Keine 500 Pfund Bomben mehr

Afghanistan Die jüngsten US-Einsätze in Afghanistan stehen für einen Wandel der NATO-Strategie: Priorität soll der Schutz der Bevölkerung haben. Der Anfang von Obamas neuer Politik?

Mit der größten Operation der letzten fünf Jahre stürmten die USA mit 4.000 Marines am Donnerstag die afghanische Provinz Helmand, um den Taliban das mohnbewachsene Flusstal ein für alle Mal zu entreißen.

In der Luft, zu Land und zu Fuß schwärmten die Marinesoldaten, unter dem Decknamen Khanjar (Schwertstoß), in die zwei bisher von Rebellen beherrschten Gebiete Nawa und Garmsir aus. Sie trafen laut Berichten aus den Gebieten nur auf verhaltenen Widerstand. Zuvor hatte man mit Straßenbomben und Angriffen aus dem Hinterhalt gerechnet. Ein Marinesoldat wurde getötet, weitere verletzt.

Bisher war es den Rebellen möglich gewesen, durch einen Rückzug nach Pakistan immer wieder NATO-Angriffen standzuhalten, doch nun hat Pakistan entlang der Grenze von Helmand Truppen platziert. Pakistanische Offizielle verneinten jedoch, dass sie mehr Soldaten entsendet hätten. Nach ihren Angaben haben sie die bestehenden Garnisonen umgruppiert.

Diese Operation steht für einen Wandel in der Strategie der NATO.
Also oberste Priorität steht nun nicht mehr, Talibankämpfer zu töten, sondern die Bevölkerung zu schützen und ein Gefühl der Sicherheit zu verbreiten. Sollte sie Erfolg zeigen, wird diese Strategie wahrscheinlich als Modell für kommende Offensiven im Süden und Osten dienen.

Wahlen ermöglichen

Da die Wahlen laut NATO ein essentieller Bestandteil einer wachsenden Glaubwürdigkeit der Regierung in Kabul sind, erhielten die Marinesoldaten den Befehl, Außenposten in den Dörfern zu errichten und die afghanische Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die Taliban nicht zurückkommen werden, und es daher sicher wäre, an den bevorstehenden Wahlen im August teilzunehmen. Die Taliban hatten gedroht, jeden zu töten, der wählen ginge.

Captain Bill Pelletier, ein Sprecher der US-Kräfte in Afghanistan, zog folgende Bilanz der neuen „hearts and minds“-Herangehensweise, nämlich „Herz und Verstand“ der Bevölkerung für sich zu gewinnen: Nachdem er die Zahl der Opfer auf Seiten der USA bekannt gegeben hatte, betonte er ausdrücklich, dass es keine zivilen Opfer gegeben habe oder Besitz zerstört worden sei, und fügte hinzu, es habe weder Artillerie noch indirektes Feuer gegeben und es seien „keine Bomben aus Flugzeugen geworfen wurden“.

Anthony Cordesman, einer der bekanntesten Militärstrategen in den USA, der im Washingtoner Zentrum für Strategische und Internationale Studien sitzt, stimmte zu, dass die USA ihre Strategie hin zu einer nachhaltig formenden wandelten, die sich auf andauernde Sicherheit und Entwicklung konzentriere, statt Rebellen im Feld niederzuschlagen. Äußerst wichtig für einen erfolgreichen Ausgang sei jedoch eine größere Beteiligung der afghanischen Regierung. Es sei geradezu eine Enttäuschung für die amerikanischen Kräfte, dass nur 600 Truppen der afghanischen Regierung an der Operation teilnahmen.

Cordesman, der sich derzeit in Afghanistan befindet, kam zu der Einschätzung, dass die Koalitionstruppen sicherlich taktische Schlachten gewinnen können. Die Frage sei jedoch, ob sie in der Lage seien mit afghanischen Kräften zusammenzuarbeiten, um tatsächlich Bevölkerungszentren zu erhalten, Sicherheit zu gewährleisten und den Einfluss der Taliban sowie der Haggani einzudämmen.

Er fügte hinzu: „Die Kämpfe in Helmand sind nur ein erster Schritt in diesem Prozess, der mindestens zwei Jahre dauern wird und der eine ehrlichere und effektivere Mitarbeit der afghanischen Regierung fordert, der Bevölkerung zu helfen“.

Grund und Boden einnehmen

Die aktuelle US-Operation wurde ergänzt durch einen vorangegangenen britischen Luftangriff nördlich von Lashkar Gah, Codename „Pantherklaue“. Ziel war es, den Taliban die Kontrolle über die Flussübergänge zu entreißen, das Gebiet der britischen Kontrolle auszuweiten und die adäquaten Verhältnisse für Wahlen zu schaffen.

„Es handelt sich dabei um einen exemplarischen Fall eines Kampfes für die Demokratie,“ sagte Michael Clarke, der Direktor des Royal United Services Institute. „Es geht ganz einfach um das Einnehmen und Besetzen von Grund und Boden, damit die Menschen sich für die Wahl im August registrieren können. Das ist schließlich, was hier auf dem Spiel steht.“

Der neue Kommandeur der amerikanischen Truppen, Leutnant General Stanley McChrystal, teilte den Truppen mit, dass es nun oberste Priorität sei, zivile Opfer zu vermeiden: Falls sie während einer Auseinandersetzung mit den Taliban Gefahr laufen würden, das Leben der Zivilbevölkerung zu gefährden, wären sie aufgefordert sich sofort zurückzuziehen und an einem anderen Tage wiederzukommen.

„Das könnte als Vorbild für zukünftige Operation im Süden und Osten von Afghanistan dienen,“ meinte Christopher Langton, ein Militäranalytiker am International Institute for Strategic Studies. „McChrystal hat das ziemlich deutlich gemacht: Es werden wohl keine 500-Pfund-Bomben aus großer Höhe abgeworfen werden. Ich glaube, das haben sie mittlerweile erkannt. Es hat zu ihrem mangelnden Erfolg in diesem Krieg beigetragen.“

McChrystal war unerwarteter Weise letzten Monat zum Kommandeur ernannt worden, um General David McKiernan zu ersetzen. McChrystal war Gesamtkommandant der US-Spezialeinheiten und ein Spezialist der Spionageabwehr, wohingegen McKiernan eher ein traditioneller Schlachtfeldsoldat war.

McChrystal passt besser zum neuen Denken von Barack Obama: Obama sieht eine bloße militärische Lösung zum Scheitern verurteilt und will, dass die US-Kräfte gleichermaßen an der Entwicklung einer zivilen Infrastruktur arbeiten.

Obamas neue Botschaft

Obamas Botschaft, es gelte die Herzen der Zivilbevölkerung zu gewinnen, brachte auch Marinebrigadekommandeur Brigadier General Lawrence Nicholson zum Ausdruck: „Unser Fokus soll nicht auf den Taliban liegen“, sagte er laut Washington Post seinen Offizieren. „Die Regierung muss wieder auf die Beine gestellt werden. Wir handeln anders, wir werden nah beim Volk sein. Wir werden nicht zur Arbeit fahren, sondern laufen.“

David Benest, der vergangenes Jahr als britischer Aufstandsniederschlagsberater in Afghanistan diente, sagte: „Diese Strategie hatte ich schon im vergangenen April empfohlen. Ich sagte damals, entweder engagieren wir uns selbst sehr viel mehr, oder wir akzeptieren die Notwendigkeit der Amerikaner. Das ist der einzige Weg vorwärts.“ Benest fügte hinzu, dass der Makel an der Operation die begrenzte Teilnahme der afghanischen Truppen sei. Nur 500 zogen mit den 4000 US-Marinesoldaten in den Kampf. Er sagte: „Was hier fehlt ist ein eindeutiges Statement der afghanischen Regierung, die anerkennen sollte, dass es sich um ihren Krieg handelt. Das gab es leider nicht.“

Gilles Dorronsoro sieht die Konzentration auf Helmand als Fehler an. Er hält es für wichtiger, dass die USA sich stattdessen auf die Kämpfe nördlich von und um Kabul konzentrieren sollten.

Er sagte: „Die Taliban haben eine Strategie und eine kohärente Organisation diese umzusetzen. Damit waren sie bisher erfolgreich. Sie haben die meisten ihrer Ziele im Süden und Osten erreicht und preschen in den Norden vor. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie angesichts der US-Truppen umdrehen.“

Übersetzung: Manja Herrmann

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Ihre Freitag-Redaktion

12:05 04.07.2009
Geschrieben von

Julian Borger und Ewen MacAskill, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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