Keine Bomben auf dem Laufsteg

Modeschau Bei den Modeschauen im pakistanischen Lahore haben Medien wieder über einen vermeintlichen Gegensatz geschrieben: Haute Couture und Bomben der Taliban. Das greift zu kurz

Mitte Februar eröffnete der Pakistan Fashion Design Council (PFDC) die allererste Lahore Fashion Week und wie überall auf der Welt bei solchen Veranstaltungen regierten Glitzer, Glamour, die Reichen und Schönen. Doch so begierig man in Lahore auch darauf war, der aufstrebenden Modeindustrie eine möglichst große Plattform zu bieten, so sehr waren die Veranstalter in Sorge um die Berichterstattung der Medien. Allzu gut hatten sie in Erinnerung, was die internationale Presse im vergangenen November über die Schauen in Karachi geschrieben hatte. Der altbekannte Kontrast zwischen der liberalen pakistanischen Gesellschaft und der Militanz der radikalen Taliban floss als Gegensatz zwischen Haute Couture und Bomben in alle Texte ein.

Und so entschied der PFDC, Modejournalisten aus aller Welt einzuladen und die Auslandskorrespondenten der internationalen Medien außen vor zu lassen. „Wir haben es satt, aufsehenerregende und für uns schädliche Schlagzeilen zu lesen, in denen es darum geht, was Pakistan nun angeblich sein soll, und was nicht“, erklärt Selina Rashid, die für die Öffentlichkeitsarbeit des PFDC zuständig ist. Anders als in den Medien berichtet werde, seien solche Schauen rein geschäftsorientierte Branchenereignisse und nicht dazu da, um merkwürdige Kriegserklärungen abzugeben, wie es etwa ein Artikel im britischen Telegraph im November unter der Überschrift „Fashion Week in Pakistan bietet Taliban mit unislamischem Kleid die Stirn“ suggeriert hatte. Ähnlich reißerisch fiel ein Filmbeitrag auf CNN über die Fashion Week in Karachi aus, dessen Moderator über „Sicherheitsbedenken“ und „ein Land, das einen blutigen Krieg gegen sich selbst führt“ sprach, während schlanke pakistanische Models in knappen Kleidern über den Laufsteg marschierten.

Models oder Gewalt

Doch trotz aller PR-Anstrengungen legten in Lahore Medien wie die New York Times auch bei den Artikeln über diese Schauen den Schwerpunkt auf den Kontrast zwischen freizügig gekleideten Models und extremistischer Gewalt. Doch die Schlussfolgerung, die Haute Couture sei eine weitere Front im Krieg gegen den Terror, ist ein Denkfehler der Medien. Nur weil die Kleidung, die diese Elitär-Kultur hervorbringt, das genaue Gegenteil von dem ist, was sich die Taliban unter weiblicher Sittsamkeit vorstellen, bedeutet das nicht, dass mehr Modeschauen die Taliban schwächen werden.

Die Opposition „Gewalt vs. Glamour“ ist allerdings nicht allein eine fixe Idee der Medien. Die Modeschaffenden selbst stimmen zum Teil in den Kanon mit ein und verkünden bereitwillig, solche Veranstaltungen trügen nicht nur zu dem bei, was die Regierung ein „weiches Image Pakistans“ nennt, sondern führten tatsächliche soziale Veränderungen herbei. „Für Pakistan sind die Schauen eine Meisterleistung, denn ansonsten wird das Land doch nur vor dem Hintergrund politischer Probleme und als Sicherheitsrisiko wahrgenommen“, meint etwa der Modedesigner Hassan Sheheryar, der den PFDC mit gegründet hat. Auch Model Fia Khan ist der Ansicht, dass die Schauen die Gesellschaft verändern können: „Das Bewusstsein der Menschen verändert sich.“

Luxus für Reiche

Und doch ist offensichtlich, dass die allerwenigsten Pakistani die Outfits tragen werden, die auf den Laufstegen in Lahore zu sehen sind. Luxusartikel dieser Art zielen auf ein paar wenige Reiche ab – und auf die ausländischen Märkte. Geht man davon aus, dass die Mode eine Form des individuellen Ausdrucks ist, der die Kultur und die Einstellungen einer Gesellschaft spiegelt, dann wird klar, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine Entwicklung, die sich auf einen winzigen Ausschnitt der Gesellschaft beschränkt, in absehbarer Zeit wesentliche Auswirkungen nach unten haben wird.

Angesichts dieser Tatsache ist interessant, wie die Medien über diese Veranstaltungen und Entwicklungen im Kontext von Terrorismus, Krieg, Aufstand, Radikalismus und Selbstmordanschlägen in Pakistan berichten. In der Vergangenheit berichteten sie nach dem gleichen Schema über Rockmusik versus Taliban oder Filmindustrie versus radikale Religiöse. Hier stellt sich die Frage, wie diese Kultur-Vergleiche die Berichterstattung in den internationalen Medien so stark dominieren können, dass sie Auswirkungen darauf haben, wie die Pakistani selbst sich sehen.

Ebenso irritierend ist, wie sich die Regierung immer wieder darum bemüht, für ein weiches Image des Landes zu werben – als wäre das nur eine Frage der Wahrnehmung und nicht der Fakten. Und so hat es den Anschein, dass die Regierung mehr darauf bedacht ist, Pakistan durch den Medienhype ein kosmetisches Facelifting zu verpassen, anstatt wirklich etwas für Toleranz, Mäßigung und Verständnis in der pakistanischen Gesellschaft zu tun. Die echten Probleme köcheln unterdessen in Pakistan weiter auf niedriger Flamme vor sich hin.

Übersetzung: Christine Käppeler

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11:30 27.02.2010
Geschrieben von

Asif Akhtar | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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