Kinder, wie die Zeit vergeht

Festival Auch das noch: Kann man in 60 Sekunden Theater spielen? Eindrücke und Anregungen vom Festival für Kürzestdramatik, das in England und New York veranstaltet wird

Äh, was? Oh, ja. Ganz klar bin ich die bestqualifizierte Wahl um über – Sekunde, ich hol mir kurz ne Zigarette...Ah, besser, wo war ich? Ach ja, 60-Sekunden-Stücke: Das perfekte Theater für Menschen mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne. Oder doch nur eine weiterer Nagel in dem Sarg mit der Aufschrift "Kultur"?

Das gegenwärtig zum 6. Mal stattfindende Gi60 ist ein Festival für Ein-Minuten-Theaterstücke. Ins Leben gerufen wurde es von Steve Ansell, ausgerichtet wird es teils in der englischen Grafschaft Yorkshire und teils am New Yorker Brooklyn College. Erstmalig lud Ansell in seiner Zeit am Theater der englischen Stadt Harrogate zum Gi60, um Nachwuchsautoren Gelegenheit zu geben, ihre Arbeit einmal auf der Bühne zu sehen. Vor einigen Jahren wurde er dann freier Mitarbeiter des Hauses, das Festival aber führte er weiter.

Von den 100 ausgewählten Stücken, werden 50 von Ansell selbst in Großbritannien aufgeführt, während Rose Bonczek, die Leiterin des Schauspielkurses des Brooklyn College die anderen 50 in New York auf die Bühne bringt. Inzwischen erreichen Bewerbungen aus der ganzen Welt das Gi60 – allein in diesem Jahr reichten über 600 One-Minute-Wonder ihre Arbeiten ein. Die 100, auf die die Wahl schließlich fiel, werden auf Video aufgenommen und sind dann im Internet zu sehen.

Nach Samuel Beckett ist es nicht mehr drin, aus Prinzip Anstoß an der Idee des Kurz-Theaterstückes zu nehmen. Sein 1969er Werk Breath, mit nur 35 Sekunden Länge, etablierte die Form. Man braucht nicht länger das einseitige Manuskript samt Bühnenanweisungen zu lesen, sondern kann sich die Aufführung anzuschauen, bei der man eine trümmerbedeckte Bühne zu sehen und das Geräusch des Atmens eines Menschen sowie einen kurzen "aufgezeichneten Vagitus" (Das bedeutet "weinen") zu hören bekommt.

Mir geht es nun um folgende Fragestellung: Ist das Theater nicht einer der wenigen Orte, an denen man der Geschwindigkeit des modernen Lebens entfliehen kann? Nennen Sie mich einen Traditionalisten, aber ich nehme mir im Theater gerne Zeit. Es ist eben kein amuse bouche, sondern ein bedächtig zubereiteter Hauptgang. Die Nuancen und Erkundungen der condition humaine eines, sagen wir mal Ibsen oder Tschechow kommen am besten zur Geltung, wenn das Drama sich ohne Eile entfaltet. Eine Theatererfahrung sollte ein langer, schwerer Blick in den Spiegel sein, kein flüchtiges Nochmal-Reinschauen auf dem Weg zur Tür.

Am Freitag war ich im Dean Clough in Halifax um dort dem britischen Ableger des Festivals beizuwohnen. Vieles von dem, was dort dargeboten wurde, hat wohl als Sketch zu gelten. Davon wiederum waren viele um klassische Komödienmodelle, wie etwa die Umkehrung der Erwartung des Publikums, herum aufgebaut. In Psychologist von Henry Ruby erweist sich ein Mann, der auf einer Liege liegt und über seine Probleme spricht, als Psychologe. In You Can’t Stick That in There von Darwin Bail lauscht man den zweideutigen Worten eines Telefonierenden – irgendetwas "geht nicht rein" vernimmt man da unter anderem, weil es "zu groß ist". Schließlich stellt sich heraus, dass – kicher, kicher – von einem Mann die Rede ist, der versucht ein Boot in eine Garage zu stellen.

Ein oder zwei andere Stücke waren wirklich bewegend. Wunderbar beispielsweise, wie Helen Elliot in The Collective Memory of Humans, Being auf Richard Dawkins Theorie der Meme Bezug nimmt. Ein Politiker steht alleine vor einer Menschenmenge und bittet sie um ihr Vertrauen, woraufhin sich eine Frau aus der Menge löst und schlicht sagt: "Wir erinnern uns." Die Lügen lassen sich nicht wegwaschen. Ähnlich eindrücklich war Yohanan Kaldis As Time Goes By, dessen Drehbuch in einer Einleitung zu einer Schweigeminute besteht, während derer dann die Saalbeleuchtung anging und das Publikum gebeten wurde, sich von den Sitzen zu erheben.

Auch ein bekannter Name der Theaterwelt befand sich unter den 50 Dramatikern – Steven Ayckbourn, der Sohn Alan Ayckbourns. Wie tritt man aus dem Schatten eines Vaters, der zwischenmenschliche Beziehungen so trefflich ausgekundschaftet hat? Indem man ein Stück über Beziehungen zwischen Planeten schreibt. Wirklich. Leider stellte es sich als schlechte Star Trek-Nachmache heraus.

Sind 60 Sekunden nun also tatsächlich genug Zeit ein Stück genießen zu können? Eventuell. Wenn man eine kurze Aufmerksamkeitsspanne hat. Oh, schauen Sie mal, da drüben glitzert was.

Übersetzung: Zilla Hofman

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18:15 10.06.2009
Geschrieben von

Nick Ahad, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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