Klare Scheidungsurkunde

Brexit Aller Unkenrufe zum Trotz zeichnet Theresa May ein Bild von Großbritannien, in dem das Königreich durch die Unabhängigkeit zu neuer Größe findet. Sie irrt sich
Klare Scheidungsurkunde
Ob sie einen guten Deal zustande bekommt? Theresa May
Bild: Paul Ellis/AFP/Getty Images

Vielleicht versucht Gott den Briten mit der Europäischen Union ja etwas über Belgien beizubringen. Denn durch die EU sind die Politiker des Vereinigten Königreiches gezwungen, sich mit der Vorstellung auseinanderzusetzen, dass Belgien und alle anderen kleineren Länder ebenfalls zählen.

Für ein Land, das auf neurotische Weise um seine Größe besorgt ist, ist diese Vorstellung keine Selbstverständlichkeit. Berühmte Belgier zu nennen ist ein rhetorisches Spiel britischer Außenminister. Bündnisse mit kleineren Ländern einzugehen, erscheint den Briten hingegen als etwas, das weniger ambitionierten Ländern vorbehalten sein sollte. Großbritannien tut sich schwer damit, seine Größe und Bedeutung richtig einzuschätzen, weil es wohlhabender und mächtiger ist als die meisten anderen Länder, gleichzeitig aber viel von seiner ehemaligen Größe eingebüßt hat.

Die Briten sind nicht die einzigen, die an „post-imperial angst“ leiden, haben sich aber in so existenzieller Weise an ihre europäischen Nachbarn gebunden wie keine andere ehemalige Großmacht. Theresa May versteht die tiefe kulturelle und psychologische Anziehungskraft, die vom Brexit ausgeht: Viele wollen sich von kontinentalen Bindungen lösen, deren Vorteile ihnen nie recht begreiflich gemacht werden konnten.

Wie gut die Premierministerin diese emotionale Ebene versteht, macht das Wort vom „clean Brexit“ deutlich, das sie in ihrer Rede am Dienstag benutzte. Pro-Europäer erörterten immer wieder die quälenden Details der kommenden Verhandlungen – davon will eine Mehrheit aber nichts mehr wissen. Die Botschaft Mays war auf die vielen Wähler (unter denen sich auch etliche befinden, die für einen Verbleib gestimmt haben) zugeschnitten, welche die Sache nun ohne weiteres Palaver so schnell wie möglich erledigt sehen wollen.

Mays Darstellung der zukünftigen Beziehungen zur EU – keine „eingeschränkte Mitgliedschaft“, keine unsauberen Überschneidungen mit der Vergangenheit – ist wirkungsvoll, weil sie so einfach ist. Ihre proeuropäischen Kritiker wollen über die Komplexität des Brexit sprechen, aber mit komplexen Fragen gewinnt man in der Politik keinen Blumentopf. May behauptet, der Platz Großbritanniens in der Welt werde klarer werden, wenn erst einmal all die vielen kleinen Linien ausradiert seien, die London mit Brüssel, Paris, Berlin, Ljubljana, Tallin und all den anderen verbinden. Was sie anbietet ist die Befreiung von der Notwendigkeit, sich um die Belgier zu kümmern.

Doch das müssen die Briten auch weiterhin, ob May das nun will oder nicht. Kleine Länder werden in der Scheidungsurkunde, die Großbritannien mit der EU unterzeichnet, ein Wörtchen mitzureden haben. Ihre Stimme wird bei den Verhandlungen und in den Kammern zu hören sein, in denen das Abkommen ratifiziert werden muss. Der Widerstand des wallonischen Parlaments hätte vor kurzem schließlich fast das Freihandelsabkommen mit Kanada zu Fall gebracht.

Nicht weniger wichtig als ein Gefühl für die Empfindlichkeiten kleiner Staaten ist die strategische und moralische Verpflichtung, die Großbritannien diesen Nationen gegenüber hat. Die EU war schon immer davon geprägt, dass sie zum einen den Einfluss der kleineren Länder zum Unmut der größeren erhöhte, den mächtigsten Volkswirtschaften Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten Königreich aber gleichzeitig erlaubte, sich zum Unmut der kleineren wichtig zu machen. Die nationale Souveränität in manchen Bereichen freiwillig einzuschränken, um dafür im Gegenzug in anderen einen größeren Einfluss zu erhalten, stellt die Essenz des europäischen Projekts dar und verwirrt diejenigen Politiker, die sich die internationalen Beziehungen nur in Form einer Tabelle vorstellen können, bei der immer einer an der Spitze stehen muss.

Als Trump die EU zu Beginn der Woche als „Vehikel Deutschlands“ beschrieb, das nach dem Brexit wahrscheinlich noch mehr Mitglieder verlieren werde, war das eine Mischung aus diplomatischem Vandalismus und historischer Ignoranz. Der Prozess der europäischen Integration ist überhaupt nur deshalb in Gang gekommen und davon getragen, dass Deutschland die Verbrechen, die es im 20. Jahrhundert begangen hat, wiedergutmachen und seine nationalen Interessen der kontinentalen Zusammenarbeit unterordnen wollte.

Doch Trumps hat offenbar Schwierigkeiten mit dem Konzept gegenseitiger Vereinbarungen, die Stabilität garantieren, ohne dass eine Seite wie nach einem gewonnenen Boxkampf triumphiert. Anscheinend findet er die Vorstellung, dass große Länder kleineren Geld leihen, weil sie so etwas windelweiches wie „gemeinsame Werte“ teilen, verachtenswert. Die Nato ist für ihn eine europäische Steuer auf die US-amerikanischen Militärausgaben.

Wladimir Putin tickt da ganz ähnlich. Auch für Putin stand die EU schon immer einer russischen Teile-und-herrsche-Strategie in der Einflusssphäre der ehemaligen Sowjetunion im Wege. Wie Trump wäre auch Putin ein Europa der getrennten und unorganisierten Nationalstaaten, die alle potenzielle Klienten Washingtons und Moskaus ohne eigenes, gemeinsames Organisationsprinzip sind, wesentlich lieber.

Das ist nicht Mays Vision. In ihrer Rede betonte sie die Hoffnung, dass die EU nach dem Brexit weiterbestehen und erfolgreich sein werde und unterstrich die Überzeugung, dass die Union sich nicht auflösen sollte. Dass so etwas überhaupt ausgesprochen werden muss, ist Beleg dafür, wie sehr die Welt in Bewegung geraten ist.

Der kommende Präsident der USA hat offenbar kein Problem damit, grundlegende Pfeiler der europäischen Sicherheitsarchitektur aufzulösen. Es handelt sich dabei um denselben Präsidenten, dessen Angebot eines Handelsabkommens den Briten Zuversicht geben soll, dass der Brexit ein Erfolg wird. In Anbetracht dessen, was über Trumps Ansichten zu Handelsbeziehungen bekannt ist und angesichts der aggressiven Protektionisten, mit denen er sich umgibt, kann man getrost davon ausgehen, dass die nicht verhandelbaren Bedingungen dieses Deals eine totale Vasallentreue gegenüber den Interessen des US-amerikanischen Kapitals darstellen werden. Sie werden einer Aufgabe der wirtschaftlichen Souveränität bedürfen, die derjenigen in nichts nachstehen wird, die die Mitgliedschaft in der EU mit sich brachte – ohne allerdings die diplomatische Schlagkraft, die mit letzterer einherging.

Mays Rede am Dienstag sollte ein Leuchtfeuer sein, das erhellt, wie Großbritanniens Zukunft außerhalb der EU aussehen wird. Doch nur wenige Tage vor Trumps Amtseinführung sollte sie auch als ungewolltes Requiem für eine im Sterben liegende globale Ordnung gelesen werden. In Mays Entwurf sind die Konturen der Macht sauber definiert und Großbritannien hat die Freiheit, sich seine Freunde selbst auszusuchen und über seine Stellung in der Welt selbst zu bestimmen.

Vom Trump Tower aus gesehen sitzt Großbritannien allerdings eher in der unteren Hälfte der ersten Garde der Weltmächte: Es ist zwar ein führendes Mitglied der G7 und eine Vetomacht des UN-Sicherheitsrates, das über Atomwaffen verfügt, aber keine Supermacht. Die Interessen des Vereinigten Königreichs zählen, aber wahrscheinlich nicht allzu viel mehr als diejenigen Belgiens derzeit in Whitehall eine Rolle spielen.

Es ist eine Frage der Perspektive. Jahrzehntelang tat Britannien sich schwer damit, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wo es im Vergleich zum Rest der Welt steht. Jetzt sind die Briten dabei, wirklich herauszufinden, wie groß – oder wie klein – sie wirklich sind.

17:48 18.01.2017
Geschrieben von

Rafael Behr | The Guardian

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