Kein typischer Deutscher

Fußball Im Champions-League-Halbfinale gibt es keine englischen Vereine. Trotzdem ist Michael Ballack beim FC Chelsea ganz zufrieden. Wenn es nur mit der Meisterschaft klappt ...

Ein sonniger Donnerstagnachmittag Anfang April in Cobham, wo der FC Chelsea zuhause ist. Für den britischen Fußball war es eine schwierige Woche. Alle Vereine der Premier League sind vorzeitig aus der Champions League ausgeschieden. Aber das, sagt Michael Ballack, deutscher Mittelfeldstar beim FC Chelsea, sei „gut für den Kampf um die Premier League“. Chelsea hat das Halbfinale des FA-Cup vor sich, aber sollte das der einzige Titel sein, den sich der Verein in dieser Saison sichern kann, dann „wäre das noch nicht genug“. Das wichtigste Ziel ist jetzt die Meisterschaft, doch „die leiseste Schwäche reicht aus, und sie ist futsch“. Typisch deutsch? Typisch Michael Ballack.

Als der Mittelfeldspieler am vergangenen Donnerstagmorgen zum Training kam, wurde er von seinen Teamkollegen Frank Lampard und Joe Cole lachend begrüßt. Grund der guten Laune waren die verbitterten Kommentare des Manchester-United-Trainers Sir Alex Ferguson nach dem 3:2-Sieg gegen Bayern München, der eigentlich eine Niederlage war. Zusammen mit dem 1:2 aus dem Hinspiel in München schied United aus der Champions League: Die Deutschen würden eben dazu neigen, den Schiedsrichter zu belagern und Entscheidungen durchzudrücken, klagte Ferguson nach dem Ausscheiden. Ballack selbst hatte von dem ganzen Aufruhr nichts mitbekommen, weil er sich das Spiel auf einem deutschen Satellitensender angesehen hatte. „Als ich hörte was Ferguson gesagt hatte, lachte ich dann auch“, erzählt er. „Da waren doch keine deutschen Spieler um den Schiedsrichter herum, oder?“

"So ist Fußball eben"

"Für Bayern München war es ein gutes Ergebnis. Für den englischen Fußball nicht. United hätten, so wie sie gespielt haben, am Mittwoch mit einem 5:0 nach Hause gehen können, aber am Ende flogen sie raus", kommentiert Ballack das Spiel. "So ist Fußball eben. Wann haben wir es das letzte Mal erlebt, dass kein englisches Team im Halbfinale stand? Aber für den Kampf um die Premier League ist es gut und es ist auch gut, dass in der Champions League in diesem Stadium vier verschiedene Länder dabei sind. Ich freue mich für die Bayern. Ich habe vier Jahre dort gespielt, sie verdienen das. Sie wirken stark, gut eingespielt und wittern jetzt eine Titelchance." Das kann man in der Tat auch über Chelsea sagen.

Ballack fehlt mit Chelsea bislang ein Meistertitel. Als er von Deutschland nach England übersiedelte, machte United gerade mit Nachdruck deutlich, welche Mannschaft an die Spitze der Premier League gehört. Ballacks Zauber hat dazu beigetragen, dass Chelsea seither zwei FA Cups und einen Carling Cup abräumten. Doch in dieser Spielzeit, in der Carlo Ancelottis Mannschaft sich konstant ganz weit oben in der Tabelle bewegte, käme es nun einem Misserfolg gleich, wenn der Sieg des FA Cups ihr einziger Erfolg bliebe. "Für mich persönlich wäre das nicht genug", erklärt Ballack. "Der Verein hat den FA Cup in den vergangenen drei Jahren zwei Mal gewonnen. Natürlich ist er eine Trophäe, aber die Spieler, die für Chelsea spielen, wollen etwas Größeres."

Im Champions-League-Ausscheiden des FC Chelsea erkennt Ballack aber auch etwas Positives: "Dass wir im europäischen Wettbewerb so früh ausgeschieden sind, hat uns in die ungewöhnliche Lage gebracht, dass wir uns ganz darauf konzentrieren können, den Titel in der Premier League zu holen, was uns in den letzten drei Spielzeiten nicht gelungen ist. Das ist ein enormer Ansporn. Einiges spricht für uns. Wir haben erfahrene Spieler und wir sind richtig hungrig. Aber eine Mannschaft wie United, die die Meisterschaft einige Male in Folge gewonnen hat, wird bis zur letzten Spielminute mit großem Selbstbewusstsein kämpfen."

Kein schlechter Tag, aber auch kein großartiger

"Am Anfang der Saison dachte jeder, Chelsea würde einer der Favoriten in der Champions League sein", sagt Ballack. "Wir dachten das auch. Aber wir hatten einen schlechten Tag – nicht wirklich einen schlechten Tag, aber eben keinen großartigen Tag – gegen Inter und schon waren wir draußen."

Chelseas Timing könnte sich jedoch als perfekt erweisen. Auf den Kater der Niederlage gegen Inter folgte ein Unentschieden in Blackburn. Portsmouth und Villa, beide ebenfalls im Halbfinale des FA-Cup, wurden platt gemacht. Chelsea schreibt die Kehrtwende in der Liga dem Umstand zu, dass sie keine europäischen Turniere mehr hatten, aber sie geht sicher auch auf das Konto des Trainers. Carlo Ancelotti war in den vergangenen Wochen wie eine frische Brise, immer gut drauf und voll ruhiger Zuversicht als der Druck zunahm. Seine Vorgänger hätten da vermutlich anders reagiert, aber der Italiener bot seinem Publikum ein Lächeln und seinen Spielern Rückhalt.

„Der Trainer hat die Aufgabe, uns zu zeigen, welche Richtung wir einschlagen müssen und alle folgen ihm“, meint Ballack. „Er ist der Boss. Natürlich hat er es hier mit einer Menge erfahrener und verantwortungsvoller Spieler zu tun, die auf viele Siege zurückschauen können. Also arbeitet man Hand in Hand. Das funktioniert immer besser. Für diesen Verein – für jeden Verein – ist es wichtig, dass man über lange Zeit mit ein und demselben Trainer zusammenarbeitet, um von dieser Stabilität zu profitieren", sagt Ballack.

Die Kritik ist bei jedem Verein gleich

Im Moment liefe es alles ganz gut. "Aber wenn man nicht die richtigen Ergebnisse liefert, dann geht es mit der Kritik los und die Atmosphäre verändert sich. Jeder Verein ist da gleich. Deshalb wollen wir gewinnen. Er hat uns auf das entspannte Level von vor ein paar Monaten zurückgeholt. Vielleicht hat es da geholfen, dass wir nicht allzu viele Spiele unter der Woche spielen mussten. Die zweite Aprilwoche ist unsere letzte 'Englische Woche' in dieser Saison mit drei Spielen in sieben Tagen. Davon abgesehen spielen wir nur an den Wochenenden und das ermöglicht uns eine ideale Vorbereitung."

Ballack scheint sich in England zuhause zu fühlen, auch wenn hier außer dem Kapitän der deutschen Nationalmannschaft keiner eine Spielwoche, in der auch unter der Woche gespielt wird, "Englische Woche" nennt. Ballack wohnt im vornehmen Wimbledon Village und betont, welche "großartigen Möglichkeiten das Leben in London seiner Familie" bietet.

„Es könnte schlimmer sein“, sagt er mit einem Lächeln, als er gefragt wird, wie er hier aufgenommen wurde, nachdem Deutsche wie Jürgen Klinsmann und Dietmar Hamann in den vergangenen Jahren den englischen Fußball für sich gewonnen haben. Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika könnten Deutschland und England allerdings aufeinanderstoßen, möglicherweise in der zweiten Runde. „Uns verbindet eine positive, gesunde Rivalität“, sagt Ballack. „Vielleicht sind wir uns als Länder ähnlicher als die Leute meinen.“

Ballacks Vertrag im Stamford-Bridge-Stadion läuft im Sommer aus. Die Verhandlungen darüber, ob er ein fünftes Jahr in London bleiben wird, laufen aktuell. „Meine Beziehung zu diesem Verein ist längst nicht vorbei, aber wenn ich in Chelsea aufhören müsste, ohne auf den Meistertitel zurückblicken zu können, dann wäre ich enttäuscht. Mit so einem Team hat man die Chance, alles zu gewinnen. Wir müssen die Chance beim Schopf packen.“ Und mit diesen Worten verschwindet er, denn er ist bereits zu spät dran für eine Verabredung in Croydon. Nicht pünktlich? Er ist offenbar alles andere als ein typischer Deutscher.

Übersetzung: Christine Käppeler

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14:00 14.04.2010
Geschrieben von

Dominic Fifield | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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