Keine Modenschau

Afghanistan Alltäglichen Vorurteilen und Morddrohungen zum Trotz kandidieren sehr viel mehr Frauen für das afghanische Parlament als bei der Wahl vor fünf Jahren

Obwohl viele von ihnen mit Schmähanrufen von Aufständischen überschwemmt werden, kandidieren viele Frauen für die wichtigen afghanischen Parlamentswahlen im September. Und das, obwohl sie manchmal Morddrohungen erhalten. Inmitten der steigenden Gewalt, von der viele fürchten, sie könnte zu einer Wiederholung der katastrophalen Präsidentschaftswahl von 2009 führen, versuchen die Kandidatinnen Wahlkampfbeobachtern zufolge, bis auf einige Gegenden überall aufzutreten. Selbst in der Hauptstadt Kabul sehen sich die Frauen täglich Obstruktionen konservativer Hardliner gegenüber.

Anonyme Anrufe

Im Vorfeld der Wahlen am 18. September sind Straßen zeitweise mit Plakaten zugepflastert, von denen viele die Gesichter potenzieller weiblicher Abgeordneter zieren. Doch bleibt diese Werbung oft nicht lange hängen. Oft wird sie mit roter Leuchtfarbe unkenntlich gemacht. „Ich habe meinen Leuten gesagt, dass wir mit solchen Dingen einfach rechnen müssen“, sagt Fareda Tarana, als sie gerade erfahren hat, dass wieder eine Reihe ihrer teuren Plakate entlang der stark frequentierten Straße zum Flughafen Kabul abgerissen wurden. Tarana verdankt ihre Prominenz nicht nur ihren langen Augenbrauen, die auf den großen Billboard-Plakaten zu sehen sind – auch der afghanischen Musik-Talentshow Afghan Star, in der sie 2005 den achten Platz belegte. „In Herat kann ich nicht antreten, weil die Leute dort eine Sängerin wie mich nicht haben wollen“, sagt sie.

Kabul ist im Vergleich zu anderen Regionen Afghanistans wesentlich sicherer und liberaler. Die Hauptstadt hat aus diesem Grund Kandidaten angelockt, die glauben, sie könnten in ihrer Heimat nicht antreten. Doch auch in Kabul erhält Tanara jeden Tag zehn anonyme Anrufe von Männern, die sich darüber aufregen, dass sich eine Frau für das Abgeordnetenhaus bewirbt.

Bei Najila Angira sind die Anrufe ernster. Jüngst meldete sich ein Taliban-Führer aus Wardek südlich von Kabul und drohte, sie töten. „Er hatte meine Biographie gelesen, in der stand, dass ich während der Herrschaft der Taliban im Ausland lebte. Er fragte mich, warum ich schlecht über die Taliban rede.“ Für die Gotteskrieger verkörpert Angira nahezu alles, was in ihren Augen nicht sein soll. Nicht allein, dass sie kandidiert. Die 30-Jährige ist auch Geschäftsfrau und leitet von ihrer Kabuler Wohnung aus ein erfolgreiches Logistik-Unternehmen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie in ihrem Wahlkampf die Taliban ausdrücklich angreift und deren Herrschaft die „dunklen Tage“ nennt. „Die Zeit der Taliban ist vorüber“, sagt sie. „Wir bauen das neue Afghanistan, und sie werden niemals zurückkommen.“

Andere Kandidatinnen müssen sich mit den grundsätzlichen männlichen Vorurteilen herumschlagen. Zu ihnen gehört Hamida Ameri, eine Lehrerin, deren Versuch, in einer Moschee Wahlkampf zu machen dazu führte, dass männliche Gläubige den Raum verließen. „Als ich mit meiner Rede anfing, beschimpften sie mich, ich hätte die heilige Umgebung der Moschee zerstört. Einige blieben, die meisten aber gingen raus.“

In gefährlicheren Provinzen stellt sich die Lage schwieriger dar. Der Free and Fair Election Foundation of Afghanistan (FeFa) zufolge wurde eine Kandidatin in der abgelegenen Provinz Shor gezwungen, ihren Wahlkampf einzustellen und nach Kabul zu fliehen. Es gab eine Flut nächtlicher Anrufe von Aufständischen, von politischen Konkurrenten, selbst von ganz gewöhnlichen Leuten. „Der Wahlkampf der Frauen war in den unsicheren Südprovinzen kaum sichtbar. Die Kandidatinnen beklagen die Gleichgültigkeit der Regierung gegenüber ihren Sicherheitsbedürfnissen“, heißt es im jüngsten Bericht der Organisation.

Rotes Tuch

Trotz der Gefahren ist die Zahl der Frauen, die sich um ein repräsentatives Amt im Parlament bewerben, der internationalen Wahlbeobachtung zufolge von 328 im Jahr 2005 auf derzeit 406 stark angestiegen. Sie bewerben sich um die 64 der insgesamt 249 Sitze, die für Frauen reserviert sind. Die Sitze für Parlamentarierinnen sind für die Konservativen schon lange ein rotes Tuch. In mehreren in jüngster Zeit veröffentlichten Interviews mit führenden Mitgliedern der Hizb-e-Islami – einer Partei, die einst mit dem harten Kern der Aufständischen in Verbindung stand, und die vermutlich ihren Einfluss im Parlament stark ausweiten wird – wurden die reservierten Sitze wiederholt als Beispiel dafür genannt, dass Ausländer den Afghanen eine fremde Kultur aufzwingen.
Eine Kandidatin in Kabul weigert sich, ihr Bild auf Plakaten abzudrucken. „Auf all diesen Bildern sehen die Frauen aus, als würden sie eine Modenschau, einen Film oder irgend so etwas bewerben“, sagt Farkhundra Zahra Naderi. Ihre Plakate werden stattdessen von einem Birnbaum dominiert – einem Symbol, das sie zufällig aus drei Motiven auswählte, die auf dem Wahlzettel als Hilfe für die Wähler, die nicht lesen können, hinter jedem Kandidaten abgebildet sein muss. „Ich versuche, die Leute zu motivieren, sich über Politik Gedanken zu machen, aber viele behandeln die Sache wie einen Schönheitswettbewerb und wählen einfach den oder die, die am besten aussehen.“

Die Kandidatinnen sind sich indessen bewusst, dass es um weit mehr geht als bei einem Schönheitswettbewerb, nicht zuletzt die Geschäftsfrau Angira. „Werde ich gewählt, werde ich den Menschen mit meiner Arbeit im Parlament dienen. Wenn ich, könnte es sein, dass ich weggehen muss, weil ich in Gefahr bin. Niemand wird für meine Sicherheit sorgen und mich vor den Taliban beschützen.“

Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:30 27.08.2010
Geschrieben von

John Boone | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14639
The Guardian

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare