetzen.

Die Konzerne kommen ungeschoren davon

Was den Klimawandel angeht, gingen diese vermeintlichen Win-Win-Vereinbarungen stets doppelt nach hinten los: Die CO2-Emissionen steigen weiter, die Unterstützung für den Umweltschutz aber schwindet. Die Menschen haben – durchaus zu Recht – den Eindruck, dass die Politik die Kosten für den Kampf gegen den Klimawandel allein an die Verbraucher und Steuerzahler weitergibt, während die Großkonzerne ungeschoren davonkommen.

Mit dieser einseitigen Belastung muss endlich Schluss sein – und ausgerechnet die Rockefellers weisen hier den Weg. Große Teile des Standard-Oil-Imperiums, das John D. Rockefeller 1870 mitgründete, sind in Exxon Mobil übergegangen. In den Jahren 2008 und 2012 machte Exxon mit rund 45 Milliarden Dollar den höchsten Jahresgewinn, den ein einziges Unternehmen in den USA jemals erwirtschaftet hat. Diese astronomischen Profite dürfen nicht länger in private Taschen wandern, sondern müssen in die Weiterentwicklung und Verbreitung sauberer Technologien fließen. Auch eine geringe CO2-Steuer kann das Verursacherprinzip nicht ersetzen.

Und hier kommen die scheinbar nur symbolischen Siege des Divestments ins Spiel. Profite, die erzielt wurden, weil man die Erdatmosphäre wissentlich wie eine Jauchegrube behandelt hat, sollten nicht bloß als etwas gelten, von dem sich öffentliche Institutionen selbstverständlich distanzieren. Wenn wir zu der Auffassung gekommen sind, diese Profite für unmoralisch zu halten, sollten wir sie auch als etwas ansehen, auf das die Öffentlichkeit einen Anspruch hat, um mit diesem Geld den Schaden, den sie angerichtet haben, zu beheben. Wenn das geschieht, wird endlich das tiefgreifende Gefühl der Hoffnungslosigkeit verschwinden, das viele angesichts der Dimension und der Kosten des Klimawandels befallen hat.

Naomi Klein ist Polit-Aktivistin und Bestseller-Autorin. Zuletzt erschien von ihr: Capitalism vs. The Climate

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 05.11.2014
Geschrieben von

Naomi Klein | The Guardian

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