Klein, aber oho!

Desmond Tutu Der Friedensnobelpreisträger hat sich mit seinem Kampf gegen die Apartheid in Südafrika weltweit moralische Autorität erworben. Dabei sei er eher schüchtern, sagt er

Sie nennen ihn Vater, aber wenn er am Frühstückstisch sitzt, Haferflocken mit Früchten und Joghurt isst, lacht, andere neckt und geneckt wird, wirkt Erzbischof Desmond eher wie ein spitzbübischer Junge.

„Willst Du dieses T-Shirt tragen?“, fragt ihn Lynn Franklin, seine Literaturagentin und Freundin, mit der er in dem zurückgezogenen Ferienort Shelter Island in Hamptons, New York State gerade so etwas wie Urlaub verbringt. Tutu öffnet weit den Mund und spielt den Beleidigten. „Was ist denn mit dem T-Shirt nicht in Ordnung?“, fragt er und sieht an sich hinab. „Wie wär‘s mit dem, das ich für dich gebügelt habe?“, antwortet Franklin. „Aber auf dem hier ist das Worldcup-Logo drauf“, erwidert Tutu und zeigt auf das kleine Emblem an seiner Brust, bevor er sich an mich wendet. „Geben Sie ihrem Fotografen die Anweisung, nicht unter die Gürtelline zu gehen.“

Während ich versuche zu verstehen, was er damit meint, steht er auf und lässt seine kurzen, in langen Hosen steckenden Beine sichtbar werden. Ohne den Talar hat die Gestalt, die da durch die Küche geht, etwas von Clark Kent an sich, der bürgerlichen Tarnidentität von Superman – zivil gekleidet, aber immer bereit, seine Macht zum Guten zu nutzen. Weniger etwas von einem Nobelpreisträger, sondern eher, nun ja, von deinem Vater, wenn er im Urlaub ist.

Allerdings scheint das Ganze nicht viel mit Urlaub zu tun zu haben. Der heute 77-jährige Tutu sagt schon lange, er wolle etwas kürzer treten und ein ruhigeres Leben führen, vor allem seit ihm vor zwölf Jahren Prostatakrebs diagnostiziert wurde. Aber von wegen! Hier steht er, 8.000 Meilen von seiner Heimatstadt Kapstadt entfernt und sollte eigentlich eine Pause machen, verbrachte aber schon die beiden vorangegangenen Tage damit, Fernseh-Interviews zu geben.


„Als Friedensnobelpreisträger hat man der Menschheit, der Gesellschaft gegenüber eine Verpflichtung“, sagt er mit seiner langsamen, tiefen und bedachten Stimme. „Die Leute nehmen das, was man sagt, ernster. Aber ich sehne mich nach wie vor nach einem ruhigeren Leben. Meine Frau sagt, sie habe mich das schon zu oft sagen hören, aber im kommenden Jahr werde ich es rigoros angehen.“

Tutu ist in der Tat jemand, der, ähnlich dem Dalai Lama, seinen moralischen Status in einem ganz bestimmten Umfeld erwarb. Und es dann schaffte, ihn in eine international gültige Währung zu konvertieren, die nie ihren Wert zu verlieren scheint. In Tutus Fall war dieser Kontext die Apartheid in Südafrika, wo er Mitte der Siebziger zum ersten schwarzen Dekan von Johannesburg ernannt wurde. Da das Dekanat im weißen Teil der Stadt lag, hätte er eine Erlaubnis gebraucht, um dort leben zu dürfen. Stattdessen entschloss er sich, in das Township Soweto zu ziehen. „Wahrscheinlich hätte ich eine Erlaubnis von der Regierung erhalten“, sagte er einmal, „aber dann wäre ich so etwas wie ein Weißer ehrenhalber gewesen, deshalb beschlossen Leah und ich, uns nicht auf diese Weise erniedrigen zu lassen. In der Presse gab es einen Aufschrei.“

Er schrieb Premierminister John Voster einen Brief und warnte ihn davor, dass sich eine Katastrophe zusammenbraue. Voster ignorierte ihn. Kurz darauf kam es zum Soweto-Aufstand, bei dem sich schwarze Jugendliche massenhaft dem Versuch des Regimes widersetzten, Afrikaans als allgemeine Unterrichtssprache einzuführen, die Sprache der weißen Minderheit.

"Wenn ein wackelnder Stapel mit Tassen auf einer Tischkante steht und du warnst die Leute davor, dass er runterfallen könnte, wirst du in Südafrika dafür bestraft, wenn er wirklich fällt", hatte Tutu einmal gesagt. So geschah es: Ihm und anderen wurde die Schuld für den Aufstand zugeschoben. Zu Hause erwarb er sich so einen Ruf als Hetzer und Unruhestifter, während er sich im Ausland als klare, offene und scharfsinnige Stimme gegen die Ungerechtigkeit profilierte. Zu einer Zeit, als die Führung des African National Congress entweder im Gefängnis saß oder ins Exil geflohen war, war es Tutu, der mit wehender Robe, das Kruzifix schwenkend durch die Townships streifte, um glühende Reden gegen das Apartheidsregime zu halten, oder in die Menge abtauchte, um einen mutmaßlichen „Informanten“ vor der Lynchjustiz zu bewahren. Während der Übergangszeit dann saß er der Wahrheits- und Versöhnungskommission vor: als moralische und spirituelle Instanz zur Ergänzung von Nelson Mandelas politisch-strategischer Vision.


Desmond Tutu auf einem Panel beim Weltwirtschaftsforum in Davos



Tutu behauptet, seine größte Schwäche sei es, zu lieben und geliebt zu werden. „Ich neigte manchmal dazu, Dinge abzumildern, die hart waren, aber gesagt werden mussten. Das ist eine Schwäche von mir. Viele Leute wären überrascht, wie schüchtern ich in Wahrheit bin.“

Ich muss schmunzeln. Man hört oft von extrovertierten Menschen, dass sie eigentlich zurückhaltend seien und dies überkompensierten. Der Erzbischof von Canterbury, Robert Runcie, ein guter Freund Tutus, beschrieb ihn einmal als „einen kleinen Showman“. Tutu ist bekannt dafür, in einen Tanzschritt verfallen zu können, ganz egal, ob eine Tanzfläche in der Nähe ist oder nicht. Er ist jedenfalls der extrovertierteste Introvertierte, den ich kenne.

Ganz schön viele Fußtritte

Gemessen an all seiner vermeintlichen Zurückhaltung tritt dieser Mann, der es liebt, geliebt zu werden, ganz schön vielen Leuten auf die Füße. „Wenn ein Elefant mit dem Fuß eine Maus auf den Boden drückt und man sagt ihr, man wolle sich neutral verhalten, wird die Maus diese Neutralität wohl nicht verstehen.“ So nahm Tutu also die Elefanten ins Gebet und suchte nach den Mäusen. In den Achtzigern nannte er Ronald Reagans Politik „rassistisch“ und sagte, der Westen könne von ihm aus „zur Hölle“ fahren. „Ich weiß nicht, ob Jesus so gehandelt hätte“, sagte Tutu seinem Biografen John Allen, „aber in jenem Augenblick war mir das einigermaßen gleichgültig. Ich machte es auf meine Art.“

Tutu hörte auch nach dem Ende der Apartheid nicht auf, seine teils strenge Kritik zu äußern. So rügte er beispielsweise Mandela, er gebe ein schlechtes Vorbild ab, wenn er aus Graca Machel keine „ehrbare Frau“ mache – Mandela hatte ein Jahr lang mit ihr zusammengelebt, bevor die beiden heirateten. Dem früheren südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki warf Tutu vor, sich mit Ja-Sagern zu umgeben und die weiße Oligarchie lediglich durch eine aus Schwarzen und Weißen zu ersetzen.

Aktuell bleibt Tutus Zorn dem gerade gewählten Präsidenten Jacob Zuma vorbehalten. Als dieser für den Vorsitz im ANC kandidierte, sagte Tutu, er bete dafür, dass Zuma zu dem Schluss komme, das „Würdigste und Selbstloseste und Beste für sein geliebtes Land zu tun, indem er von seiner Kandidatur zurücktritt.“

Zu dieser Zeit war Zuma gerade wegen Vergewaltigung angezeigt worden. Er hatte mit einer HIV-infizierten Frau geschlafen, die nur halb so alt war wie er, und dabei kein Kondom benutzt. Unterstützer Zumas, der später von dem Vergewaltigungs-Vorwurf freigesprochen wurde, führten eine Verleumdungskampagne gegen die Klägerin. „Ich könnte mein Haupt nicht länger erheben, wenn ein Mensch, der von solchen Leuten unterstützt wird, mein Präsident werden würde – einer, der es in einem von der HIV-Epidemie geplagten Land nicht für nötig hält, sich für den ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer Frau zu entschuldigen.“

Zuma hat inzwischen die Wahl mit 66 Prozent gewonnen und ist nun Tutus Präsident.

Als ich ihm seine Zitate vorlese, kichert er. Wie schafft er es nun, seinen Kopf zu erheben? „Ich habe das zur Zeit der Verhandlung gesagt, als einige seiner Unterstützer wirklich inakzeptable Dinge über die Klägerin äußerten. Der Schatten der Vorwürfe wird immer über ihm hängen, und das ist eine Schande. Aber er ist in weiten Kreisen sehr beliebt, man kann nur abwarten und sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Wir wollen ihm die Gelegenheit geben, sich zu beweisen und halten an der sehr schwachen Hoffnung fest, dass unsere Befürchtungen nicht eintreffen.“

Moralismus und Pragmatismus

Während er seine Worte sogar noch vorsichtiger wählt, macht der klare Moralismus, für den Tutu bekannt ist, einem maßvolleren Pragmatismus Platz. „Es ist nun eben die neue Realität. Er wurde vereidigt und hat ein neues Kabinett einberufen. Wir werden sehen, was passiert. An diesem Punkt bin ich vielleicht einmal neutral ... Es tut mir nur leid für mein Land. Aber Politik ist Politik und wir müssen mit diesen Realitäten leben. Wir sehen uns mit sehr ernsten Problemen konfrontiert. Neben der weltweiten Wirtschaftskrise haben wir noch spezielle Probleme, die uns in ganz besonderem Maße betreffen. Die HIV-Rate ist hoch, die Kriminalitätsrate auch, die Armut hat ein inakzeptables Ausmaß erreicht und es gibt, nicht zu vergessen, Korruption und all diese Dinge. Die Regierung hat jede Menge zu tun, man muss ihr im Sinne aller viel Glück wünschen. Sie muss Erfolg haben.“

Tutu denkt, es gebe auch ermutigende Zeichen der neuen Präsidentschaft. „Ein guter Aspekt ist, dass wir immer wieder Präsidenten mäßigen, die gerne ein Leben lang im Amt bleiben würden. Ich finde es gut, dass Thabo Mbeki eine dritte Kandidatur verwehrt wurde und damit die Möglichkeit, sich als eine Art Präsident auf Lebenszeit zu gerieren.“

Wenn ihn die politische Entwicklung in Südafrika etwas ermüdet haben sollte, so vermochte Tutu die Wahl Barack Obamas im positiven Sinne aufzuregen. „Das ist eine fantastische Sache“, sagt er. „Er hat die Amerikaner mit neuem Stolz auf ihr Land erfüllt. Man kann die Veränderung bereits am Stil ablesen. Denken Sie nur daran, wie die Deutschen ihn bejubelt haben, noch bevor er gewählt war. Die Afroamerikaner ziehen daraus für sich neuen Mut und neues Selbstvertrauen.“

Hatten wir das nicht schon einmal? Schwarze, die neuen Mut und neues Selbstvertrauen schöpfen? Eine Nation, die sich im Ausland rehabilitierte und sich zu Hause mit der eigenen rassistischen Geschichte versöhnte? Bei allen Unterschieden, hört sich Tutus Beschreibung der USA im Jahr 2009 nicht sehr nach dem Südafrika von 1994 an – von dem er nun enttäuscht ist? „Es gibt immer eine theoretische Möglichkeit, total desillusioniert und enttäuscht zu werden, aber ich glaube, dass alles in die andere Richtung weist. Obama ist ein sehr intelligenter Mensch. Es ist wichtig, dass er den Schwarzen ein neues Selbstwertgefühl gegeben hat.“


Ich möchte noch andere Dinge erfragen. Über die Wahrheits- und Versöhnungskommission und in welches Verhältnis man diese zum Umgang der USA mit Folter bringen könnte, sowie über den internationalen „Ältestenrat“, dem er vorsitzt und der mit seiner Erfahrung helfen möchte, bei der Beilegung von Konflikten überall auf dem Globus zu helfen. Aber dieser spezielle, ältere Herr ist nun zu müde. Er lehnt sich auf dem Sofa zurück, redet langsamer, seine Augen fallen zu. Ich stelle ihm trotzdem noch ein paar Fragen und er antwortet müde. Ein Mann, der sein Leben dem Kampf geweiht hat, kämpft damit, einen Satz zu Ende zu bringen und die Augen offen zu halten. Auch sein Lachen wird verhaltener.

Dann ruft seine Frau Leah an. Als ich mich verabschiede, liegt Tutu in der Horizontalen und telefoniert. Unterstützt von einem Gebet, einem großen Kissen und einem bequemen Sofa. Der Vater braucht ein Nickerchen.

Das Leben des Desmond Tutu

Karriere

Desmond Mpilo Tutu, geb. 1931 im südafrikanischen Klerksdorp, wollte eigentlich Arzt werden. Leider war dieser Berufswunsch zur damaligen Zeit eine Frage des Geldes. Seine Eltern konnten sich die Ausbildung nicht leisten und Tutu wurde Lehrer. Aufgegeben hat er diesen Beruf, nachdem die südafrikanische Regierung eine bessere Ausbildung für weiße Kinder verordnet hatte. Er studierte Theologie und wurde anglikanischer Priester. 1966 erwarb Tutu in London einen Masterabschluss in Theologie. Die weitere Karriere: 1975 Dekan in Johannesburg (als erster Schwarzer), 1985 Bischof von Johannesburg und 1986 Erzbischof des Erzbistums Kapstadt.

Politisches Engagement

Während all dieser Stationen kämpfte Tutu gegen das Apartheidsystem in seinem Land. 1984 wurde ihm dafür der Friedensnobelpreis verliehen. Seit 1995 ist Tutu Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika. Die Devise seines politischen Engagements lautet: Ich hätte nicht den Friedensnobelpreis bekommen, wenn ich nicht gegen jede Form der Gewalt wäre gegen die Gewalt eines Unterdrückerregimes wie auch gegen die Gewalt der Leute, die ein solches System bekämpfen.

Familie

Tutu ist seit 1955 mit seiner Frau Leah Nomalizo verheiratet. Die beiden haben vier Kinder. In Südafrika engagiert sich Tutu auch stark dafür, die Institution Ehe für homosexuelle Paare zu öffnen. sl

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

05:00 18.06.2009
Geschrieben von

Gary Younge, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14674
The Guardian

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare