Dorian Lynskey
05.08.2011 | 08:00 1

Klang der Freiheit

Porträt Ramy Essam hat den Soundtrack zur ägyptischen ­Revolution geliefert. Der Tahrir-Platz machte aus dem unbekannten Singer-Songwriter einen Star. Nun kehrt er dorthin zurück

Ramy Essam weiß noch genau, was er am 11. Februar gemacht hat. Er stand auf einer Bühne in Kairo und bereitete sich darauf vor, seinen Song "Irhal" zu singen. Das Lied, in dem er Präsident Hosni Mubarak zum Rücktritt aufrief, hatte Essam von einem unbekannten Singer-Songwriter in wenigen Tagen zum Star der ägyptischen Revolution gemacht. Als er gerade die ersten Töne anstimmen wollte, brach die Menge auf dem Tahrir-Platz in Jubel aus: Mubarak war tatsächlich zurückgetreten. Demonstranten schwenkten Fahnen und riefen: "Wir haben das Regime gestürzt." Essam verließ kurz die Bühne, um einen neuen Text für das Ägypten nach Mubarak zu schreiben. Dann kam er zurück und sang das Lied. "Die Leute mochten es", erinnert sich der 24-Jährige.

Sechs Monate später regiert in Ägypten immer noch der Militärrat, mit den demokratischen Reformen geht es nur schleppend voran. Deshalb beteiligt sich Essam nun wieder an Protesten und wirft der Armee gemeinsam mit tausenden anderen vor, die Revolution verraten zu haben.

Eigentlich hätte ich Essam bei einer von Exilägyptern ausgerichteten Veranstaltung in London treffen sollen. Doch ihm wurde das Visum verweigert. Statt mit einem Live-Auftritt war er deshalb nur mit einer Videobotschaft vertreten, in der er seinen Song "Hit Me" spielte. Er handelt davon, angesichts staatlicher Gewalt standhaft zu bleiben. Essam hat damit schon eigene Erfahrungen gemacht. Er gehörte zu den Demonstranten, die bald nach Mubaraks Abgang zum Tahrir-Platz zurückkehrten. Als er am 9. Mai von Soldaten geräumt wurde, identifizierten Spione, die sich in der Menge befanden, Essam als einen der Hauptaufwiegler. Er wurde festgenommen, ins nahegelegene Ägyptische Museum gebracht und vier Stunden lang gefoltert.

"Sie haben mich ausgezogen, mit Stöcken geschlagen, mir Elektroschocks versetzt und meine Haare abgeschnitten", erzählt er. Mit einen Übersetzer und via Skype beantwortet er meine Fragen. Er wirkt nachdenklich. Ab und zu blitzt in seinen Antworten Ironie durch. "Ich war entsetzt, dass so etwas passierte, nachdem Mubarak gegangen war", sagt er. "Das können wir nicht hinnehmen."

Bevor Essam auf dem Tahrir-Platz zum Star wurde, studierte er Maschinenbau und war Freizeit-Musiker in der nordägyptischen Stadt Mansoura. Seine versteckt politischen Lieder sang er an Orten, wo man dachte wie er. "Das war aber nicht so gefährlich, weil nur wenige Leute meine Lieder zu Ohren bekamen." Am 25. Januar, dem ersten Tag des Aufstands, demonstrierte er in Mansoura mit. Da er aber das Gefühl hatte, dass die eigentlichen Ereignisse in Kairo stattfanden, machte er sich auf in die Hauptstadt, wo er ein paar Tage später mit der Gitarre in der Hand ankam. Auf dem Tahrir-Platz hörte er die Sprechchöre um sich herum und "begann darüber nachzudenken, sie zu Liedern zu verarbeiten. Ich versuchte zu erkennen, was die Menschen brauchten".

Am nächsten Tag hielt Mubarak seine berüchtigte Fernsehansprache, in der er ankündigte, mindestens bis zu den Wahlen im September an der Macht zu bleiben. Essam hatte seine Botschaft: "Irhal" – Hau ab. Am Abend spielte er den Song auf einer provisorischen Bühne. "Ich sang zum ersten Mal vor so vielen Menschen. Ich hatte gedacht, dass ich ein eher kleines Publikum haben würde. Aber dann fanden den Auftritt fast alle gut."

Er ging nicht weg, er blieb

Sein Auftritt wurde gefilmt, ins Internet gestellt und hunderttausendfach bei Youtube aufgerufen. Salma Said – Essams Übersetzer, Freund und Mitdemonstrant – meint, dass es jedoch erst der Auftritt am folgenden Abend war, der Essam zum Helden werden ließ. Es war der 2. Februar, der "Blutige Mittwoch", als Mubarak-Anhänger auf Kamelen und Pferden auf den Platz ritten und Demonstranten angriffen. Essam wurde von einem Stein am Kopf getroffen. "Ramy stand mit verbundenem Gesicht auf der Bühne", erinnert sich Said. "Auch viele im Publikum trugen Verbände. Es sah lustig aus, zeugte aber von Mut, wie Sänger und Publikum – alle verwundet – einfach weitermachten."

An diesem Abend sei ein Band zwischen Essam und den Demonstranten geknüpft worden, sagt Said. "Die Menschen sahen, dass er nicht nur ein Unterhalter war, der ein paar Lieder singt und dann wieder weg ist, sondern jemand, der auf dem Platz blieb und sich wie alle anderen an den Sitzstreiks beteiligte."

Die Sitzstreiks seien eine Achterbahn der Gefühle gewesen, erzählt Essam. "Wir fühlten uns sicher und zugleich besorgt, glücklich und traurig, miteinander verbunden und doch hatten wir Angst vor Gewalt. Alles auf einmal."

Der Tahrir-Platz ist seit Langem ein Ort mit großer politischer Bedeutung. Der Name, der "Befreiung" bedeutet, bezieht sich auf frühere Aufstände – gegen die Herrschaft der Briten 1919 und gegen die ägyptische Monarchie 1952. Bei dieser Revolution wurde er aber erstmals zu einem Ort, an dem die Demonstranten, die sich der Ausgangssperre widersetzten, durch Kunst zueinanderfanden. "Die Leute fertigten Plakate an oder malten auf den Boden und sangen", berichtet die Journalistin Ola Elsaket, die auch an den Sitzblockaden teilnahm. "Sie versuchten, in den langen Nächten näher zusammenzurücken. Ohne Musik wäre das nicht gegangen." So einen Zusammenhalt, sagt sie noch, hätte es vor der Revolution nicht gegeben.

Einige ägyptische Popstars, die die Revolution anfangs verunglimpft hatten, bevor sie die Seiten wechselten, ließ das Publikum abblitzen. "Tamer Hosny kam auf den Platz und die Leute schmissen ihn raus", erzählt Elsaket. "Sie sagten 'Runter von unserem Platz! Du stehst dem Regime nahe.'" Die Demonstranten fertigten eine "Liste der Schande" von Leuten an, die die Revolution im Radio oder Fernsehen angegriffen hatten. Mittlerweile hat Hosny als Entschuldigung zwei Songs aufgenommen, in denen er die Revolution unterstützt.

Die Menge auf dem Tahrir-Platz bejubelte nur jene Musiker, die wie Essam Teil der Bewegung waren. Auch ältere Rebellenlieder erlebten ein Comeback. Die Gruppe El Tanbura, die unter anderem Widerstandslieder von 1956, dem Jahr der Suezkrise, im Programm hat, spielte damals auch öfter vor den Demonstranten. "Wir beleben traditionelle Musik wieder, um die Menschen an ihre Geschichte zu erinnern", sagt Gründungsmitglied Zakaria Ibrahim. "In traditionellen Liedern und Protestsongs gibt es ein gemeinsames Verlangen nach Freiheit. Wenn man dann spürt, dass viele die gleichen Forderungen stellen, macht man da gerne mit – auch wenn ein persönliches Risiko damit verknüpft ist."

Ibrahim weiß, wovon er spricht. Er hat bereits in den frühen siebziger Jahren Aufstände miterlebt. Als linker Student demonstrierte er auf dem Tahrir-Platz und wurde unter der Herrschaft Anwar Sadats inhaftiert, weil er politische Literatur verfasst hatte.

Wirtschaftlicher Druck

Mubaraks Regentschaft sei subtiler gewesen als die Sadats, erklärt Elsaket. Statt gewaltsamer Durchgriffe nutzte man wirtschaftlichen Druck, so durfte die Musik unliebsamer Künstler nicht im Radio gespielt werden. "Das Regime wusste, dass Musiker aus einer Verhaftung auch die Kraft schöpfen könnten, weiterzumachen. Die Leute hätten den Verhafteten dann umso mehr geliebt."

Mubarak habe ein Klima der Angst geschaffen, sagt Ibrahim. "Man könnte es Selbstzensur nennen." Wenn man in einem diktatorischen System lebe, in dem die Polizei alles beobachte, müsse man sehr vorsichtig sein. "Man muss einen Kompromiss finden zwischen dem, was man sagen will und dem, was man sagen kann." So habe er, als er in einem Lied die arabischen Führer für ihre Unterstützung des Irakkrieges kritisierte, Mubarak nicht namentlich erwähnt. "Das hätte bedeutet, dass ich alles, was ich mache, selbst zerstören würde."

Auch wenn man in Ägypten in einem Protestsong die Dinge inzwischen offener benennen kann, ist es weiterhin nicht ratsam, die Armee offen zu kritisieren. Ziemlich ungewiss ist sogar, ob die momentane Freiheit Bestand haben wird.

"Sollten religiöse Parteien wie die Muslimbrüderschaft gewinnen, wird das sicher auch Konsequenzen für die Musik haben", fürchtet Ibrahim. "Die Muslimbrüder werden sie unterbinden, weil sie einen angeblich von Gott entfernt." Man sei versucht zu denken, dass diese selbst angestoßene Revolution ein Selbstläufer sei. "Ein Fehler", sagt Ibrahim. "Man muss weitermachen. Es ist noch nicht zu Ende."

Essam bereitet sich gegen Ende des Skype-Interviews darauf vor, wieder zum Tahrir-Platz zu gehen. Er sagt, er wisse nicht, wie es weitergehen werde: "Ich bin zwar bisher nicht enttäuscht, aber auch nicht gerade optimistisch. Ich gehe zurück auf die Straße, weil wir noch immer etwas zu sagen haben. Wir befinden uns erst in der ersten Runde." Denn bei einem ist er sich sicher: Jeder, der die Revolution miterlebt hat, habe sich verändert. "Früher war ich unbekümmert, hatte einfach Spaß an Musik, Partys und dem guten Leben. Aber wer bei der Revolution dabei war, hat einen anderen Lebenssinn gefunden. Ich habe nun eine neue Rolle, die ich spielen muss."

Dorian Lynskeyschreibt für den Guardian über Musik. Im Freitag erschien von ihm zuletzt ein Porträt von Prince.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Zilla Hofman

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