Kein Lied geht um die Welt

Protestsongs Songs gegen den scheidenden US-Präsidenten George W. Bush gab es mehr als genug. Aber richtig bekannt ist keiner von ihnen geworden. Warum eigentlich?

Zwei Wochen bevor Richard Nixon das Weiße Haus verließ, veröffentlichte Stevie Wonder das Album Fullfillingness` First Final, auf dem das böse Abschiedslied You haven`t done nothing zu hören ist: „Wir haben dich satt“, rief Wonder dem scheidenden Präsidenten entgegen. Beim 43. Präsidenten George W. Bush hat niemand es so eilig. Seit einem Jahr ist von dem musikalischen Protest gegen ihn nichts mehr zu hören. Während sich bei seinen Gegnern der Hass auf Bush in Begeisterung für Obama verwandelte, wurde er zu einer Art Schatten, der es kaum wert schien, noch angegriffen zu werden.

Wenn aber jemand das Bedürfnis nach einem „Gut, dass wir ihn los sind“-Soundtrack verspüren sollte: Es hat sich in den vergangenen Jahren ein beträchtlicher Fundus an Liedern angesammelt, auf den man zurückgreifen könnte. Lieder in W-Moll wäre ein denkbarer Titel, mit Beiträgen von Bright Eyes bis Eminem, von Pink bis Public Enemy, Jay-Z bis Elbow. Weder Nixon noch Ronald Reagan haben es fertig gebracht, derartig einhellig und umfassend Ablehnung und Verachtung auf sich zu ziehen.

Vielfältige Angriffsflächen
Für Liedermacher war Bush ein Segen, denn er bot so viele Angriffsflächen wie kein zweiter. Für Public Enemy war es 2002 in Son of a Bush seine angebliche Kokain-Abhängigkeit (die Bush kurz zuvor bestritten hatte) und sein Eifer im Unterschreiben von Todesurteilen als Gouverneur von Texas. Die Beastie Boys thematisierten in ihrem Lied In a World Gone Mad von 2003 seine kriegerische Attitüde: „George Bush, du siehst aus wie Zoolander/ der vor der Kamera wirken will, wie ein harter Kerl“. In Pearl Jams Bushleager (2002) wurde er ein „Schwindler“ genannt, der „Glück gehabt“ habe.
Aber all diese Künstler waren wie die frühen Bush-Kritiker R.E.M. und Zack de la Rocha altbekannte Linksliberale, die ihre Politisierung schon in der Zeit Reagans und Bush Seniors erfahren hatten. Wirklich schlechte Politiker zeichne sich dadurch aus, dass sie auch solche Künstler zum Widerspruch reizen, die ihre politische Meinung für gewöhnlich an der Studio-Tür abgeben. Kurz vor der Wahl 2004 nannte Eminem Bush auf seinem rührend-mürrischen Anti-Kriegs-Album Mosh eine „Massenvernichtungswaffe“ und Green Day veröffentlichten American Idiot, das, wenn es sich auch nicht explizit auf den Präsidenten bezieht, sich andererseits auch keine Mühe gibt, einer derartigen Interpretation entgegenzuwirken.

Bob Dylan als Beispiel

Trotz alledem schaffte es keine der künstlerischen Bemühungen, genügend junge Wähler an die Urnen zu bewegen, um John Kerry den Einzug ins Weiße Haus zu ermöglichen. Nach Bushs Wiederwahl und dem Abrutschen des Irak in Chaos und Gewalt wurden die Lieder immer verbitterter. Zu Beginn der zweiten Amtszeit verspottete Connnor Oberst von den Bright Eyes ihn als verwirrten religiösen Irren (When the President Talks to God, 2005). Der Redakteur des amerikanischen Musik-Magazins Blender hörte, wie Oberst dieses Lied im Januar 2005 in der New York Town Hall sang: „Ich kann mich nur an wenige Anlässe erinnern, bei denen ein Publikum so vertieft in die Tragik eines Liedes schien wie in diesem, und ich habe nie einen ernsthafteren Sänger gesehen. Es gab da einen Augenblick, an dem ich dachte, er würde anfangen zu weinen.“ In den darauf folgenden Monaten folgte Oberst allerdings dem Beispiel Bob Dylans, der in den sechziger Jahren versucht hatte, sein politisches Engagement zurückzunehmen, und distanzierte sich von dem Lied. Später klagte er dem Guardian sein Leid: „Ich glaube, die Linke sieht eine Art leuchtendes Vorbild in einem und erwartet, dass man zum Dauer-Aktivisten wird.“

Das war eine verzeihliche Reaktion. Seit den sechziger Jahren haben mehr Musiker, die sich einmal politisch klar positionierten, ihr Engagement wegen zu hoher Erwartungen von links eingestellt als wegen der Verfolgung durch die politische Rechte. Man muss politisch schon sehr überzeugt und engagiert sein, um mehr als nur einen Protestsong aufzunehmen und weiterzumachen. Das Risiko, seine Fans zu enttäuschen oder schlimmer noch: zu langweilen, ist groß. Zu den wenigen, die mit ihrer Anti-Bush-Haltung Ernst machten, gehören Pearl Jam mit ihrer Riot Act-Tour, Crosby, Stills, Nash and Young mit ihren Deja Vu-Shows und die Flaming Lips, die auf ihrem At War with the Mystics-Album eine ganze Handvoll Protestsongs, inklusive The Yeah Yeah Yeah Song versammelten und den Präsidenten bei jedem ihrer Auftritte von der Bühne aus angriffen. „In unseren Liedern brachten wir unsere Enttäuschung und unseren Frust zum Ausdruck“, sagt Frontmann Ayne Coyne. „Die Kehrseite dieser Enttäuschung besteht allerdings in dumpfem Jubelgeschrei. Wir lieben es einfach, jemanden zu haben, den wir alle hassen können.“

Führte der Irak-Krieg zu einer steigenden Anzahl von Protestsongs – wie Coyne bemerkt: „Wir hassen Bush nicht, weil er eine Niete ist, sondern weil er diese jungen Kerle in den Krieg schickt“ -, so brachte Hurrican Katharina die Wende in der öffentlichen Meinung.

Auch wenn man vorsichtig damit sein sollte, Hip-Hop mit der weitgehend konservativen Country-Musik-Szene zu vergleichen, so verblasste der ohnmächtige Protest der Rechten gegen Kanye Wests Äußerungen bei diesem Spenden-Marathon neben den Boykott- und Morddrohungen, welche den Dixie Chicks 30 Monate zuvor entgegen geschlagen waren. Seit New Orleans unter Wasser stand, riskierte man mit der Kritik an Bush nicht länger seine körperliche Unversehrtheit, sie wurde vielmehr zur ersten Bürgerpflicht und zu dem Zeitpunkt, als Neil Young behauptete, niemand außer ihm würde den Mund aufmachen, umfasste die Liste der Künstler, die Bush und seine Politik mit ihren Liedern angriffen Pink, Sum 41, Tom Waits, Muse, Ministry, Linkin Park, System of a Down, Sonic Youth, Elbow, TV on the Radio und James McMurtry,dessen We Can´t Make It Here für den großen alten Mann der Rockkritik, Robert Christgau, den „besten Protestsong des Jahrzehnts“ darstellt. Nicht alle Lieder waren so wortgewaltig wie das von McMurtry. Aber alle hatten sie etwas zu sagen.


„Heute wird anders gestorben“
Trotz alledem hat man nicht den Eindruck, als habe das politische Lied eine neue Hochzeit durchlebt, weil die einzelnen musikalische Statements nicht zu einem überzeugenden Ganzen, einer kulturellen und politischen Bewegung verschmolzen sind. Lediglich American Idiot und der indirekte Anti-War-Song Where Is The Love von den Black Eyed Peas waren große Hits, die meisten aber wurden nicht als Single ausgekoppelt und versteckten sich irgendwo auf der Platte. In dem Umstand, dass die wichtigsten Äußerungen von Musikern überhaupt nicht in Liedern, sondern in spontanen Kommentaren von Natalie Maines von den Dixie Chicks und Kanye West bestanden, zeigt sich für Tannebaum etwas Bemerkenswertes: „Sie fanden ein anderes Medium, das ihnen besser geeignet schien. Welchen Sinn ergibt es, einen Protestsong zu schreiben? (Der US-Radio-Gigant) Clear Channel wird ihn nicht spielen. MTV zeigt die Videos nicht. Ich denke, es gibt ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der traditionellen Form von Protestsongs.“ Schuld daran ist seiner Meinung nach unter anderem die kulturelle Fragmentierung des digitalen Zeitalters. „Wenn man 1968 junge Leute erreichen wollte, die sich der Gesellschaft entfremdet hatten, brauchte man nur ein Lied in die Radios zu bringen und sie alle hatten es binnen derselben Woche gehört. Heute gibt es nicht mehr den einen Sender, den alle hören – ich meine damit nicht nur Radiostationen, ich meine ein zentrales Medium.“

Wayne Coyne verweist auf einen weiteren bedeutsamen Unterschied zwischen dem Jetzt und dem Damals: „Meine älteren Brüder kannten Leute von der High School, die eingezogen wurden (Coyne ist 47), nach Vietnam gingen und zwei Wochen später waren sie tot. Das ist eine gewaltige Erfahrung. Wenn Green Day hingegen heute ein Lied machen, denkt man sich: `Cooler Song, Leute, ich hab mein neues iPhone bekommen.´ Das ist keine gewaltige Erfahrung. Die Jugendlichen sterben heute anders. Viele von ihnen bekamen die Auswirkungen der Regierung Bush nicht einmal zu spüren. Sie waren nicht machtlos, es ging ihnen schlicht am Arsch vorbei.“

Wenn man auf all die Lieder zurückblickt, die sich gegen die Präsidentschaft George W. Bushs aussprachen, fehlt ihnen nicht Leidenschaft, sondern Zusammenhalt. Bis Obama ein Motto zur Verfügung stellte, hinter dem man sich versammeln konnte, war der musikalische Widerspruch so diffus, dass es gut möglich war, dass der durchschnittliche Musikfan ihn gar nicht mehr wahrnahm. Auf der anderen Seite neigt die einordnende Geschichtsschreibung dazu, die Bedeutung der politischen Lieder der sechziger Jahre oder die Punk-Bewegung überzubewerten, wie Christgau beobachtet: „Kulturelle Reichweite scheint im Rückblick stets romantisiert und überschätzt zu werden.“ Vielleicht werden die Bush-Jahre eines Tages von dieser Tendenz profitieren und all die musikalischen Dissidenten werden für ihre Bemühungen belohnt.

„Meine älteren Bruder denken allen Ernstes, den Beatles sei das Ende des Vietnam-Krieges zu verdanken“, sagt Coyne. „Und dabei haben die sich 1970 getrennt! Also vielleicht“; fügt er mit einem Lächeln hinzu, „werden die Leute in 20 Jahren sagen, die Flaming Lips hätten The Yeah Yeah Yeah Song aufgenommen und dann sei Barack Obama gewählt worden.“

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

17:30 19.01.2009
Geschrieben von

Dorian Lynskey, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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