Kein Newcomer mehr

Helfer in Not Afrika vertraut darauf, von China nicht kolonisiert zu werden, weil die Volksrepublik aus eigener Erfahrung gut weiß, welche Erniedrigung Kolonisierung bedeutet

Wenig überraschend ist Chinas Rolle im rohstoffreichen Afrika erneut ins Visier der Interessen geraten. Die Bedenken bei Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Medien und Regierungen waren so offenkundig, bevor Wikileaks den Nachweis dafür lieferte, dass der Westen sich Sorgen macht. Dabei reicht die chinesische Präsenz in Afrika bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück.

Es gibt seither ein westliches Stereotyp, das die Volksrepublik als äußerst aggressiven Newcomer darstellt, der die Menschenrechte missachtet und in Afrika lediglich niedrigste nationale Interessen verfolgt. Chinas Engagement auf diesem Kontinent wird als hemmungslose Plünderung der mineralischen Ressourcen beschrieben, bei der das Wohlergehen der Bevölkerung keine Rolle spielt. Die Regierung in Peking gilt als Boykotteur einer Reformagenda, die man im Westen als grundlegend für die künftige Stabilität und wirtschaftliche Blüte Afrikas ansieht.

Es begann zeitig

Nur entbehren diese Vorwürfe jeglicher Grundlage. In den fünfziger Jahren haben China und Ägypten diplomatische Beziehungen aufgenommen. Peking entsandte erste Experten für Medizin, Landwirtschaft, Wasseraufbereitung, Stromerzeugung und Bauwesen an den Nil. Seitdem haben China und die Länder Afrikas gute und langfristige Beziehungen aufgebaut, unterstützen einander politisch und kooperieren wirtschaftlich.

Vor Jahrzehten schon haben die Chinesen Afrika bei Hunderten von Programmen geholfen, einschließlich der Errichtung von Textilfabriken, Wasserkraftwerken, Sporthallen, Krankenhäusern und Schulen. Zu den bekanntesten gehört die Tazara-Bahn zwischen dem tansanischen Daressalam und Kapiri Mposhi in Sambia, die 1976 nach sechsjähriger Bauzeit fertiggestellt wurde. Insgesamt waren über 50.000 chinesische Arbeiter daran beteiligt. Dabei geht die chinesische Hilfe für Afrika über technische Assistenz weit hinaus: Bislang hat China Teams von Medizinern in 43 afrikanische Länder entsandt – insgesamt 16.000 Spezialisten, deren Hilfe 240 Millionen Menschen erreichte.

Angesichts der schnell anwachsenden chinesischen Wirtschaft wächst neben den Hilfsprogrammen auch die wirtschaftliche Kooperation. Das Handelsvolumen zwischen China und den Staaten Afrikas hat 2008 die Marke von 106,8 Milliarden Dollar erreicht, zweimal so viel wie 2006 und zehnmal mehr als 2000. Heute haben mehr als 1.600 chinesische Unternehmen eine Repräsentanz in Afrika. Seit 2005 hat China die Zölle für über 190 Produkte aufgehoben, die aus den 30 ärmsten Ländern des schwarzen Kontinents eingeführt werden, so dass die Exporte aller Staaten Afrikas ins Reich der Mitte verdoppelt werden konnten. Ein Schuldenerlass und Zollfreiheit für die ärmsten Exporteure der Welt gehörten zu den wichtigsten chinesischen Forderungen auf dem Gipfel über die UN-Millenniums-Ziele im September 2010.

Blixen in Kenia

Der Westen stellt weiter die moralische Integrität der chinesischen Unterstützung für Länder in Frage, die sich Menschenrechtsverletzungen zuschulden kommen lassen oder andere staatliche Defizite aufweisen. Am meisten von chinesischen Hilfsprogrammen haben die Menschen in Afrika profitiert. Ist es moralisch, sie ihrer Not zu überlassen, weil sie eine schlechte Regierung haben? Bestraft man die Kinder von Kriminellen für Dinge, die sie nicht getan haben?

Und was ist mit dem Vorwurf des Eigennutzes? Niemand wird leugnen, dass China durch Handel und Investitionen eigene Interessen wahrnimmt und beschützt. Aber seit wann ist man im Westen der Ansicht, freie Handelsbeziehungen würden Afrika schaden? Und wie sieht es mit der Bilanz Europas und Nordamerikas in Afrika aus? China erinnert sich daran, dass es seine afrikanischen Freunden waren, mit deren Hilfe die Volksrepublik in die Vereinten Nationen gewählt wurde. Afrika vertraut darauf, dass China es nicht kolonisieren wird, weil China aus eigener Erfahrung weiß, welche Erniedrigung eine Kolonisierung bedeutet.

Vielleicht sollten sich West und Ost beruhigen und den Blick einmal mehr auf sich selbst richten. Im Westen hat es Kritik am Modell der an strenge Bedingungen und Auflagen geknüpften Entwicklungshilfe gegeben. Das chinesische Hilfsmodell fordert den Westen heraus, bietet aber auch eine Chance. Für die Weltgemeinschaft ist es mit Sicherheit konstruktiver, zu kooperieren und Fortschritte zu erzielen. Die Worte George Bernhard Shaws sind heute vielleicht wichtiger, als sie es zu seiner Zeit waren: „Wir sind alle voneinander abhängig, jede menschliche Seele auf Erden.“

Während ich das chinesische Bildungssystem durchlief, erfuhr ich von der westlichen Kolonialgeschichte in Afrika, konnte aber gleichzeitig einen Film wie Jenseits von Afrika sehen, in dem eine junge Dänin (Karen Blixen) ins heutige Kenia zieht und dort Schulen baut. Blixen ist, was der Westen und China gemeinsam haben. Und darin besteht unser wertvollstes Kapital.

Zhang Xiaoying ist Leiterin des Department of English and Journalism an der School of English and International Studies an der Beijing Foreign Studies University

Übersetzung: Holger Hutt

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17:00 13.12.2010
Geschrieben von

Zhang Xiaoying | The Guardian

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