Kollektion fürs Kollektiv

Beth Ditto Beth Ditto ist eine Marke: Nicht nur als gewichtige Sängerin der Rockformation Gossip, sondern jetzt auch als Modemacherin mit Sinn für Übergrößen. Ein Porträt

„Ich glaube ganz fest an die hohe Taille.“ Beth Ditto redet über Mode. Ihre eigene Mode um genau zu sein. Gerade hat sie ihre erste Kollektion für die britische Bekleidungskette Evans entworfen. Jetzt ist sie „Soooo gespannt darauf, die Sachen in echt zu sehen“, die ein paar hektische, mit Einkaufstaschen beladene Evans-Mitarbeiter vor ihrer Ankunft im Hotel auf zusammenklappbaren Kleiderständern aufgehängt haben.

Die Kollektion der Sängerin, die als Songschreiberin der Rockband Gossip eigentlich genug zu tun hat, entstand nicht anders als die meisten modernen Promi-Linien. Beth Ditto hat zur Inspiration ihre eigenen Kleidungsstücke eingebracht und dann per Internet mit den Evans-Designern zusammengearbeitet. So kommt es dann auch, dass einige der Details nicht ganz ihrer Vorstellung entsprechen, wie sie nun bemerkt: „Nicht viele, aber es fällt mir auf!“

Solche Aufrichtigkeit ist in der heutigen Modewelt so selten wie bügelfreies Terylen-Polyester. Und dann, auf der anderen Seite, diese Begeisterung: „Leggins!“, trompetet Beth und schwenkt ein Paar, in dem eine ganze Kolonne Supermodels Platz finden würde. „Auf die bin ich richtig stolz! Sie werden Leben verändern.“ Und zwar, weil sie, so Beth, nicht an den zwei ewigen Problemen fußloser Strumpfhosen für Frauen krankten, die da wären: Erstens zu viel Material unten, so dass sie um die Waden schlabbern und zweitens zu wenig Material oben. „Schauen Sie, wenn man fett ist“, erläutert Beth und zieht zur Veranschaulichung ihr Unterhemd hoch. „Sollte der Bund bis ganz nach oben unter den Busen reichen, damit man sich sicher fühlt und die Silhouette glatt ist. Nicht unbedingt so, dass alles eingequetscht wird, aber eben so, dass nichts rausquillt.“

Sie fühlt sich wohl in ihrem Körper

Wenn sie so dasteht und ohne jede Scham BH und Bauch präsentiert, wird einem klar, dass Beth Dittos Körperfülle zwar für allerlei Gerede sorgt, sie selbst sich aber so wohl darin fühlt, wie ein Supermodel oder eine Sportlerin. Wer Gossip schon einmal live gesehen hat, weiß, dass sie ihr Top lüftet, ohne mit der Wimper zu zucken. Neulich hat sie sogar den Kopf eines Journalisten zwischen ihre Brüste getaucht.

In natura sieht Beth seltsamerweise trotz ihrer vielen Speckfalten nicht so üppig aus, wie sie stets dargestellt wird. Sie ist klein (1,50 m) und sieht aus, wie von Bery Cook gemalt, die für ihre komischen Darstellungen wohlbeleibter Menschen bekannt ist. Das berühmte Titelbild des Love-Magazins, auf dem Beth nackt zu sehen war, wurde sogar digital bearbeitet, um sie voluminöser aussehen zu lassen.

Dennoch ist sie beleibt genug um für Aufruhr zu sorgen. Alex Bilmes vom britischen Magazin GQ fand kürzlich in seinem Blog böse Worte über die derzeitige Beth-Euphorie der Modewelt. Diese sei selbstgefällig und ebenso ungesund wie das Getue um Models, die nur aus Haut und Knochen bestünden. In Bezug auf die Modewelt mag seine Kritik gerechtfertigt sein. Nicht aber wenn er meint, Beth, die seit Jahren unbeirrt ihr Ding macht, eigne sich nicht als Vorbild für junge Frauen.

„Ach, mir ist egal, wenn die Leute sich über mich streiten,“ sagt sie gleichmütig und lässt sich auf einem Stuhl nieder. „Vielleicht liegt es daran, dass ich älter geworden bin und schon härter mit mir umgegangen worden ist, aber es ist mir echt egal. Man hat diese ganzen Sachen sowieso nicht in der Hand. Entweder bin ich zu fett oder ich bin das große Ding des Monats. Dabei fühle ich mich weder wie das eine noch wie das andere. Aber vielleicht bin ich ja auch beides. Wer weiß das schon?“

Angst davor, plötzlich fallengelassen zu werden, hat sie nicht. „Dieser ganze Irrsinn und die Aufmerksamkeit sind nicht normal,“ sagt sie. „Ich habe das nie erwartet, erwarte also auch nicht, dass es ewig anhält. Man muss wissen, dass es nicht das Lebensende bedeutet, wenn es einmal vorbei ist. Das Leben ändert sich dadurch, nicht aber man selbst. Im Hinterkopf ist mir zum Beispiel immer bewusst, dass ich Geld sparen muss, für den Falle eines Falles. Denn irgendwann werde ich einmal auf die Kosmetikschule gehen müssen. Ich werde zurück in meine Heimat gehen und ein normales Leben führen.“

Eichhörnchen zu Mittag

Nun ist Normalität natürlich etwas Subjektives. Auch wenn die 28-jährige Beth unverkennbar bei Sinnen und ausgeglichen ist, ist ihre Normalität Millionen Meilen von der eines durchschnittlichen mitteleuropäischen Vorstadtbewohners entfernt. Beth wuchs in Searcy, Arkansas, als mittleres von sieben Kindern in einem Zwei-Raum-Haushalt bei einer allein erziehenden Mutter auf. „Bei uns zu Hause war es laut!“, lacht sie. „Darum bin ich so wie ich bin. In der Schule wurde ich ständig ermahnt. Die Lehrer sagten immer: „Alle reden, aber ich höre nur dich.“

Sie trieb sich viel draußen herum – „das muss man im Süden“ – buddelte mit ihren Geschwistern im Schlamm und teilte sich mit ihnen die Hausarbeit: „I wanna sex you up – dazu hat meine Mutter geputzt,“ erinnert sie sich. Geld gab es nicht viel in der Familie. Es gab wilde Gerüchte, in Beths Kindheit habe es mittags öfter mal Eichhörnchen gegeben. Wo sie herkommt, betrachtet man Eichhörnchen aber offenbar als sowas Ähnliches wie Kaninchen.

Beth war schon immer fülliger als ihre Schwestern. Als Jugendliche trug sie ein T-Shirt über ihrem Bikini, auch wenn sie das immer ungerecht fand. Trotzdem waren die Schwestern ihr Vorbild. Besonders ihre ältere Schwester Acacia: „Die war 'ne echte Granate. Schlank, blond und süß. Und auch ihre bitchy, blonde Art hat’s echt gebracht: 'Wag bloß nicht, mich zu verarschen, weil ich arm bin.' Sie hat sich nie geschämt, ihre reicheren Freunde mit zu uns nach Hause zu bringen. Auch wenn es bei uns zwar nicht dreckig, aber eben kleiner und nicht so schön war, wie bei den anderen. Wir hatten keine schönen Sachen, kein Kabelfernsehen und kein Telefon.“

In der Hölle schmoren, bis man errettet wird

Gelernt hat Beth auch von ihrer Großmutter. Jeden Sonntag schickte Mutter Ditto die Kinder mit Oma, einer überzeugten Pfingstlerin in die Kirche. Beth beschreibt ihre Großmutter als „hinterwäldlerisch“: Als eine unabhängige Frau vom Land, die beim Bäumefällen anpackte, Gemüse anbaute, auf einem Feuerofen kochte und „einen Stadtsäufer heiratete, obwohl sie selbst niemals fluchte und nie trank.“ Beim Gottesdienst verlor Beths Granny dann alle Hemmungen: "Sie sprang herum und sprach in Zungen. Ich fand das aber nie komisch – so war es eben einfach mit Granny in der Kirche. Mich überkam der heilige Geist auch einmal – aber auf die Baptisten-Art. Ich war sechs oder sieben und ich war erettet. Ich weinte und weinte einfach nur. Das war Freude! Man lebt immer in diesem dunklen Wissen, dass man in der Hölle schmoren wird, bis man erettet wird. Mir macht das immer noch ein bisschen Sorgen. Ich glaube nicht an den Himmel, habe aber immer noch Angst vor der Hölle.“

Ihr religiöser Hintergrund erwies sich auch in anderer Hinsicht als schwierig für Beth, die schon mit fünf Jahren wusste, dass sie homosexuell war. „Das hat mir eine Menge Schwierigkeiten bereitet.“ Als Teenager belastete ihre sexuelle Identität sie so sehr, dass ihre Schamhaare weiß wurden. Die Mutter nahm ihr schließliches Coming-Out aber gut auf. „Meine Mutter ist sehr natürlich, Sie läuft ohne viel Make-Up rum und die Haare hängen bis sonstwohin runter. Ich glaube, ihr gefiel es, dass ich ein bisschen anders drauf war.“

Aufgrund ihres Hintergrunds scheint Beth wie dafür geschaffen, feministische Vorurteile auf die Probe zu stellen. Denn ihre Mutter, Großmutter und Schwester – jede einzelne von ihnen ein vielseitiges, schillerndes Rollenvorbild – waren nicht nur religiös, sondern entsprachen auch voll und ganz der Klischeevorstellung von der Southern Belle, der Südstaatenschönheit: "Uns wurde beigebracht, höfliche, angenehme Gesprächspartnerinnen zu sein. Doppelzüngig. Absolut doppelzüngig. Das bin ich bis heute noch. Ich habe es zu einer Kunst gemacht – es ist erstaunlich, ich habe es im Blut.“

"Wieso sollen dieses Leute cooler sein als wir?"

Beth glaubt, dass es ihr auch aufgrund der schwierigen Erfahrungen, die sie in jungen Jahren gemacht hat, so leicht fällt, mit der hyper-dynamischen Unbeständigkeit der Modewelt klarzukommen: „Der ganze Modekram – wer gerade cool ist - ist einfach nur eine größere, ältere Version der Cool-Kids-gegen-die-Nerds-Geschichte. Auf der High School hab ich mich richtig dafür eingesetzt, dass die Nerds Initiative für sich selbst ergreifen. Immerhin waren wir in der Mehrheit. Die Dynamik an amerikanischen High-Schools bringt es mit sich, dass es an der ganzen Schule fünf beliebte Leute gibt. Ich wuchs aber in einer sehr kleinen Stadt mit einer sehr kleinen Schule auf. In diesem Kontext geriet dieses Beliebtheits-Konzept ins Rutschen. Wir kannten uns ja alle. Wer oder was entschied also über Beliebtheit? Die Antwort lautete: Geld. Es war immer das Geld. Und ich war so drauf: "Wir sind die Hässlichen, wir kriegen was auf die Reihe, aber es wird immer auf uns geschissen. Warum akzeptieren wir, dass diese Leute cooler sein sollen als wir?"

Rückhalt fand Beth bei der femistischen Rock-Musik-Bewegung Riot-Grrrls. Und bei ihrem späteren Bandkollegen Nathan Howdeshell, den sie mit 17 Jahren kennenlernte: "Er hat es verstanden! Er war auch errettet worden!" Gemeinsam gründeten sie die Band Gossip und zogen nach Washington State. Gossip sind inzwischen seit neun Jahren Teil der Alternative-Rock-Szene, geben Konzerte und nehmen Alben auf. Doch erst seit ihr 2006er-Album Standing in The Way of Controlvor drei Jahren zum Hit wurde, wurde auch der Mainstream auf sie aufmerksam.

90 Prozent Performerin, 10 Prozent Musikerin

Heute lebt Beth in Portland, Orgeon. Allein, aber in Langzeitbeziehung mit einer Frau namens Freddie. Gossips viertes und neuestes Album Music for Men scheint eine Beziehung zu dokumentieren, die kurz vor dem Aus steht: "Nein, nein, wir sind noch zusammen", versichert Beth. "Ich schreibe spontan, Musik und Text immer in einem Guss. Wenn wir uns gestritten haben, kommt also alles raus. Freddie fragt immer: "Kannst du nicht diskreter sein?". Ich habe die Sachen geschrieben, als nach Standing in The Way of Control alles verrückt wurde – auf einmal passierte soviel, wir waren ständig in Europa. Vorher waren wir jeden Sommer auf Tour, spielten in kleinen Läden. Wir hatten nie etwas anderes gesehen und waren eigentlich ganz glücklich damit. Aber Freddie und ich sind seit Ewigkeiten zusammen und sind es immer noch."

Auf der Bühne erlebt man eine ganz andere Beth als im Gespräch: "Ich bin zu 90 Prozent Performerin und zu 10 Prozent Musikerin", meint sie selbst. "Ich habe schon immer gesagt, dass Gossip eine Band sind, die ich mir angucken würde und keine, die ich hören würde." Doch es ist mehr als das. Wenn sie mit ihren Zuschauern scherzt, sich eingehend mit ihnen unterhält, sie in den Backstage-Bereich einlädt und dann durch die Menge spaziert, erkennt man, dass es bei Beth Ditto, trotz der Aufmerksamkeit, die sie auf sich zieht, trotz der Marke, die sie verkörpert, nicht nur um ihre eigene Person geht. Sie betrachtet sich als Repräsentantin eines Kollektivs: Nicht nur ihrer Band, sondern ihrer Szene und ihres Publikums.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Zilla Hofman

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14:00 26.07.2009
Geschrieben von

Miranda Sawyer, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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