Kinder des Booms wandern aus

Exodus Junge irische Familien und alleinstehende Männer treibt es in Massen aus dem Land. Von der Krise vertrieben suchen sie ihr Glück in Nord­amerika und Australien

In der winzigen Poststelle von Liscarney, etwa fünf Kilometer von Westport entfernt, denkt Postmeister William Joyce im Schatten des Croagh Patrick über seine Schulzeit nach: „Ein Drittel meiner Klasse wollte weg und ist ausgewandert. Damals hieß das Ziel Amerika – ausschließlich Amerika.“

William Joyce aber, heute 54 Jahre alt, heiratete und blieb. „Ich habe neben der Poststelle einen Bauernhof, meine Frau arbeitet ebenfalls. Ein einziger Job reicht in dieser Gegend längst nicht mehr“, erzählt er. „Ich wusste immer, dass der Aufschwung nicht ewig halten kann. All die jungen Leute, die auf Pump lebten, ein Haus und zwei Autos besaßen und jedes Wochenende ausgingen, die dachten nicht darüber nach, dass der Tag kommt, an dem sie für all das bezahlen müssen. Sie kannten es nicht anders. Aber in dem Moment, als die Banken stillstanden, stand auch alles andere still. Jetzt kommen sie hier zu mir auf die Poststelle, um sich ihre Sozialhilfe abzuholen. Die jungen Burschen sehnen sich alle nach einem Visum für Kanada.“ Sein Jüngster, auch wenn der noch ein Jahr an der Universität vor sich habe, denke über Deutschland nach. „Ich würde keinen der Jungen aufhalten. Was soll ich ihnen sagen, der ich doch selbst auf 60 Morgen wertlosem Land fest sitze?“

Irland, das in weniger als einem Jahrzehnt von einem der ärmsten Länder Europas zu einem der reichsten aufstieg, lebt von der Substanz und hat die Talsohle erreicht. Im Vorjahr sank das Bruttosozialprodukt um 7,3 Prozent. Die meisten Iren machen für dieses Desaster die Regierung, eine fehlende Regulierung des Finanzmarktes und ein dominantes Baugewerbe verantwortlich. Sie haben plötzlich ein politisches System satt, das immer die gleichen Leute nach oben spült. Nun sieht es so aus, als stünde der große Aderlass bevor: die Generation, die vor dem Rückschlag alle Vorteile genoss, verlässt das Land.

Etwa 60.000 irische Staatsbürger sind allein im vergangenen Jahr nach Australien, Kanada und Neuseeland ausgewandert. Die Anzahl der bewilligten Visa für Jobs in Canberra oder Melbourne stieg 2009 um 25 Prozent auf 2.501.

22.786 Iren unter 35 bekamen ein temporäres Working Holiday Visum. Antragsteller sind vorrangig junge Familien und alleinstehende Männer. In den USA, wo Einwanderung durch strikte Einreise-Beschränkungen erschwert wird, leben inzwischen mindestens 50.000 „unregistrierte“ Arbeitsasylanten irischer Herkunft. Dublin drängt die Obama-Regierung, eine Amnestie zu erlassen und die „Illegalen“ zu legalisieren.

Wie wild gebaut

In Westport, einer irischen Stadt an der wunderschönen Küste der Grafschaft Mayo, sind beinahe 2.000 Menschen ohne Arbeit, die Quote sprang damit im Februar auf 9,1 Prozent. Und sie springt weiter. „Westport ist in dieser Hinsicht ein Schandfleck“, wettert Michael Ring, Parlamentsabgeordneter der Region für die Fine-Gael-Partei. Soeben hat eine seiner Wählerinnen das schmale Büro verlassen: Sie kam, ihn um Rat zu bitten, weil sie nicht weiß, wie sie die Hypothek für ihr Haus bezahlen soll – nun, da sie ihren Job verloren hat.

„Es ist wirklich eine besorgniserregende Tendenz“, glaubt Ring, „dass die Arbeitslosigkeit zunimmt, besonders unter den über 25-Jährigen. Viele wandern aus. Im Prinzip nichts Neues – das ist so seit der Gründung unseres Staates, doch nun bleiben viele Türen verschlossen. Es ist heute viel schwieriger, in Nordamerika und Großbritannien eingelassen zu werden. Fast jeder in dieser Grafschaft hat Angst. Es gab noch keine Rezession, die so schnell zugeschlagen hat. Häuser stehen halbfertig herum, die niemals bezogen werden. Es ist schon schlimm, wenn die Hypothekenschulden höher sind als der Wert eines Hauses. In Irland freilich, wo die Banken nicht einmal auf das Einkommen ihrer Klienten schauen wollten, bevor sie Kredite vergeben haben, sind die Unterschiede zwischen Schulden und Verkehrswert kriminell. Wir haben uns wie Verrückte benommen. Niemand sollte sich wundern, wenn jetzt alles, aber auch alles absäuft ... “

Westport galt bis vor kurzem als florierende Touristenstadt. Was hier angefasst wurde, verwandelte der Boom in Gold. Hunderte von Polen, Litauern und Letten kamen ins Land, um die Jobs eines florierenden Dienstleistungsgewerbes zu ergattern, allein in den elf Hotels und den zahlreichen Restaurants und Bars der Stadt. Vorrangig aber in der am üppigsten wuchernden Branche von allen, dem Haus- und Wohnungsbau.

Rund um Westport überwintern in Tussockgras-Wiesen nagelneue gelbe und weiße Häuser, mit Säulen, Ornamenten und Torbögen, mit makellosen PVC-Fensterrahmen und Türen, aber ohne Bewohner. Auf den neuen Zufahrtsstraßen sind dicke Autos unterwegs, die zum Schmutz der Schafkoppeln hinter den alten, trockenen Steinmauern einen gehörigen Sicherheitsabstand wahren. Die Fußpfade durch das Tal von Delphi, wo einst Hunderte, die unter Hungersnöten litten, auf ihrer Wanderung von einem Landlord zum anderen den Tod fanden, sind heute Wege für Mountain Biker, die zu komfortabel hergerichteten Hotels mit Wellness-Bereich und zertifizierter Umweltfreundlichkeit führen.

Während es in Dublin bei den Immobilienspekulationen um Großprojekte ging, wurden im ländlichen Raum – wo Land wahrlich keine Mangelware war – wie wild Häuser gebaut. Jeder, der ein paar Euro auf der Bank hatte, wurde zum Teilzeit-Bauherrn. Nun stehen viele dieser Bauten leer, Hypotheken erdrücken die Besitzer. Die Preise sind so tief gesunken, dass in der Kleinstadt Athlone am geographischen Mittelpunkt der Insel ein Stück Bauland, das 2006 auf 31 Millionen Euro geschätzt wurde, heute nur noch 600.000 wert ist.

850 Euro Tilgung

Ger Scahill ist einer von denen, die im Baugewerbe einmal gutes Geld verdienten. So viel, dass sich der 25-Jährige mit einem Darlehen seiner Bank ein Stück Land kaufte. Was er dort bauen wollte, ließ er gleich mit einer Hypothek belasten. „Ich wollte mir etwas schaffen und dachte, ich könnte das Grundstück eine Weile vermieten, vielleicht ein Jahr ins Ausland gehen und dann an einen Ort zurückkehren, der mir etwas bedeutete.“

Scahills einziger Fehler bestand in seinem Timing, die Wirtschaftskrise nahm ihren Lauf, die Bank drehte ihm den Hahn zu. Nun sitzt er auf einem leeren Stück Land und muss monatlich 850 Euro zurückzahlen von 800 Euro Arbeitslosengeld im Monat. „Ich werde hier noch eine ganze Weile festsitzen“, seufzt er. „Viele meiner Freunde haben Irland den Rücken gekehrt. Die meisten trieb es in Richtung Kanada. Es scheint ihnen dort gut zu gehen. Meine Freundin will unbedingt weg, weil alle ihre Freundinnen längst weg sind. Mein Vater hat immer gesagt, ich solle für schlechte Zeiten sparen, aber was hier passiert, war nicht absehbar.“

Ena Scahill, seine Mutter, hat gemischte Gefühle. „Ich war eines von elf Kindern, wir sind in einem winzigen Haus am Fuße des Croagh Patrick aufgewachsen. Fünf von uns haben Irland verlassen. Es scheint eine Erbanlage zu sein, dass sich die jungen Leute immer wieder von diesem Land verabschieden. Ich denke, dass es jedem gut tut, die Welt kennenzulernen, aber ich möchte auch, dass jeder zurückkommen kann.“

Ihr Mann sieht es resoluter und äußert sich beherzter: „Es ist die perfekte Zeit, um wegzugehen und etwas über die Welt zu erfahren. Die Krise öffnet Irland die Augen, sie ist gut für unser Land. Früher haben die Leute mit einem One-Way-Ticket Irland verlassen und es gab kein Zurück. Wir sollten uns an den Letten und Polen ein Beispiel nehmen. Sie haben von ein paar Groschen gelebt, waren hier zufrieden und sind dann mit etwas Geld in den Taschen heimwärts.“

Zu seinen besten Zeiten zog Westport über 1.000 Arbeiter aus Osteuropa an. Die meisten sind wie Nomaden längst weitergezogen und versuchen sich in anderen europäischen Ländern. Der Pole Piotr Kubasik, der in einer der neuen Wohnungen im Stadtzentrum wohnt, gehört zum harten Kern der Osteuropäer, die geblieben sind. Kurz vor Weihnachten verlor er seine Arbeit als Küchenchef, als das Restaurant, in dem er kochte, in die Pleite abwanderte. Seither arbeitet er an zwei Tagen in der Woche für ein Café und will bis zum Sommer durchhalten. „Noch bin ich nicht bereit aufzugeben“, sagt er schulterzuckend. Und seine Freundin Aneta Dobrowolska, die mit einem Iren ein Kind hat, meint: „Ich denke, dass ich hierbleibe. Ich würde diesem Land gern etwas zurückgeben. Augenblicklich studiere ich Wirtschaftswissenschaften, und meine Kommilitonen und ich – wir haben eine Menge Ideen.“

Das Chaos regiert

Die älteren Iren reagieren frustriert auf all die verwöhnten und verstörten Kinder des Booms – die Tigerbabys, wie manche sie längst nennen. Bill Cullen, ein Dubliner, der es aus eigener Kraft zum Millionär gebracht haben will, sorgte gerade für Aufruhr, als er – verärgert über junge Arbeitslose, die in einer Fernsehsendung ihr Leid klagten – von einer verhätschelten Generation sprach.

„Ich fühle mich ganz sicher nicht wie ein Hätschelkind. Man sollte vielleicht nicht vergessen, dass viele Menschen von den Jahren des Aufschwungs überhaupt nicht profitiert haben“, empört sich der 32-jährige Ruairi McKiernan, der in Galway City die Jugendorganisation SpunOut.org gegründet hat. „Es gibt viel zu viele Erwerbslose ohne Ausbildung, die Einwanderungsbeschränkungen anderer Länder sind sehr streng, und an der Weltwirtschaftskrise kommt man auch in Boston oder Sydney nicht vorbei. Viele junge Männer leiden bereits unter psychischen Problemen, und die Zahl der Selbstmorde steigt. Außerdem sollten wir nicht einfach hinnehmen, dass die klügsten Köpfe Irland verlassen, und diesen Exodus dann Fortschritt nennen. Warum passiert das? Weil es diesem Land an Führung fehlt. Das Chaos regiert, die Kirchen, die Regierung, die Gewerkschaften und Banken sind damit beschäftigt, die Feuer zu löschen, die sie selbst gelegt haben. Unsere Eltern hatten nicht den Mut, den Status Quo in Frage zu stellen. Was auch etwas mit der Macht der Kirche zu tun hatte. Aber die taumelt gehörig – möglicherweise ist unsere Zeit gekommen. Wir können nicht immer nur mit dem Finger auf andere zeigen, wir haben es uns zu gemütlich gemacht. Die Pubs waren unsere Gesundheitszentren, in denen wir uns selbst medikamentiert haben.“

In Westport hält sich unterdessen der 80-jährige Matt Molloys an einer Tasse Tee und seinem Ruf als weiser Mann fest. Wenn man ihn darum bittet, dann singt er das Lied über den Mann aus Westport, der davon träumte, er habe im Lotto gewonnen, um dann doch nur in der jämmerlichen Realität zu erwachen. Matt Molloys glaubt, es handle sich um ein Lied, das zum heutigen Irland passe und die jungen Leute verstünden sehr gut, worum es darin geht. „Aber das Gleiche lässt sich auch über mich sagen, der ich als junger Mann viel herumgereist bin. Wir gingen hinaus in die Welt, um dabei zu helfen, sie aufzubauen. Und dann kamen wir zurück nach Hause, wo wir hingehörten.“

Übersetzung: Christine Käppeler

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Ihre Freitag-Redaktion

08:00 29.03.2010
Geschrieben von

Tracy McVeigh | The Guardian

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The Guardian

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