Kein Kinderspiel

Spielkultur Seit Generationen bemängeln Kulturpessimisten den Verlust der Kindheit - erst war der Fernseher, dann der Computer schuld. Aber war es früher wirklich besser?

„Kinder vergessen, wie man spielt - man braucht sich nur anzusehen, wie lustlos die Schüler in den Pausen ihren Vergnügungen nachgehen, zusammenhangslos herumrennen, schreien und sich nur sehr oberflächlich im Froschhüpfen und ähnlichen Sportarten üben.“

Diese düstere Beurteilung der Spielkultur unter britischen Kindern aus dem Jahr 1903 könnte wohl auch heute noch in jeder Zeitung stehen. Die Klage, die Kinder spielten nicht mehr richtig, wurde in den vergangenen 100 Jahren in jeder Generation ein ums andere Mal wiederholt und es änderten sich nur die Gründe, die für diesen traurigen Befund angeführt werden: Um 1900 herum waren es die Groschenromane, die Verstädterung und die allgemeine Schulpflicht, zwischen den Kriegen der schädliche Einfluss von Kino und Radio. In den 1960ern und 70ern wurde der Fernseher verantwortlich gemacht, dann die Videospiele, heute sind es iPods und Computer. Auch wenn die Begründung sich änderte, stets waren die Kulturpessimisten sich in ihrer Verdammung der jeweiligen Kindergeneration einig und gingen gleichzeitig immer davon aus, bei ihrer eigenen Zeit habe es sich um das Goldene Zeitalter der Kindheit und des Spiels gehandelt.

Reine Panikmache

Aber die Tatsache, dass seit mehr als 100 Jahren jede Generation aufs Neue der Überzeugung war, die Dinge seien schlechter geworden, sollte uns zu denken geben. Wenn es damals nicht stimmte, stimmt es heute vielleicht auch nicht. Liegt das Problem im Auge des Betrachters oder eher bei den Kindern selbst? Ich habe schon so oft gehört, Kinder würden nicht mehr richtig spielen, dass ich diese Wahrnehmung mittlerweile nicht mehr einfach nur als zählebiges kulturpessimistisches Klischee betrachte, sondern eher als eine Art Virus, der jede Generation aufs Neue befällt. Anders als die meisten Formen des Kulturpessimismus, die sich erst im fortgeschrittenen Alter ausbilden, kann man diese spezielle Ausprägung schon bei 18-Jährigen antreffen.

Die meisten Menschen leiden nur an einer relativ milden Form, es gibt aber auch drastischere Ausprägungen, die insbesondere in bestimmten Zeitungen und anderen Medien anzutreffen sind, wo regelmäßig der Untergang des Abendlandes ausgerufen wird. Diese Panikmache dient den kulturpessimistischen Leitartiklern als Vorwand, auf ihre Lieblingssündenböcke wie die modernen Lehr- und Erziehungsmethoden oder den, vor allem in Hinblick auf Gesundheit und Sicherheit, „überfürsorglichen“ Staat einzudreschen. Ein charakteristisches Symptom ist das Breittreten der in Großbritannien gerade weit verbreiteten Behauptung, Kinder würden gezwungen, Schutzbrillen zu tragen, wenn sie mit Kastanien spielen wollen.

Tatsache ist, dass die Kinder auf dem Spielplatz so viel wie eh und je und auch in ähnlicher Weise spielen wie in vergangenen Zeiten, dass die Erwachsenen aber schlicht nicht erkennen können, was sie da sehen. Es scheint, als verlören wir mit Verlassen der Grundschule die Fähigkeit, zwischen „nur Herumrennen“ und ambitioniertem Spiel zu unterscheiden und zu vergessen, dass auch wir manchmal gelangweilt und zu anderen Zeiten wieder fieberhaft bei der Sache waren. Weit davon entfernt, Symptome des „Todes der Kindheit“ zu entdecken, fand ich bei meinen Recherchen auf den Spielplätzen Großbritanniens eine lebendige Subkultur voller Spiele, Reime, Späße und Rituale mit einem beeindruckenden Grad an Variationen, Vorstellungskraft und Erfindungsreichtum, in denen ich viele Elemente meiner eigenen Kindheit vor 50 Jahren wiederentdeckte, die mit anderen kombiniert wurden, die mir brandneu zu sein schienen.

Parken statt Spielen

Ich konnte auch keine Kinder entdecken, die von übertriebenen Vorschriften und Verboten erdrückt und eingeschüchtert gewesen wären. Natürlich gehören Regeln zur Durchsetzung von respektvollem Verhalten gegenüber Mitschülern und Lehrern auf den Schulhöfen heute in den meisten britischen Schulen zum Alltag, ebenso wie Null Toleranz gegenüber Einschüchterung und Mobbing. Die Schüler von heute sind sich der Rechte und Bedürfnisse anderer weit besser bewusst, als dies zu meiner Zeit der Fall war, ohne dass sie deswegen weniger Spaß hätten. Es kommt weit seltener vor, dass bestimmte Spiele verboten werden, als Kulturpessimisten wahrhaben wollen und ist außerdem auch nichts Neues. So war das Fangspiel Englische Bulldogge an meiner Grundschule Mitte der 50er Jahre genauso verboten wie heute und ich erinnere mich daran, dass wir keine Eicheln mit in die Schule bringen durften, weil einmal einer eine ins Auge gekriegt hatte.

Die Kinder von heute denken sich ständig neue Variationen alter Themen und Motive aus. Manche von diesen werden zu einem permanenten Bestandteil des Repertoires ihrer Gruppe. Manche Spiele verschwinden, andere kommen hinzu, ein paar halten sich scheinbar ewig. Es macht einen Riesenspaß, mit Elfjährigen zu reden, die gerade erst auf eine weiterführende Schule kommen, und sie zu fragen, welche Spiele sie früher gespielt haben: Mit bezaubernder Herablassung sprechen sie über ihr früheres Ich und fangen bereits damit an, Anzeichen von Nostalgie an den Tag zu legen.

Ein gutes Beispiel sind Fangspiele. Das uralte Stuck in the Mud wird im ganzen Land heute noch genauso wie vor 50 oder wahrscheinlich auch vor 100 Jahren gespielt. Fangspiele mit bestimmten Charakteren sind ebenso Kult. Cowboy und Indianer ist heute weniger beliebt, weil es nicht mehr so viele Fernsehserien über den Wilden Westen gibt, aber Räuber und Gendarm ist immer noch ein Dauerbrenner, genauso wie verschiedene Außerirdische und Zombies, Hexen, Feen und diverse Superhelden. Bei dem Fangspiel Jurassic Park muss man wissen, mit welcher Art von Dinosaurier man es zu tun hat und dass ein Tyrannosaurus Rexeinen zum Beispiel nicht sehen kann, wenn man absolut still steht.

Die rechte Balance



Es wäre sinnlos zu glauben, man könne die Uhr zurückdrehen in eine mythische Zeit, in der die Kinder frei und glücklich ohne jegliche Aufsicht durch Eltern oder Erzieher durch die Straßen zogen. Die Zeiten, in denen Eltern ihre Kinder zum Spielen einfach nach draußen geschickt haben, sind vorbei und sie waren auch nicht die „guten alten“, wie uns die Kulturpessimisten glauben machen wollen. Es war auch die Zeit grundloser Grausamkeit und Gängelung unter den Kindern, worunter viele sehr gelitten haben. Wie bei den meisten Fragen kommt es auch hier schlicht auf die rechte Balance an. Die Erwachsenen müssen den Kindern den Raum und die Möglichkeit zum Spielen bieten – den Rest machen die Kinder dann schon alleine.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:30 05.11.2010
Geschrieben von

Steve Roud | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14655
The Guardian

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 4

Avatar
katharina-n- | Community
Avatar
b-v- | Community