Keine Bücher für die Briten

Albtraum Der Brexit treibt viele kleine Firmen zur Verzweiflung. Sie sehen sich nun gezwungen, in der EU zu investieren
Keine Bücher für die Briten
Manche nordirischen Betriebe verlieren wegen der verzögerten Abfertigung in den Häfen wöchentlich 100.000 Pfund

Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Christophe Fricker lehrt Deutsch an der Universität Bristol. Normalerweise begeistert ihn das Leben in England. Der geborene Deutsche ist so anglophil, dass er 2018 das Buch 111 Gründe, England zu lieben veröffentlichte. Die Gärten von Cornwall und die Faszination für die National Portrait Gallery gehören zu seinen Prioritäten. Seit dem 1. Januar wird Fricker davon eingeholt, dass sein Leben auf der Insel auch beunruhigende Seiten kennt, weil der Abschied von der EU Folgen hat. Da er kaum noch Exemplare seines Buches besaß, um sie an Freunde weiterzugeben, kontaktierte er den Verlag in Berlin mit der Bitte, ihm auszuhelfen. Der aber musste ihm mitteilen, dass er wegen der neuen Gesetze, Regeln und Kosten nach dem Brexit keine Bücher mehr nach Großbritannien exportiere, nicht einmal 111 Gründe, England zu lieben.

Ein Schock, wenn man erkennen muss, was das Leben außerhalb des europäischen Klubs bedeutet. „Wenn man Barrieren errichtet, hat das Auswirkungen auf beiden Seiten“, so Fricker. Er fürchte, dass für kleinere Unternehmen, die mit Kulturgütern handeln, der grenzüberschreitende Job erschwert werde. „Und dann geht das Geschäft an Branchenriesen wie Amazon.“

Mr. Moss zieht um

Es ist erst einen Monat her, seit Großbritannien den europäischen Binnenmarkt und die Zollunion verlassen hat und Premier Johnson erklärte, dass Bürger und Betriebe jetzt frei seien, so zu leben und Handel zu treiben, wie sie wollten. Wer nach Kontinentaleuropa exportiert, muss erkennen: Das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur britische Fischerei-Crews schreien „Betrug“, weil sie wegen Verzögerungen in den Häfen ihren frischen Fisch nicht mehr auf den EU-Märkten verkaufen können. Es sind auch viele hart arbeitende Briten, die alles andere als exotische Kleinbetriebe leiten und sich im Stich gelassen fühlen. Etwa Andrew Moss, Geschäftsführer eines Unternehmens namens Horizon mit Sitz in Ely (Cambridgeshire) und 37 Mitarbeitern. Er verkauft Verpackungen und Point-of-Sale-Marketing-Displays (kundenorientierte Absatzförderung) in Großbritannien und in der EU, Jahresumsatz rund 3,5 Millionen britische Pfund (gut vier Millionen Euro). Er beschreibt sein Unternehmen als „Teil des Maschinenraums“ der britischen Wirtschaft, eines Segments von fast sechs Millionen Kleinunternehmen auf der Insel mit weniger als 50 Mitarbeitern, die den größten Teil des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften. Derzeit erlebe er einen wahren Albtraum. „Es ist ein Horror, über Weihnachten haben wir den Brexit mit Champagner gefeiert, dann wachten wir auf und realisierten das Ausmaß des Crashs, oh my God!“ Mehr Formulare und zusätzliche Gebühren für die Ausfuhr in die EU, die den Gewinn schmälern – das alles treffe kleine Betriebe überproportional hart.

Kunden machten Andrew Moss darauf aufmerksam, dass Lieferfirmen in ihren Diensten vorab die Mehrwertsteuer (VAT) für Waren verlangen, die Moss ihnen schickt, praktisch als Voraussetzung für die Zollabfertigung. Als Großbritannien noch EU-Mitglied war, gab es das nicht, doch laut EU-Vorschriften für Drittländer wird jetzt die Mehrwertsteuer fällig, bevor Waren aus Großbritannien eingeführt werden. Moss war fassungslos und wusste, wenn das so bleibt, werden sich auch die treuesten Kunden nach einer wohlfeileren Geschäftsverbindung umschauen. Natürlich gäbe es für Moss die Option, die Kröte zu schlucken und die Mehrwertsteuer für EU-Kunden selbst zu bezahlen. Aber das hieße, mit Verlust zu arbeiten, und wäre langfristig nicht durchzuhalten. Es ließen sich auch alle Exporte in die EU stoppen, freilich würde das die Größe des Unternehmens über Nacht verkleinern. Als dritte Möglichkeit könnte man eine Filiale in der EU gründen, alle Waren einmal in der Woche dorthin schicken, um Verzögerungen und Einzelgebühren zu vermeiden, und sie von dort aus vertreiben. Die EU-Dependance von Mr. Moss könnte dann die Mehrwertsteuer bezahlen und von der Regierung des EU-Landes zurückfordern, in dem die Filiale residiert. Moss kontaktierte dazu die konservative Unterhausabgeordnete seines Wahlkreises, Lucy Frazer, die ihn mit einem Berater der Regierungsbehörde für internationalen Handel zusammenbrachte. „Der Mann redete nicht um den heißen Brei herum“, erzählt Moss. „Ich fragte ihn, ob ich eine Alternative zu einem Standort in der EU hätte, und er antwortete, es gäbe keine. Auch glaube er nicht, dass es sich derzeit um Übergangsphänomene handle, doch müsse er vorsichtig sein mit dem, was er sage.“ Moss handelte und entschied sich, zweigleisig zu fahren und „Horizon Europe“ in den Niederlanden zu gründen.

Tatsächlich ist Moss bei Weitem nicht allein. Ein ähnliches Schicksal teilt Gyr King, Geschäftsführer von King & McGaw mit Sitz in Newhaven an der Südküste. Bisher hat die Firma bei einem Jahresumsatz von gut zehn Millionen Pfund (11,3 Millionen Euro) gerahmte Kunstdrucke an Privatkunden wie Museen in Großbritannien und im Ausland verkauft. King hat nun beschlossen, den gesamten Versand in die EU zu stoppen oder – wie er es ausdrückt – „abzuschalten“. Der verzögerte Transport, neue Verwaltungsgebühren und Mehrwertsteuerforderungen würden eine Katastrophe heraufbeschwören. „Allein bei den Speditionen ist der Teufel los, weil Verwirrung über die Formulare herrscht, die auszufüllen sind. Kunden warten auf Pakete, die wir vor Weihnachten abgeschickt haben.“ Lässt sich das ändern? Gyr King zuckt mit den Schultern. „Wie? Es gibt schließlich grundsätzliche Probleme wie zusätzliche Gebühren für Exporteure, Fälligkeiten der Mehrwertsteuer und die Zertifizierung von Waren. Einen erheblichen Teil davon werden wir nicht mehr liefern können, weil die Kunden die Extrakosten nicht zahlen wollen.“

Vor Tagen wurde Nordirland-Minister Brandon Lewis vor einem parlamentarischen Sonderausschuss zum Handel zwischen Nordirland und der britischen Insel nach dem Ende 2020 geschlossenen Handelsvertrag mit der EU befragt. Ian Paisley, Abgeordneter der Unionisten von der DUP, warf ihm vor, die ersten 20 Tage seien „ein absolutes Desaster“ gewesen. Er kenne Betriebe in Nordirland, die wegen einer verzögerten Abfertigung in den Häfen wöchentlich 100.000 Pfund (116.500 Euro) verlieren würden. Noch am 1. Januar hatte Lewis getwittert, man müsse nicht mit Kontrollen an der Grenze rechnen. „Es gibt keine Irish Sea Border“, so der Minister damals. Während der Anhörung meinte Lewis, wenn der Handel nach Nordirland stocke, habe das auch etwas mit Covid-19 zu tun.

Für Unternehmer wie Moss bestätigen solche Aussagen, dass Pro-Brexit-Politiker der Torys nicht die Wahrheit sagen. Wenn er gezwungen sei, mit einer neuen Firma in Holland Geld auf dem gleichen Binnenmarkt zu investieren, aus dem die Regierung sein Land gerade herausgerissen habe, dann bedeute das: „Es geht beim Brexit nicht darum, Großbritannien wieder groß zu machen oder unsere Souveränität zurückzugewinnen. Brexit bedeutet, dass der Maschinenraum dieses Landes in Europa investieren muss, um in Betrieb zu bleiben.“

Toby Helm ist politischer Kolumnist des Observer

Übersetzung: Carola Corti

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06:00 07.02.2021
Geschrieben von

Toby Helm | The Guardian

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