Keine Zeit fürs Fahnenschwenken

Schottland Mit dem "Nein" zur Unabhängigkeit ist die Union gerettet. Jetzt ist es an London, bis Ende Oktober einen Entwurf für eine erweitere Autonomie auf den Tisch zu legen
Keine Zeit fürs Fahnenschwenken
Ab nach Hause: Unabhängigkeitsbefürworterinnen nach das Wahlniederlage

Foto: Andy Buchanan/ AFP/ Getty Images

Wie die Schlacht von Waterloo, so war auch diese Schlacht um Schottland verdammt eng. Die Auswirkungen des Referendums sind gewaltig, wenn auch nicht ganz so gewaltig, als wenn die Schotten mehrheitlich mit Ja gestimmt hätten.

Das Votum gegen die Unabhängigkeit bedeutet vor allem, dass die 307 Jahre alte Union bestehen bleibt, dass das Vereinigte Königreich eine G7-Wirtschaftsmacht und Mitglied des UN-Sicherheitsrates bleibt. Es bedeutet auch, dass Schottland noch mehr Autonomie erhalten wird, dass David Cameron nicht zurücktreten muss und eine von dem Labour-Vorsitzenden Ed Miliband geführte Regierung – sollte eine solche im kommenden Mai gewählt werden – die Chance hätte, eine volle Legislaturperiode zu regieren, ohne Angst haben zu müssen, dass ihr 2016 die Mehrheit abhanden kommt, weil die schottischen Abgeordneten sich hinter die neue Grenze zurückziehen. Es bedeutet, dass die Meinungsforscher richtig lagen, dass man in Madrid jetzt ein bisschen besser schlafen wird und die Banken am heutigen Freitag wie gewohnt ihre Türen geöffnet haben.

Jetzt muss analysiert werden. Der Sieg war zwar knapp, aber doch eindeutig: 55, 7 zu 44, 3 Prozent. Das ist nicht so gut, wie es noch vor ein paar Monaten den Anschein hatte, aber eindeutiger, als die letzten Umfragen angedeutet hatten. Zweitens: Es waren die Frauen, die die Union gerettet haben. In den Umfragen waren eindeutig mehr Männer für die Unabhängigkeit. Die Yes-Kampagne war in gewisser Weise eine Männersache. Die Männer wollten mehrheitlich ein anderes Schottland. Die Frauen nicht. Drittens handelte es sich zu einem nicht unbedeutenden Grad auch um eine Wahl der verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Die reicheren Schottinnen und Schotten hielten zur Union, so dass es in vielen traditionellen SNP-Wahlkreisen eine Mehrheit für das Nein-Lager gab. Das ärmere Schottland, das Labour wählt, rutschte ins Unabhängigkeitslager hinüber, Glasgow, Dundee und North Lanarkshire stimmten mehrheitlich mit Ja. Gordon Brown konnte verhindern, dass der Rutsch sich zu einem Erdrutsch entwickelte. Aber die Fragen, die sich der Labour-Party – und für linke Politik im weiteren Sinne – stellen, sind tiefgreifend.

Für manche Schotten bedeutet das Ja eine riesige Erleichterung, andere sind jetzt zutiefst verzweifelt. Bei denjenigen, die davon geträumt hatten, ein Ja würde den Schotten ein Land bescheren, in dem Milch und Honig fließt, sind jetzt niedergeschlagen. Etwas, das Tausende sich gewünscht haben oder auch nur miterleben wollten, ist plötzlich weg. Die Ernüchterung ist grausam und niederschmetternd. Bei der Mehrheit wird Dankbarkeit vorherrschen, ein bestimmtes Unbehagen aber wird bleiben. Das Referendum hat gezeigt, dass Schottland in sich gespalten ist. Diese Wunde wird nicht leicht zu heilen sein und viel Zeit in Anspruch nehmen. Es ist jetzt jedenfalls definitiv nicht die Zeit, irgendwelche Flaggen zu schwenken.

Politisch ist jetzt London gefordert. Gordon Brown hat in der vergangenen Woche versprochen, im Falle eines Nein werde gleich am Freitag die Arbeit an einem neuem Vertrag über mehr Selbstverwaltungsrechte beginnen. Das war vielleicht ein bisschen zu viel versprochen, in Anbetracht der Adrenalin-schwangeren Erschöpfung der vergangenen Tage. Doch das Abkommen muss Ende des kommenden Monats auf dem Tisch liegen. Ein Interessenausgleich zwischen Schotten, Engländern, Walisern und Nordiren dürfte dabei nicht einfach werden. Doch er bietet eine Chance von epochalen Ausmaßen. Wie zuletzt die Banken ist der Plan zu groß, um zu scheitern.

Für Alex Salmond und die SNP ändert sich nichts. Sie werden Schottland bis 2016 regieren, wie gehabt. Es wird Spekulationen über Salmonds Position geben und die SNP wird sich entscheiden müssen, ob sie 2016 ein zweites Referendum abhalten soll oder lieber nicht. Kurzfristiger muss sie entscheiden, ob sie alles daransetzen will, bei den britischen Parlamentswahlen 2015 mehr Sitze in Westminster zu erringen, um so mehr Druck auf die Regierung bezüglich ihres Versprechens ausüben zu können, Schottland mehr Unabhängigkeit zu gewähren. Die Aktivisten, die sich für die Unabhängigkeit eingesetzt haben, sind heute zwar verständlicherweise niedergeschlagen und enttäuscht, aber sie hätten um ein Haar dem Vereinigten Königreich ein Ende bereitet. Eines Tages, vielleicht schon bald, werden sie zurück sein.

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11:54 19.09.2014
Geschrieben von

The Guardian

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