Kein Horrorfilm

Solidarität Als Reaktion auf die Corona-Epidemie entstehen überall auf der Welt gemeinnützige Bürgerinitiativen. Das ist eine unmissverständliche Botschaft an Politik und Wirtschaft
Kein Horrorfilm
„Es gibt keine Garantie dafür, dass das Wiederaufleben der Solidarität die Pandemie überdauern wird. Aber ich glaube daran.“ In Indien werden freie Mahlzeiten verteilt

Foto: Manjuntah Kiran/AFP/Getty Images

Man kann in Echtzeit zuschauen, wie der Neoliberalismus zusammenbricht. Regierungen, deren Mission es war, den Staat zu schrumpfen, Steuern und Schulden zu senken sowie die staatlichen Leistungen einzuschränken, müssen jetzt feststellen, dass die von ihnen fetischisierten Marktkräfte uns nicht gegen diese Krise schützen können. Die Theorie wurde auf die Probe gestellt – und fast überall für zu leicht befunden. Es mag vielleicht nicht stimmen, dass es in Schützengräben keine Atheisten gab, aber während einer Pandemie gibt es auf keinen Fall Neoliberale.

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Noch interessanter wird dieser plötzliche Umschwung auf den zweiten Blick. Die Machtverhältnisse haben sich nicht nur vom privaten Geld hin zum Staat verschoben, sondern jenseits von Markt und Staat hin zu „Commons“. Wo Regierungen versagen, haben auf der ganzen Welt engagierte Gruppen Kräfte und Initiativen mobilisiert.

In Indien beispielsweise organisierten sich junge Leute in großem Rahmen selbst, um Hilfspakete an „Tagelöhner“ zu verteilen: Menschen ohne Ersparnisse oder Vorräte, die komplett auf den Geldfluss angewiesen sind, der jetzt abgeschnitten ist. Und, als in der chinesischen Stadt Wuhan die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr fuhren, taten sich freiwillige Fahrer zu einer Wagenflotte zusammen, die Mitarbeiter des Gesundheitswesens von ihrem Wohnort ins Krankenhaus und zurück brachten.

Im südafrikanischen Johannisburg versorgen freiwillige Helfer Bewohner von illegalen Siedlungen mit „Überlebenspaketen“. Die Menschen dort erhalten so Desinfektionsmittel, Toilettenpaper, Wasser in Flaschen und Lebensmittel. In Kapstadt erfasste eine lokale Gruppe alle Haushalte in ihrem Bezirk, überprüfte alle Bewohner und erstellte eine Liste aller Leute mit medizinischem Knowhow, die bereit waren einzuspringen, falls die Krankenhäuser überfordert sind. Eine andere Initiative in der Stadt baute am Bahnhof Waschmöglichkeiten und ist dabei, ein Töpferatelier in eine Manufaktur für Desinfektionsmittel umzubauen.

Balkon-Bingo

In den USA verbindet „HospitalHero“ Mitarbeiter im Gesundheitswesen, die keine Zeit haben, sich um ihre eigenen Bedürfnisse zu kümmern, mit Leuten, die ihnen Mahlzeiten und Unterkunft anbieten. Derweil lassen sich über die Gruppe „WePals – die von einem achtjährigen Kind initiiert wurde – virtuelle Spielverabredungen für Kinder organisieren. Die neue Webseite schoolclosures.org bietet unterdessen Lehrmaterial, Essen und Notfall-Babysitter-Angebote für überforderte Eltern. Und das Netzwerk „Money During Corona“ schickte per SMS Stellenangebote an Jobsuchende.

In Norwegen bietet eine Gruppe von Leuten, die von Covid-19 genesen sind, Dienstleistungen an, die für nicht-immune Menschen zu gefährlich wären. In Belgrad organisieren Ehrenamtliche virtuelle Kaffee-Vormittage und Krisenberatung. Unterdessen passen Studierende in Prag auf die Kinder von Ärzten und Krankenpflegepersonal auf. Und in Wohnsiedlungen im irischen Dublin wurde das Balkon-Bingo erfunden: Die Person, die die Nummern aufruft, befindet sich mit einem Lautsprecher im Hof zwischen den Wohnungsblocks, während die Mitspieler auf ihren Balkonen sitzen und die Nummern bei sich eintragen.

Eingebetteter Medieninhalt

In Großbritannien engagieren sich tausende Nachbarschaftshilfe-Gruppen, indem sie Einkäufe und Medikamente abholen, für ältere Leute digitale Möglichkeiten installieren und Telefonfreundschafts-Teams organisieren. Eine Mütter-Laufgruppe in Bristol beschloss, sich zukünftig als „Medikamenten-Läufer“ fit zu halten. Sie bringen jetzt joggend Medikamente von der Apotheke zu Menschen, die ihr Zuhause nicht verlassen können. Und ein auf Facebook organisierter virtueller Pubquiz brachte mehr als 100.000 Menschen zusammen.

Auf der ganzen Welt crowdsourcen Ärzte, Techniker, Ingenieur und Hacker durch einen Aufruf an die Öffentlichkeit fehlende medizinische Ausrüstung und Knowhow. In Littauen organisierten Programmierer einen 48-Stunden-Hackathon, um gemeinsam die leichtesten Gesichtsschutz-Bestandteile zu entwerfen, die sich mit einem 3D-Drucker produzieren lassen. Einige britische Initiative versuchen Unternehmen, die Schutzausrüstung in ihren Lagern haben, zu überzeugen, sie an Mitarbeiter im Gesundheitswesen an vorderster Front zu geben. Auf den Philippinen produzieren Modedesigner in ihren Ateliers jetzt Schutzanzüge. Und mit Hilfe von PatternReview werden in Heimarbeit massenhaft Schutzmasken und OP-Bekleidung genäht.

Wir sind keine Zombies

Innerhalb nur einer Woche gelang es einer Gruppe von Ärzten, Technikern und anderen Experten über Crowdfunding finanziert den Ventilator OxVent zu entwickeln. Er kann mit Hilfe von allgemein erhältlichen Komponenten für einen Preis von unter 1000 Euro produziert werden. Ein anderes Modell, VentilatorPAL, lässt sich laut der Technikergruppe, die ihn entwickelt hat, für 370 US-Dollar herstellen. Mit dem Coronavirus Tech Handbook gibt es ein Open-Source-Nachschlagewerk, das Technologien und neue organisatorische Modelle zur Bekämpfung der Pandemie zur Verfügung stellt. Unterdessen füllen in den USA selbstorganisierte Expertengruppen die katastrophalen Lücken in der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Sie führen Test- und Tracking-Projekte aus, erstellen Listen gefährdeter Menschen und suchen für Krankenhäuser schnell dringend benötigte medizinische Spezialisten.

Die Horrorfilme lagen daneben. Anstatt uns in fleischfressende Zombies zu verwandeln, hat die Pandemie Millionen von Menschen zu guten Nachbarn gemacht.

In ihrem Buch „Frei, fair und lebendig“ definieren Silke Helfrich und David Bollier Commons als „eine gesellschaftliche Form, die Menschen ermöglicht, Freiheit zu genießen, ohne andere zu unterdrücken, Fairness ohne bürokratische Kontrolle zu leben ... und Souveränität ohne Nationalismus“. In diesem Sinne sind Commons weder kapitalistisch noch Markt noch Staat. Sie sind ein Aufbäumen der gesellschaftlichen Macht, in der wir uns als Gleichberechtigte zusammentun, um gegen unsere gemeinsame missliche Lage anzukämpfen.

Tausende Bücher, Filme und Business-Ratgeber versichern uns, das märchenhafte Ziel, nach dem wir alle streben sollten, sei, Millionär oder Millionärin zu werden. Dann können wir uns von der Gesellschaft separieren: in einem großen Haus mit hohen Wänden, mit privater Gesundheitsversorgung, privater Ausbildung und einem Privatjet. Das Ziel von Commons ist das Gegenteil: Es gilt, Bedeutung, Sinn und Befriedigung zu finden, indem wir zusammenarbeiten, um das Leben aller zu verbessern. In Zeiten der Krise entdecken wir die soziale Natur des Menschen neu.

Es entsteht etwas, das uns gefehlt hat

Die sprachlichen Eigenheiten in einer Gesellschaft sagen viel über sie aus. Wiederholt benutzen wir das Wort „sozial“ falsch. Wir sprechen über soziale Distanzierung, wenn wir eigentlich körperliche Distanzierung meinen. Wir sprechen von sozialer Sicherheit und sozialem Sicherheitsnetz, wenn es um ökonomische Sicherheit und das ökonomische Sicherheitsnetz geht. Während die wirtschaftliche Sicherheit vom Staat gewährleistet wird – oder werden sollte –, kommt die soziale Sicherheit aus der Gemeinschaft. Eines der bemerkenswertesten Phänomene der Reaktion auf Covid-19 ist, dass sich einige Leute – insbesondere ältere – während der Zeit der Selbstisolierung weniger isoliert fühlen als seit Jahren. Denn jetzt sorgen ihre Nachbarn dafür, dass sie nicht alleine sind.

Wir werden den Staat natürlich weiterhin brauchen: für Gesundheitsversorgung, Bildung und ein ökonomisches Sicherheitsnetz, zur Verteilung von Reichtum zwischen den gesellschaftlichen Gruppen, um zu verhindern, dass private Interessen zu mächtig werden und um uns gegen Bedrohungen zu schützen. Derzeit erfüllt der Staat diese Aufgaben mit Absicht mehr recht als schlecht. Aber wenn wir uns allein auf den Staat verlassen, finden wir uns in Versorgungskategorien einsortiert wieder – in denen Kürzungen schnell zur Gefahr werden können. Zudem wird ein erfülltes soziales Leben durch kalte, vom Austausch von Waren und Geld geprägte Beziehungen ersetzt. Die Gemeinschaft von Bürgern ist also kein Ersatz für den Staat, sondern vielmehr das notwendige Gegenstück.

Es gibt keine Garantie dafür, dass das Wiederaufleben kollektiven Handelns die Pandemie überdauern wird. Möglicherweise fallen wir in Isolation und Passivität zurück, die sowohl Kapitalismus als auch Etatismus – wonach ökonomische und soziale Probleme vom Staat zu lösen sind – gefördert haben. Aber ich glaube nicht, dass das passiert. Ich spüre, dass jetzt etwas entsteht, etwas, das uns gefehlt hat: die unerwartet aufregende und umgestaltende Kraft der Nachbarschaftshilfe.

George Monbiot ist ein britischer Journalist, Autor, Universitätsdozent, Umweltschützer und Aktivist

Übersetzung: Carola Torti
06:00 02.04.2020
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 22/2020

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