Kein Sex mit Nazis

Porträt Ruth Westheimer war im jüdischen Widerstand, bevor sie den Amerikanern deren Sexualleben erklärte
Aaron Hicklin | Ausgabe 29/2019 1
Kein Sex mit Nazis
Um so alt zu werden wie Dr. Ruth braucht man nicht unbedingt guten Sex, aber schaden kann es auch nicht

Foto: Corey Nickols / Contour by Getty Images

Anfang dieses Frühjahrs wandte sich das Smithsonian Museum in Washington, D. C., das als Zeitkapsel der amerikanischen Geschichte und Kultur bekannt ist, an Dr. Ruth Westheimer und bat sie, ein Objekt für seine umfangreiche Sammlung zu spenden. Im Smithsonian findet man legendäre Symbole amerikanischer Kultur, etwa die glitzernden roten Schuhe, die Judy Garland in Der Zauberer von Oz trug, oder die komplett rekonstruierte Küche der einflussreichen TV-Köchin Julia Child. Bald findet man hier auch das Mikrofon, das Westheimer bei WYNY benutzte – dem New Yorker Radiosender, der 1981 dazu beitrug, ihren Ruhm als Sexualtherapeutin, die kein Blatt vor den Mund nimmt, zu festigen. Nicht zuletzt dank ihres unverwechselbaren Akzents.

„Ich habe großes Glück. Es ist eine Mischung aus Deutsch, Hebräisch, Schweizerisch und Französisch. Der Akzent hat mir geholfen. Sobald die Leute ihn hörten, wussten sie, dass ich es bin“, sagt sie, während sie mich durch ihre kleine Küche führt, den Wasserkocher für den Tee füllt und ein Messer holt, um einen Käsekuchen zu schneiden. Wenn man im Fernsehen über Vaginen, Penisse und Klitoris spricht, kann ein Akzent wie der von Westheimer ein zusätzlicher Segen sein. Es fällt schwer, indigniert oder irritiert zu sein, wenn die Person, die Ratschläge zu Erektionsstörungen gibt, eine 91-jährige jüdische Dame mit langen, rollenden Rs und einem comichaften Kichern ist.

Humor und Charme sind schon lange Westheimers Mittel gegen Nervosität und Scham. „Im Talmud steht, dass eine Lektion, die mit Humor erteilt wird, Bestand hat“, sagt sie. „Ich komme aus einem orthodoxen jüdischen Haus. Sex wird bei uns Juden nicht als Sünde betrachtet.“ Hat sie nie eine Frage irritiert, war sie nie peinlich berührt? Sie denkt nach. „Die beste Antwort darauf ist, dass ich, als mir jemand eine Frage über Sex mit Tieren stellte, antwortete: ‚Ich bin keine Tierärztin.‘“

Wir sind in Manhattan, wo Westheimer seit 55 Jahren in einer Zweizimmerwohnung mit Blick auf den Hudson River lebt. Vom Fenster aus zeigt sie auf das andere Ufer – einen Steilhang, der als „die Palisaden“ bekannt ist. „Das war mal für Nonnen, da drüben“, sagt sie und deutet auf ein Klostergebäude. „Wenn es schneit, ist es wunderschön.“ Nach ihrem Aufstieg zum Ruhm drängten Freunde sie dazu, in die Fifth Avenue zu ziehen, aber Westheimer sperrte sich. Ihr gefällt das europäische Flair ihres Viertels, die Tatsache, dass es von deutschen Juden besiedelt wurde. Außerdem steht im nahe gelegenen Fort Tryon Park, einem der schönsten der Stadt, eine Bank, die zu Ehren ihres dritten Mannes benannt wurde: Fred Westheimer. Er starb 1997. Sie hat eine Inschrift aus der Bibel hinzugefügt: „Mein Geliebter ist in seinen Garten hinabgegangen, um Lilien zu pflücken.“ Heute freut sie sich, wenn sie dort knutschende Pärchen sieht. Eine Witwe zu sein, sagt sie, sei schwieriger, als ein Waisenkind zu sein. Kinder seien belastbar, Erwachsene weniger.

Es sind arbeitsreiche Tage für Westheimer, die Protagonistin eines neuen Dokumentarfilms ist: Ask Dr. Ruth (Fragen Sie Dr. Ruth“)feierte Ende Mai seine Europapremiere beim Sundance Film Festival London. In Japan wird sie eine Vorführung besuchen, bevor sie an die Oxford University geht, um über Pornografie zu diskutieren (von der sie ein Freund ist). Hinzu kommen ihre jährlichen Reisen in die Schweiz, wo sie während des Krieges in einem Waisenhaus lebte, und nach Israel. Dann sind da noch ihre Lehrpläne an den Universitäten Hunter und Columbia in New York und ihr erstaunlicher publizistischer Output, einschließlich einer Kolumne für das Magazin Time, eines neu erscheinenden Kinderbuchs und einer Neuauflage ihres Bestsellers Sex For Dummies, die Kapitel über die grassierende Einsamkeit in der Generation Y enthalten wird. Unmittelbar nach unserem Interview steht auch die Eröffnung einer Ausstellung im Museum of Jewish Heritage mit dem Titel Auschwitz: Not long ago. Not far away an. Westheimer, die zum Vorstand des Museums gehört, ist stolz auf den Namen. „Es ist für die Holocaust-Leugner und Menschen, die des Holocausts überdrüssig sind, die sagen: ‚Hör auf, darüber zu reden, es ist so lange her.‘“

Sie zeigt mir ihr Wohnzimmer, ein Durcheinander von Schnickschnack und Büchern – eine Kopie von Michael Wolffs Trump-Buch Feuer und Zorn, Ruth Bader Ginsburgs Autobiografie, Andenken an Shirley Temple, Westheimers Lieblingsschauspielerin, sowie Fotos von ihr mit den Obamas und mit den Clintons. Und eines, auf dem sie mit dem Dirigenten Zubin Mehta tanzt – eine Erinnerung, die ihr besondere Freude bereitet. Sie war bei einer Benefizveranstaltung für die israelische Philharmonie. „Ich tanzte mit einem japanischen Typen, und ein Mann kam, klopfte mir auf die Schulter und sagte: ‚Der Maestro will mit dir tanzen.‘ Ich ließ den Japaner fallen wie eine heiße Kartoffel und tanzte mit Zubin.“

Zweimal geboren

Den Ehrenplatz nimmt ein Foto von David Ben-Gurion und Golda Meir ein, dem ersten Premierminister und der vierten Premierministerin Israels. Westheimer war nach dem Krieg im jüdischen Untergrund, operierte als Scharfschützin. Schießen lernte sie, indem sie sich vorstellte, Hitler wäre ihr Ziel. Sie kämpfte gegen die Briten, bis sie bei einer Explosion fast ihre Beine verlor. Aber sie möchte die Leser wissen lassen, dass sie den Briten für den sogenannten Kindertransport dankbar ist, der 10.000 Kinder nach Großbritannien brachte. „Einige konnten ihre Eltern retten, indem sie von Haus zu Haus gingen und um Hilfe baten, um für sie einen Job zu finden. Als ich in der Schweiz war, erlag ich noch der Illusion, dass ich meine Eltern und meine Familie hätte retten können, wenn ich in Deutschland geblieben wäre.“ Sie schüttelt den Kopf. „Alles Unsinn. Hätten sie nicht das Opfer gebracht, ihr einziges Kind in die Schweiz zu schicken, wäre ich nicht am Leben.“

Eine starke Szene in Ask Dr. Ruth, per Animation umgesetzt, zeigt die junge Westheimer, wie sie sich im Frankfurter Bahnhof von ihrer Mutter und Großmutter verabschiedet. Es ist das letzte Mal, dass sie sie sieht. Ihre Eltern schenkten ihr das Leben zweimal, sagt sie: „Einmal, als ich geboren wurde, und einmal, als sie mich in die Schweiz geschickt haben.“ Nach Kriegsende wurden die Kinder in ihrem Waisenhaus versammelt und die Namen der überlebenden Eltern laut vorgelesen. Ihre Eltern waren nicht dabei. Sie wurde in einen Zug gesetzt und nach Marseille geschickt, wo sie an Bord eines Schiffes nach Palästina ging. Da war sie 17.

In den 1950er Jahren kehrte sie nach Frankreich zurück, ließ sich von ihrem ersten Mann scheiden, heiratete ein zweites Mal und buchte eine Reise nach New York. Obwohl sie nach Israel zurückkehren wollte, fühlte sich die Ankunft wie eine Heimkehr an. Sie verließ New York nie. Obwohl sie eine Tochter bekam – Miriam –, überdauerte auch die zweite Ehe nicht. Für Westheimer war das Scheitern eine wichtige Lektion: Ein unbefriedigendes Sexleben kann ein Problem sein, aber intellektuelle Langeweile ist unüberwindbar.

Bei der diesjährigen New York Pride wird Westheimer auf einem Wagen mitfahren, um den 50. Jahrestag von Stonewall zu feiern. Eine Hommage an ihre übergroße Präsenz in den 1980er Jahren. In den langen, dunklen Jahren der Aids-Panik gehörte sie zu den wenigen Stimmen des Lichts. Es war Dr. Ruth, die darauf bestand, dass es so etwas wie „normal“ nicht gäbe. Alles sei normal, solange es sich um einvernehmliche Akte zwischen zwei Erwachsenen in der Privatsphäre ihres Hauses handele. Sie erinnert sich, wie sie in den 1980ern das Institute for Human Identity aufsuchte. „Ich wollte lernen, wie man mit Homosexuellen umgeht“, sagt sie. „Es kamen keine lesbischen Paare; vielleicht brauchten Lesben keine Sexualtherapie. Vielleicht wusste eine Frau besser, wie man einer anderen Frau einen Orgasmus verschafft.“

Die Zeiten haben sich geändert, halten endlich mit Dr. Ruth Schritt. Ihre Einstellungen wirken nicht mehr untypisch. Aber selbst wenn ihr Zugang zum Sex jetzt Mainstream ist, drohen Unsicherheiten bezüglich des sexuellen Verlangens sie nun mit denjenigen in Konflikt zu bringen, die einst ihre sexpositiven Thesen begrüßten. „Diese Idee, dass du, wenn du einmal erregt bist und bereits angefangen hast, dann fragen solltest: ‚Darf ich deine linke Brust oder deine rechte Brust berühren?‘, ist einfach Unsinn“, sagt sie. „Niemand hat einen Grund, nackt im Bett zu liegen – zwei Typen, zwei Frauen oder ein Mann und eine Frau –, wenn er sich nicht dafür entschieden hat, Sex zu haben.“

Sie macht sich Sorgen, dass harmlose Komplimente Gefahr laufen, stigmatisiert zu werden. „Du kannst einer Frau nicht mehr sagen, dass du ihre Bluse magst“, sagt sie und deutet auf sich selbst. „Übrigens, gefällt Ihnen meine Bluse?“

„Du musst Verfolgten helfen“

Obwohl sie keine Scheu vor Technik hat – in der Dokumentation sehen wir sie im Gespräch mit Alexa –, glaubt Westheimer, dass Smartphones unserem Gesprächstalent schaden. „Du gehst heutzutage in ein Restaurant und siehst alle mit ihrem Telefon neben sich“, sagt sie. „Das ist schrecklich. Anstatt sich auf die Beziehung, auf die Bedürfnisse und Aktivitäten und Interessen des anderen zu konzentrieren, schauen sie ständig auf ihr Telefon.“ Und sie ist skeptisch gegenüber der These, Jugendliche seien zu beschäftigt für Beziehungen. „Schieb sexuelle Erfahrungen nicht auf die lange Bank“, sagt sie. „Nimm dir Zeit. Einwanderer haben in diesem Land viel härter gearbeitet. Sie mussten samstags schuften, selbst wenn sie praktizierende Juden waren. Sonst wurde ihnen gesagt: ‚Komm am Montag gar nicht erst wieder.‘“

Westheimer spricht nicht über Politik, aber sie weiß, dass Sex politisch ist. Mit der Befürwortung von Homosexualität oder des Selbstbestimmungsrechts der Frau positioniert sie sich. Zu einem Thema aber schweigt sie aufgrund ihrer persönlichen Geschichte nicht: „Ich spreche aus, wie verärgert ich bin, wenn ich sehe, wie Kinder von ihren Eltern getrennt werden“, sagt sie. „Ich hab es in meinem Blut und meinen Knochen, die Gewissheit, dass du denen helfen musst, die verfolgt werden.“

Sie holt einen Lederrahmen hervor, auf dem in goldener Prägung steht: „Es ist zu schaffen.“ „Ich liebe das“, sagt sie. „Es ist mein Lebensmotto.“ Wird sie jemals einen Gang zurückschalten? „Nein“, sagt sie, dann zeigt sie auf meinen Notizblock: „Schreiben Sie das auf.“ In ihrem Buch The Doctor Is In gibt sie einen Einblick in ihre Art, mit dem Kindheitstrauma zu leben. Die Lösung ist, sagt sie, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren: „Achte auf die Menschen um dich herum. Sag allen, was dir den Tag über passiert ist, und erzähl es so witzig wie möglich. Betone das Positive. Versuche jedermanns Stimmung zu heben. Wenn du das tust, wirst du merken, wie sich auch deine hebt.“ Diese Philosophie begleitet sie.

In der Eingangshalle ihres Hauses formt der Portier einen Luftkuss, als ich erwähne, dass ich bei Dr. Ruth war. „Ein Schatz“, sagt er. „Wenn es mehr solche Leute gäbe, würden wir nie Krieg führen. Sie ist einfach ein gutherziger Mensch.“

Fragen Sie Frau Dr. Ruth: Sex-Tipps einer 91-Jährigen

Praxis Ruth Westheimer war und ist bekannt für ihre zahlreichen Ratschläge für ein zufriedenstellendes Sexleben. Hier eine Auswahl:

1. Menschen sind keine siamesischen Zwillinge. Sie wollen nicht immer zur selben Zeit oder gleich viel Sex haben. Wichtig ist, dass sich Paare aufeinander einstellen.

2. Ich empfehle, dass man Sex hat, bevor man zum Abendessen ausgeht.

3. Viele Menschen sind eifersüchtig gegenüber den Fantasien ihres Partners. Das ist ein großer Fehler. Nach Jahren des Zusammenlebens brauchen Menschen Fantasien, um ausreichend erregt für Sex zu sein – mit ihrem Partner!

4. Sie müssen Ihre Fantasien nicht mitteilen. Wenn Sie Sex mit Ihrem Partner haben und dabei an eine ganze Fußballmannschaft denken, ist das in Ordnung. Aber halten Sie den Mund!

5. Ihr Sexleben muss nicht einfach aufhören, nur weil Sie ein bestimmtes Alter erreicht haben.

6. Lösen Sie Ihre Augen vom Bildschirm und lernen Sie sich kennen.

7. Eine gute sexuelle Erfahrung braucht Zeit, sowohl fürs Vorspiel als auch fürs Kuscheln und Küssen nach dem Sex. Das ist Teil der Vorbereitung für das nächste Mal.

8. Stellen Sie Ihren Körper vor Ihrem Partner zur Schau. Versuchen Sie, sich mit ihm wohl zu fühlen.

9. Sie sind auf Geschäftsreise, treffen sich mit einem Kollegen zum Abendessen, trinken zu viel und landen im Bett, obwohl Sie beide verheiratet sind. Sie haben keine Gefühle füreinander und bereuen es. Sagen Sie es Ihrem Partner? Ich meine: nein. Egal, wie Ihr Partner es aufnehmen würde, es wird eine Narbe in Ihrer Beziehung hinterlassen.

Aaron Hicklin ist Chefredakteur von Out , einem US-amerikanischen LGBT-Magazin. Dieser Text erschien zuerst im Guardian

Übersetzung: Konstantin Nowotny

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06:00 19.08.2019
Geschrieben von

Aaron Hicklin | The Guardian

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Ausgabe 33/2020

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